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Jehovas Zeugen und Kindererziehung 

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 von Kjell Totland

EINLEITUNG

Ich möchte hier auf einige der Probleme eingehen, in die Kinder leicht geraten können, wenn sie in totalitären Glaubensgemeinschaften, wie z.B. den Zeugen Jehovas (ZJ), aufwachsen.

Ich selbst war nie Mitglied der ZJ. Meine Beurteilung stützt sich deshalb hauptsächlich darauf, was sie selbst in ihren Zeitschriften (z.B. "Wachtturm" und "Erwachet") vermitteln, aber aus Platzgründen werde ich ihre Schriften wenig zitieren.

Der Ordnung halber: Aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht erwähnen will, finde ich es am richtigsten, von den ZJ als einer Glaubensgemeinschaft und nicht als einer Sekte zu sprechen. Daß ich außerdem die ZJ als eine totalitäre Glaubensgemeinschaft auffasse, wird vermutlich aus dem hervorgehen, was ich hier weiter schreibe.

DAS LEBEN IN TOTALITÄREN GLAUBENSGEMEINSCHAFTEN

In einer totalitären Glaubensgemeinschaft aufzuwachsen ist etwas Spezielles. Man wird dort hineingeboren und man lebt dort (hoffentlich), bis man stirbt. Die Leitung der Glaubensge-mein-schaft sagt einem, was im Leben wichtig und was unwichtig ist. Man wächst auch mit dem Gefühl auf, "abseits" der übrigen Kultur zu leben. Es gibt eine klare Trennung zwischen "wir drinnen" und "die draußen". Die, welche "drinnen" sind, stellen eine privilegierte "A-Klasse" dar, während die "draußen" zu einer "B-Klasse" mit schlechten Zukunftsaussichten gehören. In der Glaubensgemeinschaft hat man seine Wurzeln, seine Zugehörigkeit und seine Identität, und dort bekommt man seine primären sozialen und gefühlsmäßigen Bedürfnisse erfüllt. Man wird nicht von einer Haltung des Respektes dafür geprägt, daß andere Menschen ein vollwertiges Leben führen können, wenn sie einen anderen religiösen und kulturellen Standpunkt haben. Statt dessen wird man von einer Haltung von herablassender Fürsorge für jene geprägt, die unter den Voraussetzungen der Glaubensgemeinschaft in erster Linie als "Evangelisierungsobjekte" definiert werden. Die Möglichkeit, mit anderen Menschen auf gleichwertige Weise zusammen zu leben, wird daher durch eine Angst ersetzt, von diesen beeinflußt zu werden. Diese "abseitige" Haltung wird die meisten Menschen prägen, die sich in totalitären Gemeinschaften aktiv engagieren. Und diese Haltung steht in Widerspruch zu der Haltung, die ansonsten unsere Kultur prägt: Daß wir verschiedene Auffassungen über die Wirklichkeit haben, daß uns dies aber nicht daran hindern muß, zusammen zu leben, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen. Kinder, die in totalitären Gemeinschaften aufwachsen, werden in geringem Grad von solchen Haltungen beeinflußt werden können, und sie laufen nicht in Gefahr, eine Anzahl von grundlegenden sozialen Grundhaltungen zu entwickeln, die ansonsten ein Teil unserer Kulturgrundlage sind.

Es gibt auch andere besondere Züge in totalitären Glaubensgemeinschaften, in Bezug auf die Sicht der Kindererziehung:
Die Prinzipien, die man der Kindererziehung zugrunde legt, werden immer mit einer religiösen Dimension versehen (Beispiel: "Gott will, daß unsere Kinder ....." oder "Gott will nicht, daß unsere Kinder ....."). Das Ziel der Kindererziehung wird nicht von der einzelnen Familie, sondern von der Glaubensgemeinschaft definiert. Man beachtet wenig (oder nicht) die im Kinde vorhandenen Möglichkeiten. Statt dessen konzentriert man sich sehr darauf, daß das Kind als Erwachsener ein aktives Mitglied sein soll, das sich für die Entwicklung der Tätigkeit der Glaubensgemeinschaft einsetzt, sowohl nach innen (mit Leiterverantwortung) als nach außen (durch die Werbung neuer Mitglieder "von außen her").

Das Ziel der Kindererziehung wird oft das Gepräge von "Einseitigkeit" in Beziehung zu Interessen, sozialen Fertigkeiten, eventuell auch zu Persönlichkeit im Gegensatz zur "Vielfalt" tragen.

Der Gedanke, das Kind solle sich in einem Zusammenspiel von inneren Möglichkeiten und den Normen der Eltern und der Gesellschaft entwickeln, wie wir dies sonst in unserer Kultur finden, wird zurückgewiesen. Innere Möglichkeiten ("Potentiale"), die dem Ziel der Glaubensgemeinschaft zuwiderlaufen, müssen "ausgemerzt" werden.

Während sonst in unserer Kultur (und besonders in der Berufgruppe, der ich angehöre) viel Wert auf Nähe, Echtheit und darauf gelegt wird, bei einem Kind Eigenschaften zu ent-wic-keln, die sowohl für es selbst als auch für die Mitmenschen ein Geschenk sind, wird in to-talitä-ren Glaubensgemeinschaften Wert auf Respekt (meist in negativem Sinn mit "Furcht" als wesentlichem Element), Gehorsam und Loyalität gelegt.

Die Bedürfnisse der Organisation stehen im Mittelpunkt und nicht die des einzelnen Mitgliedes.

ÜBER KULTURELLE STRÖMUNGEN

Zu diesem Gegensatz gibt es drei interessante Parallelen: Die erste finden wir, wenn wir 2 -3 Generationen in der Zeit zurückgehen: In der 30er Jahren war es nämlich in der Kindererziehung auch nicht "gutes Latein", sich mit der "Entwicklung individueller Bedürfnisse" zu beschäftigen. Der Respekt vor Vater, Mutter und dem Vaterland waren wichtig, und autoritäre Kindererzieher hatten gute Zeiten. Die Rückseite der Medaille dessen wurden alle die Patienten, die Psychologen und Psychiater später "behandeln" mußten, da sie ein Opfer autoritärer Erziehung geworden waren.

Die zweite Parallele finden wir bei einzelnen Einwandererfamilien in Norwegen: Was im Zentrum steht, ist: Ethnische Zugehörigkeit, Familienzugehörigkeit, Gehorsam, Loyalität, Unterdrückung individueller Bedürfnisse und Sonderinteressen (eventuell auch der Integration in norwegische Kultur und des Kontaktes mit Norwegern).

Die dritte Parallele finden wir in der kommunistischen Gesellschaft wie z.B. im alten Sowjetsystem. Ein bekannter amerikanischer Psychologe, Uri Bronfenbrenner, schrieb vor einigen Jahren darüber, wie verschieden die Kindererziehung in der Sowjetunion und in den U.S.A. sei, und der Unterschied lief auf das selbe hinaus: in der Sowjetunion stand das Interesse der Nation im Vordergrund, und dies war individuellen Bedürfnissen übergeordnet. In den U.S.A. was es umgekehrt. Und beide Modelle hatten, meinte Brofenbrenner, ihre Vor- und Nachteile.

Für alle diese drei Beispiele gilt, daß wir leicht die Schwächen und Probleme der "autoritären" Alternative sehen können. Wenn wir aber davon Abstand nehmen, können wir auch das Risiko eingehen, das "Kind mit dem Bade auszuschütten". Dies geschah, als die "68er-Gene-ration" das von sich warf, was sie als Zwangsjacke ansah. Nun erhebt sich eher die Frage, ob wir nicht in der "Pflege" der individuellen Bedürfnisse zu weit gegangen sind. Aus dieser Sicht können wir gut sagen, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften ein positives Korrektiv für einzelne Seiten unserer heutigen Kindererziehungskultur sein können. Unsere Kultur ist z.B. durch eine extreme Individualisierung gekennzeichnet, die "narzißtische Kultur" (Lash, 1982) genannt, und es schadet ihr nichts, in Richtung von etwas mehr Rücksicht auf andere Menschen, auf die eigene Familie und auf die Nation, der man angehört, korrigiert zu werden.

WODURCH ENTSTEHT IN EINER TOTALITÄREN GLAUBENSGEMEINSCHAFT PSYCHISCHE BELASTUNG?

Das ist eine komplizierte Problemstellung, auf die man keine einfache Antwort geben kann.

Bergman( 1992) behauptet z.B., daß man als Mitglied der ZJ mehr psychischen Problemen ausgesetzt ist als als Nichtmitglied. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise, daß alle Mitglieder der ZJ psychische Probleme haben. Hier spielen viele Faktoren mit, und ich möchte einige nennen:

Erstens kommt es darauf an, wie stark der Konformitätsdruck der Leitung in einer lokalen Gemeinde ist. Einige lokale Leiter sind "beherrschender" und autoritärer als andere, und dies wird notwendigerweise die Gemeinde prägen.

Zweitens spielt es eine Rolle, wie die Organisation in einem Land sich "darstellt". Wilting (1993, S. 234) meint z.B. daß die ZJ in Skandinavien ein moderateres "Profil" haben als in anderen Ländern.

Drittens hat es viel zu sagen, in welchem Grad die Eltern eines Kindes die Ideologie der ZJ befolgen. Dies ist wieder vom Grad der Loyalität der Eltern und von ihrer Persönlichkeit abhängig. Sie können mit der Sicht der ZJ über den Umgang mit Menschen "außerhalb" oder darüber, daß ein Kind zu allererst beeinflußt werden soll, loyal und gehorsam zu sein, mehr oder weniger übereinstimmen.

Viertens hat es auch viel zu sagen, welche Mechanismen in dem einzelnen Kind wirksam sind. Ist es imstande, seine Identität und Eigenart zu bewahren? Kann es seine Fähigkeit bewahren, "selbst zu denken"? Oder werden die Gedanken des Kindes zum Großteil von der Lehre der ZJ geprägt, mit den Folgen, die dies nach sich ziehen kann?

Die gefährdetsten Kinder sind jene, bei denen alle diese vier Elemente in die gleiche Richtung zielen: Nämlich die Identität der Person zu zerstören und sie zu einem "Sklaven des Wachtturms" zu machen. Aber hier haben wir es auch mit einem interessanten Paradoxon zu tun: Die "eifrigsten" Anhänger der ZJ können oft jene sein, denen es psychisch am besten geht, denn sie erleben eine starke und sichere Zugehörigkeit zu den ZJ, erreichen einen Status, steigen ständig in den Graden auf und erhalten ständig anerkennende Kommentare für ihren Eifer. Dies kann sich aber rasch ins Gegenteil verkehren, wenn man einmal im System nicht mehr hö-her steigt oder wenn man eventuell beginnt, sich zur Tätigkeit der ZJ kritisch zu stellen und viel-leicht auch daran denkt, auszusteigen.

Das muß auch nicht bedeuten, daß die Verkündigung der Glaubensgemeinschaft die Ursache der psychischen Probleme ist: Man muß auch damit rechnen, daß angeborene Voraussetzungen und Erlebnisse außerhalb der Glaubensgemeinschaft (d.h. vor der Mitgliedschaft) eine Rolle spielen. Auch wenn es meinerseits so aussieht, von der Verkündigung und Praxis der ZJ ausgehend, daß die ZJ psychische Probleme erzeugen können, so ist dies in Wirklichkeit eine Behauptung, die man in der Praxis wegen der strengen Prinzipien, die für wissenschaftliche Untersuchungen gelten, unmöglich beweisen kann. Z. B. sollte erwähnt werden, daß es unter Forschern eine gängige Auffassung ist, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften eine Tendenz haben, Menschen anzuwerben, die mehr psychische Probleme haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ein Problem ist auch, daß die Untersuchungen, auf die sich Bergman (1992) bezieht, einige methodische Schwächen enthalten, welche das Ziehen von eindeutigen Schlußfolgerungen etwas unsicher machen. Interessant ist, daß es Untersuchungen gibt, die zeigen, daß einzelne andere totalitäre Glaubensgemeinschaften weniger psychische Probleme verursachen, als sie im Durchschnitt der Bevölkerung vorkommen.

BEISPIELE VON DEN ZEUGEN JEHOVAS

Wir wollen uns nun einige Seiten der ZJ näher ansehen, die Konsequenzen für ihre Sicht der Kindererziehung haben, nämlich ihre Theologie und ihre Sicht des Familienlebens, der Persönlichkeitsentwicklung, der sozialen Entwicklung und des Setzens von Grenzen.

  • Theologie Im Mittelpunkt der Lehre der ZJ steht die Sicht von den letzten Zeiten: Innerhalb ganz kurzer Zeit rechnen die ZJ damit, daß eine allumfassende Katastrophe mit dem darauffolgenden jüngsten Gericht eintreten wird. Wer nicht Mitglied ist, hat garantiert wenig Ursache, diesem Ereignis optimistisch entgegen zu sehen, denn nur Mitglieder der ZJ werden "gerettet".

    Indessen erweist sich, daß auch die Mitgliedschaft selbst nicht ausreicht. Mit anderen Worten, keiner (ausgenommen einige wenige Auserwählte) kann eigentlich ganz sicher sein, was geschehen wird. In der Verkündigung der ZJ wird viel auf Harmagedon hingewiesen, und die Angst davor wird als Motivationsfaktor für das einzelne Mitglied benützt, und hier wird für Kinder keine Ausnahme gemacht. Der Wachtturm hat in seiner Literatur ein gemeinsames Ziel für alle Mitglieder der ZJ formuliert, und für Kinder wird keine Ausnahme gemacht - nämlich für Jehova zu leben, Seinen Geboten zu folgen und andere Menschen vor Harmagedon zu warnen.

    "The nearness of Armageddon is the overriding concern of many young people. JW kids think about it often, especially in our day when bad news almost seems to be the only news in this world. Wars, famine, pestilience, pollution, etc. are brought to the attention of their young minds as proof we are on the very edge of the End" ("Enjoy Life on Earth Fore-ver" 1982, S. 28).

    Das Argument von einem bald bevorstehenden Harmagedon bewirkt, daß man erwartet, auch "kurzzeitigem Genuß" zu entsagen, der für andere Menschen eher als "natürliches Bedürfnis" betrachtet wird. Kindern kann auch erzählt werden, daß sie Gefahr laufen, ihre Liebsten (die Eltern) zu verlieren, wenn nicht die ganze Familie "dabei" ist, und die Kinder ihren Beitrag dazu leisten, um die Loyalität der Familie zu den ZJ zu bewahren und die Zukunft der Familie zu sichern. Es ist ganz einleuchtend, daß dies einen enormen Druck für die Kinder darstellt: Wer möchte für immer von seinen Eltern getrennt werden oder dafür verantwortlich sein, daß seine Eltern verloren gehen, weil man sie nicht zeitgerecht warnte? Ein anderer zentraler Punkt in der Lehre der ZJ ist das Schwarz-Weiß-Denken: Entweder man steht auf der Seite Gottes, indem man ein aktives Mitglied der ZJ ist, oder man steht auf der Seite Satans, indem man ein passives, kritisches oder überhaupt kein Mitglied ist. Mit anderen Worten, man treibt den Gedanken zum Extrem, daß "die nicht mit uns sind, gegen uns sind". Solches Schwarz-Weiß-Denken verhindert, daß Kinder ein nuanciertes Denken über sich selbst und über andere Menschen erlangen, und daß sie anderen Menschen als Gleichwertige gegenübertreten können. Die-ses Denken trägt auch stark dazu bei, daß die Kinder bei den ZJ "abseits" von anderen Kindern leben. Solches Schwarz-Weiß-Denken findet man auch allgemein bei einzelnen Erwachsenen mit psychischen Leiden, z. B. bei Personen mit psy-chopathischen Zügen. Es erhebt sich deshalb die Frage, ob nicht die Verkündigung der ZJ da-zu beitragen kann, daß Kinder solche Züge entwickeln. Außerdem werden Glaubensgemeinschaften wie die ZJ zu einem "Magnet" für Personen mit solchen Zügen werden und ihnen eine Plattform bieten können, von der aus sie ihre Steuerungsbedürfnisse ausüben und ihr Schwarz-Weiß-Denken weitervermitteln können.

  • Familienleben Für Familien, welche den ZJ angehören, wird die Loyalität zu Familienmitgliedern und Verwandten der Loyalität zur Organisation untergeordnet. Dies beinhaltet, daß Kinder dazu angehalten werden, ihre Nächsten "anzuzeigen", wenn es nötig sein sollte, und sich von Familienmitgliedern zu isolieren, die nicht den ZJ angehören. Man muß nicht Psychologe sein, um zu verstehen, welche Belastung dies für ein Kind bedeuten kann, das zu allererst Sicherheit in der Beziehung zu seinen Nächsten benötigt, um sich als Mensch entwickeln zu können.

    Besonders schwierig ist dies für Kinder in der Pubertät. Ein gewisses Maß an "Aufruhr" gegen die Eltern im Alter von 14-16 ist in der Tat notwendig, um eine gesunde und reife Identität zu entwickeln. Für diese Art von "Aufruhr" gibt es keinen Platz, wenn man bei den ZJ ist, denn dies wird mit "Aufruhr" gegen Gott gleichgestellt, der die Eltern als seine Repräsentanten bei der Erziehung Jugendlicher eingesetzt hat.

  • Persönlichkeitsentwicklung Den höchsten Status erhält ein Kind bei den ZJ, wenn es sich dazu entwickelt, ein "Pionier" zu werden. Das beinhaltet, daß das Kind von ganz klein auf die Erwachsenen bei Hausbesuchen begleitet und diese nach und nach selbständig fortsetzt (bis zu 60 Stunden im Monat). Außerdem wird erwartet, daß das Kind an mindestens zwei Versammlungen in der Woche teilnimmt, und diese Versammlungen sind nicht speziell auf Kinder abgestimmt. Von ganz klein auf müssen sie auf dem Schoß ihrer Eltern stillsitzen und unzensuriert das aufnehmen, was eigentlich für Erwachsene bestimmt ist. Aber der Ordnung halber: Die ZJ haben zusätzlich ein etwas "freundlicheres" Material ausgearbeitet, das auf Kinder abgestimmt ist und von dem erwartet wird, daß die Eltern es bei ihrer Unterweisung der Kinder benützen (Beispiel: "My Book of Bible Stories").

    Die Kultur der Versammlungen beinhaltet auch, daß das Kind vielem anderen Wichtigem entsagen muß: Für Hobbys und Freiheitsinteressen bleibt wenig Zeit. Auch wenn den Kindern nicht direkt abgeraten wird, dort mitzutun, wird ausdrücklich auf die Gefahren dabei aufmerksam gemacht: Im dem Augenblick, in dem man Hobbys und Interessen pflegt, die gleichwertiges Zusammensein mit "anderen" Kindern auf gleichwertigen Voraussetzungen beinhalten, begibt man sich auf "dünnes Eis". Man könnte nämlich auf die "Welt" neugierig werden und durch den Umgang mit denen "außerhalb" könnte man durch sie zu stark geprägt werden.

    "Es darf keine Gemeinschaft ..... mit den Irrgläubigen geben. Man darf mit anderen Worten keine Gemeinschaft mit ihnen haben, wenn man Gemeinschaft mit Gott haben will. - Jemand, der regelmäßig mit ihnen verkehrt, wird bald so denken, wie sie denken. Wenn man sein Bewußtsein mit ihren Gedanken beschäftigt, wird der Glaube an die neue Welt geschwächt, der Eifer wird abkühlen, die Untadeligkeit wird zerbrechen und das Gewissen abstumpfen, sodaß man Jehovas Forderung nach Studium und Dienst nicht mehr ernst nimmt" (VT 1.6.60, S. 299, auch berichtet in WT 15.2.60, S. 112-113).

    "The ideal situation is for parents to have such a fine program outlined for their children that little or no time remains for outside associations. Being with the family or other Christians becomes so interesting and absorbing that other associations do not become a temptation. But if they do, then parents should take time to make clear to the child the Bible's viewpoint on the matter; at the same time they should firmly exercise needed control" (WT 1.2.74).

    Früher wurde auch vor höherer Ausbildung gewarnt, denn man mußte dabei damit rechnen, "von der Welt eingefangen zu werden". Später wurde dies revidiert. Lernen oder Hausaufgaben können angesichts der wenigen übrigen Zeit ebenfalls zum Problem werden.

    Kinder bei den ZJ, welche fühlen, daß es gut ist, mit Kindern außerhalb beisammen zu sein, werden daher zusätzlich belastet: Dies muß vor der lokalen Leitung und eventuell auch vor den Eltern geheimgehalten werden. Denn offiziell müssen sie die Haltung haben, daß ihre "Freunde" in erster Linie "Missionsobjekte" sein müssen.

  • Soziale Entwicklung: Kinder bei den ZJ haben den Vorteil, daß sie lernen können, innerhalb ihres eigenen Wertesystems zu funktionieren, aber sie erhalten wenig oder keine Hilfe, innerhalb alternativer Systeme zu funktionieren. Sie erhalten wenig Lebenserfahrung, um mit andersdenkenden Men-schen auf gleichwertige Weise umzugehen. Sollten sie sich später als Erwachsene dazu ent-schließen, den "Dienst" zu verlassen, so betreten sie ein soziales Vakuum. Wenn sie Glück haben, finden sie eine andere Zugehörigkeit, wo sie eine neue Identität etablieren können. Haben sie kein Glück, dann bleiben sie isoliert, werden etablierte "Outsider", kämpfen mit manchmal großen psychischen Problemen und begehen im schlimmsten Fall Selbstmord. Sie brechen mit einem grundlegenden Prinzip, das ansonsten in unserer Gesellschaft anerkannt ist, nämlich daß die Kindererziehung eine Grundlage für eine eigene selbständige Wertwahl als Erwachsene bilden soll, gleichgültig ob es die der Eltern ist oder nicht. Bei den ZJ riskiert man, "hinausgefroren" zu werden, wenn man einen anderen Kurs wählt als den, den man gelernt hat, und Mitglieder der ZJ werden sogar aufgefordert, die Ausbrecher zu hassen, unabhängig von früherer Freundschaft und von Familienbanden. Man kann hier auch erwähnen, daß die ZJ ein eigenes "geschlossenes" System haben, das sowohl "Polizeinachforschung" als auch "Urteilsfällung" bezüglich unmoralischer Handlungen handhabt, eine Erscheinung, die man auch in totalitären Regimen findet.

    Die ZJ haben übrigens keine Perspektive darüber, daß ein Kind sich der Gesellschaft anpassen soll. Den Teil der Gesellschaft, der sich außerhalb der Organisation befindet, wird, wie früher erwähnt, als ein Teil der Tätigkeit Satans betrachtet. Dazu gehören die politischen Behörden und alle öffentlichen Instanzen. Daß sie es dennoch akzeptieren, Steuern zu bezahlen und an öffentlichen Gütern teilzunehmen (z.B. an der öffentlichen Schule), ist selbstverständlich unlogisch, wird aber dennoch aus verschiedenen Gründen gutgeheißen (z.B.: 1. Es gewährt uns ja trotz allem Vorteile. 2. Den ZJ ist nicht damit gedient, sich mit der Obrigkeit anzulegen und etwas Ungesetzliches zu tun. 3. Nicht alle sind gleich sicher, daß alles außerhalb der Organisation der ZJ notwendigerweise so von Satan durchsäuert ist). Aber das Kind wächst mit einem doppelten ("ambivalenten") Verhältnis zur übrigen Gesellschaft auf ("du sollst mit ihnen zusammenarbeiten, auch wenn sie eure Feinde sind"), und dies kann dazu beitragen, den psychischen Druck zu erhöhen.

  • Setzung von Grenzen Die ZJ haben traditionell physische Bestrafung in der Kindererziehung empfohlen (VT 12.1.64 S. 13). Nachdem diese Frage neulich von der Kinderombudschaft in Norwegen zur Sprache gebracht wurde, hat sich die Wachtturmgesellschaft ( in Norwegen) bereit erklärt, den Begriff "Züchtigung" zu "Rüge" zu mildern (erwähnt z.B. im "Klassenkampf" 15.6.95,.,S.17).

    Wieweit dies zu einer Änderung in der Praxis führen wird, kann nur die Zeit weisen. Es wird erwartet, daß Minderjährige disziplinären Maßnahmen wie Erwachsene unterworfen werden, wenn dies nötig ist: "Wenn minderjährige getaufte Mitglieder der Versammlung ernste Sünden begehen, soll man dies den Ältesten mitteilen. Wenn die Ältesten Fälle von ernsten Sünden Minderjähriger untersuchen und behandeln, wird es gut sein, wenn die eingeweihten Eltern der Minderjährigen zur Stelle sind und mit den Ältesten zusammenarbeiten, die die Angelegenheit beurteilen sollen. Die Eltern sollen nicht versuchen, das sündige Kind vor notwendigen disziplinären Maßnahmen zu "beschützen". Die Ältesten, die im Urteilsausschuß während der Behandlung von Angelegenheiten, die Minderjährige betreffen, Dienst tun, werden auf gleiche Weise vorgehen, wie wenn sie es mit erwachsenen Übertretern zu tun haben, nämlich bestrebt sein, den Betreffenden wieder aufzurichten. Wenn aber der Minderjährige keine Reue zeigt, wird er ausgeschlossen" ("Organisiert, um unseren Dienst zu erfüllen" 1983, S. 151-152).

    Es ist auch normale Haltung unter ZJ-Mitgliedern, daß Kleinkinder so bald wie möglich reinlich sein müssen, auch wenn die physischen Voraussetzungen dafür noch nicht ganz vorhanden sind.

    "If anything, they would try to toilet train before the child is ready" (Bergman 1992, S. 230).

    In diesem Zusammenhang kann man erwähnen, daß man in der psychoanalytischen Tradition zu frühes Reinlichkeitstraining als einen Risikofaktor für spätere psychische Probleme, auch im Erwachsenenalter, betrachtet hat.

  • RESULTAT Diese Beispiele zeigen, so meine ich, daß Kinder, die bei den ZJ aufwachsen, der Gefahr ausgesetzt sind, später psychische Probleme zu entwickeln. Ich meine, daß die folgenden Bereiche wichtig sind:

    Spezifische Angst in Verbindung mit der Lehre von Harmagedon. Soziale Angst wegen mangelnder sozialer Fähigkeiten. Übertriebene Fokusierung auf die Erfüllung der Forderungen der Eltern und anderer, kombiniert mit einer extremen Verdrängung von "verbotenen" Gedanken und Haltungen. Entwicklung von Leistungsangst, denn die Beherrschung gewisser Fertigkeiten wird zur Basis für Anerkennung durch andere und dann auch für die Selbstakzeptanz. Die Beschäftigung mit dem "Aufsteigen" und das daraus folgende unsichere Selbstbild. Die Entwicklung einer allgemeinen Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen. Die Angeberkultur bei den ZJ, die gegen jedes grundlegende demokratische Denken und gegen jede Rechtssicherheit verstößt, kann zu Angst und Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung für den führen, der Angst hat, entlarvt zu werden, und zu ungesunden Persönlichkeitszügen bei dem, der mit dem Entlarven beschäftigt ist und dies vielleicht auch als Aufgabe hat.

    Zusätzlich dazu kann "alles" geschehen: Depressionen, ständige Angst, Selbstmordgedanken, verdrängte Aggression, soziale Isolation usw. Gibt es denn keine Vorteile für Kinder, die bei den ZJ aufwachsen? Ja, natürlich:

    Es hat selbstverständlich seine positiven Seiten, in einem Milieu aufzuwachsen, wo man Sicherheit und Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft erleben kann und wo man Bestätigung und positive Anerkennung von "Gleichgesinnten" erhält. Kinder bei den ZJ werden vor einer Anzahl Seiten unserer Kultur verschont, von denen wir wissen, daß sie für Kinder und Jugendliche schädlich sind. Sie entgehen auch dem Problem, daß sie in einer Kultur aufwachsen, die von "Weltanschauungs-Pluralismus" geprägt ist.

    Wenn die Eltern nicht zu den "Eifrigsten" zählen, sie viel als Familie beisammen sind und sich gegenseitig zu stützen vermögen, so muß das nicht notwendigerweise "pathologisch" werden. Ganz im Gegenteil: Sie können in der Tat von vielen der Qualitäten geprägt sein, die gesunde und funktionelle Familien kennzeichnen (siehe z. B. Werner & Smith, 1982, besprochen in Sommerschild & Grøholt, 1989, S. 108), und daher in einem gewissen Verständnis als "vorbildlich" betrachtet werden können, das Ziel, das die Wachtturmgesellschaft selbst für ihre Mitglieder hat. Auf etwas in die Zukunft zu blicken, das eine Hoffnung für bessere Zeiten gewährt, muß auch nicht so falsch sein, wenn es auf positive Weise dargestellt wird. Und viele Kinder bei den ZJ entwickeln einen Enthusiasmus für die Sache Jehovas und sind stolz darauf, Jehova und ihre Eltern zufrieden stellen zu können, und sehen mit großer Erwartung dem irdischen Paradies entgegen.

    Aber ob diese positiven Seiten die negativen Seiten aufwiegen, soll der Leser selbst beurteilen.

 

Update: 

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