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Jehovas
Zeugen und Kindererziehung
von
Kjell Totland
EINLEITUNG
Ich möchte
hier auf einige der Probleme eingehen, in die Kinder
leicht geraten können, wenn sie in totalitären
Glaubensgemeinschaften, wie z.B. den Zeugen Jehovas (ZJ),
aufwachsen.
Ich
selbst war nie Mitglied der ZJ. Meine Beurteilung stützt
sich deshalb hauptsächlich darauf, was sie selbst in
ihren Zeitschriften (z.B. "Wachtturm" und
"Erwachet") vermitteln, aber aus Platzgründen
werde ich ihre Schriften wenig zitieren.
Der
Ordnung halber: Aus verschiedenen Gründen, die ich
hier nicht erwähnen will, finde ich es am richtigsten,
von den ZJ als einer Glaubensgemeinschaft und nicht als
einer Sekte zu sprechen. Daß ich außerdem die ZJ als
eine totalitäre Glaubensgemeinschaft auffasse, wird
vermutlich aus dem hervorgehen, was ich hier weiter
schreibe.
DAS
LEBEN IN TOTALITÄREN GLAUBENSGEMEINSCHAFTEN
In einer
totalitären Glaubensgemeinschaft aufzuwachsen ist
etwas Spezielles. Man wird dort hineingeboren und man
lebt dort (hoffentlich), bis man stirbt. Die Leitung
der Glaubensge-mein-schaft sagt einem, was im Leben
wichtig und was unwichtig ist. Man wächst auch mit dem
Gefühl auf, "abseits" der übrigen Kultur zu
leben. Es gibt eine klare Trennung zwischen "wir
drinnen" und "die draußen". Die, welche
"drinnen" sind, stellen eine privilegierte
"A-Klasse" dar, während die "draußen"
zu einer "B-Klasse" mit schlechten
Zukunftsaussichten gehören. In der
Glaubensgemeinschaft hat man seine Wurzeln, seine Zugehörigkeit
und seine Identität, und dort bekommt man seine primären
sozialen und gefühlsmäßigen Bedürfnisse erfüllt.
Man wird nicht von einer Haltung des Respektes dafür
geprägt, daß andere Menschen ein vollwertiges Leben führen
können, wenn sie einen anderen religiösen und
kulturellen Standpunkt haben. Statt dessen wird man von
einer Haltung von herablassender Fürsorge für jene
geprägt, die unter den Voraussetzungen der
Glaubensgemeinschaft in erster Linie als
"Evangelisierungsobjekte" definiert werden.
Die Möglichkeit, mit anderen Menschen auf
gleichwertige Weise zusammen zu leben, wird daher durch
eine Angst ersetzt, von diesen beeinflußt zu werden.
Diese "abseitige" Haltung wird die meisten
Menschen prägen, die sich in totalitären
Gemeinschaften aktiv engagieren. Und diese Haltung
steht in Widerspruch zu der Haltung, die ansonsten
unsere Kultur prägt: Daß wir verschiedene
Auffassungen über die Wirklichkeit haben, daß uns
dies aber nicht daran hindern muß, zusammen zu leben,
aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.
Kinder, die in totalitären Gemeinschaften aufwachsen,
werden in geringem Grad von solchen Haltungen beeinflußt
werden können, und sie laufen nicht in Gefahr, eine
Anzahl von grundlegenden sozialen Grundhaltungen zu
entwickeln, die ansonsten ein Teil unserer
Kulturgrundlage sind.
Es gibt
auch andere besondere Züge in totalitären
Glaubensgemeinschaften, in Bezug auf die Sicht der
Kindererziehung:
Die Prinzipien, die man der Kindererziehung zugrunde
legt, werden immer mit einer religiösen Dimension
versehen (Beispiel: "Gott will, daß unsere Kinder
....." oder "Gott will nicht, daß unsere
Kinder ....."). Das Ziel der Kindererziehung wird
nicht von der einzelnen Familie, sondern von der
Glaubensgemeinschaft definiert. Man beachtet wenig
(oder nicht) die im Kinde vorhandenen Möglichkeiten.
Statt dessen konzentriert man sich sehr darauf, daß
das Kind als Erwachsener ein aktives Mitglied sein
soll, das sich für die Entwicklung der Tätigkeit der
Glaubensgemeinschaft einsetzt, sowohl nach innen (mit
Leiterverantwortung) als nach außen (durch die Werbung
neuer Mitglieder "von außen her").
Das Ziel
der Kindererziehung wird oft das Gepräge von
"Einseitigkeit" in Beziehung zu Interessen,
sozialen Fertigkeiten, eventuell auch zu Persönlichkeit
im Gegensatz zur "Vielfalt" tragen.
Der
Gedanke, das Kind solle sich in einem Zusammenspiel von
inneren Möglichkeiten und den Normen der Eltern und
der Gesellschaft entwickeln, wie wir dies sonst in
unserer Kultur finden, wird zurückgewiesen. Innere Möglichkeiten
("Potentiale"), die dem Ziel der
Glaubensgemeinschaft zuwiderlaufen, müssen
"ausgemerzt" werden.
Während
sonst in unserer Kultur (und besonders in der
Berufgruppe, der ich angehöre) viel Wert auf Nähe,
Echtheit und darauf gelegt wird, bei einem Kind
Eigenschaften zu ent-wic-keln, die sowohl für es
selbst als auch für die Mitmenschen ein Geschenk sind,
wird in to-talitä-ren Glaubensgemeinschaften Wert auf
Respekt (meist in negativem Sinn mit "Furcht"
als wesentlichem Element), Gehorsam und Loyalität
gelegt.
Die Bedürfnisse
der Organisation stehen im Mittelpunkt und nicht die
des einzelnen Mitgliedes.
ÜBER
KULTURELLE STRÖMUNGEN
Zu
diesem Gegensatz gibt es drei interessante Parallelen:
Die erste finden wir, wenn wir 2 -3 Generationen in der
Zeit zurückgehen: In der 30er Jahren war es nämlich
in der Kindererziehung auch nicht "gutes
Latein", sich mit der "Entwicklung
individueller Bedürfnisse" zu beschäftigen. Der
Respekt vor Vater, Mutter und dem Vaterland waren
wichtig, und autoritäre Kindererzieher hatten gute
Zeiten. Die Rückseite der Medaille dessen wurden alle
die Patienten, die Psychologen und Psychiater später
"behandeln" mußten, da sie ein Opfer autoritärer
Erziehung geworden waren.
Die
zweite Parallele finden wir bei einzelnen
Einwandererfamilien in Norwegen: Was im Zentrum steht,
ist: Ethnische Zugehörigkeit, Familienzugehörigkeit,
Gehorsam, Loyalität, Unterdrückung individueller Bedürfnisse
und Sonderinteressen (eventuell auch der Integration in
norwegische Kultur und des Kontaktes mit Norwegern).
Die
dritte Parallele finden wir in der kommunistischen
Gesellschaft wie z.B. im alten Sowjetsystem. Ein
bekannter amerikanischer Psychologe, Uri Bronfenbrenner,
schrieb vor einigen Jahren darüber, wie verschieden
die Kindererziehung in der Sowjetunion und in den U.S.A.
sei, und der Unterschied lief auf das selbe hinaus: in
der Sowjetunion stand das Interesse der Nation im
Vordergrund, und dies war individuellen Bedürfnissen
übergeordnet. In den U.S.A. was es umgekehrt. Und
beide Modelle hatten, meinte Brofenbrenner, ihre Vor-
und Nachteile.
Für
alle diese drei Beispiele gilt, daß wir leicht die
Schwächen und Probleme der "autoritären"
Alternative sehen können. Wenn wir aber davon Abstand
nehmen, können wir auch das Risiko eingehen, das
"Kind mit dem Bade auszuschütten". Dies
geschah, als die "68er-Gene-ration" das von
sich warf, was sie als Zwangsjacke ansah. Nun erhebt
sich eher die Frage, ob wir nicht in der
"Pflege" der individuellen Bedürfnisse zu
weit gegangen sind. Aus dieser Sicht können wir gut
sagen, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften ein
positives Korrektiv für einzelne Seiten unserer
heutigen Kindererziehungskultur sein können. Unsere
Kultur ist z.B. durch eine extreme Individualisierung
gekennzeichnet, die "narzißtische Kultur" (Lash,
1982) genannt, und es schadet ihr nichts, in Richtung
von etwas mehr Rücksicht auf andere Menschen, auf die
eigene Familie und auf die Nation, der man angehört,
korrigiert zu werden.
WODURCH
ENTSTEHT IN EINER TOTALITÄREN GLAUBENSGEMEINSCHAFT
PSYCHISCHE BELASTUNG?
Das ist
eine komplizierte Problemstellung, auf die man keine
einfache Antwort geben kann.
Bergman(
1992) behauptet z.B., daß man als Mitglied der ZJ mehr
psychischen Problemen ausgesetzt ist als als
Nichtmitglied. Das bedeutet aber nicht
notwendigerweise, daß alle Mitglieder der ZJ
psychische Probleme haben. Hier spielen viele Faktoren
mit, und ich möchte einige nennen:
Erstens
kommt es darauf an, wie stark der Konformitätsdruck
der Leitung in einer lokalen Gemeinde ist. Einige
lokale Leiter sind "beherrschender" und
autoritärer als andere, und dies wird notwendigerweise
die Gemeinde prägen.
Zweitens
spielt es eine Rolle, wie die Organisation in einem
Land sich "darstellt". Wilting (1993, S. 234)
meint z.B. daß die ZJ in Skandinavien ein moderateres
"Profil" haben als in anderen Ländern.
Drittens
hat es viel zu sagen, in welchem Grad die Eltern eines
Kindes die Ideologie der ZJ befolgen. Dies ist wieder
vom Grad der Loyalität der Eltern und von ihrer Persönlichkeit
abhängig. Sie können mit der Sicht der ZJ über den
Umgang mit Menschen "außerhalb" oder darüber,
daß ein Kind zu allererst beeinflußt werden soll,
loyal und gehorsam zu sein, mehr oder weniger übereinstimmen.
Viertens
hat es auch viel zu sagen, welche Mechanismen in dem
einzelnen Kind wirksam sind. Ist es imstande, seine
Identität und Eigenart zu bewahren? Kann es seine Fähigkeit
bewahren, "selbst zu denken"? Oder werden die
Gedanken des Kindes zum Großteil von der Lehre der ZJ
geprägt, mit den Folgen, die dies nach sich ziehen
kann?
Die gefährdetsten
Kinder sind jene, bei denen alle diese vier Elemente in
die gleiche Richtung zielen: Nämlich die Identität
der Person zu zerstören und sie zu einem "Sklaven
des Wachtturms" zu machen. Aber hier haben wir es
auch mit einem interessanten Paradoxon zu tun: Die
"eifrigsten" Anhänger der ZJ können oft
jene sein, denen es psychisch am besten geht, denn sie
erleben eine starke und sichere Zugehörigkeit zu den
ZJ, erreichen einen Status, steigen ständig in den
Graden auf und erhalten ständig anerkennende
Kommentare für ihren Eifer. Dies kann sich aber rasch
ins Gegenteil verkehren, wenn man einmal im System
nicht mehr hö-her steigt oder wenn man eventuell
beginnt, sich zur Tätigkeit der ZJ kritisch zu stellen
und viel-leicht auch daran denkt, auszusteigen.
Das muß
auch nicht bedeuten, daß die Verkündigung der
Glaubensgemeinschaft die Ursache der psychischen
Probleme ist: Man muß auch damit rechnen, daß
angeborene Voraussetzungen und Erlebnisse außerhalb
der Glaubensgemeinschaft (d.h. vor der Mitgliedschaft)
eine Rolle spielen. Auch wenn es meinerseits so
aussieht, von der Verkündigung und Praxis der ZJ
ausgehend, daß die ZJ psychische Probleme erzeugen können,
so ist dies in Wirklichkeit eine Behauptung, die man in
der Praxis wegen der strengen Prinzipien, die für
wissenschaftliche Untersuchungen gelten, unmöglich
beweisen kann. Z. B. sollte erwähnt werden, daß es
unter Forschern eine gängige Auffassung ist, daß
totalitäre Glaubensgemeinschaften eine Tendenz haben,
Menschen anzuwerben, die mehr psychische Probleme haben
als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ein Problem ist
auch, daß die Untersuchungen, auf die sich Bergman
(1992) bezieht, einige methodische Schwächen
enthalten, welche das Ziehen von eindeutigen Schlußfolgerungen
etwas unsicher machen. Interessant ist, daß es
Untersuchungen gibt, die zeigen, daß einzelne andere
totalitäre Glaubensgemeinschaften weniger psychische
Probleme verursachen, als sie im Durchschnitt der Bevölkerung
vorkommen.
BEISPIELE
VON DEN ZEUGEN JEHOVAS
Wir
wollen uns nun einige Seiten der ZJ näher ansehen, die
Konsequenzen für ihre Sicht der Kindererziehung haben,
nämlich ihre Theologie und ihre Sicht des
Familienlebens, der Persönlichkeitsentwicklung, der
sozialen Entwicklung und des Setzens von Grenzen.
- Theologie Im
Mittelpunkt der Lehre der ZJ steht die Sicht von den
letzten Zeiten: Innerhalb ganz kurzer Zeit rechnen
die ZJ damit, daß eine allumfassende Katastrophe
mit dem darauffolgenden jüngsten Gericht eintreten
wird. Wer nicht Mitglied ist, hat garantiert wenig
Ursache, diesem Ereignis optimistisch entgegen zu
sehen, denn nur Mitglieder der ZJ werden
"gerettet".
Indessen
erweist sich, daß auch die Mitgliedschaft selbst
nicht ausreicht. Mit anderen Worten, keiner
(ausgenommen einige wenige Auserwählte) kann
eigentlich ganz sicher sein, was geschehen wird. In
der Verkündigung der ZJ wird viel auf Harmagedon
hingewiesen, und die Angst davor wird als
Motivationsfaktor für das einzelne Mitglied benützt,
und hier wird für Kinder keine Ausnahme gemacht.
Der Wachtturm hat in seiner Literatur ein
gemeinsames Ziel für alle Mitglieder der ZJ
formuliert, und für Kinder wird keine Ausnahme
gemacht - nämlich für Jehova zu leben, Seinen
Geboten zu folgen und andere Menschen vor Harmagedon
zu warnen.
"The
nearness of Armageddon is the overriding concern of
many young people. JW kids think about it often,
especially in our day when bad news almost seems to
be the only news in this world. Wars, famine,
pestilience, pollution, etc. are brought to the
attention of their young minds as proof we are on
the very edge of the End" ("Enjoy Life on
Earth Fore-ver" 1982, S. 28).
Das
Argument von einem bald bevorstehenden Harmagedon
bewirkt, daß man erwartet, auch "kurzzeitigem
Genuß" zu entsagen, der für andere Menschen
eher als "natürliches Bedürfnis"
betrachtet wird. Kindern kann auch erzählt werden,
daß sie Gefahr laufen, ihre Liebsten (die Eltern)
zu verlieren, wenn nicht die ganze Familie
"dabei" ist, und die Kinder ihren Beitrag
dazu leisten, um die Loyalität der Familie zu den
ZJ zu bewahren und die Zukunft der Familie zu
sichern. Es ist ganz einleuchtend, daß dies einen
enormen Druck für die Kinder darstellt: Wer möchte
für immer von seinen Eltern getrennt werden oder
dafür verantwortlich sein, daß seine Eltern
verloren gehen, weil man sie nicht zeitgerecht
warnte? Ein anderer zentraler Punkt in der Lehre der
ZJ ist das Schwarz-Weiß-Denken: Entweder man steht
auf der Seite Gottes, indem man ein aktives Mitglied
der ZJ ist, oder man steht auf der Seite Satans,
indem man ein passives, kritisches oder überhaupt
kein Mitglied ist. Mit anderen Worten, man treibt
den Gedanken zum Extrem, daß "die nicht mit
uns sind, gegen uns sind". Solches Schwarz-Weiß-Denken
verhindert, daß Kinder ein nuanciertes Denken über
sich selbst und über andere Menschen erlangen, und
daß sie anderen Menschen als Gleichwertige gegenübertreten
können. Die-ses Denken trägt auch stark dazu bei,
daß die Kinder bei den ZJ "abseits" von
anderen Kindern leben. Solches Schwarz-Weiß-Denken
findet man auch allgemein bei einzelnen Erwachsenen
mit psychischen Leiden, z. B. bei Personen mit
psy-chopathischen Zügen. Es erhebt sich deshalb die
Frage, ob nicht die Verkündigung der ZJ da-zu
beitragen kann, daß Kinder solche Züge entwickeln.
Außerdem werden Glaubensgemeinschaften wie die ZJ
zu einem "Magnet" für Personen mit
solchen Zügen werden und ihnen eine Plattform
bieten können, von der aus sie ihre Steuerungsbedürfnisse
ausüben und ihr Schwarz-Weiß-Denken
weitervermitteln können.
- Familienleben Für
Familien, welche den ZJ angehören, wird die Loyalität
zu Familienmitgliedern und Verwandten der Loyalität
zur Organisation untergeordnet. Dies beinhaltet, daß
Kinder dazu angehalten werden, ihre Nächsten
"anzuzeigen", wenn es nötig sein sollte,
und sich von Familienmitgliedern zu isolieren, die
nicht den ZJ angehören. Man muß nicht Psychologe
sein, um zu verstehen, welche Belastung dies für
ein Kind bedeuten kann, das zu allererst Sicherheit
in der Beziehung zu seinen Nächsten benötigt, um
sich als Mensch entwickeln zu können.
Besonders
schwierig ist dies für Kinder in der Pubertät. Ein
gewisses Maß an "Aufruhr" gegen die
Eltern im Alter von 14-16 ist in der Tat notwendig,
um eine gesunde und reife Identität zu entwickeln.
Für diese Art von "Aufruhr" gibt es
keinen Platz, wenn man bei den ZJ ist, denn dies
wird mit "Aufruhr" gegen Gott
gleichgestellt, der die Eltern als seine Repräsentanten
bei der Erziehung Jugendlicher eingesetzt hat.
- Persönlichkeitsentwicklung
Den höchsten Status erhält ein Kind bei den ZJ,
wenn es sich dazu entwickelt, ein
"Pionier" zu werden. Das beinhaltet, daß
das Kind von ganz klein auf die Erwachsenen bei
Hausbesuchen begleitet und diese nach und nach
selbständig fortsetzt (bis zu 60 Stunden im Monat).
Außerdem wird erwartet, daß das Kind an mindestens
zwei Versammlungen in der Woche teilnimmt, und diese
Versammlungen sind nicht speziell auf Kinder
abgestimmt. Von ganz klein auf müssen sie auf dem
Schoß ihrer Eltern stillsitzen und unzensuriert das
aufnehmen, was eigentlich für Erwachsene bestimmt
ist. Aber der Ordnung halber: Die ZJ haben zusätzlich
ein etwas "freundlicheres" Material
ausgearbeitet, das auf Kinder abgestimmt ist und von
dem erwartet wird, daß die Eltern es bei ihrer
Unterweisung der Kinder benützen (Beispiel:
"My Book of Bible Stories").
Die
Kultur der Versammlungen beinhaltet auch, daß das
Kind vielem anderen Wichtigem entsagen muß: Für
Hobbys und Freiheitsinteressen bleibt wenig Zeit.
Auch wenn den Kindern nicht direkt abgeraten wird,
dort mitzutun, wird ausdrücklich auf die Gefahren
dabei aufmerksam gemacht: Im dem Augenblick, in dem
man Hobbys und Interessen pflegt, die gleichwertiges
Zusammensein mit "anderen" Kindern auf
gleichwertigen Voraussetzungen beinhalten, begibt
man sich auf "dünnes Eis". Man könnte nämlich
auf die "Welt" neugierig werden und durch
den Umgang mit denen "außerhalb" könnte
man durch sie zu stark geprägt werden.
"Es
darf keine Gemeinschaft ..... mit den Irrgläubigen
geben. Man darf mit anderen Worten keine
Gemeinschaft mit ihnen haben, wenn man Gemeinschaft
mit Gott haben will. - Jemand, der regelmäßig mit
ihnen verkehrt, wird bald so denken, wie sie denken.
Wenn man sein Bewußtsein mit ihren Gedanken beschäftigt,
wird der Glaube an die neue Welt geschwächt, der
Eifer wird abkühlen, die Untadeligkeit wird
zerbrechen und das Gewissen abstumpfen, sodaß man
Jehovas Forderung nach Studium und Dienst nicht mehr
ernst nimmt" (VT 1.6.60, S. 299, auch berichtet
in WT 15.2.60, S. 112-113).
"The
ideal situation is for parents to have such a fine
program outlined for their children that little or
no time remains for outside associations. Being with
the family or other Christians becomes so
interesting and absorbing that other associations do
not become a temptation. But if they do, then
parents should take time to make clear to the child
the Bible's viewpoint on the matter; at the same
time they should firmly exercise needed control"
(WT 1.2.74).
Früher
wurde auch vor höherer Ausbildung gewarnt, denn man
mußte dabei damit rechnen, "von der Welt
eingefangen zu werden". Später wurde dies
revidiert. Lernen oder Hausaufgaben können
angesichts der wenigen übrigen Zeit ebenfalls zum
Problem werden.
Kinder
bei den ZJ, welche fühlen, daß es gut ist, mit
Kindern außerhalb beisammen zu sein, werden daher
zusätzlich belastet: Dies muß vor der lokalen
Leitung und eventuell auch vor den Eltern
geheimgehalten werden. Denn offiziell müssen sie
die Haltung haben, daß ihre "Freunde" in
erster Linie "Missionsobjekte" sein müssen.
- Soziale Entwicklung:
Kinder bei den ZJ haben den Vorteil, daß sie lernen
können, innerhalb ihres eigenen Wertesystems zu
funktionieren, aber sie erhalten wenig oder keine
Hilfe, innerhalb alternativer Systeme zu
funktionieren. Sie erhalten wenig Lebenserfahrung,
um mit andersdenkenden Men-schen auf gleichwertige
Weise umzugehen. Sollten sie sich später als
Erwachsene dazu ent-schließen, den
"Dienst" zu verlassen, so betreten sie ein
soziales Vakuum. Wenn sie Glück haben, finden sie
eine andere Zugehörigkeit, wo sie eine neue Identität
etablieren können. Haben sie kein Glück, dann
bleiben sie isoliert, werden etablierte
"Outsider", kämpfen mit manchmal großen
psychischen Problemen und begehen im schlimmsten
Fall Selbstmord. Sie brechen mit einem grundlegenden
Prinzip, das ansonsten in unserer Gesellschaft
anerkannt ist, nämlich daß die Kindererziehung
eine Grundlage für eine eigene selbständige
Wertwahl als Erwachsene bilden soll, gleichgültig
ob es die der Eltern ist oder nicht. Bei den ZJ
riskiert man, "hinausgefroren" zu werden,
wenn man einen anderen Kurs wählt als den, den man
gelernt hat, und Mitglieder der ZJ werden sogar
aufgefordert, die Ausbrecher zu hassen, unabhängig
von früherer Freundschaft und von Familienbanden.
Man kann hier auch erwähnen, daß die ZJ ein
eigenes "geschlossenes" System haben, das
sowohl "Polizeinachforschung" als auch
"Urteilsfällung" bezüglich unmoralischer
Handlungen handhabt, eine Erscheinung, die man auch
in totalitären Regimen findet.
Die
ZJ haben übrigens keine Perspektive darüber, daß
ein Kind sich der Gesellschaft anpassen soll. Den
Teil der Gesellschaft, der sich außerhalb der
Organisation befindet, wird, wie früher erwähnt,
als ein Teil der Tätigkeit Satans betrachtet. Dazu
gehören die politischen Behörden und alle öffentlichen
Instanzen. Daß sie es dennoch akzeptieren, Steuern
zu bezahlen und an öffentlichen Gütern
teilzunehmen (z.B. an der öffentlichen Schule), ist
selbstverständlich unlogisch, wird aber dennoch aus
verschiedenen Gründen gutgeheißen (z.B.: 1. Es gewährt
uns ja trotz allem Vorteile. 2. Den ZJ ist nicht
damit gedient, sich mit der Obrigkeit anzulegen und
etwas Ungesetzliches zu tun. 3. Nicht alle sind
gleich sicher, daß alles außerhalb der
Organisation der ZJ notwendigerweise so von Satan
durchsäuert ist). Aber das Kind wächst mit einem
doppelten ("ambivalenten") Verhältnis zur
übrigen Gesellschaft auf ("du sollst mit ihnen
zusammenarbeiten, auch wenn sie eure Feinde
sind"), und dies kann dazu beitragen, den
psychischen Druck zu erhöhen.
- Setzung von Grenzen
Die ZJ haben traditionell physische Bestrafung in
der Kindererziehung empfohlen (VT 12.1.64 S. 13).
Nachdem diese Frage neulich von der
Kinderombudschaft in Norwegen zur Sprache gebracht
wurde, hat sich die Wachtturmgesellschaft ( in
Norwegen) bereit erklärt, den Begriff "Züchtigung"
zu "Rüge" zu mildern (erwähnt z.B. im
"Klassenkampf" 15.6.95,.,S.17).
Wieweit
dies zu einer Änderung in der Praxis führen wird,
kann nur die Zeit weisen. Es wird erwartet, daß
Minderjährige disziplinären Maßnahmen wie
Erwachsene unterworfen werden, wenn dies nötig ist:
"Wenn minderjährige getaufte Mitglieder der
Versammlung ernste Sünden begehen, soll man dies
den Ältesten mitteilen. Wenn die Ältesten Fälle
von ernsten Sünden Minderjähriger untersuchen und
behandeln, wird es gut sein, wenn die eingeweihten
Eltern der Minderjährigen zur Stelle sind und mit
den Ältesten zusammenarbeiten, die die
Angelegenheit beurteilen sollen. Die Eltern sollen
nicht versuchen, das sündige Kind vor notwendigen
disziplinären Maßnahmen zu "beschützen".
Die Ältesten, die im Urteilsausschuß während der
Behandlung von Angelegenheiten, die Minderjährige
betreffen, Dienst tun, werden auf gleiche Weise
vorgehen, wie wenn sie es mit erwachsenen Übertretern
zu tun haben, nämlich bestrebt sein, den
Betreffenden wieder aufzurichten. Wenn aber der
Minderjährige keine Reue zeigt, wird er
ausgeschlossen" ("Organisiert, um unseren
Dienst zu erfüllen" 1983, S. 151-152).
Es
ist auch normale Haltung unter ZJ-Mitgliedern, daß
Kleinkinder so bald wie möglich reinlich sein müssen,
auch wenn die physischen Voraussetzungen dafür noch
nicht ganz vorhanden sind.
"If
anything, they would try to toilet train before the
child is ready" (Bergman 1992, S. 230).
In
diesem Zusammenhang kann man erwähnen, daß man in
der psychoanalytischen Tradition zu frühes
Reinlichkeitstraining als einen Risikofaktor für spätere
psychische Probleme, auch im Erwachsenenalter,
betrachtet hat.
- RESULTAT Diese
Beispiele zeigen, so meine ich, daß Kinder, die bei
den ZJ aufwachsen, der Gefahr ausgesetzt sind, später
psychische Probleme zu entwickeln. Ich meine, daß
die folgenden Bereiche wichtig sind:
Spezifische
Angst in Verbindung mit der Lehre von Harmagedon.
Soziale Angst wegen mangelnder sozialer Fähigkeiten.
Übertriebene Fokusierung auf die Erfüllung der
Forderungen der Eltern und anderer, kombiniert mit
einer extremen Verdrängung von
"verbotenen" Gedanken und Haltungen.
Entwicklung von Leistungsangst, denn die
Beherrschung gewisser Fertigkeiten wird zur Basis für
Anerkennung durch andere und dann auch für die
Selbstakzeptanz. Die Beschäftigung mit dem
"Aufsteigen" und das daraus folgende
unsichere Selbstbild. Die Entwicklung einer
allgemeinen Hilflosigkeit und Abhängigkeit von
anderen Menschen. Die Angeberkultur bei den ZJ, die
gegen jedes grundlegende demokratische Denken und
gegen jede Rechtssicherheit verstößt, kann zu
Angst und Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung für
den führen, der Angst hat, entlarvt zu werden, und
zu ungesunden Persönlichkeitszügen bei dem, der
mit dem Entlarven beschäftigt ist und dies
vielleicht auch als Aufgabe hat.
Zusätzlich
dazu kann "alles" geschehen: Depressionen,
ständige Angst, Selbstmordgedanken, verdrängte
Aggression, soziale Isolation usw. Gibt es denn
keine Vorteile für Kinder, die bei den ZJ
aufwachsen? Ja, natürlich:
Es
hat selbstverständlich seine positiven Seiten, in
einem Milieu aufzuwachsen, wo man Sicherheit und
Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft erleben kann
und wo man Bestätigung und positive Anerkennung von
"Gleichgesinnten" erhält. Kinder bei den
ZJ werden vor einer Anzahl Seiten unserer Kultur
verschont, von denen wir wissen, daß sie für
Kinder und Jugendliche schädlich sind. Sie entgehen
auch dem Problem, daß sie in einer Kultur
aufwachsen, die von
"Weltanschauungs-Pluralismus" geprägt
ist.
Wenn
die Eltern nicht zu den "Eifrigsten" zählen,
sie viel als Familie beisammen sind und sich
gegenseitig zu stützen vermögen, so muß das nicht
notwendigerweise "pathologisch" werden.
Ganz im Gegenteil: Sie können in der Tat von vielen
der Qualitäten geprägt sein, die gesunde und
funktionelle Familien kennzeichnen (siehe z. B.
Werner & Smith, 1982, besprochen in Sommerschild
& Grøholt, 1989, S. 108), und daher in einem
gewissen Verständnis als "vorbildlich"
betrachtet werden können, das Ziel, das die
Wachtturmgesellschaft selbst für ihre Mitglieder
hat. Auf etwas in die Zukunft zu blicken, das eine
Hoffnung für bessere Zeiten gewährt, muß auch
nicht so falsch sein, wenn es auf positive Weise
dargestellt wird. Und viele Kinder bei den ZJ
entwickeln einen Enthusiasmus für die Sache Jehovas
und sind stolz darauf, Jehova und ihre Eltern
zufrieden stellen zu können, und sehen mit großer
Erwartung dem irdischen Paradies entgegen.
Aber
ob diese positiven Seiten die negativen Seiten
aufwiegen, soll der Leser selbst beurteilen.
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