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                    Zur

         

                    seelischen Gesundheit

         

                        von Zeugen Jehovas

                  ========================

 

 

                         Jerry R. Bergman

 

 

 

 

                                               

                                                                  

                         

                         Inhaltsverzeichnis

                                                                  

                                                                  

                                                           Seite

 

Vorwort von Prof. Carl Thornton                                3  

Über den Autor                                                 4  

Wichtige Vorbemerkung zu den Fallgeschichten                   5

Einführung                                                     6  

Kap.  1: Jehovas Zeugen und das Problem der psychischen

Erkrankungen                                                   9  

Kap.  2: Zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Zeugen Jehovas

                                                              10  

Kap.  3: Wie die Zeugen auf Forschungen auf diesem Gebiet

reagieren                                                     13  

Kap.  4: Welche Faktoren zur hohen Zahl Erkrankungen beitragen    

                                                              14

Kap.  5: Weitere krankheitsfördernde Umstände                 27

Kap.  6: Die Problemfelder Gemeinschaftsentzug und Älteste    37

Kap.  7: Das Leben als Zeuge Jehovas                          38

Kap.  8: Die Familie                                          53

Kap.  9: Die Leitung - "die Organisation an die erste Stelle setzen"

                                                              57

Kap. 10: Zieht die Wachtturm-Religion psychisch labile

Personen an?                                                  60

Kap. 11: Wie man die Trennung von den Zeugen heil übersteht   65

Kap. 12: Zusammenfassung und Schlussfolgerungen               71

Anhang:  Der Watchtower in Afrika (Kitawala)           (entfällt)

Bibliographische Hinweise                              (entfällt)

 

-----------------------------------------------------------------Der

folgende Text ist eine autorisierte Übersetzung von Auszügen aus dem

171seitigen Werk "The Mental Health of Jehovah's Witnesses."    USA

1987. Bestelladresse: Witness Inc., P.O.Box 597, Clayton,       CA

94517. Preis: 8,95 Dollar (Stand 1990)

 

Vorwort von Dr. phil. Carl Thornton,

Professor der Psychologie in Flint, Michigan:

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Dr. Bergman und ich haben in unserem Lebenslauf einzigartige

Erfahrungen gemeinsam: Wir wurden beide als Zeugen Jehovas erzogen,

traten beide aus der Glaubensgemeinschaft aus, besuchten die

Universität und studierten Psychologie, und haben beide auf diesem

Gebiet auch promoviert. Dieser gemeinsame Entwicklungsgang hat uns

veranlaßt, genauer zu erforschen, wieso von dieser Gemeinschaft so

starke Wirkungen ausgehen, im Positiven wie im Negativen.

 

Positiv läßt sich vermerken, daß die Zielgerichtetheit und die

Selbstdisziplin, die wir als Kinder lernten, wesentlich zum Erfolg

unserer akademischen Ausbildung beigetragen hat. Auf der

Negativseite sehe ich (und ebenso Dr. Bergman) beimir und anderen

das Risiko, in eine regelrechte Arbeitssucht abzugleiten und nur mit

Mühe ein ausgeglichenes Leben aufrechtzuerhalten.

 

Bei den Zeugen Jehovas beobachte ich ein unablässiges Bemühen, einer

"vollkommenen" Verhaltensnorm zu entsprechen. Das hat oft ein

vermindertes Selbstwertgefühl zur Folge ("Das schaffe ich nie"), und

es kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen, zum Zusammenbruch

der Widerstandskraft des Körpers gegen Krankheiten und zu einem

frühzeitigen Tod. Aus dem Schuldgefühl heraus ("Ich kann nicht genug

tun") sowie aus der Angst vor dem bevorstehenden Weltuntergang

("Jeden Tag kann Harmagedon kommen") fordert man ständig mehr von

sich, als man eigentlich schaffen kann. All dies zusammengenommen

führt zu körperlichen Leiden: Geschwüre, Migräne, Herzinfarkt und

vielen weiteren. [...] Ein anderes Problem, das meiner Ansicht nach

unter Zeugen Jehovas und ehemaligen Angehörigen dieser Gemeinschaft

auffällt, ist das der Depressionen und Selbstmorde. Zwar liegen nur

wenige statistische Daten vor, die das absichern könnten, doch Dr.

Bergman und ich sind unabhängig voneinander zu denselben

Schlußfolgerungen gelangt.

 

Jehovas Zeugen neigen sehr stark zu Selbstzweifeln und

Schuldgefühlen, den wesentlichen Voraussetzungen für Depression.

Geht man von einer schwachen Persönlichkeit aus und zählt die

verheerenden Folgen des bei Jehovas Zeugen üblichen

Gemeinschaftsentzugs hinzu, wozu der totale Abbruch aller Kontakte

von seiten sämtlicher Freunde und Verwandten gehört, so ergibt sich

eine Belastung, der die meisten Menschen nicht gewachsen sind. Ich

vermute, der Prozentsatz an Selbstmorden unter ehemaligen Zeugen

Jehovas ist sehr hoch.

 

Es ist zu hoffen, daß Jerry Bergmans Buch dieses sehr bedeutende

soziale Problem bewußt machen wird. Auch für ehemalige Zeugen

Jehovas kann es von Nutzen sein, da sie in der Vereinsamung ihrer

Depression höchst selten fachliche Hilfe suchen, dieser sogar

äußerst mißtrauisch gegenüberstehen, wenn sie ihnen angeboten wird.

Eine nüchterne Analyse des Phänomens Jehovas Zeugen wird ihnen vor

Augen führen, daß sie nicht allein sind, sondern daß es viele

wohlmeinende Menschen wie Dr. Bergman gibt, die ihnen über die

schweren Zeiten, die sie mit "der Gesellschaft" durchmachen müssen,

hinweghelfen. Hierin kann dieses Buch von unschätzbarem Nutzen sein.

 

In einem Punkt unterscheiden sich Dr. Bergmans Ansichten und meine:

Während er als auslösendes Moment für psychische Probleme vor allem

den Einfluß der sozialen Umwelt innerhalb der Zeugen Jehovas sieht,

meine ich, gestützt auf meine Forschungsarbeit auf dem Gebiet der

Psychosen und des Alkoholismus, daß hierbei eine sehr starke

genetische Komponente wirksam ist. In Bezug auf psychosomatische

Erkrankungen und Depressionen stimme ich allerdings völlig mit ihm

überein. Und ebenso teile ich seine Besorgnis. Die Tragik liegt

meines Erachtens darin, daß die "Ältesten" in den Versammlungen

(Gemeinden) der Zeugen Jehovas nicht die geringste Ahnung davon

haben, wie psychische Krankheitszustände entstehen und wie sie zu

behandeln sind. Diese Unwissenheit kann für einen Betroffenen

verheerende Folgen haben. Für Mitglieder der Gemeinschaft der Zeugen

Jehovas besteht eine reale Wahrscheinlichkeit, durch Selbstmord aus

dem Leben zu scheiden oder dauernd behindert zu sein, weil sie nicht

angemessen behandelt werden.

 

Dr. Bergman und ich hoffen, daß seine umfangreichen Forschungen,

Analysen und Empfehlungen mehreren guten Zwecken dienen. Angehörige

der helfenden Berufe können die Zeugen Jehovas und ehemaligen Zeugen

Jehovas unter ihren Klienten und Patienten besser verstehen und

darum bessere Therapiepläne für sie erstellen. Und auch dem Laien

wird eine Einsicht in die Risiken vermittelt, die mit der

Sozialstruktur der Zeugen Jehovas verbunden sind.

 

Vielleicht führen Werke wie dieses einmal zu einer positiven

Veränderung bei den Zeugen Jehovas. Das darf man aber nur sehr

vorsichtig und nur für die fernere Zukunft erhoffen.

 

                                    Dr. Carl Thornton

 

 

 

 

 

Über den Autor

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Der Verfasser forscht seit zwei Jahrzehnten auf dem Gebiet der

Besserung von Straftätern und der Psychologie. Seit über einem

Jahrzehnt lehrt er Psychologie und Soziologie im Hochschulbereich.

Er hat über 300 Artikel auf dem Gebiet der Psychologie und

Soziologie verfaßt, die sowohl in wissenschaftlichen wie in

allgemeinen Zeitschriften veröffentlicht wurden, und hat mehr als 20

Bücher, Buchbeiträge und Monographien geschrieben, darunter ein

Lehrbuch für das Gebiet Leistungsmessung und Psychometrie und eine

Bibliographie zu den Zeugen Jehovas (Garland Press 1984).

 

Mit den Zeugen Jehovas befaßt sich Dr. Bergman bereits seit langem.

Aus seinen Forschungen zur seelischen Gesundheit der Zeugen Jehovas

sind vier Zeitschriftenartikel und mehrere Vorträge auf

wissenschaftlichen Fachkonferenzen hervorgegangen. Derzeit ist er

der führende US-Experte in Fragen zur Psychologie der Zeugen

Jehovas. Seine nächste Veröffentlichung auf diesem Gebiet wird ein

Buch über die psychologische Beratung und Therapie von Zeugen

Jehovas sein.

 

Seit über 20 Jahren befaßt sich Bergman auch ausführlich mit den

Glaubensansichten der Zeugen Jehovas. Er besucht ihre religiösen

Zusammenkünfte regelmäßig seit fast zwei Jahrzehnten und hat sich

mit buchstäblich allen Entwicklungsphasen dieser

Glaubensgemeinschaft aktiv auseinandergesetzt. Zur Vorbereitung des

vorliegenden Buches wurde die Literatur gründlich auf alle Hinweise

durchforstet, die zum Verständnis dieser Gruppe beitragen können.

 

Darüber hinaus wurden Tausende von Einzelgesprächen geführt mit

einem Personenkreis, der von ausgeschlossenen Zeugen bis zu

Mitgliedern der leitenden Körperschaft der Wachtturm-Organisation

reicht. Neben seiner Beratungs- und Forschungsarbeit hat der

Verfasser über 100 psychisch kranke und verstörte Zeugen Jehovas

psychologisch betreut, viele von ihnen mit schweren psychischen

Funktionsstörungen, die bei manchen ein solches Ausmaß erreicht

hatten, daß man sie normalerweise in eine Anstalt eingewiesen hätte,

wenn dem nicht die Devise der Wachtturm-Organisation

entgegengestanden hätte, sich auf keine psychiatrische Behandlung

einzulassen.

 

 

 

 

 

Wichtige Vorbemerkung zu den Fallgeschichten

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Alle Fallgeschichten stammen aus der Arbeit des Autors, sofern

nichts anderes angegeben wird. Die Namen der Personen, Orte und

weitere Angaben, die der Identifizierung dienen könnten, wurden in

allen Fällen geändert, teils um die Anonymität der Betroffenen zu

wahren, die traumatische Erfahrungen mit der Wachtturm-Organisation

hinter sich haben. Viele ehemalige Zeugen Jehovas wollen diese

Geschehnisse so weit wie möglich vergessen und jeden Kontakt mit

ihrer früheren Glaubensgemeinschaft sowie alle Gespräche darüber

vermeiden. Darüber hinaus sind (oder waren) viele hier erwähnte

Personen Patienten in Nervenheilanstalten, so daß es von der

Berufsethik und vom Gesichtspunkt des therapeutischen Prozesses her

verkehrt wäre, ihre Identität preiszugeben. Andere sind aktive

Zeugen und wollen die Probleme der Vergangenheit hinter sich

bringen. Aus diesem Grund wurden zur Wahrung der Vertraulichkeit

unwichtige Einzelheiten in vielen Fällen abgeändert. Im wesentlichen

werden die Fallgeschichten aber so geschildert, wie sie sich

zugetragen haben. [...]

 

Man muß sich hüten, aus den vorgetragenen Einzelfällen

verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Sie können höchstens belegen,

daß bestimmte Dinge sich tatsächlich zutragen können. Jeder Fall

zeigt eine ganz besondere Problemlage, jeder ist einzig in seiner

Art. Wenn daher ein Zeuge bestimmte Probleme hatte, so heißt das

nicht, daß diese allgemein verbreitet seien. Ich habe mich bemüht

herauszufinden, welche Muster typisch sind und wie oft sie

auftreten, doch das ist ein sehr schwieriges Unterfangen.

Fallgeschichten beleuchten ihrer Natur nach vor allem das

Außergewöhnliche. Aus mehreren hundert haben wir einzelne wenige

ausgesucht, und jede veranschaulicht ein Problem oder einen

Diskussionsgegenstand. [...]

 

Wenn bestimmte Klassen von Vorkommnissen häufig auftreten, so können

wir daraus erkennen, daß eine bestimmte Beziehung besteht, doch

diese Methode darf nicht mit dem experimentellen Nachweis eines

Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs gleichgesetzt werden. Sobald man zur

Bestätigung einer Hypothese lediglich Einzelfälle zitiert, neigt man

dazu, gegenteilige Fälle unbeachtet zu lassen oder ihnen nicht das

richtige Gewicht zu geben. Will man wirklich angemessen abschätzen,

weshalb es unter Jehovas Zeugen offenkundig so viele Fälle

psychischer Erkrankungen gibt, muß man systematisch vorgehen. [...]

Dieser Untersuchung liegt ein Begriff von psychischer Krankheit zu

Grunde, der die Mehrzahl der Psychosen als nur graduell verschieden

von den Neurosen ansieht (wenn auch anerkannt wird, daß die Psychose

vielfach eine gänzlich andere "Krankheit" ist als die Neurose). Eine

neuere Besprechung dieses Problemkreises findet man bei Al-Issa

(1982). Darüber hinaus gründet die vorliegende Arbeit auf der

Annahme, daß - ohne die Faktoren Biologie, Vererbung und Ernährung

auszuschließen - psychische Probleme vor allem durch den Faktor

Umwelt hervorgerufen werden oder daß dieser zumindest die Schwere

der Probleme, den Grad der Niedergeschlagenheit und die Aussichten

auf Heilung mitbestimmt. Mit dem Begriff "psychische Krankheit" ist

in diesem Text gewöhnlich nicht ein unerklärliches, sozial

auffälliges Verhalten gemeint wie eine gespaltene Persönlichkeit,

das in den Massenmedien so oft hochgespielt wird. Menschen, die

psychisch erkrankt sind, haben Mühe, mit Problemen fertig zu werden,

und sind deswegen sehr unglücklich. Manche der hier vorgestellten

Fälle müssen zwar genaugenommen als "abnorm" bezeichnet werden, z.

B. solche mit somatischen Beschwerden, Depressionen oder

Halluzinationen, doch bei den meisten handelt es sich nicht um

Psychosen, sondern Neurosen. Die Begriffe "psychische Erkrankung"

und "Geisteskrankheit" haben viel Schaden gestiftet (Szasz 1970).

Auch wenn die Etikettierung psychisch erkrankter Menschen oft in

bester Absicht geschah, so sind sie doch in vieler Hinsicht völlig

"normal"; sie sehen sich einfach nur mehr Problemen gegenüber, als

sie verkraften können (Laing 1978). Ein psychisches Leiden ist in

mancher Hinsicht eine normale Anpassung an eine anormale Situation.

Zwar ist die Fähigkeit, Probleme zu bewältigen, bei jedem Menschen

unterschiedlich entwickelt, doch würden wir wohl fast alle psychisch

erkranken, wenn der äußere Druck zu groß wird. Ich habe mich bemüht,

Etikettierungen zu vermeiden, doch manche Fachbegriffe lassen sich

einfach nicht umgehen. Sie wurden lediglich dort benutzt, wo sie

hilfreich oder notwendig waren.

 

 

 

 

 

 

Einführung

----------

 

Von welcher Warte man es auch sieht, Jehovas Zeugen sind eine

bedeutende religiöse Sekte. Sie waren höchst einflußreich in der

Ausformung des Verfassungsrechts und haben eine tiefgreifende

Wirkung auf die Geschichte der USA, Kanadas, sowie zahlreicher

afrikanischer Länder gehabt (Kim 1963; Kernaghan 1966; Penton 1976,

1984; Maeson 1968; Manwaring 1959). Darüber hinaus übt die

Watchtower Bible and Tract Society (das leitende Unternehmen der

Zeugen Jehovas) allergrößten Einfluß auf das Leben von Millionen

Menschen aus. Die Gesamtzahl der Personen, die die grundlegenden

Glaubensansichten der Zeugen teilen oder sich davon beeinflussen

lassen, ist drei- bis fünfmal so hoch wie die Zahl der aktiven

Zeugen (im Jahr 1989 wurden beim Gedächtnismahl etwa zehn Millionen

Anwesende gezählt). Aus Kanada liegen recht genaue offizielle

statistische Angaben vor. Dort gaben im Jahr 1981 beinahe 200 000

Personen an, Zeugen Jehovas zu sein (ein Prozent der Bevölkerung),

obwohl derzeit lediglich 80 000 regelmäßig bei den Zusammenkünften

anwesend sind (siehe auch Penton 1976:229). In den Königreichssaal

gehen etwa genauso viele Leute, wie die Anglikanische Kirche an

regelmäßigen Gottesdienstbesuchern zählt - und diese ist die

zweitgrößte protestantische Glaubensgemeinschaft in Kanada! Mit

anderen Worten, was die Zahl der Aktiven angeht, gehören Jehovas

Zeugen in vielen Ländern zu den zahlenstärksten unter den

Weltreligionen. In mehreren Ländern Afrikas gehören sie auch der

Mitgliederzahl nach zu den größeren Gemeinschaften.

 

 

Daraus folgt, daß die Zeugen einen weit größeren Einfluß auf die

Gesamtbevölkerung haben, als es zuerst den Anschein haben könnte. In

manchen Ländern sind sie als Religion ebenso bedeutend wie die

Katholische Kirche, die Baptisten oder die Lutheraner. Darüber

hinaus deutet manches darauf hin, daß es heute erheblich mehr

ehemalige als  aktive Zeugen Jehovas gibt (Franz 1983). Viele davon

haben die Gemeinschaft zwar verlassen, halten aber an Ansichten und

Bräuchen der Zeugen fest.

 

Ist jemand als Zeuge Jehovas aufgewachsen oder hat eine gewisse Zeit

unter ihrem Einfluß gestanden, so nimmt er oft bei seiner Trennung

von der Gemeinschaft viele oder die meisten religiösen Auffassungen,

wie sie von der Wachtturm-Organisation gelehrt werden, mit. Seit

etwa Mitte der siebziger Jahre ist es zu schockierend vielen

Austritten gekommen, weit über einer Million (Franz 1983). Als

Hinweis darauf, wieviele Menschen unter dem Einfluß dieser

Organisation stehen, läßt sich auch die Auflagenzahl ihrer

offiziellen Zeitschrift, des Wachtturms, verstehen. Von deren

Abonnenten ist zu erwarten, daß sie entweder zu den Zeugen gehören

oder ihnen freundlich gesinnt sind. Im Jahre 1975 erreichte Der

Wachtturm eine Auflage von 10 025 000. Er wurde 1982 halbmonatlich

oder monatlich in 106 Sprachen verbreitet. Wenn auch viele Exemplare

nicht gelesen werden, so zeigt doch die derzeitige Auflage von rund

14 000 000 Exemplaren deutlich an, daß die Zeugen weltweit einen

beachtlichen Einfluß ausüben. In dem Werk The Book of Lists (New

York 1980) wird beispielsweise angegeben, die Wachtturm-

Veröffentlichung Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt sei das

Buch mit der viertgrößten Auflage in der gesamten

Menscheitsgeschichte. Bis 1986 waren davon weit über 120 Millionen

Exemplare gedruckt.

 

Früher oder später sieht sich praktisch jeder klinisch tätige

Psychologe und Psychiater mit Klienten konfrontiert, die sagen, sie

seien als Zeugen Jehovas aufgewachsen, hätten früher zu ihnen gehört

oder seien von ihnen beeinflußt. Diesen Menschen zu helfen ist sehr

schwierig, wenn man nichts darüber weiß, welche Triebkraft hinter

den Lehren dieser Gemeinschaft liegt und welche allgemeinen

Stressfaktoren aus dem Glaubensgebäude und dem sozialen Milieu

resultieren.

 

Zudem ist es für einen einigermaßen ausgeglichen lebenden Menschen

oft schwer, die Lage anderer voll zu begreifen, besonders wenn sie

einem so autoritären Glauben wie dem der Zeugen Jehovas angehören.

Für den Außenstehenden genügt aber bereits eine kurze Orientierung,

um über einige der gravierendsten Probleme der Zeugen Bescheid zu

wissen, ohne deren Kenntnis man dem einzelnen kaum helfen könnte.

Das gilt für professionelle Helfer genauso wie für

Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn.

 

Das auslösende Moment für die vorliegende Studie war und ist das

tiefe Mitgefühl mit den Zeugen. Der Autor fühlt sich ihnen seit

vielen Jahren zutiefst verbunden. Weil es darum geht zu helfen,

wurde alles unternommen, um fair und genau zu sein. Vor allem sollen

die Zeugen Jehovas als Menschen gesehen und verstanden werden.

Geschichte und Lehren der Gemeinschaft werden nur dort angesprochen,

wo es zum Verständnis der psychologischen Zusammenhänge gebraucht

wird. Dieses Werk ist aufschlußreich für alle diejenigen, die

menschliches Verhalten untersuchen, insbesondere das innerhalb von

kleinen Gruppen, sowie Erforscher der Religionen Nordamerikas und

der Zeugen Jehovas als spezifischer religiös-sozialer Gruppierung.

Soziologen, Therapeuten, Lebensberater, Psychiater, Pfarrer,

Gemeindeglieder und die Zeugen selbst werden aus diesem Überblick

Nutzen ziehen. Viele Psychologen haben ihr Interesse an einer

psychologischen Untersuchung der Zeugen bekundet. Kogon (1946:365)

schreibt:

 

"Wie reizvoll wäre es [...], [...] eine Psychologie der

Bibelforscher zu schreiben! Obwohl sie in der Regel

mittelständlerischen Berufsschichten von einfacher Denk- und Fühlart

entstammten, entfalteten sie im Konzentrationslager einen wahren

Regenbogen seelischer Reaktionen und äußerer Verhaltensweisen, der

sich zwischen den Polen hoher Jenseitserwartung und tiefirdischen

Eß-, ja Freßappetits spannte."

 

Was an soziologischen und psychologischen Erkenntnissen vorliegt,

ist leider so verschwindend gering, daß man versucht ist, seine

Schlußfolgerungen mehr auf persönliche Ansichten als auf saubere

Forschung und aussagekräftige Daten stützt. Die Zeugen Jehovas

meinen oft, sie müßten "beweisen", daß es in ihren Reihen nur wenige

Fälle psychischer Erkrankungen gibt, während viele ihrer Gegner

aller Schattierungen versessen darauf aus sind, das Gegenteil zu

zeigen. Zur Feststellung der tatsächlichen Gegebenheiten ist die

vorurteilsfreie Untersuchung durch einen Wissenschaftler notwendig,

der kein Eigeninteresse daran hat, eine hohe oder niedrige Quote

nachzuweisen. Notwendig ist allein das Ziel, die Wirklichkeit zu

verstehen, und der Wunsch, den Zeugen zu helfen.

 

 

 

 

Das Problem der Kausalität

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Die Ermittlung der Ursachen stellt ein besonders verzwicktes Problem

dar, das heißt die Frage, ob Faktor A den Faktor B hervorruft. Bei

der Bewertung psychischer Erkrankungen stützt man sich oft auf

Korrelationsberechnungen, die nicht unbedingt beweisen, daß ein

ursächlicher Zusammenhang vorliegt, sondern einfach, daß überhaupt

ein Zusammenhang besteht. So können die einen psychisch erkranken,

weil sie Zeugen Jehovas sind, während andere Zeugen Jehovas werden,

weil sie sehr unglücklich sind und eventuell der Ausbruch einer

Krankheit bevorsteht. Meistens sind viele verschiedene Faktoren

dafür verantwortlich, daß jemand ein Zeuge wird, und einige davon,

aber auch viele weitere rufen auch psychische Erkrankungen oder

Traurigkeit hervor. Manche erkranken auch aus anderen Gründen als

den Faktoren A und B, so wie man inzwischen die Bedeutung von

Erbfaktoren immer besser versteht. Das Tragische ist, daß viele

unzureichend behandelt werden und daß man sie für Krankheitszeichen

verantwortlich macht, die auf Vererbung beruhen oder sonstwie

außerhalb ihrer Einflußmöglichkeiten liegen.

 

Manche der Verallgemeinerungen in dieser Abhandlung sind

zugegebenermaßen meine eigenen. Sie gründen sich jedoch in den

meisten Fällen nicht nur auf intensive Forschung, sondern auch auf

eine über zwanzigjährige Erfahrung des Lebens als Zeuge Jehovas. Wie

schon erwähnt, gab es wenige Forschungsergebnisse, auf die ich mich

stützen konnte. Nur sehr wenige Forscher haben sich mit den

soziologischen und psychologischen Aspekten der Religion der Zeugen

Jehovas befaßt und noch viel weniger mit der Frage ihrer seelischen

Gesundheit. Da es in den USA nur reichlich eine dreiviertel Million

Zeugen gibt, hätte man selbst bei einer hohen Krankheitsquote nur

eine verhältnismäßig kleine Anzahl psychisch Kranker. Darüber hinaus

gibt es insgesamt nur sehr wenige gute psychologische Untersuchungen

über die Beziehung zwischen seelischer Gesundheit und Religion,

abgesehen von solchen, die die groben Kategorien "Katholisch,

protestantisch, jüdisch" zugrundelegen. Sogar innerhalb der größeren

protestantischen Sekten liegen wenige abgeschlossene und

aussagekräftige Untersuchungen vor, und diese beruhen in weiten

Teilen auf Spekulation (Penton 1985). Große Schwierigkeiten hat man

auch deswegen, weil die Gruppen, um die es geht, statistisch gesehen

so unbedeutend sind.

 

 

 

 

Kapitel 1:

 

Jehovas Zeugen und das Problem der psychischen Erkrankungen

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"Jehovas Zeugen sind das glücklichste Volk auf Erden. Wir brauchen

einen Psychiater noch weniger als sonst irgend jemand." Diese

Behauptung wird gegenüber Zeugen und Außenstehenden oft erhoben

(siehe beispielsweise in Erwachet! vom 22. Mai 1960, S. 27,28). Und

Außenstehende können auf den ersten Blick sehr wohl den Eindruck

haben, daß sie "ein glückliches Volk" sind. In letzter Zeit aber

ergibt sich aus der Forschungs- und der allgemeinen Literatur ein

ganz anderes Bild. Es hat sich nämlich gezeigt, daß psychische

Probleme unter Jehovas Zeugen ziemlich häufig auftreten.

[...]

 

Zusammenfassung

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Innerhalb des Glaubensgebäudes der Zeugen Jehovas gibt es viele

Faktoren, die eine positive geistige und emotionale Entwicklung

ermöglichen. Genauso aber auchg viele Faktoren, die extrem

beeinträchtigend wirken. Oft sind sie schwierig auseinanderzuhalten,

und wie sie sich auswirken, hängt zum großen Teil von der besonderen

Lage des einzelnen ab. Doch trotz allem lassen sich klare

Zusammenhänge orten und herausschälen. Als sehr großes Problem

erweist sich allerdings die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den

Zeugen und den Angehörigen der helfenden Berufe. Die Tatsache, daß

die Wachtturm-Gesellschaft sich in dieser und vielen anderen Fragen

so unbeweglich verhält, ist einer der Hauptgründe dafür, daß

psychische Erkrankungen auftreten und daß sich eine allgemein

fortschreitende Entfremdung vieler Zeugen von ihrer Organisation

einstellt.

 

Das Engagement in einer festgefügten, unterstützenden sozialen

Gruppie-rung kann zu intellektuellem, spirituellem, emotionalem

Wachstum und zu einer Verbesserung der Lebenstüchtigkeit führen,

sofern diese Umgebung eine Entwicklung auf diesen Gebieten

befürwortet. Wenn andererseits alle Gedanken um eine kurz

bevorstehende Zukunft kreisen, in der alle Probleme automatisch und

schmerzlos gelöst werden, dann wird man sich nicht um eine Besserung

seiner gegenwärtigen Lage bemühen. Den Zeugen wird ganz offen davon

abgeraten, Verbesserungen in den verschiedensten Lebensbereichen

anzustreben, besonders dem der Bildung, des beruflichen Werdegangs

und des wirtschaftlichen Aufstiegs, alles Bereiche, die sehr wichtig

sind für eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft.

Aktivität wird nur auf jenen Gebieten gefördert, die den Zielen der

Wachtturm-Organisation dienen.

 

Nicht immer ist der Einfluß, unter dem die Zeugen stehen, zum Guten.

Wer sich mit der Sache der Zeugen immer mehr identifiziert und sich

für sie engagiert, wird sich auch gefühlsmäßig daran binden. Wie zu

erwarten, führt das zu einer Verteidigungshaltung gegenüber

Gedankengut, das als nicht vereinbar mit den theologischen

Vorstellungen der Zeugen angesehen wird, unabhängig davon, ob diese

Gedanken wahr oder falsch sind. Das führt dazu, daß die Gläubigen

immer weniger fähig sind, die Wirklichkeit korrekt einzuschätzen,

sie stattdessen zensieren oder verzerren, weil sie alles durch die

Brille ihres Glaubens sehen. Der feste Glaube an das Bevorstehen

Harmagedons und eines ewigen Lebens auf der Erde wirkt sich auf den

Gläubigen sowohl günstig wie ungünstig aus. Positiv wirken sich

Wahnideen als Glaube an die eigene Unsterblichkeit aus, so daß man

mit einer alles überwältigenden Angst vor einem bevorstehenden Tod

besser fertig wird (Masserman 1953:324-333). Ärzte, die mit

chronisch und unheilbar Kranken zu tun haben, stellen fest, daß

Patienten mit festen religiösen Ansichten ihre Krankheit viel besser

bewältigen (Chesen 1972). Alles was den Glauben an die

Unsterblichkeit reduziert, löst Angst vor dem Tod aus und ruft

Depression und - ironischerweise - einen Anstieg der Selbstmordquote

hervor. Selbstmord findet man daher häufig bei denen, die aus dem

Berufsleben ausgeschieden sind, denen, die über 65 sind, den

Verwitweten und überhaupt allen, die kurz zuvor einen geliebten

Menschen verloren haben, denn dieses Erlebnis macht einem die

Wirklichkeit des Todes hautnah spürbar, was nicht selten in die

Verzweiflung führt (Klob 1977).

 

 

 

 

Kapitel  2:

 

Zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Zeugen Jehovas

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Den im Gesundheitswesen Tätigen wird immer deutlicher bewußt, wie

hoch die Anzahl psychischer Erkrankungen und Selbstmorde unter

Jehovas Zeugen ist. Auf wissenschaftlichen Kongressen, so ist mir

aufgefallen, kommt es gar nicht selten vor, daß man Jehovas Zeugen

zur Sprache bringt, wenn das Thema Religion und seelische Gesundheit

behandelt wird. Fälle von psychischen Erkrankungen unter den Zeugen

sind so häufig, daß sie in schriftlichen Abhandlungen zu diesem

Thema oft mit erwähnt werden. In manchen Orten, besonders in

Großstadtbereichen, kommen Probleme von Zeugen Jehovas routinemäßig

in den Besprechungen von Gesundheitsbeamten vor (Pearsal 1981). Eine

große Nervenheilanstalt hat schon den Spitznamen "Watchtower House"

bekommen, zum Teil wegen der vielen Patienten dieser

Glaubensgemeinschaft, doch vor allem, weil diese Patienten dort sehr

auffallen durch aktives Verbreiten ihrer Ansichten. Die Probleme der

Zeugen sind inzwischen wohlbekannt, nur die Gründe dafür werden noch

nicht hinreichend verstanden.

 

 

Einige Probleme bei der Ermittlung von Häufigkeiten

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Mehrere Faktoren müssen untersucht werden, wenn man die Häufigkeit

psychischer Erkrankungen ermitteln will. Die Höhe des Wertes ist

abhängig von der Definition von "psychischer Erkrankung", für die

sich der Forscher entscheidet, denn dieser Begriff spaltet das

Kontinuum zwischen vollkommener geistiger Gesundheit und

vollständigem Irresein willkürlich in zwei Teile. Die Extreme sind

leicht erkennbar, kommen aber selten vor. In Wahrheit sind wir alle

irgendwo zwischen diesen beiden Extremen anzusiedeln. Legen wir

einen weiten, offenen Maßstab für psychische Krankheit an, so

könnten wir zu dem Ergebnis gelangen, daß 80 Prozent aller Zeugen

psychisch krank sind. Nehmen wir einen strengen Maßstab, stellen wir

vielleicht fest, daß es nur zwei Prozent sind. Die Zahl kann also

hoch oder niedrig sein, je nachdem, welchen Maßstab wir wählen.

 

Die ideale Methode wäre, nach dem Zufallsprinzip 1000 Zeugen Jehovas

und genauso viele Nicht-Zeugen auszusuchen, jede Stichprobe

repräsentativ für die Gesamtbevölkerung des Landes. Wenn zwölf

Prozent der US-Bevölkerung Schwarze sind, 52 Prozent Frauen usw.,

dann sollte das bei der Kontrollgruppe ebenso sein. Als nächstes

würde der Forscher jeden Angehörigen dieser Gruppen nach strengen,

objektiven Kriterien einer Serie psychologischer Tests unterziehen.

Das Personal, das die Tests durchführt und auswertet, darf dabei

nicht wissen, welche Gruppe gerade getestet wird. In einem letzten

Schritt vergleicht man die Fähigkeit beider Gruppen zu psychischer

Anpassung anhand der Testergebnisse. Auf diese Weise ließe sich das

Anpassungsniveau der Zeugen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

feststellen. Der Test müßte sorgfältig ausgesucht werden, um

sicherzustellen, daß er nur relevante Variablen mißt. (Der MMPI-Test

beispielsweise schätzt "normale" Zeugen Jehovas, die an Dämonen usw.

glauben, verkehrt ein.)

 

Leider wird es diese ideale Untersuchung niemals geben. Erstens

nehmen Jehovas Zeugen kaum jemals an Untersuchungen teil, die ihre

Organisation durchleuchten wollen, und wenn sie es täten, dann

würden sie versuchen, die Organisation im besten Licht erscheinen zu

lassen. Sie glauben, Außenstehende wollten doch nur kritisieren, so

daß die ganze Mühe eine reine Zeitverschwendung sei. Sie wollen ihre

Zeit in diesen letzten Tagen mit dem Predigen verbringen, nicht mit

wertlosen Untersuchungen. Zudem wäre eine solche Untersuchung sehr

kostspielig. Kaum ein Geldgeber wird auch nur den Mindestsatz an

Forschungsmitteln zur Verfügung stellen, wenn es sich um eine

Randgruppe handelt, die nach Meinung vieler ohnehin bedeutungslos

ist.

 

Man sollte nicht nur die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen

erforschen, sondern auch die individuellen Faktoren, die dazu

beitragen. Zum Beispiel ließen sich die Zeugen unterteilen in

untätige, kaum tätige, durchschnittlich aktive, überdurchschnittlich

aktive und äußerst aktive und dann könnte man die seelische

Gesundheit jeder einzelnen Gruppe erfassen. Damit ließe sich recht

gesichert feststellen, inwieweit das Ausmaß an Aktivität bei den

Zeugen zu psychischen Erkrankungen beiträgt. Nach meiner Erfahrung

gibt es Hinweise darauf, daß der Grad des aktiven Engagements mit

emotionalen Fehlanpassungen etwas zu tun hat, aber daß dies nur sehr

untergeordnet ist. Die Zeugen nehmen zwar vor allem diejenigen wahr,

die als sehr Aktive einen Zusammenbruch erleiden, doch nach meinen

Statistiken ist der Grad der Aktivität allein nicht unbedingt einer

der Hauptfaktoren. Wer viel Zeit und Kraft seines Lebens in diese

Sache gesteckt hat und viele schwere Enttäuschungen erlebt, der wird

oft ganz enttäuscht sein, das Leben vergeudet zu haben. Oft ist die

Enttäuschung der Faktor, der die psychischen Probleme verursacht,

nicht so sehr der Grad der Aktivität. Solche, die sich ganz

besonders engagiert haben, fallen am tiefsten, weshalb die Trennung

für sie am traumatischsten ist (Franz 1983).

 

Und es gibt weitere Schwierigkeiten: Nach vielen Definitionen von

psychischer Krankheit würden Jehovas Zeugen schon wegen vieler ihrer

Glaubensansichten als "auffällig" eingestuft werden, da sie nicht

mit denen der Bevölkerungsmehrheit übereinstimmen. Aufgrund ihrer

Lehren handeln und verhalten sie sich anders als der

"Durchschnittsbürger". Ein Verhalten, das von der Norm abweicht, ist

per Definition "anormal", "eigenartig". An eine unmittelbar

bevorstehende Schlacht von Harmagedon zu glauben, in der fast die

gesamte Welt vernichtet wird und nur die treuen Zeugen überleben

werden (die dann für immer auf einer paradiesischen Erde leben

werden), das weicht völlig vom Weltbild der Allgemeinheit ab. Wer so

etwas vertritt, setzt sich von der Mehrheit ab. Wer als Zeuge

Jehovas alle Lehren seiner Gemeinschaft glaubt, zeigt ein

abweichendes Verhalten, wenn man ihn mit einem Außenstehenden

vergleicht. Er verhält sich aber sehr angepaßt, vergleicht man ihn

mit dem sozialen System innerhalb der Zeugen Jehovas. Vielfach sind

Zeugen nicht in der Lage, sich gegenüber Außenstehenden anzupassen,

können dies aber innerhalb der Gemeinschaft recht gut. Von solchen

Fällen erfahren Psychologen und Psychiater fast nie etwas. Würde man

sie in der Statistik mit erfassen, so wäre die Quote der seelischen

Erkrankungen bei Jehovas Zeugen um ein Mehrfaches höher. (Viele

Zeugen leiden an einem ständigen Mißtrauen gegenüber Außenstehenden

und versuchen, den Kontakt mit ihnen soweit irgend möglich zu

meiden, abgesehen von den normalen Alltagskontakten.) Doch obwohl

die meisten in ihrer eigenen Welt gut angepaßt sind und bestens mit

Ihresgleichen umgehen können, würde die Diagnose recht häufig

"paranoide Persönlichkeitsstruktur" lauten.

 

Dieses Verhalten zeigen die meisten nach außen abgeschlossenen

Gruppen. Die klare Trennung in "Wir" und "die anderen" kennzeichnet

sogar recht viele soziale Kollektive. Trotzdem sind viele Forscher

der Ansicht, darin spiegele sich ein Fehlverhalten, und sehen es

dementsprechend als pathologisch an, zumindest als schlecht

angepaßt. So sagt Christensen (in Oates 1961:247): "Ganz gleich, ob

ein Glaube nun von einzelnen oder von der Gesellschaft als normal

oder anormal angesehen wird, er läßt sich stets in pathologischer

Weise einsetzen." Aus diesem Grund ist es nötig zu ergründen, wie

einzelne Zeugen mit bestimmten Glaubensansichten umgehen, wenn man

ermitteln will, wie sie mit Alltagsproblemen fertigwerden. Der

Glaube an eine bevorstehende neue Welt kann dazu benutzt werden,

eine generell optimistische Grundhaltung zu erzeugen, dem Leben

einen Sinn zu geben und sich von den Enttäuschungen des Alltags

nicht zu sehr erschüttern zu lassen. Ein anderer Zeuge dagegen kann

denselben Glauben als Fluchtmittel benutzen, um den täglichen

Problemen zu entgehen, und statt in der Gegenwart in seiner eigenen

"neuen Welt" zu leben.

 

Uns geht es daher hier nicht so sehr um die Ablehnung der Außenwelt

durch die Zeugen (die sich bei vielen, doch keineswegs bei allen

zeigt), noch um deren Bestreben, die eigene Gruppe zu glorifizieren,

sondern um ihre mangelnde Anpassungsfähigkeit im Umgang mit

Außenstehenden und Glaubensgenossen gleichermaßen. Im Licht der

genannten Tatsachen ist es zwar schwierig, die Häufigkeit

psychischer Erkrankungen bei den Zeugen genau zu ermitteln, doch die

im folgenden zu besprechenden Studien zeigen, daß sehr vieles darauf

hindeutet, daß die Quote signifikant über derjenigen der

Durchschnittsbevölkerung liegt. Die Ursache dafür ist in Faktoren zu

suchen, die im wesentlichen außerhalb des sozialen Systems der

Zeugen liegen und die für das pathologische Verhalten

ausschlaggebend sind. Einige Teile des sozialen Gefüges der

Wachtturm-Bewegung müssen scharf verurteilt werden, andere sind

lobenswert. Darum fällt es vielen auch so schwer, sich von dieser

Organisation zu trennen. [...] [Es folgt die Darstellung und

Besprechung der Studien von Spencer (1975), Janner (1963), Pescor

(1949), Rylander (1946) und Montague (1977).]

 

Folgerungen aus den vorliegenden Untersuchungen

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Soweit das veröffentlicht vorliegende Untersuchungsmaterial über die

seelische Gesundheit der Zeugen Jehovas. Das ganze Gebiet der Sekten

muß unbedingt gründlicher und vertieft erforscht werden, zieht man

die Auswirkungen in Betracht, die sie auf das Leben so vieler

Menschen haben. Zur Zeit laufen mehrere Untersuchungen, die nicht

nur die Frage der genauen Quote psychischer Erkrankungen unter

Jehovas Zeugen, sondern auch die Ursachen für die hohe Anzahl klären

können.

 

Aus den bisher vorliegenden Forschungsberichten lassen sich

vergleichende Schlüsse nur schwer ziehen, da sie aus verschiedenen

Zeiten und Ländern stammen, doch stimmen sie auffällig darin

überein, daß die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Jehovas

Zeugen überdurchschnittlich ist.

[...]

 

 

 

 

Kapitel 3:

 

Wie die Zeugen auf Forschungen auf diesem Gebiet reagieren

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Zusammenfassung

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Wenn Jehovas Zeugen von Beweisen für eine hohe Anzahl psychischer

Erkrankungen in ihren Reihen hören, reagieren sie darauf im

allgemeinen so, daß sie erstens die Fakten leugnen, zweitens

versuchen, beschwichtigende Gründe aufzuführen, drittens die Motive

der beteiligten Wissenschaftler in Frage stellen, und viertens das

Problem einfach ignorieren und nicht konkret darauf eingehen. Die

letzte Reaktion ist die häufigste und wohl die tragischste.

 

Die Wachtturm-Gesellschaft rät den Zeugen im allgemeinen davon ab,

sich bei psychischen Erkrankungen den Rat des Fachmanns zu holen,

wenn dies auch nicht kategorisch ausgeschlossen wird. Doch sind die

meisten der festen Überzeugung, sie sollten keinen Psychologen oder

Psychiater aufsuchen. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß

die Wachtturm-Gesellschaft das gesamte Fachgebiet häufig schlecht

macht. Stattdessen soll man sich bei seelischen Problemen -kleinen

wie großen - an die Ältesten der Versammlung wenden, die zum großen

Teil einer weltlichen Beschäftigung als Arbeiter oder Handwerker

nachgehen.

 

 

 

Kapitel 4:

 

Welche Faktoren zur hohen Zahl Erkrankungen beitragen

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Wer die Psychologie der Zeugen Jehovas verstehen will, muß

untersuchen, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen. Ihre Sicht von der

Welt wird von ihrem Ichideal verzerrt. Um wirkungsvoll im Leben

zurechtzukommen, muß man sich ein funktionierendes Weltbild

aufbauen. Dieses Idealbild wirkt sich dann seinerseits auf die

Lebensweise und Handlungen aus. Ein genaues Weltbild ermöglicht dem

Menschen, ein sinnvolles und befriedigendes Leben zu führen (Cox

1973).

 

Die Deutung, die die Zeugen Jehovas der Wirklichkeit geben, wird

fortlaufend verstärkt dadurch, daß sie sich gegen soziale Kontakte

mit Personen außerhalb der Wachtturm-Organisation aussprechen und

dafür zum Umgang mit anderen Zeugen ermuntern. So sind sie fast

ausschließlich nur einer einzigen Sichtweise ausgesetzt, der der

Wachtturm-Gesellschaft. Alle Fakten, die dieser widersprechen,

werden als Teil der "Welt Satans" zurückgewiesen und sind darum

wertlos. Oft wird Glaube mit Rigidität, Starrheit, gleichgesetzt.

Wer an den Wachtturm-Meinungen und -Ideen festhält und sich nicht

durch Vernunft oder Fakten davon so leicht abbringen läßt, gilt als

"glaubensstark". Die Starrheit zeigt sich aber hauptsächlich in den

von der Religion unmittelbar betroffenen Lebensbereichen. So ließen

sich die Zeugen in Malawi grausam verfolgen, weil sie sich

weigerten, für weniger als eine Mark eine Ausweiskarte zu kaufen,

denn das hätte nach ihrer Auffassung "Götzendienst" bedeutet. Ihre

Loyalität gehört voll und ganz der Wachtturm-Gemeinschaft, und

deshalb können sie sich keiner anderen Autorität anpassen, auch

nicht rein äußerlich. Da diese Starrheit sich auf ein Gebiet

erstreckt, das ihrer Ansicht nach mit Religion in Zusammenhang

steht, sehen sie sie als "Glauben" an (siehe Franz 1983). Auf

anderen Gebieten, wie dem Bau von Versammlungsstätten

("Königreichssälen"), sind die Zeugen äußerst pragmatisch und offen

für die neuesten Entwicklungen.

 

Rigidität steht mit dem Autreten von Selbstmorden und psychischen

Erkrankungen in Verbindung (Wolff 1970:37). Durch eine streng

autoritäre Erziehung werden Jehovas Zeugen seit jeher angehalten,

feindselige Gefühle zu unterdrücken oder zu sublimieren (Sprague

1943). Wer seine Gefühle auslebt, wird üblicherweise streng

zurechtgewiesen und damit gezwungen, die feindseligen Regungen nach

innen zu lenken. Die Folge sind Depressionen oder sogar

verschleierte Aggressionen. Dringen feindselige Triebe ins

Bewußtsein, so ruft das gewöhnlich Schuld hervor. Das wiederum

verstärkt die Feindseligkeit nur und führt, wie leicht vorhersehbar,

zu noch mehr Depressionen. Die meisten sozialen Gruppen werden mit

solchen feindseligen Gefühlen fertig, indem sie sie in konstruktive

Tätigkeiten ableiten. Den Zeugen aber wird von den meisten gängigen

konstruktiven Betätigungen abgeraten. Wie noch gezeigt werden wird,

wendet man sowohl verbale Kritik wie auch Gruppendruck an, um die

Zeugen von der Beschäftigung mit ausgleichenden Tätigkeiten wie

Fotografie, Modellbau, allen Formen des Sammelns und den meisten

sportlichen Aktivitäten (abgesehen von ganz seltener Ausübung in der

Freizeit) abzuhalten. Die wenigen Ablenkungen, die sich die Zeugen

gestatten, reichen gewöhnlich nicht aus, um die bei manchen über

Jahre hinweg angestaute Feindseligkeit wirkungsvoll zu sublimieren.

 

Selbst vom Einsatz von Tranquilizern und Anti-Depressiva bei

psychischen Erkrankungen wird abgeraten. Bei den Zeuginnen ist es

der Normalfall, in der Menopause jede Hormonbehandlung abzulehnen.

Eine Zeugin litt an schweren Depressionen und Selbstzweifeln und

hatte hochgradige Probleme im Umgang mit anderen, weil sie eine

Hormonbehandlung ablehnte - bis dann im Erwachet! (vom 22. 8.

Oktober 1975) ein Artikel erschien, der den Zweck von Hormonspritzen

erklärte. Es wurde darin angedeutet, daß es "nicht in jedem Fall

unangebracht" sei, sich dieser Therapieform zu unterziehen. Doch bis

der Wachtturm seine Gutheißung ausgesprochen hatte, befand sie sich

bereits in einem solch schweren Stadium ihrer Depression, daß sie

völlig verzweifelt war. Durch die richtigen Medikamente erholte sie

sich äußerst rasch und war bald vollständig wiederhergestellt. Ihr

Ehemann, ein Ältester, stand der ganzen Entwicklung unbeteiligt

gegenüber und betonte, sie könne tun, was sie wolle.

 

Dieser Fall veranschaulicht mehrere Dinge zugleich. Als erstes muß

das typische Mißtrauen gegenüber allen Fachleuten, die nicht zur

Wachtturm-Organisation zählen, genannt werden, ganz besonders

gegenüber Medizinern und Psychologen (Salzman 1951; Penton 1985). Im

beschriebenen Fall lehnte die Patientin die von ihrem Arzt

empfohlene Hormonbehandlung ab. Viele Zeugen verlassen sich lieber

auf eine "natürliche" Heilung, worunter sie vor allem gute

Ernährung, Vitamin-oder Mineralienkuren und Ruhe verstehen. Darüber

hinaus besteht eine Neigung, etwas nur dann als akzeptabel

anzusehen, wenn die Wachtturm-Organisation es ausdrücklich gebilligt

hat. Solange sie sich zu einer Behandlungsform oder Tätigkeit noch

nicht geäußert hat, fürchtet man, sie könnte verkehrt sein, und man

meint dann meistens, es sei das beste abzuwarten, bis man sicher sei

(Rogerson 1969).

 

Darüber hinaus besteht ein generelles Mißtrauen gegenüber allen

Glaubensfremden und damit praktisch gegenüber allen Ärzten

(insbesondere Psychiatern und Nervenärzten) und Psychologen.

Ironischerweise kommt auch Mißtrauen gegenüber Ärzten aus den

eigenen Reihen häufig vor. Für die meisten Zeugen Jehovas zählen die

wenigen Zeugen, die Ärzte sind (etwa ein Arzt pro Bundesstaat in den

USA [in Deutschland etwa ebenso; Anm.d.Üb.]) eher zu den

Außenstehenden. So kommt es, daß ein Zeuge Jehovas mit

Hochschulabschluß, selbst wenn er Ältester ist, bis zu einem

gewissen Grad als "Teil der Welt" angesehen wird. Da die Mehrzahl

der Zeugen einfachen Beschäftigungen nachgeht (bei den Männern

trifft man in den USA am häufigsten die handwerklichen Berufe an,

von den Frauen sind die meisten überhaupt nicht außer Haus tätig),

sieht man in einem Zeugen, der einem akademischen Beruf nachgeht,

gar nicht so recht einen Glaubensbruder, schon weil man es nicht

gewohnt ist. Damit in Zusammenhang sollte erwähnt werden, daß sich

bei den wenigen besser gebildeten Zeugen ein deutlicher Respekt

gegenüber den seltenen Akademikern unter ihnen zeigt (Penton 1985).

 

Die wenigen Psychologen und Psychiater unter den Zeugen sind in

ihrem Möglichkeiten, Hilfe zu leisten, sehr beschränkt. Die

allgemeine Reaktion der Zeugen Jehovas ihnen gegenüber lautet oft

sinngemäß: "Warum wird diesem Menschen nicht die Gemeinschaft

entzogen dafür, daß er Jehova die Zeit stiehlt, um sich weltliche

Weisheit anzueignen statt der höheren Weisheit Gottes? Er vergeudet

nur seine Zeit, statt sie zu nutzen, um rechtgesinnten Menschen

beizustehen, in Gottes Organisation zu gelangen." Angesichts dieser

Einstellung ist es fraglich, ob mit Zeugen überhaupt das nötige

Arzt-Patienten-Verhältnis zustande kommt. Besser ist es, wenn ein

Zeuge seine Ausbildung abgeschlossen hat, bevor er oder sie zu der

Gemeinschaft stößt, denn das wird erheblich leichter akzeptiert.

Dann herrscht die Ansicht vor, ein Mensch, der einer Ausbildung

nachging, während er noch kein Zeuge war, tat dies "in

Unwissenheit", wogegen ein aktiver Zeuge, der es tat, während er in

der Wahrheit war, "in vollem Bewußtsein seines Fehlverhaltens

sündigte".

 

Vergebung der Sünden

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Eine geschichtlich bedeutende Funktion der Katholischen Kirche war

die Vergebung der Sünden durch die Priester. Untersuchungen haben

ergeben, daß diese Zeremonie in hohem Maße zur Verminderung von

Schuldgefühlen beiträgt (Torrey 1974). Wer von einem Menschen in

herausgehobener Position erfährt, daß er akzeptiert ist, akzeptiert

sich selbst besser und entwickelt auch leichter ein starkes

Selbstbild, beides wichtige Hilfen für ein ausgeglichenes

Gefühlsleben. Für den Erfolg der Therapie kommt es darauf an, daß

der Patient glaubt, der ihm Vergebende sei eine hochstehende und

fähige Person. Psychische Hilfe von kirchlicher Seite wird also in

erster Linie bei religiösen Menschen wirken und wenn sie von einer

geachteten Autoritätsperson kommt. Die Ältesten der Zeugen Jehovas

sind für dieses Werk sehr viel weniger geeignet, zum Teil deswegen,

weil sie sich ein falsches Bild von der Lebensweise des

Durchschnittszeugen machen. Die Wachttzurm-Organisation ist sehr

darum bemüht, die Zeugen als äußerst moralische, aufrechte und

mitfühlende Menschen darzustellen - eben als das Klischee vom

idealen Christen. In Wirklichkeit verhalten sich viele aber ganz

anders.

 

Wer in der Gemeinschaft aufgewachsen ist oder engen Kontakt mit sehr

vielen Zeugen pflegt, bekommt am ehesten mit, daß der

Durchschnittszeuge weit vom Bild des idealen Zeugen entfernt ist. Da

die einzelnen sich meistens erst als Erwachsene bekehren, haben sie

nie den engen, ehrlichen Umgang miterlebt, den man kennen muß, um zu

einer wirklichkeitsgetreuen Wahrnehmung des Verhaltens der Zeugen zu

kommen. Im Laufe der Zeit haben enttäuschende Erfahrungen und die

Angst vor einem Gemeinschaftsentzug oder anderer Mißbilligung sie

gelehrt, daß man kaum jemals gegenüber einem Glaubensbruder oder

einer Glaubensschwester völlig offen und ehrlich sein kann.

Offenheit hat oft ein Nachspiel seitens der engen Vertrauten und der

Ältesten. Die Loyalität der Zeugen geht so weit, daß es bisweilen

schwer fällt, überhaupt enge Freundschaften in ihren Reihen zu

schließen. Der vertraute Umgang führt dazu, daß man die Fehler des

anderen und seine Zweifel an der Wachtturm-Organisation kennenlernt.

Und da die Loyalität gegenüber der Wachtturm-Organisation bei den

meisten höher steht als die gegenüber ihrem Glaubensbruder, kommt es

leicht vor, daß sie die Schwächen ihrer "Freunde" den Ältesten

melden. Das kann dann zu Verlust an "Vorrechten" in der Gemeinde und

zu Geschwätz führen, man wird von den anderen gemieden oder sogar

ausgeschlossen. Wer erlebt, daß jemand, von dem man meinte, er sei

ein echter Freund, und dem man sich anvertraut hat, dann anderen

davon erzählt, der wird immer enttäuscht sein. Was daher die Zeugen

wirklich denken und fühlen und wie sie handeln, wird nicht nur von

der Wachtturm-Organisation unter den Teppich gekehrt und beschönigt,

auch die einzelnen Mitglieder tragen dazu bei, daß sich nach außen

ein besseres Bild ergibt, als es der Realität entspricht. Als ich

für Forschungsarbeiten bei einem Landgericht tätig war, arbeitete

ich dort mit einem Zeugen zusammen, der der örtlichen Versammlung

angehörte. In derselben Versammlung war auch ein anderer Zeuge, der

kurz zuvor wegen Mordes verurteilt worden war. Auf meine Frage: "Was

machen denn die [Schneiders]?" antwortete der Zeuge: "Wieso? Es geht

ihnen bestens, das ist eine ganz großartige Familie." Weitere

Erkundigungen ergaben, daß der Zeuge keine Ahnung hatte, welche

großen Probleme diese Familie hatte, und das, obwohl er am Gericht

beschäftigt und zugleich Pionier und Ältester in dieser Versammlung

war. Er erinnerte sich nur, daß die Familie schon lange keine

Zusammenkünfte mehr besucht hatte. Es war höchst überraschend, daß

er den Fall nicht kannte, der nebenbei bemerkt ein großes Echo in

der Presse gefunden hatte. Dieses Beispiel mag extrem sein, doch

ungewöhnlich ist es nicht, und es ist ein Beleg dafür, wie wenig der

Durchschnittszeuge in der Lage ist, das Verhalten typischer wie

untypischer Zeugen Jehovas zu beurteilen.

 

Da Zeugen Jehovas die Wachtturm-Gesellschaft als praktisch

vollkommene Organisation hinstellen wollen, spricht man selten über

Fehlverhalten. Wird ein Fall öffentlich bekannt, spielt man

gewöhnlich die Zugehörigkeit des Täters herab. Ist ein Zeuge in ein

Verbrechen verwickelt, so legt man sich rationale Erklärungen

zurecht, indem man annimmt, "er war bestimmt schon seit Monaten oder

Jahren untätig" oder "er kann ja gar kein richtiger Zeuge gewesen

sein, wenn er solch einen Mord beging".

 

Als mehrere Einzelpersonen, die als Zeugen aufgewachsen waren,

Verbrechen begingen, die im ganzen Land bekannt wurden, hieß es von

den Zeugen immer: "Die haben die Wahrheit nie angenommen, das können

sie gar nicht, wenn sie die Verbrechen begangen haben, für die sie

verurteilt wurden." Damit versucht man natürlich, den Unterschied

zwischen dem, wie ein Zeuge sein sollte, und dem, wie er manchmal

wirklich ist, wegzuerklären, denn die Abweichung ist einfach zu

schwerwiegend. In einem Brief vom 12. Januar 1984 schrieb die

Wachtturm-Gesellschaft über den Pop-Sänger Michael Jackson, er sei

  

 "... ein getauftes Mitglied der Christenversammlung. Doch sollte

man aus der Tatsache, daß er ein Zeuge Jehovas ist, nicht folgern,

daß die Gesellschaft oder die Versammlung, der er angehört, seine

Musik oder seinen gesamten Lebensstil gutheißt ... Manche,  die sich

Gott hingeben und sich taufen lassen, haben noch einige weltliche

Gewohnheiten, die die "alte Persönlichkeit" kennzeichnen, die noch

abgelegt werden muß (Epheser 4:22-24; Kolosser 3:7-10). Diese

Änderungen müssen auch nach der Taufe noch weiter vorgenommen

werden, während derjenige zur Reife voranschreitet. Das Christentum

muß eine Lebensweise sein und wir sollten unsere Freiheit als

Christen nicht als "einen Deckmantel für Schlechtigkeit" nutzen (1.

Petrus 2:16).

 

     Wir können zuversichtlich sein, daß die Ältesten seiner

Versammlung alles in ihren Möglichkeiten Stehende tun werden, ihm

beizustehen, um die notwendigen Änderungen vorzunehmen. Bis es so

weit ist, werden wir es in christlicher Liebe übersehen, wenn er in

der Vergangenheit unweise gehandelt hat. Es ist ganz klar, daß auch

er dem nachkommen muß, was von allen Christen erwartet wird, nämlich

daß er sich an biblischen Grundsätzen ausrichtet. Es ist

unglücklich, daß durch die herausragende Rolle, die er in der Welt

der Unterhaltung spielt, einige unweise Entscheidungen und

Handlungen von ihm besonders deutlich hervorgetreten sind, doch es

gibt keinen Grund, diese als Vorbild anzusehen, nach denen man sein

Leben ausrichten sollte. Niemand sollte aus der Tatsache, daß er

Zeuge Jehovas ist, schließen, für seine Musik seien die Grundsätze

der Gesellschaft nicht gültig. Wenn junge Leute meinen, sie müßten

sich am Vorbild eines Menschen aus der Unterhaltungsbranche

orientieren, so seien sie daran erinnert, daß Jesus Christus unser

Vorbild ist. Paulus sagte: "Werdet meine Nachahmer, so wie ich

Christi Nachahmer bin." Damit ist der Grundsatz festgelegt, daß es

weise ist, dem Vorbild reifer Christen aus der Versammlung zu folgen

(1. Korinther 11:1; Hebräer 13:7).

 

     Zur Frage, wie wichtig es ist, entwürdigende Musik zu meiden,

verweisen wir auf den Artikel im Wachtturm vom 15. Januar 1984,

Seiten 10-15. Welche Gefahren es mit sich bringt, wenn man

Moderichtungen folgt und Menschen als Idole verehrt, wird im

Erwachet! vom 8. Februar 1964 auf den Seiten 5-8 und im Wachtturm

vom 15. August 1968, Seiten 501-504 beschrieben.

...

              

       Eure Brüder im Dienste Jehovas

              Watchtower Bible and Tract Society of New York"

 

[Seit 1987 betrachtet sich Michael Jackson nicht mehr als Zeuge

Jehovas. Siehe dazu die Anmerkung in Kapitel 8. Anm.d.Übers.]

 

Die Zeugen halten hartnäckig an ihren Glaubensansichten fest, auch

wenn ihnen himmelschreiende Widersprüche allerorten vor Augen

stehen. Dies verschlimmert die bereits vorhandenen inneren

Konflikte, die dann dadurch abgeschwächt werden, daß man sie

wegerklärt oder indem man sich sowohl von der Außenwelt wie auch von

der Welt der Zeugen abkapselt. In jedem Fall führen diese

Widersprüche beim Einzelnen zu Zweifeln und inneren Konflikten.

Erzählt ein Zeuge von Fällen schweren Fehlverhaltens und von seinen

Schwierigkeiten, damit fertig zu werden, so wird er oder sie von den

anderen dann oft als "unreif" abgestempelt, als "jemand, der keine

auferbauende Gesellschaft darstellt". Das führt nicht selten dazu,

daß er oder sie von den anderen gemieden wird, die damit offenbar

versuchen, ihre eigenen Konflikte zu reduzieren. Diese Zurückweisung

schafft dem Zeugen wieder neue Probleme. Häufig spricht er überhaupt

nicht mehr über seine Sorgen, oder er vertraut sich nur noch den

wenigen einzelnen Zeugen an, denen zu vertrauen er gelernt hat.

 

Zu den häufigsten seelischen Leiden bei Zeugen Jehovas zählen

Depressionen, Schuldgefühle und innere Spannungen (Penton 1985). Da

die Wachtturm-Organisation nur wenige Möglichkeiten läßt, über

normale Aggressionen zu sprechen und mit ihnen umzugehen, werden sie

meist nach innen gelenkt und rufen dann unter anderem Depressionen,

Schuldgefühle, Nervosität und diverse körperliche Beschwerden

hervor. Zu beachten ist, daß ein Zeuge, der seinen Gefühlen,

Zweifeln und Fragen über bestimmte Wachtturmlehren Ausdruck

verleiht, als "schwach, unreif, ohne Glauben" abgestempelt wird,

weil er oder sie "Jehovas Organisation nicht mit ganzer Seele

ergeben ist". Nach einigen negativen Erfahrungen hört er oft auf,

seine Sorgen mit den Ältesten oder anderen Zeugen zu besprechen. Wer

sich niemand ungefährdet anvertrauen kann, behält seine Gefühle für

sich, und das verstärkt häufig die Depressionen und kann sogar zu

aggressivem Verhalten führen, nicht selten auch zum Einsatz

körperlicher Gewalt. Die vielen Probleme, die im Lehrgebäude der

Zeugen Jehovas enthalten sind, sorgen dafür, daß es unweigerlich zu

Konflikten kommen wird (Franz 1983). Mitglied der Gemeinschaft

bleiben dann vor allem jene Menschen, die sich der Abwehrmechanismen

Leugnung, Rationalisierung und Projektion bedienen. Leugnung wäre

beispielsweise, daß jemand sich wegen seiner religiösen

Überzeugungen weigert, etwas zu glauben, was allgemein bekannt ist,

so etwa, daß das physische Herz nicht der Sitz der Gefühle ist, wie

die Wachtturm-Organisation es lehrt, oder daß es im Bethel, der

Zentrale der Wachtturm-Organisation, schwerwiegende Alkoholprobleme

gibt. Trotz der vielen Beispiele hierfür (sowohl Rutherford, der

zweite Präsident der Organisation, wie auch Hayden Covingten hatten

schwere Probleme mit dem Alkohol) weigern sich viele einfach, die

Fakten anzuerkennen (siehe hierzu die Zeitungsberichte über den

Kongreß in Detroit 1942, Franz 1983 sowie Penton 1985).

 

 

Die Zeugen und Dämonen

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Projektion zeigt sich in der Neigung der Zeugen, Probleme innerhalb

der Gemeinschaft äußeren Ursachen zuzuschreiben, besonders solchen

Kräften, die sie als ihre Feinde einstufen, z.B. der Katholischen

Kirche, der orthodoxen Christenheit und, mehr oder weniger, allen

weltlichen Nationen, vor allem aber Satan, dem Teufel, ihrem

universellen Sündenbock. Angesichts der Tatsache, daß viele Zeugen

sehr unglücklich sind und mit diesem Zustand nicht sinnvoll umgehen

können, setzen sie eine Kombination aus Rationalisierung und

Projektion ein, die wie folgt aussieht: Satan will jeden Menschen in

der Welt gegen Jehova aufbringen (das heißt, außerhalb der

Wachtturm-Organisation halten). Deshalb versucht er alles ihm

mögliche, um denen, die innerhalb der Wachtturm-Organisation sind,

Unglück zu bereiten, um sie so zu veranlassen, der Organisation den

Rücken zu kehren. Ist jemand draußen, verbucht Satan sozusagen einen

Erfolg. Da Satan diese fest im Griff hat, macht er sie glücklich, um

sie dort - und damit außerhalb der Organisation Gottes - auch zu

halten. So kommt es, daß Satan sich bemüht, alle in der Organisation

unglücklich und alle außerhalb der Organisation glücklich zu machen.

Mit Hilfe dieser Gedankenkonstruktion erklären sich einige Zeugen

die vielen Probleme innerhalb der Wachtturm-Organisation. Das ist

zwar nicht ganz in Übereinstimmung mit ihrer Lehre, wird aber häufig

zur Erklärung vorgetragen.

 

In den Zusammenkünften wird immer wieder betont, Satan komme es vor

allem darauf an, so viele von "der Wahrheit" Gottes abzubringen, wie

er nur kann (siehe Wachtturm 15. März 1970, Seiten 183-186). Sobald

jemand sich für "die Wahrheit" interessiert, so meint man, ist er

anfällig für Angriffe Satans. Wird das Bibelstudium mit einem

Neuinteressierten schwierig und zeigt er Widerstände, so deuten die

Zeugen das stets als von Satan kommend, so als ob Menschen nichts

weiter sind als Schachbrettfiguren, die von einer höheren Macht hin-

und hergeschoben werden. Die Zeugen Jehovas glauben, daß sie als

einzige gerettet werden; folglich sind sie die einzigen, die Satan

verloren hat. In den letzten Jahren haben die Veröffentlichungen der

Wachtturm-Gesellschaft diese Lehre zwar nicht mehr so in den

Vordergrund gerückt und sogar gesagt, vielleicht um in der

Öffentlichkeit an Ansehen zu gewinnen, daß "möglicherweise" einige

Menschen außerhalb der Organisation gerettet werden könnten (siehe

zum Beispiel "Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert", 1978,

Seiten 27, 28; Ausgabe 1979, Seite 29), doch Tatsache ist, daß dies

immer noch gelehrt und geglaubt wird. [Anm. d. Übers.: So auch

wieder ganz deutlich im Wachtturm vom 1. September 1989, Seite 19:

"Nur Jehovas Zeugen ... haben ... die biblische Hoffnung, das nahe

bevorstehende Ende ... zu überleben."]

 

Die Mehrzahl der Zeugen glaubt fest daran, daß Satan und die Dämonen

nicht nur existieren, sondern daß sie auch die Macht haben, Menschen

zu beeinflussen, sie sogar zu beherrschen. Am meisten besorgt um den

Einfluß Satans sind allerdings neurotische, weniger intelligente

Zeugen der Unterschicht.

Bemerkenswert ist, daß einzelne Gemeinden, vor allem die

wohlhabenderen, den Dämonen weniger Gewicht beimessen. Dort

akzeptiert man wohl intellektuell ihre Existenz, läßt sich aber in

seiner Lebensweise und seinem Verhalten wenig davon beeinflussen. Da

man über sie nicht viel mehr wissen kann, als daß sie existieren, so

denkt man in diesen Gemeinden, habe es auch keinen Sinn, sich groß

Sorgen über sie zu machen. Solch eine gelassene Haltung ist aber

nicht typisch. Zahlreiche Zeugen werden von Gedanken an Satan und

die Dämonen regelrecht beherrscht, so daß sie ihnen die Schuld für

buchstäblich jedes ungünstige Ereignis zuschreiben. [...]

 

Die Zeugen glauben in ihrer Mehrheit, daß jemand, der den

Anweisungen der Wachtturm-Organisation genau folgt, gar nicht

geistig und seelisch erkranken kann. Psychische Leiden sind ihrer

Ansicht nach die Folge eines geistigen Problems, vor allem

"mangelnder Geistiggesinntheit" des betroffenen Zeugen. In Wahrheit

werden aber viele Zeugen psychisch krank, die stark im Glauben sind,

zumindest im Glauben an die Wachtturm-Organisation. Solche

Erkrankungen werden algemein als Folge der Beeinflussung durch

Dämonen erklärt, oft einfach, weil der Erkrankte unwissentlich einen

Gegenstand besitzt, der als dämonisch angesehen wird; meist (aber

nicht immer) handelt es sich um ein altes, wertvolles Stück. So

schreibt Noble (1982):

 

     "Wir dachten immerzu an Dämonen, so daß ich eine schreckliche

Furcht vor ihnen entwickelte. Wenn ich krank und niedergeschlagen

war und mich am liebsten umbringen wollte, suchte ich verzweifelt

das Haus nach einem Gegenstand ab, der dämonisiert sein könnte.

Einmal habe ich ein Bild von einem kleinen Mädchen weggeworfen, das

in meinem Gästezimmer hing, weil es so einen durchdringenden Blick

hatte. Mein Bad hatte damals indische Fliesen, darunter auch eine

Dekorfliese mit einem tanzenden Inder darauf. Ich dachte mir, das

müsse irgendeine indische Gottheit sein, und schon war sie weg.

Eines nachts wachte ich voll panischem Schrecken auf. In meinem Kopf

hatte sich die Idee festgesetzt, daß die vielen Kräuter aus dem

Bioladen irgendwelche Drogen waren. Ich habe sie alle weggeworfen,

dazu noch Aspirin, Hustensirup und alles mögliche andere Zeug. Mein

ganzes Arneischränkchen landete im Müll.

 

     Mein Vater hat mir bei seinem Tod einen wunderschönen

Diamantring hinterlassen. Ich bildete mir ein, daß Vati vielleicht

dämonenbesessen war und mir einen dämonisierten Ring vermacht hatte.

Ich hatte gehört, dann solle man den Ring am besten in Alufolie

einwickeln und in den Gefrierschrank legen. Das habe ich dann auch

gleich gemacht. Gott, was war mir schlecht, und welche Angst ich

hatte!"

 

Dämonismus und Schwäche im Glauben geht nach Ansicht der Zeugen Hand

in Hand. Als "dämonisiert" gelten dabei vor allem jene, die an

schweren psychischen Störungen leiden oder Verhaltensformen zeigen,

die so absonderlich sind, daß es schwierig ist, ihre "Ursache" zu

begreifen, z.B. Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Dagegen sind

Depressionen, Kopfschmerzen und nervöse Spannungen häufiger und in

ihrer Ätiologie leichter zu verstehen. Als "geistig schwach" gelten

daher diejenigen, die an diesen "leichter verständlichen" Formen

leiden.

 

Eine weitere verbreitete Annahme unter den Zeugen ist, daß jemand,

der geistig und seelisch krank ist, dem Schöpfer mißfallen und sich

darum den Zorn Gottes zugezogen hat. Das erinnert an die uralte

Auffassung, Krankheit sei entweder ein "Fluch" Gottes zur Bestrafung

von Sünde oder das Ergebnis einer List Satans. Die Zeugen drücken

ihren Glauben zwar selten in dieser Form aus, doch man hört von

ihnen häufig, daß Jehova jemand, der seinem Willen zuwiderhandelt,

seinen "heiligen Geist entzieht", was zu seelischer Krankheit führt.

Das ist im Endeffekt genau das gleiche, wie wenn man annimmt,

Krankheit und Leiden seien Gottes unmittelbare Strafe für Sünde.

 

Eine Zeugin äußerte, sie könne "ganz deutlich fühlen, wie [ihr] der

Geist Jehovas entzogen" sei. Es sei ein Gefühl, wie wenn "Wasser aus

ihrem Kopf gesaugt" werde. Sie sagte, sie habe eine "Stimme" gehört,

die erst aus ihren Händen und Füßen kam, sich dann in die Arme und

Beine verlagerte, darauf in den Rumpf und schließlich in ihren Kopf.

Die "Sünde" übrigens, die zum Zurückziehen des heiligen Geistes

führte, bestand darin, daß sie eine Gelegenheit zum gelegentlichen

Zeugnisgeben nicht genutzt hatte! Dazu Noble (1982):

 

     "Als Zeugen hat man uns immer beigebracht, daß Leute, die sich

umbringen, dämonisiert sind und nicht mehr den Geist Gottes haben.

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß Jehovas Zeugen so gut

wie überhaupt keine Ahnung von geistigen und seelischen Krankheiten

und von Dämonismus haben. Kein einziger Text im Neuen Testament

sagt, daß Dämonenbesessene böse sind, immer heißt es, daß sie krank

sind. Jesus heilte die von Dämonen Besessenen. Zu ihnen zählte Maria

Magdalena, in der sieben Teufel steckten und die doch eine ergebene

Nachfolgerin Christi wurde. Für Jesus waren dämonenbesessene

Menschen nicht schlecht, sondern krank."

 

Wer ein Zeuge ist, hat den heiligen Geist Jehovas, und wer etwas

tut, das Jehova mißfällt, verdient es, daß ihm der Geist entzogen

wird. Dieses Konzept hat oft zur Folge, daß psychisch kranke Zeugen

Jehovas von ihren Glaubensbrüdern kaum Mitgefühl erfahren. Zeigen

sich bei jemand Symptome psychischer oder geistiger Störungen, so

wird das oft als Folge eines Fehlverhaltens eingestuft. Solche

Menschen sind demzufolge "schlechte Gesellschaft", von der man sich

fernzuhalten hat. Weil man glaubt, daß Gott seinen heiligen Geist

zurückziehen kann, wenn jemand menschliche Schwächen zeigt, ziehen

sich andere von dem Betroffenen zurück und zeigen sich ihm gegenüber

reserviert. Das macht es dem Kranken noch schwerer, wieder ins Lot

zu kommen.

 

Zu den mittelalterlichen Vostellungen über Geisteskrankheit, die es

in der Lehre der Zeugen Jehovas reichlich gibt, gehört auch, daß man

meint, Zwangsgedanken in Richtung Selbstmord stammten von außerhalb

des Leidenden. Häufig wird im Wachtturm von Menschen berichtet, die

Botschaften von bösen Geistwesen erhalten hätten, in denen sie zum

Selbstmord oder anderen bösen Taten gedrängt würden. Dabei wird der

Eindruck erweckt, als entspräche das den Tatsachen. Zwangsgedanken

über Dinge, die dem Patienten völlig fremd zu sein scheinen, treten

bei vielen psychisch Kranken auf, und in vielen Fällen haben sie

ganz offensichtlich etwas mit ihren Problemen oder Leiden zu tun.

Die Zeugen aber sind schnell bei der Hand, diese Möglichkeit

auszuschließen, und geben stattdessen voreilig den Dämonen die

Schuld, selbst wenn die Ursachen recht offen zutage liegen. Man

beachte folgenden Fall (Noble 1982):

 

     "Als man mich ins Krankenhaus brachte, war ich geistig und

seelisch so krank, daß ich dem Arzt nur entgegenrufen konnte, ich

sei wahrscheinlich "dämonisiert", und davon war ich ja auch

tatsächlich selbst überzeugt. Wenn ich heute darüber nachdenke,

erkenne ich, daß ich eine kranke Frau war, aber kein schlechter

Mensch. Damals konnte ich meine Gedanken einfach nicht beherrschen.

Gegen meinen Willen schossen mir dauernd schmutzige Wörter durch den

Kopf. Dann dachte ich plötzlich: "Ich hasse Gott." Davon wurde ich

ganz hysterisch. Und dann tauchte der schrecklichste und

erschreckendste Gedanke von allen auf: "Was, wenn es in Wirklichkeit

gar keinen Gott gibt?" Mich schauderte bei dem Gedanken, daß sich

das am Ende meiner Denkprozesse herausstellen könnte. Lieber wollte

ich tot sein, als meinen Schöpfer zu beleidigen. Das sagte ich ihm

auch. Diese ungewollten schrecklichen Gedanken taten mir so weh, daß

ich es kaum noch ertragen konnte.

 

     Mir war, als ob mein Verstand sich wie auf einem Karussell

immer im Kreis drehte, ohne daß ich ihn anhalten konnte. Ich weiß

nicht, ob Leute, die sich umbringen, von ähnlichen Gedanken

heimgesucht werden, möglich ist es aber. Vielleicht werden sie von

Scham und Kummer so niedergedrückt, daß sie es nicht wagen, sich

jemand anzuvertrauen. Ich erwähne diese äußerst peinlichen und

intimen Dinge, die mir widerfahren sind, weil ich hoffe, daß dies

anderen eine Hilfe sein kann und ihnen Trost, Einsicht und vor allem

Hoffnung auf Heilung gibt. Noch heute ist mir die Erinnerung daran

schmerzlich." 

 

Andere Lehren über Dämonen und seelische Gesundheit

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Die Naivität der Bücherschreiber der Wachtturm-Gesellschaft ist

bisweilen erschreckend. So hieß in Erwachet! vom 22. Dezember 1976

in einem Artikel über die Herrschaft von Dämonen über Frauen auf

Seite 17: "Ich weiß, daß die Geister gelegentlich von den Anbetern

verlangen, die Kleider abzulegen oder die Brüste zu entblößen und

Geschlechtsbeziehungen miteinander zu haben. Ich begann mich zu

fragen, ob der Grund dafür sei, daß die Geister ihre perversen

Wünsche befriedigen möchten." Mit Fällen, in denen jemand anderen

seine eigenen Wünsche und Gefühle unterstellt, haben Psychiater

häufig zu tun. Im vorliegenden Beispiel findet eine Projektion auf

"böse Geister" statt. In derartigen Fällen spricht man von

Außenlenkung (external locus of control), einem Spezialfall der

Projektion, in dem der Patient sinngemäß sagt: "Ich wollte das gar

nicht tun, doch der Teufel hat mich dazu gezwungen." Einige der in

dem Artikel erwähnten Frauen konnten sogar detailliert beschreiben,

zu welchen sexuellen Verrenkungen der Teufel sie angeblich gebracht

hat.

 

 

Nach der herkömmlichen christlichen Auffassung von Dämonen muß ein

Mensch zuerst selbst bereit sein, Einfluß von außen auf sich wirken

zu lassen, bevor eine Gedankenbeherschung möglich ist. Formal

vertreten die Zeugen Jehovas zwar eine ähnliche Auffassung, doch in

Wirklichkeit verhalten sie sich so, als könnten die Dämonen ganz

nach ihrer Lust und Laune "die Herrschaft über den Verstand

erlangen". Daß es Dämonen tatsächlich gibt, das glauben viele

Christen, doch nur wenige gehen in der Betonung ihrer

Einflußmöglichkeiten so weit wie die Zeugen.

 

In demselben Artikel schrieb der Verfasser: "Ärzte der

Psychiatrischen Klinik von Sao Paulo baten einen ehemaligen

Exorzisten um Hilfe, der inzwischen Zeuge Jehovas geworden war, um

die Geister auszutreiben, und die Patienten konnten aus dem

Krankenhaus - allem Anschein nach geheilt - entlassen werden." In

dieser Darstellung wird unterstellt, daß der Psychiater allen

Ernstes eine Dämonenbesessenheit als Grund für die Geisteskrankheit

annahm und daß der erwähnte Exorzist fähig war, die Geister zu

auszutreiben und die Patienten auf diese Weise zu heilen. Die

Auffassung des Artikelschreibers, eines Zeugen Jehovas, daß

Dämonismus in engem Zusammenhang mit psychischen Leiden steht und

daß der Psychiater meinte, zur Behandlung sei die Austreibung des

Dämonen notwendig, verrät eine unkritische Verarbeitung des Vorfalls

und ein nur mangelhaftes Verständnis der Heilmethoden von

Therapeuten.

 

Psychiater greifen sehr oft zu der Methode, dem psychisch kranken

Patienten entgegenzukommen. Bringt dieser einem Priester großes

Vertrauen entgegen, so kann es sehr wirkungs-voll sein, ihm durch

einen Priester seine Sünden "vergeben" zu lassen. Ist der Patient

fest davon überzeugt, von Dämonen beherrscht zu werden, so erscheint

es dem Therapeuten eventuell als das Beste, einen Exorzisten zu Rate

zu ziehen. Auf diese Weise kann der Patient vielleicht dazu gebracht

werden, von seinem Glauben an die Dämonenbesessenheit wegzukommen,

wenn auch nicht vom Glauben an die Dämonen. Diese Technik ist häufig

wirkungsvoller und wirkt viel schneller, als wenn man versuchen

wollte, den Patienten davon zu überzeugen, daß er sich wegen eines

geringfügigen Fehlverhaltens nicht als minderwertig zu fühlen

braucht. Das Grundproblem bleibt dann allerdings weiter bestehen.

 

Ähnlich ist folgender Fall gelagert: Ein Zeuge Jehovas, ein

Kreisaufseher, sieht in der Praxis eines Arztes ein Buch mit dem

Titel Lexikon der Hexerei und des Dämonismus, ein Nachschlagewerk,

dessen Verfasser ein Literaturprofessor ist, gemäß Aussage auf dem

Buchumschlag "vor allem als Wissenschaftler bekannt". Dem Zeugen

Jehovas ist allein schon wegen des Vorhandenseins dieses Buches

unwohl, denn es muß sich seiner Meinung nach um ein dämonisiertes

Werk handeln (schließlich beschäftigt es sich mit Dämonen). Auf den

Hinweis des Arztes, daß Dr. Robbins, der Buchautor, nicht "an die

Existenz von Hexen, Dämonen oder übernatürlichen Erscheinungen

glaubt", erwidert der Kreisaufseher: "Das beweist gerade, daß er von

Dämonen beherrscht wird!" Statt diese feste Überzeugung ändern zu

wollen, wäre es in diesem Fall therapeutisch am besten, das Buch

beiseite zu räumen und sich anderem zuzuwenden. Nach Ansicht der

Zeugen wirken die Dämonen mittels bestimmter Bücher, besonders

solcher, die sich mit den Themen Dämonismus und Hexerei befassen,

ganz besonders, wenn sie von einem Geistlichen der Christenheit

stammen. Und das trifft auch zu, wenn es sich um Werke gegen den

Dämonenglauben handelt. In diesem Fall versuchte der Therapeut also

erst gar nicht, mit dem Zeugen darüber zu argumentieren. Werke über

Dämonismus von religiöser Seite gelten als besonders verwerflich,

weil sie als "doppelt" dämonisch angesehen werden. Sie sind

dämonisch, weil sie von einem religiösen Menschen verfaßt wurden,

und für Jehovas Zeugen stammt jede Religion außer ihrer eigenen von

Satan, und außerdem noch, weil sie von Dämonen handeln.

Ironischerweise sieht man Artikel über Dämonen im Wachtturm nicht

als dämonisch an!

 

Sexuelle Zwangsvorstellungen

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In den Aufsätzen für die Zeitschrift Erwachet! zeigen sich hin und

wieder sexuelle Zwangsvorstellungen, wie man sie von asketischen und

extremen religiösen Gruppen her kennt. Diese Aufsätze werden im

allgemeinen von Schreibern der Wachtturm-Gesellschaft verfaßt (oder

umgeschrieben, falls sie von einem nicht der Redaktion angehörenden

Zeugen stammen), sobald irgendeine Lehre oder ein religiöses Thema

darin angesprochen wird. Sie sind also als offizielle

Verlautbarungen anzusehen. Auch wenn es heißt, der Beitrag sei

"eingesandt", enthält er die reine Lehre und ist in Wahrheit nur

eine Darstellung der Wachtturm-Theologie im säkularen Gewand, von

der man hofft, sie werde Leser finden. Für die Zeugen wird alles,

was in diesen Aufsätzen an Lehren enthalten ist, als direkt von der

Organisation kommend betrachtet. Einer dieser Beiträge strotzt nur

so von Beispielen. Die Verfasserin schildert erst einige ihrer

eigenen Erfahrungen und berichtet dann, daß eine ihrer Freundinnen

 

     "... bemerkte [...], daß sie eine hilflose Marionette

unsichtbarer böser Geister geworden war. Die Geister zwangen sie,

dafür zu sorgen, daß unsittliche Frauen ihren Mann von zu Hause

weglockten, und er beging mit ihnen Ehebruch. Dann verlangten die

Geister, daß Geschlechtsbeziehungen einen Teil der Heilungsriten

bildeten, die sie in ihrer Wohnung durchführte. Ihr wurde erklärt,

daß die Kranken auf diese Weise "entladen" oder geheilt würden,

indem die Krankheit durch den Geschlechtsverkehr auf das Medium

übertragen würde. Die Geister befahlen auch, daß weibliche Patienten

mit Hilfe von lesbischen Handlungen geheilt werden sollten. Im Fall

junger Leute empfahlen sie "Sexkontrolle", was in Wirklichkeit

Masturbation war. [...] Die sexuelle Entartung dieser bösen Engel

ist heute immer noch deutlich festzustellen" (Erwachet! vom 22.

Dezember 1976, S. 17,18).

 

Wie lassen sich sowohl die Ansicht des Verfassers dieses Erwachet!-

Artikels wie auch die vielen Fälle, in denen Menschen behaupteten,

"von Dämonen sexuell belästigt zu werden", erklären? Die Psychologie

hat sich mit dieser Frage eingehend befaßt.Viele Forscher sind zu

Ansicht gelangt, daß es sich in vielen, jedoch keineswegs in allen

Fällen um sogenannte "Reaktionsbildung" handelt. Dabei handelt es

sich um einen im Unbewußten wirkenden Abwehrmechanismus, der dazu

führt, daß jemand genau das Gegenteil von dem tut, was er oder sie

sich unbewußt herbeiwünscht. Dieser Abwehrmechanismus wird als einer

der ersten eingesetzt; er ist nicht sehr stabil und steht mit dem

Mechanismus der Verdrängung in enger Beziehung. Sowohl Verdrängung

wie auch Reaktionsbildung dienen der Abwehr von Impulsen oder

Wünschen, die für das Ich unakzeptabel sind. Das heißt, daß jemand,

der ein bestimmtes Verlangen hat, offen für das Gegenteil davon

kämpft, um das Verlangen zu "verdecken". Die klinische Praxis zeigt,

daß Reaktionsbildungen äußerst häufig vorkommen. Zum Beispiel fühlen

sich einige Bekämpfer der Pornographie unbewußt von dieser Literatur

angezogen, und manche Atheisten sind in Wirklichkeit tief religiös,

wehren sich aber gegen die Anforderungen, die eine Religion an sie

stellen würde (Freedman 1975: 262).

 

Cary Nation ist in Nordamerika das berühmteste Beispiel hierfür. Mit

allen Kräften kämpfte sie gegen Alkohol, Nikotin, Damenmoden und

andere Erscheinungen ihrer Tage. Doch bevor sie als Moral- und

Tugendwächterin auftrat, führte sie selbst ein Leben ganz anderer

Art. Durch Reaktionsbildung schützen wir uns vor unannehmbaren

Neigungen in uns, indem wir diese nicht nur unterdrücken, sondern

sogar durch bewußte Verhaltensweise und Denkmuster dagegen vorgehen.

Diese Theorie ist zwar nicht vollkommen, hilft aber bei der

Erklärung von manchen Verhaltensformen und wird bei vielen Menschen

mit seelischen Problemen mit großem Erfolg angewandt (Coleman

1964:100, 107, 223; Klob 1978). Dieser Mechanismus liegt allem

Anschein nach auch den in dem erwähnten Erwachet!-Artikel

beschriebenen Phänomenen zu Grunde. Man kann sagen, daß die

Verfasserin zumindestens sehr unkritisch war, weil sie andere

Begründungen ausschloß und dogmatisch annahm, daß Dämonen die

Ursache der Probleme waren. [...]

 

Interessanterweise ist sich die Wachtturm-Gesellschaft der Tatsache

bewußt, daß psychische Erkrankungen nicht nur durch Dämonen

hervorgerufen werden können. In einem Erwachet!-Artikel (8.

September 1969, Seite 19) werden die Arbeiten von Dr. Abrahamson

lobend erwähnt. Er befaßt sich mit den Zusammenhängen zwischen

niedrigen Blutzuckerwerten und bestimmten psychischen Erkrankungen.

In dem Artikel heißt es abschließend: "Das heißt nicht, daß alle

psychischen Probleme auf zu niedrigen Blutzucker zurückzuführen

sind, sondern daß dies vielmehr in manchen Fällen ein Faktor ist,

der nicht übersehen werden sollte." Auf den Seiten 18 und 19 wird

der Fall eines Mannes geschildert, der Anzeichen von Schizophrenie

aufwies, bei dem aber Hypoglykämie diagnostiziert wurde. Diese

Schilderung ist dem Journal of Diseases of the Nervous System, Heft

Juli 1967, entnommen, in dem von der Wirkung niedrigen Blutzuckers

auf das Verhalten die Rede war. Erwachet! empfiehlt dann folgendes:

 

     "Um genau festzustellen, ob man an zu niedrigem Blutzucker

leidet, ist es am besten, zu einem Arzt zu gehen und sich

untersuchen zu lassen. Dies ist viel ratsamer, als zu versuchen,

selbst eine Diagnose zu stellen. Wenn der Blutzuckerspiegel zu

niedrig ist, kann einem der Arzt dann sagen, welche Diät sich am

besten zur Behandlung eignet."

 

Dieser Artikel stammt höchstwahrscheinlich aus der Feder eines

Zeugen Jehovas, der Arzt war, und diente wohl dem Zweck, einige

gängige Ansichten der Zeugen zu verändern. Doch wurde er

augenscheinlich nicht von vielen gelesen. Erwachet! wird von vielen

Zeugen nicht sehr gründlich gelesen, und diejenigen, die es tun,

haben unter Umständen nicht die für Jehovas Zeugen typischen

Auffassungen. Solche Leser haben vielleicht auch weniger mit diesen

Problemen zu kämpfen. Bei einer Befragung stellte ich fest, daß etwa

32 Prozent einen oder zwei Artikel aus jeder Ausgabe lesen, 13

Prozent fast alle Artikel, und weniger als vier Prozent lesen die

ganze Zeitschrift. Gemessen am normalen Leseverhalten ist das nicht

schlecht. In einer Untersuchung wurde ermittelt, daß

Universitätsdozenten und Ärzte von jeder Nummer der von ihnen

abonnierten Fachzeitschriften nur einen Artikel lesen. Und diese

Zeitschriften erscheinen alle zwei Monate oder viertel-jährlich,

doch Erwachet! zweimal im Monat. Das zeigt, daß viele Zeugen mehr

lesen als Angehörige akademischer Berufe, zumindest was die

Sachliteratur angeht. Allerdings ergab meine Untersuchung, daß

Akademiker durchschnittlich fünf Bücher im Jahr lesen, während der

normale Zeuge kaum je ein Buch liest, das nicht von der Wachtturm-

Gesellschaft stammt. Die meisten lesen nur ihre Pflichtlektüre, etwa

zwei bis drei Bücher pro Jahr. Nur weniger als sieben Prozent lesen

im Jahr ein Buch, das nicht von den Zeugen stammt, ganz durch; der

Rest liest nur die Wachtturm-Veröffentlichungen.

 

Feindseligkeiten und offene Verfolgung

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Ein weiterer Faktor, der die seelische und geistige Gesundheit der

Zeugen Jehovas beeinflußt, ist die Verfolgung, der sie fast überall

von Anfang an ausgesetzt waren. Auch wenn die Zeugen hier manchmal

übertreiben, Verfolgung kommt vor und ist bisweilen grausam. In

manchen Ländern der Dritten Welt wurden sie wie die Tiere gejagt und

zu Tausenden hingeschlachtet. Im Normalfall allerdings handelt es

sich um geistige Verfolgung, und die Wachtturm-Organisation benutzt

diesen Widerstand, um die Zeugen einzuschüchtern und ihrer Autorität

gegenüber gefügig zu machen (genauso wie sie Fälle von Dämonismus

dafür einsetzt). Selbst in den USA, einem Land, das die Freiheit der

Religionsausübung von Anfang an in der Verfassung verankert hatte,

wurden Jehovas Zeugen zu manchen Zeiten äußerst schwer verfolgt.

[...] In der Zeitschrift American Civil Liberties Union (1941, S.

3-4) heißt es:

 

     "Seit den Zeiten der Mormonenverfolgung [...] ist keine

religiöse Minderheit so vehement verfolgt worden wie die Zeugen

Jehovas, ganz besonders im Frühjahr und Sommer des Jahres 1940. Dies

war der Höhepunkt der Angriffe auf sie, die bereits seit Jahren zu

beobachten waren, sich vorher aber meist als feindselige Stimmung

und Diskrimination gezeigt hatten."

 

[...] Zahlreiche Pöbelrotten zogen über Jehovas Zeugen her, weil man

behauptet hatte, sie seien subversiv tätig oder gar Nazis. [...] In

einigen Ländern leben Jehovas Zeugen in ständiger Angst um ihr Leben

und ihren Arbeitsplatz und müssen damit rechnen, gefoltert oder

verfolgt zu werden. Auch wenn die Verfolgung meist psychischer Art

ist, ruft sie bei Menschen, die ihre psychische Stabilität nur mit

Mühe aufrechterhalten können, verheerende Folgen hervor. Die Zeugen

spüren die allgemeine Abwehr sehr genau, die ihnen in der Welt

entgegenschlägt, und teilweise nutzen sie diese mißliche Lage auch

noch dazu aus, ihre Anhänger zu noch größerer Anstrengung

aufzupeitschen. Plastische Beschreibungen von Verfolgungen der

schlimmsten Sorte und von Folterungen sind in den offiziellen

Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft keine Seltenheit. Dabei

wird stets betont, daß solche Verfolgung jederzeit und überall

zuschlagen kann, selbst in den USA oder Kanada (was manchmal auch

tatsächlich zutrifft). Auf der Bühne im Königreichssaaal werden

anschauliche Rollenspiele vorgeführt, die zeigen, wie Verfolgung "zu

jeder Zeit" eintreten kann. Die Zeugen lehren überdies, daß sie in

naher Zukunft mit schwerer Verfolgung rechnen müssen. All das erhöht

beträchtlich die Unsicherheit und Angst bei Menschen, die ohnehin

schon von diesen Gefühlen gezeichnet sind. [...]

 

 

Zusammenfassung

---------------

Die hohe Anzahl psychischer Erkrankungen bei den Zeugen Jehovas

beruht wahrscheinlich auf einer Reihe von Faktoren. Dies sind:

 

  1. übergroße Starrheit, besonders was das Einhalten all der vielen

Gebote angeht, von denen manche höchst nebensächliche Dinge

betreffen

 

  2. unangemessenes Eingehen der Wachtturm-Gesellschaft, der

Ältesten und der anderen Zeugen auf psychisch Kranke, die um Hilfe

bitten. In ihrem Bemühen um Hilfe schaden sie oft mehr, als daß sie

nützen.

 

  3. Angst davor, daß man Schwierigkeiten bekommt, wenn man seine

Sorgen anderen mitteilt, sowie die Entdeckung, daß es handfeste

Probleme gibt, sobald man seine ehrlichen Zweifel offen ausspricht

 

  4. Überbetonung der Dämonen und aller damit verbundenen

Erscheinungen und eine übermäßige Besorgnis auf diesem Gebiet. Man

glaubt, daß Satan alles tut, was er kann, um jeden aus der

Organisation Gottes herauszuholen, indem er ihm das Leben so schwer

wie möglich macht. Nach dieser Vorstellung müssen die Angehörigen

der "wahren Religion" die größten Probleme, die schlimmsten Leiden

und psychischen Krankheiten haben. Das wird so zu einem "Beweis"

dafür, daß eine Religionsgemeionschaft das Volk Gottes ist.

 

  5. zu manchen Zeiten und in einigen Gegenden hat wirkliche oder

befürchtete Verfolgung dem psychischen Wohlbefinden von Zeugen

Jehovas schweren Schaden zugefügt.

 

Weitere Gründe für die hohe Zahl psychischer Erkrankungen bei

Jehovas Zeugen werden im folgenden Kapitel behandelt.

 

 

 

Kapitel 5:

 

Weitere krankheitsfördernde Umstände

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Ein bedeutsamer Faktor, der den hohen Prozentsatz an psychischen

Erkrankungen bei Jehovas Zeugen beeinflußt, ist die Tatsache, daß

sie keinen Querschnitt der Bevölkerung darstellen, sondern vor allem

der oberen Unterschicht entstammen. Früher war das noch deutlicher

als heute; in derTendenz trifft es aber weiterhin zu. Aus der

Mittelschicht stammt nur ein kleinerer Anteil (Cohn 1954, 1955).

Auch wenn Einkommen und Bildungsstand allmählich gestiegen sind,

bilden Personen aus der oberen Mitelschicht doch immer noch eine

kleine Minderheit, und die Oberschicht kommt praktisch gar nicht

vor. Ein Zweigaufseher sagte einmal:

    

     "Unter den 40 000 Zeugen, die ich im Kreisdienst kennengelernt

habe, waren meines Wissens nur vier Familien, die man als

Oberschicht bezeichnen könnte. Universitätsprofessoren sind fast

vollkommen unbekannt. Ich kenne nur einen in Michigan, zwei in New

York, drei in Ohio, drei in Kanada und zwei in Kalifornien."

 

Dieses Zitat ist jetzt mehrere Jahre alt. Die erwähnten Professoren

haben den Zeugen Jehovas inzwischen größtenteils den Rücken gekehrt.

Weniger als einer von 10 000 Zeugen (in den USA) ist Arzt, also in

jedem Bundesstaat etwa einer. Zwar gibt es eine ganze Anzahl

Heilpraktiker, doch deren Ausbildung dauert oft nicht sehr lange und

setzt keine besonderen Qualifikationen voraus. Die meisten Zeugen

gehen spätestens nach der zehnten Klasse von der Schule ab, und wer

einen höheren Bildungsstand hat, nimmt seinen Glauben eher nicht so

ernst. Meistens heiraten Zeugen Jehovas auch sehr jung (oft mit 17

bis 19 Jahren bei den Frauen und mit 18 bis 21 Jahren bei den

Männern), denn neben dem Vollzeitpredigtdienst ("Pionierdienst") ist

die Ehe seit den fünfziger Jahren eine der wenigen Möglichkeiten der

Lebensgestaltung, die den Jugendlichen mit offizieller Billigung

offenstehen. Und selbst vom Heiraten hat die Wachtturm-Organisation

in der Vergangenheit abgeraten (siehe dazu das Buch Kinder 1941).

Angesichts des jederzeit bevorstehenden Kampfes von Harmagedon, so

dachte man, sei dies ein Hindernis im ganzherzigen Dienst für die

Wachtturm-Organisation. Von allen normalen Lebenswegen, die junge

Leute sonst beschreiten, wie einer Berufslaufbahn, einer Fachschul-,

Fachhochschul- oder Universitätsausbildung, wird stark abgeraten.

Ein Psychiater, der als Zeuge Jehovas erzogen worden war und anonym

bleiben möchte, sagte mir einmal:

 

     "Ich habe in meiner klinischen Arbeit mit Zeugen Jehovas

festgestellt, daß die gebildeteren, intelligenteren,

gewissenhafteren unter ihnen entschieden mehr zu emotionalen

Problemen neigen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was man bei

Nicht-Zeugen antrifft. Die intelligenteren Zeugen sind sich häufiger

der Widersprüche und der problematischen Aspekte der Lehre der

Gemeinschaft bewußt. Dieses Bewußtsein ruft bei ihnen Fragen und

Zweifel hervor, und der Zweifel spielt eine wichtige Rolle für die

Ausbildung eines emotionalen Ungleichgewichts.

 

Die naiveren Zeugen akzeptieren alles (oder fast alles) und kennen

diese innere Zerissenheit weniger. Und von wesentlicher Bedeutung

ist die mangelnde Akzeptanz von gebildeteren oder intelligenteren

Zeugen seitens der typischen Zeugen Jehovas, die manchmal die Form

ausgewachsener Vorurteile annimmt. Praktisch das einzige, was einem

in dieser Situation bleibt, um voll anerkannt zu werden, ist, die

eigene Bildung zu leugnen und die im wesentlichen der Unterschicht

entstammenden Normen der Zeugen voll zu übernehmen, wozu auch

gehört, sich eine einfache Arbeit zu suchen.

 

Ein Beleg hierfür ist ein zu den Zeugen Jehovas bekehrter Doktor der

Physiologie (in Erwachet! vom 22. Januar 1975, S.8, ist fälschlich

von Psychologie die Rede), der von den Zeugen zum Teil deswegen

akzeptiert wurde, weil er seine Stellung in der Hirnforschung aufgab

und eine Arbeit als Verkäufer von Autoersatzteilen annahm, die ihm

weniger Geld und Ansehen brachte. In den Augen der Zeugen hatte er

viel geopfert, um in "die Wahrheit" zu kommen. Weil er seine Bildung

und die damit verbundene Stellung aufgab, wird er als "einer von

uns" angesehen. Bezeichnenderweise wurde er in Rekordzeit Ältester.

Immer wieder aber ergibt sich in diesen Fällen, daß solche Personen

desillusioniert werden, sobald sie erst einmal mehr um die Probleme

der Wachtturm-Organisation wissen, und dann bedauern sie tief, so

viel hingegeben zu haben, um Zeuge Jehovas zu werden.

 

Es bestehen selbst Einwände gegen Berufsfelder wie Musik, Schau-

spiel, bildende Kunst oder andere Sparten, die einen großen Einsatz

an Zeit und Energie abfordern. Robert Balzer aus der Watchtower-

Weltzentrale sagte, es sei sehr schwierig, zugleich Zeuge Jehovas

und Entertainer zu sein (The Star, 17.4.1984, S.9). Musiker neigen

nach Becker (1963:86) zu der Ansicht, sie seien "anders und besser

als andere Menschen, und darum dürften ihnen Außenseiter in keinem

Lebensbereich etwas dreinreden". Diese Wahrnehmung des eigenen

Andersseins und des anderen Lebensstils sitzt sehr tief: "Musiker

sind anders als andere Leute. Sie reden anders, handeln anders,sehen

anders aus." Eine solche Lebenseinstellung verträgt sich nicht mit

der Verfügungsmacht, die die Wachtturm-Organisation sonst über ihre

Anhänger ausübt. Der Superstar und frühere Zeuge Michael Jackson

wurde, sobald er seine ersten ganz großen Erfolge hatte, öffentlich

getadelt wegen so geringfügiger Dinge wie des Gebrauchs von Makeup

(was im Showgeschäft gang und gäbe ist).

 

Die wenigen Personen mit höherer Bildung, die sich den Zeugen

Jehovas anschließen, bleiben meist nicht lange oder ziehen es nach

kurzer Zeit vor, nur noch Randfiguren zu spielen. Ein belesener,

analytisch denkender Mensch hat große Mühe, Zeuge Jehovas zu

bleiben, und zwar nicht unbedingt, weil wichtige Lehren und ethische

Standpunkte der Wachtturm-Organisation so haltlos und unvernünftig

sind, sondern vielmehr, weil die Zentrale das intellektuelle Leben

der Zeugen so stark reglementiert. Selbst wer sich als Apologet der

Wachtturm-Organisation einsetzen und sie öffentlich verteidigen

will, wird oft nicht toleriert. Von höchster Seite wird den Zeugen

von der Veröffentlichung Materials mit religiösem Inhalt abgeraten,

wenn auch jemand, der ein Werk herausbringt, das mit den Lehren der

Wachtturm-Organisation in voller Übereinstimmung ist, gewöhnlich

nicht ausgeschlossen wird (Bergman 1985). Als Beispiele seien Alfs,

Buckley, Cole und Penton genannt. (Penton allerdings wurde teilweise

deswegen aus der Gemeinschaft verstoßen, weil er Bücher zur

Verteidigung der Wachtturm-Organisation geschrieben hatte, und

Blackwell wurde zum Rücktritt als Ältester und zur Einschränkung

seiner Vortragstätigkeit gezwungen.)

 

Ironischerweise rät die Wachtturm-Gesellschaft von unabhängiger

Forschungstätigkeit und Diskussionen auf theologischem Gebiet ab.

Dies geschieht aus der Furcht heraus, man könne auf die vielen

Probleme in den Lehren stoßen oder am Ende zu Auffassungen gelangen,

die von den Führungspersönlichkeiten zur Zeit nicht vertreten

werden, oder beides. Unablässig werden die Zeugen ermahnt, nicht

"der Gesellschaft vorauszueilen", so als ob dies nach deren eigenen

Lehren überhaupt möglich wäre. Viele Zeugen haben auf Grund eigener

Nachforschungen drastische Änderungen in der Lehre vorausgesehen,

die dann wirklich kamen. Dazu zählen die geänderte Auffassung über

den Gemeinschaftsentzug (die später wieder zurückgenommen wurde),

die Auferstehung, die höheren Obrigkeiten, Scheidung und über

Harmagedon (Franz 1983). Wer die Kühnheit besessen hatte, die

Ergebnisse seiner Nachforschungen laut auszusprechen, ist häufig

schroff zurechtgewiesen worden, selbst wenn die Wachtturm-

Gesellschaft diese später bestätigte. So sagte ein bekannter Zeuge:

 

     "Was mich an der Gesellschaft mit am meisten stört, ist  die

unglaubliche Arroganz der Oberen im Bethel. Sie weigern sich oft,

auf Vernunftgründe zu hören oder dem einzelnen einen eigenen

Verstand zuzugestehen. Ich glaube zwar, daß die Zeugen einmal auch

die Oberschicht und die stärker intellektuell Orientierten

ansprechen werden, doch zur Zeit sind sie hauptsächlich eine

Religion der Unterschicht mit äußerst wenigen Hochschulabsolventen.

Buchstäblich jeder einigermaßen Gebildete, den ich kenne, hat ihnen

den Rücken zugekehrt, und dabei waren einmal ein paar sehr helle

Köpfe in ihren Reihen. Sie sind gegangen, weil man schnell begreift,

daß es für einen intelligenten Menschen keinen Platz in dieser

Organisation gibt. Die Gesellschaft will sie und ihre Denkweise

nicht haben, sondern lieber ahnungslose Anhänger, die buchstäblich

ohne zu fragen alles schlucken, was man sie lehrt."

 

[...] Diese Selbstkasteiung führt oft zu einem geringen

Selbstwertgefühl, das seinerseits wieder emotionale und soziale

Probleme nach sich ziehen kann. Selbstbeherrschung andererseits kann

ein positiver Zug sein, sofern die betreffende Person ein starkes

Selbstbild hat. [...]

 

Besuchern eines Königreichssaals fällt meistens schnell auf, daß die

Menschen von der Bühne unablässig heruntergeputzt werden: sie sind

sündig, geboren mit törichten und bösartigen Neigungen, und von

Jugend auf schlecht. Natürlich trifft das in gewissem Maße zu, doch

die Wachtturm-Gesellschaft übertreibt stark und bietet oft wenig

Hilfe zu einer Verbesserung. Schließlich sollen die Zeugen ihr

allein dienen und das von ganzem Herzen. So wird durch Schuldgefühle

Druck erzeugt, damit alle die Ziele der Wachtturm-Organisation an

die erste Stelle setzen und ihre eigenen Bedürf-nisse an die zweite

oder sogar dritte. Zeit, Kraft, Ziele und Wünsche sollen primär der

Organisation gewidmet sein; nur wenn dann noch Zeit übrig ist,

können auch eigene Interessen befriedigt werden. Sich nicht ganz

einzusetzen, ist für viele gleichbedeutend mit gar keinem Einsatz.

Wenn sie nicht ihren Arbeitskollegen bei jeder Gelegenheit gepredigt

haben oder einmal nicht im Predigt-dienst unterwegs waren, so kann

das schon ihre Vernichtung in Harmagedon zur Folge haben. Wer das

Zeugnisgeben vernachlässigt, lädt Blutschuld auf sich, betont die

Wachtturm-Organisation. Ein vielzitiertes Axiom der Psychologie

lautet, daß man erst sich selber akzeptieren muß, bevor man andere

akzeptieren kann. Der ständige Zwang, seine eigenen Bedürfnisse zu

verleugnen (ganz zu schweigen von den Wünschen) und von sich selbst

niedriger zu denken, als es sein sollte, ist bestimmt für die

menschlichen Schwierigkeiten der Zeugen Jehovas mitverantwortlich.

 

Zeugen, die gebildet, wohlhabend oder auf irgendeinem Gebiet begabt

sind, werden von der Gemeinde fortgesetzt gedemütigt. Wer in ihren

Reihen unwissend, arm und ohne Talent ist, macht es sich zur

Pflicht, andere zu demütigen, die es irgendwo zu etwas gebracht

haben. Sofern die Zeugen nicht gerade einander demütigen, helfen sie

häufig ihren Glaubensgenossen, irgendeinen Rest einer Eigenschaft

auszumerzen, die sie als Stolz, Eitelkeit, Einbildung, Selbstsucht,

Selbstbewunderung oder dergleichen "böse Eigenschaften" bezeichnen.

Das bedeutet, daß ein Zeuge, abgesehen von ganz eindeutigen

Bedürfnissen, seine eigenen Belange hintanstellen oder vollständig

unterdrücken muß. Das führt in vielen Fällen zu Problemen mit dem

Selbstbild und der eigenen Identität.

 

Natürlich gibt es viele, die "gedemütigt" werden und erkennen

sollten, daß es mehr darauf ankommt, anderen zu geben, als eine

besondere Stellung im Leben zu erreichen (Wallach und Wallach 1983).

Die Wachtturm-Organisation treibt dies aber ins Extrem, was im Lauf

der Zeit bei vielen ihrer Anhänger zu einem sehr schwachen

Selbstbild und einem starken Minderwertigkeitskomplex führt (Stanley

1982). Das Problem ist hier wieder das Extrem, mit dem ausgeführt

wird, was hilfreich sein könnte, wenn in Maßen angewandt. Das

Ergebnis dieser ständigen Demütigungen ist letztlich folgendes:

 

Wenn ich etwas Herausragendes tue (eine gute Ansprache in einer

Zusammenkunft halte, jemand in die "Wahrheit" bringe oder eine gute

Predigt halte), dann habe nicht ich es getan, sondern es war Gott.

Alle Ehre geht an Gott. Doch wenn ich etwas Schlechtes getan oder

gesündigt habe, ist es meine Schuld; zum Teil liegt es an der

Unvollkommenheit des Fleisches, doch vor allem beruht es auf einer

Schwäche meiner Person. Ich strenge mich eben nicht genug an, so daß

ich niemand anders für mein Versagen verantwortlich machen kann.

 

Es ist, wie wenn alles Gute, das ein Zeuge tut, in Wahrheit Gott

getan hat (oder zumindest bekommt er das Verdienst zugesprochen),

doch an allem Schlechten ist der einzelne selbst schuld und niemand

sonst. Kurz gesagt: der Mensch kann nur Böses, Sündiges und

Verkehrtes tun. Wenn das auch so nicht offen ausgesprochen wird,

deutet man es zumindest ständig an und glaubt daran (wenigstens

unbewußt) und handelt entsprechend. Nach Meinung der Wachtturm-

Organisation ist alles Gute, das ein Zeuge tut, das Ergebnis des

Wirkens Gottes und nicht seines eigenen, aber das Schlechte geht auf

das Konto des Menschen, der den Fehler begeht.

 

Bei denkenden Zeugen Jehovas kommen die Abwehrmechanismen weniger

zum Tragen, die von durchschnittlichen Zeugen im Übermaß eingesetzt

werden. Sie werden also eher auf Gedanken und Informationen stoßen,

die den Wachtturm-Lehren widersprechen. Aber auch das Wertesystem

des normalen Zeugen Jehovas weicht nicht selten recht stark von dem

des belesenen, denkenden Zeugen ab, der bereit ist, gegnerischen

Argumenten zuzuhören und nicht von vornherein allem mißtrauisch

gegenübersteht, was von "weltlicher" Seite, wie Politik, Wirtschaft

und Religion, stammt. Indirekt wird sogar dem einzelnen Zeugen davon

abgeraten, Bestätigungen für den eigenen Glauben zu finden. Der

Normalzeuge verteidigt alles, was die Wachturm-Organisation sagt,

und vertraut vollständig auf sie und ihre Erklärungen, mögen sie

auch bisweilen etwas dümmlich und ohne reale Basis sein. Ein

Beispiel hierfür ist die Lehre, daß das buchstäbliche Herz und nicht

das Gehirn der Ursprungsort menschlicher Gefühle, Einstellungen und

Werturteile sei (Wachtturm 1. Juni 1971, S. 325-344). Diese Ansicht

läßt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, daß ein

Patient, dessen Herz durch eine Kunststoffpumpe ersetzt wurde,

hinterher immer noch dieselben Gefühle und Einstellungen hat wie

vorher, wenn man einmal von den Nachwirkungen des medizinischen

Eingriffs absieht.

 

Oft ändert sich eine Lehre, wenn die Wirklichkeit unmittelbar

erfahren wird. Cetnar (zitiert in Gruss 1974) bericht von der

früheren Auffassung, Zeugen, die zur irdischen Klasse gehören,

könnten in Zeiten der Gefahr den besonderen Schutz Gottes erwarten,

da die meisten von ihnen Harmagedon überleben und in Gottes neue

Welt gelangen würden. Im Gegensatz dazu könnten Zeugen, die zu den

Gesalbten zählen (die sogenannte "himmlische Klasse"), damit rechnen

zu sterben, so daß sie diesen Schutz nicht hätten. Cetnar zitiert

Konrad Franke, den ehemaligen deutschen Zweigaufseher (ein

hochrangiger Beamter der Wachtturm-Organisation), der einmal

erzählte, wie während des Zweiten Weltkriegs einige Zeugen, die sich

als zu der irdischen Klasse (der "großen Volksmenge") gehörend

betrachteten, auf Grund dieses Glaubens sich weigerten, bei

Luftangriffen der Royal Air Force den Luftschutzbunker aufzusuchen.

Während sie gerade dabei waren, den Tagestext aus der Bibel zu

besprechen, fiel eine Bombe genau auf sie, so daß fast alle auf der

Stelle tot waren. Diese und ähnliche Erfahrungen bewirkten, daß man

diese Glaubensansicht überdachte und später änderte.

 

Derartige Probleme sind dem denkenden Zeugen eher bewußt. Er neigt

auch weniger dazu, sie wegzuerklären, so wie das die Wachtturm-

Organisation manchmal auf reichlich fantasievolle Weise zu tun

versucht. Geistig wachere Zeugen fühlen sich insbesondere durch die

haltlosen, weil schlecht recherchierten Ansichten der Wachtturm-

Organisation abgestoßen (die dann häufig geändert werden müssen).

Dazu zählen die Ablehnung des Impfens, von Kochgeschirr aus

Aluminium und die wiederholten falschen Vorhersagen von Daten für

bestimmte Ereignisse (die vielfach aufgegeben, umgedeutet oder still

und leise vergessen werden) (White 1967; Zygmunt 1970; Franz 1983).

[...]

 

Sogar aufrichtige Fragen können zu Problemen führen

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Wer dauernd Fragen stellt, die der Wachtturm-Führung nicht genehm

oder peinlich sind, wird in vielen Fällen mit einem

Gemeinschaftsentzug abgefertigt. Ist jemand ausgeschlossen, darf

kein anderer Zeuge etwas mit ihm oder seinen Gedanken zu tun haben -

 und anstoßerregende Gedanken werden oft zu seinen Gedanken, auch

wenn viele sie hegen. Damit sind diese Gedanken unzugänglich und

dürfen nicht einmal erörtert werden. Es ist sogar verboten, Briefe

oder Bücher von ihm zu lesen, denn das wäre "Gemeinschaft pflegen

durch das geschriebene Wort". Wenn dann jemand dieselben Fragen

stellt, ist folglich der Versuch, diese zu beantworten, im

wesentlichen bereits "Gemeinschaft" mit einem Ausgeschlossenen oder

zumindest mit seinem Gedankengut - und das ist verboten! Nach diesem

Schema ist mehrfach vorgegangen worden, um sich der Beantwortung

unangenehmer Fragen zu entziehen. Bestic nennt ein Beispiel

(1971:231):

 

     "Diese Auffassung trat bei einer Fernsehsendung zutage, in der

kein Zeuge auftreten wollte. Man sagte [...], daß kein Aktiver

mitmachen könne, wenn in derselben Sendung auch Ausgeschlossene

dabei seien. [...] Tatsache ist, daß gar keine ausgeschlossenen

Zeugen Jehovas teilnahmen, nur solche, die die Gemeinschaft von sich

aus verlassen hatten. Aber das machte keinen Unterschied für die

Wachtturm-Oberen."

 

[...] Wer mit der Lehre der Wachtturm-Organisation nicht in voller

Übereinstimmung ist, soll still sein und selbst sehen, wie er mit

seinen Fragen klar kommt, oder die Gemeinde verlassen. Wenn

aufrichtige Fragen nicht erwünscht sind, sehen sich viele Zeugen

gezwungen, ihre Besorgnisse für sich zu behalten. Ehrliche Fragen

dürfen nicht laut ausgesprochen, sondern sollen unterdrückt werden.

Oft quälen sie die Zeugen im Unbewußten und rufen psychosomatische

Symptome wie Asthma, Bluthochdruck, Geschwüre oder andere Störungen

hervor.

 

Das Problem des Zweifels

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Bei Untersuchungen von Personen, die geisteskrank geworden sind,

stellt man fest, daß sie vor allem mit Fragen des Lebenssinns, der

Ziele und des Berufs ringen. Das mag mit körperlichen Mängeln zu tun

haben oder mit Zweifeln daran, ob die eigene Lebensphilosophie oder

das Wertesystem noch stimmen (Andre 1980). Wer einen Beruf hat, bei

dem der Sinn der Tätigkeit vor Augen liegt, hat solche Sorgen kaum.

Und auf religiösem Gebiet duldet kaum eine Sondergemeinschaft, daß

man ihre Grundlagen anzweifelt und beispielsweise grundsätzliche

Fragen über die Auffassungen des Sektengründers stellt, sei es nun

Joseph Smith bei den Mormonen, Dr. John Thomas bei den

Christadelphianern oder Charles Taze Russell bei den Jehovas Zeugen.

Auch wenn viele Zeugen in ihrer Religion ganz aufgehen, haben sie ab

und an doch alle ihre Zweifel. Und da die Religion oft ihre ganze

Welt darstellt, können Zweifel in diesem Bereich äußerst traumatisch

sein. Bei den Zeugen werden Zweifel einem Außenstehenden gegenüber

praktisch niemals erwähnt, doch wenn ein Therapeut ihr Vertrauen

gewonnen hat, bekommt er oft ganz grundlegende Zweifel zu hören.

 

Die Zweifel können verschiedene Form haben: Es werden klare

Widersprüche in der Literatur der Wachtturm-Gesellschaft entdeckt,

Fehlverhalten hoher Funktionäre wird erlebt, Prophezeiungen schlagen

fehl, Lehren werden geändert, oder es sind blitzartig auftauchende

Einsichten wie: "Hat Gott überhaupt ein Recht, ein Drittel der

Menschheit zu vernichten, wie die (Wachtturm-)Gesellschaft es lehrt,

wenn er alle Chinesen in Rotchina sterben läßt, nur weil ihnen die

Botschaft der Zeugen nie gepredigt wurde, mit der Begründung, die

Regierung treffe die Entscheidung für die gesamte Nation?" Dieser

Fall liegt ähnlich wie der von unmündigen Kindern, die gerettet

werden, weil ihre Eltern gerettet werden; doch wenn die Eltern in

Harmagedon vernichtet werden, sind auch ihre kleinen Kinder

verloren. In diesem Fall spielt der Vertreter der Regierung die

Rolle der Eltern und das Volk die der Kinder. Für viele Zeugen

ergibt sich nach der Logik der Wachtturm-Gesellschaft eine höchst

ungerechte Lage. Sogar ihren Führern sind Zweifel gekommen, als

Prophezeiungen fehlschlugen. Russells Hoffnung, das Jahr 1914 werde

das Ende des "Systems der Dinge" bringen, erfüllte sich nicht. Er

gab selbst zu, daß seine Erwartungen sich nicht bestätigt hatten. Er

starb am 31. Oktober 1916, nur zwei Jahre nach 1914. Der dritte

Präsident der Gesellschaft, Knorr, erwartete nach Aussage seiner

Vertrauten, daß das "Ende" im Oktober 1975 eintreffen würde. Er

starb 1977, ebenfalls etwa zwei Jahre danach. Beide Männer waren mit

Sicherheit sehr enttäuscht, und beide lebten nur wenige Jahre über

den Zeitpunkt hinaus, den sie so lange Zeit ihres Lebens

herbeigesehnt hatten.

 

Allgemein wird anerkannt, daß zwischen beruflicher Tätigkeit,

emotionalen oder religiösen Konflikten und dem auftretenden

psychopathologischen Erscheinungsbild ein enger Zusammenhang

besteht.Menschen, die sehr streng geordnete, starre religiöse

Ansichten vertreten, zeigen am ehesten folgende

Persönlichkeitsmerkmale: Sie sind autoritär, überaggressiv,

unterwürfig, konventionell, identifizieren sich mit Mächtigen,

wollen immer andere bestrafen, neigen zu Projektionen und zu

klischeehaften Anschauungen. Jehovas Zeugen identifizieren sich sehr

stark mit der Wachtturm-Organisation und projizieren ihre Probleme

schnell auf den Rest der Welt.

 

Zudem verfügen sie über eine ausgeprägte Bestrafungsmentalität, was

sich besonders in ihrem Verständnis von Harmagedon und noch mehr in

der Art und Weise zeigt, wie mit Aufmüpfigen in der Gemeinde

umgegangen wird. Komplexes Verhalten deuten sie mit Hilfe von

Klischeemustern. So sind sie vielfach der Ansicht, andere Menschen

seien vor allem schlechte Menschen und die Zeugen seien überwiegend

gut; die Geistlichkeit der Christenheit wird oft so dargestellt, als

sei sie nur hinter dem Geld her, während die Zeugen immer nur an

andere abgeben. Die Geistlichkeit ist vor allem an ihren

selbstsüchtigen Zielen interessiert, die Zeugen hingegen nur daran,

anderen zu helfen. Die Zeugen neigen dazu, die gesamte

Menschheitsgeschichte auf einige wenige grobschlächtige

Vereinfachungen zu reduzieren.

 

Die Zeugen und die Außenwelt

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Die Wachtturm-Gesellschaft spricht sich ganz offen gegen den Umgang

der Zeugen mit Außenstehenden aus, damit sie "von der Welt

unbefleckt" bleiben. Dadurch, daß sie mit Feiertagen und Festen

jeder Art nichts zu tun haben sollen, werden sie häufig von ihrer

ferneren Verwandtschaft abgeschnitten, manchmal auch von den

nächsten Verwandten. Da sie ermahnt werden, zu Außenstehenden nicht

"übermäßig freundlich" zu sein, meiden sie alle engeren sozialen

Kontakte mit Nichtzeugen. Dementsprechend kommen Sport, Hobbies,

Weiterbildung, Bodybuilding und Fitnessclubs nicht in Frage.

Abgesehen von gelegentlichen Picknicks mit der Familie oder einem

freundschaftlichen Fußballspiel (dieses aber nicht zu oft, und ohne

jeden Anschein eines Wettkampfs), werden fast keine Formen der

Unterhaltung gepflegt. Selbst das Lesen von Schriften, die nicht von

der Wachtturm-Gesellschaft herausgegeben wurden, ist verpönt (eine

Ausnahme bildet dabei vielleicht die örtliche Tageszeitung), und

selbst bei der Wachtturm-Literatur wird nur diejenige neueren Datums

empfohlen. So werden sie wirkungsvoll von der Außenwelt

abgeschnitten. Darüber hinaus wird den Zeugen ständig davon

abgeraten, sich für die finanzielle Verbesserung der eigenen Lage

einzusetzen, schriftstellerisch tätig zu werden, sich in irgendeiner

Form als Bürger in der Gemeinde zu engagieren oder sonstwie

Freiwilligenarbeit zu übernehmen, Überstunden zu leisten, sich

fortzubilden, eine berufliche Karriere anzustreben, sich an Auto-

oder Pferderennen zu beteiligen, bei Glücksspielen mitzumachen,

Nachtclubs, Bars und Theater zu besuchen, und zu allem kommt eine

schier endlose Liste von Verboten. All das führt dazu, daß Jehovas

Zeugen von der Normalgesellschaft abgelöst leben. Natürlich ist eine

Reduzierung bei einigen dieser Aktivitäten sogar nützlich, doch die

Zeugen machen die Liste so umfangreich, daß sie fast alles umfaßt,

was  Kontakt mit Außenstehenden bedeutet.

 

Ein Ergebnis dieser endlosen Verbote ist, daß die Zeugen ganz von

allein gezwungen werden, in ihre eigene Traumwelt zu fliehen.

Besonders trifft das auf solche zu, die generell Mühe haben, die

Anerkennung ihrer Mitmenschen zu erringen, oder die aus Gründen, die

in ihrer Person liegen, innerhalb der Welt der Zeugen keinen Kontakt

finden. Wie schon gesagt, wird den Zeugen davon abgeraten,

Selbstbestätigung und Anerkennung außerhalb der Wachtturm-

Gemeinschaft zu suchen. Die Folge ist, daß es in der Versammlung

einen beträchtlichen Wettstreit um Anerkennung gibt. Da es in jeder

Versammlung so viele gibt, die sich selbst bestätigen wollen,

hierfür aber nur wenige anerkannte Wege offenstehen, kommt es immer

wieder zu neuen Konflikten.

 

Durch die Absonderung von der Welt, wie sie Jehovas Zeugen und viele

andere Sekten pflegen, steigt die Zahl psychischer Erkrankungen und

Selbstmorde in ihren Reihen. Die österreichische Psychologin

Margarete von Andics fand in der 1930er Jahren bei 100 Gesprächen

mit Patienten der Wiener Klinik für Psychiatrie und Neurologie, die

einen Selbstmordversuch überlebt hatten, heraus, daß nicht ein

einziger dieser Patienten in einen größeren sozialen Rahmen

eingebettet war als den der Familie oder Freunde, als der

Selbstmordversuch unternommen wurde. Ihre Schlußfolgerung lautete:

"Wer keinen Anteil daran hat, das Rad der Welt zu drehen, der lebt

in einer Situation, die ihm das Leben bald sinnlos erscheinen läßt."

Damit das Individuum das Gefühl hat, ein sinnvolles Leben zu führen,

muß es eingebunden sein in die Menschheit als Ganzes oder einen

bedeutenden Teil davon und sich damit identifizieren können.

 

Wenn die Zeugen das Gefühl hätten, ein wichtiger und notwendiger

Teil der Wachtturm-Bewegung zu sein, dann wäre dieses Bedürfnis

befriedigt. Wenige Zeugen aber bleiben längere Zeit ein fester Be-

standteil dieser Gemeinschaft. Menschen, die zum Wachtturm oder zu

anderen kleinen, geschlossenen Gemeinschaften mit enger Zielsetzung

gehören, können bis zu einem gewissen Grad auf die Verfolgung

"großer Ziele" verzichten, aber nur, wenn sie von dieser Gruppe

akzeptiert und emotional wie spirituell von ihr gestützt werden.

[...]

 

Trotz des engen sozialen Zusammenhalts gibt es bei den Zeugen einen

überraschend hohen Grad an sozialer Isolierung. Das zeigt sich

beispielsweise darin, wieviele Kontaktanzeigen in einigen Zeitungen

und Zeitschriften von Zeugen Jehovas aufgegeben werden. So fanden

sich allein in der Ausgabe des Midnight Globe vom 16. August 1977

vier Anzeigen, obwohl insgesamt nur zwei kleine Zeitungsseiten für

Anzeigen zur Verfügung standen. Ein ähnliches Bild ergab sich in

Ausgaben neueren Datums. [Entsprechendes gilt auch für deutsch-

sprachige Zeitungen, allen voran Heim und Welt. Anm.d.Übers.] Noble

(1982) kommt zu dem Schluß:

 

     "Jehovas Zeugen sind es nicht gewohnt, über ihre Gefühle zu

sprechen, und daran liegt es meines Erachtens auch, daß wir so sehr

leiden, wenn wir uns schließlich von ihnen trennen. Wir haben Angst,

zum Psychologen zu gehen, denn "wenn wir wirklich Gott auf unserer

Seite hätten, wäre das nicht nötig", wie die Gesellschaft immer

sagt. Dieser Haltung folgt natürlich die ganze Herde, und wenn wir

doch einmal psychisch erkranken, ist es uns zu peinlich oder

demütigend, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen."

 

Weitere Auswirkungen der Zugehörigkeit zu einer abgesonderten

Gemeinschaft                                                      

--------------------------------------------------------------    

Wenn jemand ganz in einer Gruppe aufgeht, werden die Ziele der

Gruppe zu seinen eigenen. Man wird gefügig und hat keine eigenen

Antriebe und Wünsche mehr. Zur Stabilisierung der Gruppe werden

ständig hautnahe Schilderungen der Verfolgung in Malawi und Nazi-

Deutschland vorgetragen. Die Werbetätigkeit von Tür zu Tür und auf

andere Weise zwingt die Gruppenangehörigen, sich gegenseitig

Rückhalt zu geben, um ihren Glauben zu verteidigen. Und da die

Zeugen sich nicht zuviel Bestätigung in der "Welt" holen sollen,

sind sie gezwungen, ihre normalen psychischen Bedürfnisse innerhalb

der Versammlung zu befriedigen. Das führt, wie schon gesagt, dazu,

daß sich eine große Anzahl Menschen beständig abzappelt, ihre

Bedürfnisse zu befriedigen, nur weil einige wenige, nämlich die

oberste Führung, das so wollen. Die Folge ist, daß soziale

Bedürfnisse unerfüllt bleiben und Selbstbestätigung für viele nicht

zu haben ist. Von Selbstverwirklichung wird abgeraten, so daß diese

nicht einmal versucht wird (Maslow 1968). Wie zu erwarten, muß das

zu Frustration und Schwermut führen, weil Bedürfnisse nicht erfüllt

werden, die wir alle haben und die so grundlegend wie das Essen und

Trinken sind. Lebenswichtige Ich-Bedürfnisse werden nicht

hinreichend anerkannt. Von den Zeugen wird erwartet, daß sie diese

sämtlich und vollständig unterdrücken. In mancher Hisicht sind sie

so asketisch und isoliert wie extreme Sekten der Hindus oder der

Christenheit, nur auf andere Weise. [...]

 

Einige positive Auswirkungen der Zugehörigkeit zu einer kleinen

Gruppe                                                            

---------------------------------------------------------------

Kleine Gruppen mit engen Zusammenhalt haben vielfältigen sozialen

und psychologischen Nutzen. Da die Zeugen aufgefordert werden, vor

allem mit anderen Zeugen Umgang zu pflegen, und da die Gemeinden

normalerweise 50 bis 150 Personen stark sind, ergibt sich

zwangsläufig, daß es weniger Diskriminierungen wegen der

Rassenzugehörigkeit oder des Alters gibt (Cole 1953; Penton 1985).

Die Zeugen werden zu freundschaftlichem Verkehr mit Glaubensgenossen

jeden Alters aufgefordert, vor allem aber mit den Älteren. Weil die

Versammlungen so klein sind, kommt es selten vor, daß viele

gleichaltrige Kinder oder Jugendliche zusammen sind. Selbst wenn

diese also hauptsächlich mit ungefähr Gleichaltrigen zusammen sind,

zählen dazu meist mehrere Altersgruppen. So komt es, daß die meisten

Zeugen Jehovas mit Personen der verschiedensten Alters-gruppen engen

Umgang pflegen.

 

Wer mit wem Kontakt hat, hängt vor allem davon ab, wer in der Nähe

wohnt. Oft haben Zeugen Spielkameraden oder Freunde in ungefähr

demselben Alter, selten jedoch im selben Alter. Daß dies gute

Wirkungen zeitigt, wird aus den Forschungen Bronfenbrenners deutlich

(1973).

 

Kleine Gruppen mit engem Zusammenhalt weisen aber auch negative

Aspekte auf, vor allem ein hohes Maß an internen Reibereien, was man

bei den Zeugen sehr häufig antrifft. Der Mangel an menschlicher

Rücksichtnahme wird mit der Theorie erklärt, daß weniger Angst

besteht, die Freundschaft eines Glaubensbruders zu verlieren, denn

man braucht sich weniger Sorgen zu machen, daß man Dinge tun könnte,

die den anderen aufregen. Diese Verallgemeinerung stützt sich auf

folgenden Gedankengang:

 

     "Wenn ich mich nicht intensiv um das Verhältnis zu meinem

Nachbarn kümmere, kann es sein, daß er mich ablehnt, denn uns

verbindet eigentlich nur die Tatsache, daß wir in derselben Gegend

wohnen. Bei meinen Glaubensbrüdern ist das aber anders. Wenn ich mir

zum Beispiel etwas bei einem von ihnen borge und es nicht

zurückgebe, dann ist er praktisch gezwungen, weiter mit mir Umgang

zu pflegen, denn wir sitzen beide im selben Boot und sollen keine

engen Kontakte mit Außenstehenden haben. Gegenüber anderen Zeugen

kann ich mich also ungefähr so verhalten wie gegenüber einem

Familien-mitglied. Da ich mir keine großen Sorgen darum mache, seine

Freundschaft zu verlieren, kann ich also frei heraus sagen, was ich

von ihm halte. Ausgeschlossen sind allerdings vielleicht negative

Ansichten über die Wachtturm-Gesellschaft" (aus einem Gespräch mit

Webb Switzer, einem ehemaligen Zeugen Jehovas, 4. März 1979). [...]

 

 

Zusammenfassung

---------------

Dieses Kapitel untersuchte die vielen Faktoren, die häufig als

wesentlich für die hohe Zahl psychischer Erkrankungen bei Zeugen

Jehovas angesehen werden. Zu diesen Faktoren zählen:

 

1.   Ein großer sozialer Druck, der dazu führt, daß die Zeugen

wirtschaftlich und bildungsmäßig auf niedrigem Niveau verharren,

selbst wenn die Fähigkeiten zur Verbesserung der Lebensumstände

vorhanden sind.

 

2.   Die Ablehnung von bereichernden Beschäftigungen wie Musik,

Sport, Kunst und die Ausübung von anderen Hobbies, dazu von

befriedigender beruflicher Tätigkeit.

 

3.   Sozialer Druck, der sich gegen intellektuelle Betätigung jeder

Art richtet. Hierunter leiden insbesondere die aktiveren,

beleseneren und zur Eigenbeobachtung neigenden Zeugen.

 

4.   Fehlende Befriedigung allgemeiner psychischer und emotionaler

Bedürfnisse der Zeugen durch die Wachtturm-Organisation.

 

5.   Zahlreiche Änderungen von Lehrpunkten, oberflächliche und

ungenügend durchdachte theologische Ansichten sowie Mangel an

menschlichem Einfühlungsvermögen seitens der Wachtturm-Zentrale.

 

Einige Einzelfälle von Zeugen, die an Verbrechen beteiligt waren,

wurden vorgestellt. Erkenntnisse aus vorangegangenen Kapiteln

flossen in diese Betrachtungen mit ein.

 

Ein traditioneller Forschungsgegenstand ist die Frage, ob die

Religion der Wachtturm-Gemeinschaft geistige Erkrankung hervorruft

oder ob sie Menschen mit psychischen Problemen besonders anzieht.

Wahrscheinlich stimmt beides, wie in einem der nächsten Kapitel zu

besprechen sein wird.

 

 

Kapitel  6:

 

Die Problemfelder Gemeinschaftsentzug und Älteste

=================================================================

[...]

 

Zusammenfassung

-----------------

Dieses Kapitel befaßte sich mit der Tatsache, daß es vielen Ältesten

an der Ausbildung fehlt, die nötig ist, um mit den Problemen der

Zeugen angemessen umgehen zu können. Die meisten neigen dazu, sich

sehr autoritärer, strafender Methoden zu bedienen, um allgemein

menschliche Probleme zu lösen. Selten werden gangbare Alternativen

genutzt, um einzelnen problembeladenen Zeugen zu helfen und sie zu

bessern. All das wird noch erschwert durch die Praxis des

Gemeinschaftsentzugs, die im Kern darin besteht, alle diejenigen aus

der Gemeinschaft herauszuwerfen, mit deren Problemen man nicht

fertig wird. Der Gemeinschaftsentzug dient einerseits als

Druckmittel, um die Zeugen zu konformem Verhalten zu zwingen,

andererseits sollen damit gesundheitliche und soziale Probleme

erledigt werden, die zu lösen die Ältesten und die Wachtturm-

Organisation unfähig sind. Dieses Vorgehen mag vielleicht die Herde

einschüchtern, es bewirkt aber mehr Schlechtes als Gutes.

 

 

 

 

Kapitel 7:

 

Das Leben als Zeuge Jehovas

============================

 

Den meisten Zeugen bereitet es Probleme, daß ständig höchste

Ansprüche an ihre Zeit, Gefühle und Selbstbeherrschung gestellt

werden. Von jedem wird erwartet, daß er neben dem Besuch von

wöchentlich fünf Zusammenkünften (und allein die Vorbereitung

hierfür dauert zusätzliche Stunden, wenn man gewissenhaft ist)

persönliches Studium betreibt, von Haus zu Haus und auch zu anderen

Gelegenheiten predigt, Rückbesuche und Heimbibelstudien durchführt,

und das bei allen sonstigen Verpflichtungen. Wer dem nicht voll

nachkommt, steht oft unter dem sozialen Druck der anderen; bleibt

man erheblich unter dem erwarteten Pensum, kann einem ein Besuch von

Ältesten blühen. Weiterhin fällt beträchtliche Fahrzeit an, um drei-

oder viermal wöchentlich zum Königreichssaal zu gelangen. In

ländlichen Gegenden kann das noch einmal vier Stunden oder mehr

erfordern. 

 

Extrem hohe Erwartungen haben diese Organisation von Anfang an

charakterisiert. Beachtenswert ist folgender Bericht von jemand, der

den Zeugen zwanzig Jahre lang angehört hatte, bevor er sich von

ihnen trennte:

 

     "Da ich mein ganzes Leben lang ein sehr eifriger Zeuge war,

habe ich gelernt, mein Leben auf eine ganz besondere Weise zu

führen. Ich war ständig sehr stark beschäftig und habe mich stets

bei allem, was ich tat, nach dessen Zweck gefragt. Zeugen Jehovas

sind sehr zielorientiert und achten darauf, ihre gesamte Zeit voll

auszukaufen, wenigstens war das bei mir so. Der regelmäßige Besuch

der Zusammenkünfte (fünf Stunden jede Woche, dazu die Fahrzeit und

das obligatorische Beisammensein hinterher) erforderten gewöhnlich

zehn bis zwölf Stunden wöchentlich. Zur Vorbereitung waren weitere

fünf Stunden nötig. Der Predigtdienst machte noch einmal sechs

Stunden aus, so daß insgesamt mehr als zwanzig Stunden herauskamen.

In unserer Versammlung wurde großer Wert darauf gelegt, daß man an

der Arbeit und in der Schule Gutes leistete, was wiederum bedeutete,

sich bei den Hausaufgaben, im Haushalt und bei anderen Aufgaben

anzustrengen.

 

     Da blieb wenig Zeit für einen selbst übrig. Und weil Sport und

andere Erholung verpönt war (zumindest regelmäßige Betätigung), habe

ich kaum Entspannung gesucht, bin fast nicht ins Kino gegangen und

habe keine Bücher oder Zeitschriften gelesen. Nicht einmal

ferngesehen habe ich. Darum dann auch die große Leere, als ich die

Zeugen verließ. Ich hatte ja kein klares Ziel mehr. Jetzt mußte ich

mich selbst um andere Tätigkeiten bemühen, und dabei habe ich mich

genau wie vorher verhalten. Ich stelle noch heute fest, daß ich, um

geistig stabil zu bleiben, die meiste Zeit beschäftigt sein muß,

sonst überkommen mich Ziellosigkeit, Depression und andere Probleme.

Und doch bringe ich es kaum fertig, derart zielstrebig zu leben, wie

ich es als Zeuge gewohnt war."

 

Wie sich hieran zeigt, fällt es denen, die die Gemeinschaft

verlassen haben, großenteils schwer, klare neue Ziele zu entwickeln.

Da sie während ihrer Zeit als Zeugen Jehovas kaum Ziele außerhalb

der Gemeinschaft gepflegt hatten, fehlt ihnen jetzt die Motivation

fast ganz. Während man ein Zeuge ist, dreht sich das ganze Leben

darum, neue Anhänger für die Wachtturm-Organisation zu finden und

deren Ziele zu verwirklichen. Sobald man sie hinter sich läßt, gibt

es diese Ziele nicht mehr. Das führt dazu, daß viele ehemalige

Zeugen ziellos durchs Leben wandern und sich oft monate- oder sogar

jahrelang um gar nichts mehr kümmern. Sie schaffen es nicht, sich

sinnvoll zu betätigen in einem Rahmen, der die Befriedigung der

elementaren Lebensbedürfnisse übersteigt. Da sich Lebensziele

gewöhnlich herausbilden, während man noch sehr jung ist, kommt es

kaum vor, daß jemand, der als Zeuge erzogen wird, sie in dieser

entscheidenden Zeit herausbildet, und Ziele später zu entwickeln,

ist äußerst schwierig.

 

Die emsige Tätigkeit, der die Zeugen während ihrer Zugehörigkeit zu

der Organisation nachgehen, ist so beschaffen, daß sie eigentlich

niemals fertig ist. Es gibt immer noch etwas zu studieren, neue

Wachtturm-Ausgaben zu lesen, eine Zusammenkunft zu besuchen, einen

"Rückbesuch" zu machen und immer so weiter. Der andauernde Druck

läßt es selten zu, zwischendurch einmal zu verschnaufen und

Rückblick zu halten, inwieweit ein Ziel schon erreicht wurde. Da das

Ziel nicht klar umrissen ist, geht die Tätigkeit immer weiter, mit

wenig Höhen und Tiefen, und selten hat man einmal ein

Erfolgserlebnis. Nimmt man als Beispiel einen Schriftsteller, so

kann es zwar sein, daß er dauernd an irgend etwas schreibt und immer

mit einem Projekt beschäftigt ist, doch irgendwann hat er es

abgeschlossen und sieht ein fertiges Produkt. Dann kann er sich

zurücklehnen und die Früchte seiner Arbeit genießen, selbst wenn er

bereits am nächsten Buch arbeitet. Die Frucht seiner Arbeit ist ein

sichtbares Ergebnis, sei es nun ein Fachartikel, ein Buch oder eine

kurze Meldung in einer Zeitschrift. Und während der Arbeit des

Schreibens gibt es verschiedene Phasen zu durchlaufen, z.B.

Nachforschen, Datensammeln, Literaturaneignung, Interviews,

Schreiben, Korrekturlesen, um nur einige zu nennen. Der Abschluß

jeder Phase vermittelt das Gefühl, etwas geschafft zu haben, daß man

vorankommt, und das bedeutet Abwechslung.

 

 

Den meisten Zeugen Jehovas aber bleiben diese Gefühle versagt. Das

kann sich schädlich auswirken, denn viele der Tätigkeiten der Zeugen

sind ohnehin gewöhnlich sehr langweilig, vermitteln kein baldiges

Erfolgsgefühl und wiederholen sich. An jeder Tür werden die gleichen

Gedanken besprochen, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Eine

Zusammenkunft nach der anderen wird besucht, Stunde um Stunde, Woche

um Woche, Jahr um Jahr, und man hört dort im wesentlichen immer

dieselben Grundgedanken. In Wachtturm und Erwachet! stehen immer

ähnliche Dinge, Ausgabe um Ausgabe, viermal im Monat,

achtundvierzigmal im Jahr, Jahr um Jahr. Es werden sogar immer

dieselben Zitate gebracht. Eines, das die Zeugen jedes Jahr ein

dutzendmal zu hören bekommen, ist eine obskure Äußerung einer

kleinen, heute nicht mehr existierenden Religionsorganisation, die

besagte, daß "der Völkerbund der politische Ausdruck des

Königreiches Gottes auf Erden" sei. Diese Verlautbarung wird in

Ansprachen und in den Zeitschriften der Zeugen wiedergegeben, um

ihre Behauptung zu belegen, daß die Zeugen (damals noch

Bibelforscher genannt) im Jahr 1914 , dem "Wendepunkt der

Weltgeschichte", auf der Seite Gottes standen, alle Kirchen aber auf

der Seite Satans! Ein bekannter Zeuge Jehovas faßte das Problem der

rastlosen Geschäftigkeit der Zeugen wie folgt zusammen:

 

     "Und was die Haltung der Gesellschaft zu Fragen der psychischen

Gesundheit angeht und ihre Ablehnung von Psychiatern und

Psychologen: wie erklärt sie sich, daß Zeugen Jehovas, die ihre

ganze Kraft im Predigtdienst und beim Besuch der Zusammenkünfte

verausgaben, einen Nervenzusammenbruch erleiden? Mir sind viele

Pioniere und Kreisaufseher bekannt, die einen Nervenzusammenbruch

hatten. Meiner Meinung nach kann der Druck durch die fanatische

Tätigkeit, der auf ihnen lastet, sehr wohl ein Hauptgrund für ihre

Probleme sein. Die Gesellschaft meint, das hält die Brüder geistig

stark, doch gerade das Gegenteil ist der Fall: es treibt sie in den

Wahnsinn" (Brief von Chris Christenson, ehemaliger Ältester, 6.

August 1976).

 

Sowohl Außenstehenden wie Jehovas Zeugen fällt auf, daß viele

Zeugen, die sehr eifrig waren im Predigtdienst und beim Besuch der

Zusammenkünfte, psychisch erkrankten. [...] Wie bereits ausgeführt,

ist aber nicht die extreme Geschäftigkeit allein die Ursache

schwerwiegender psychischer Probleme. Zahlreiche Faktoren können den

"geistigen Zusammenbruch" herbeiführen. Jemand kann durch seinen

übermäßigen Einsatz sein Unglücklichsein überdecken. Oder jemand ist

mit ganzer Kraft aktiv und entdeckt dann die Schwachstellen der

Glaubensansichten der Zeugen, was dazu führt, daß er seinen

vorherigen Einsatz bedauert. Wer sich ganzherzig der Sache der

Zeugen Jehovas verschreibt, hat mehr zu verlieren, wenn er die

unausweichliche Entdeckung macht, daß bei der Organisation nicht

alles zum besten bestellt ist. Engagierte Zeugen werden also

stärkere innere Konflikte erleben, denn sie haben viel investiert

und entsprechend auch mehr zu verlieren, wenn sich herausstellt, daß

ihre Befürchtungen, die Zeugen könnten falsch liegen, sich

bewahrheiten. Wer sich weniger stark eingesetzt hat, wird oftmals

weniger Probleme haben, wenn er diese Entdeckung macht. 

 

Der Schritt vom festen Boden solider Tatsachen in den Sumpf

unhaltbarer Schlußfolgerungen ist oft nur sehr klein, manchmal

unmerklich. Wenn zwei Dinge miteinander in Beziehung stehen, heißt

das noch lange nicht, daß eines die Ursache des anderen ist. In

manchen Fällen kann eine psychisch unangemessene Reaktion darin

bestehen, daß der Betreffende sich noch stärker als Zeuge Jehovas

einsetzt. Oft ist auch die unermüdliche Betätigung gar nicht das

auslösende Moment für die psychischen Schäden. Was wir als "Ursache"

ansehen, kann sogar ohne jeden Zusammenhang mit den tatsächlich

verursachenden Bedingungen sein. Es kann reiner Zufall sein, daß wir

einige Menschen kennen, die außergewöhnlich aktive Zeugen Jehovas

waren und die einen Nervenzusammenbruch hatten. Vielleicht besteht

ein Zusammenhang, doch unsere persönliche Erfahrung ist noch kein

zwingender Beweis dafür. Oft genug sind A und B das Resultat eines

weiteren Faktors C. Als Beispiel diene der Fall eines unsicheren

Menschen, der sein Minderwertigkeitsgefühl mit aller Macht dadurch

überwinden will, daß er anderen, die ihm viel bedeuten, zu Gefallen

ist (in diesem Fall den Glaubensgenossen). Wenn er das durch

rastlose Tätigkeit nicht zuwege bringt, kann es zum

"Nervenzusammenbruch" kommen. Die Ursache hierfür ist in diesem Fall

die Unfähigkeit, ein Ichbedürfnis zu befriedigen, und nicht die

Tätigkeit an sich. So können Ichbedürfnisse zu verstärkter Aktivität

führen und dann zum Nervenzusammenbruch, wenn die Bedürfnisse sich

auf diese Weise nicht erfüllen lassen. Bei meinen Forschungen bin

ich zu dem Schluß gelangt, daß dieser Hintergrund bei den Zeugen

häufiger gegeben ist, und zwar besonders, weil es trotz höchster

Anstrengungen bei den Zeugen nicht möglich ist, selbst normale

Ichbedürfnisse zu befriedigen, weil das Belohnungssystem der

Gemeinschaft dem entgegensteht.

 

Wie bereits besprochen, fordert die Wachtturm-Organisation, "alle

Ehre Gott zu geben" und nicht dem einzelnen, der etwas erreicht,

selbst wenn das sehr viel ist. Für den erfolgreichen Zeugen ist es

der Normalfall, herabgesetzt zu werden. Man erinnert ihn beständig

daran, daß er seine Erfolge nicht aus eigener Kraft, sondern nur

durch Gott errungen habe. Immer wieder fährt man mit ihm eine

"Demutstour" ab ("Nun laß dir das mal nicht zu Kopf steigen, Bruder

Neumann, daß du neun Zeitschriften abgeben durftest"), und das kann

durchaus mit zu psychischen Fehlentwicklungen beitragen.

 

Das ständige Herabspielen von Erfolgen im Alltagsleben zeigt sich

auch auf andere Weise. Die Zeugen werden fortwährend ermahnt, die

offiziellen Wachtturm-Aktivitäten zum wichtigsten Inhalt ihres

Lebens zu machen. Erfolg oder Versagen in diesen Tätigkeiten steht

in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Erfolg oder Versagen als

Person vor Gott. Der einzelne soll vollständig in dieser Tätigkeit

aufgehen. Die Wachtturm-Organisation betont, daß diese Tätigkeiten

die einzig wahre Berufung für den Zeugen darstellen. Selbst wenn man

einer Vollzeitarbeit nachgeht, ist alle weltliche Beschäftigung nur

Nebenbeschäftigung und daher zweitrangig.

 

Jedes Versagen im Dienst für die Wachtturm-Organisation wird zum

persönlichen Versagen, mit allen dazugehörenden Folgen für das

Gefühlsleben. Und die Tätigkeit der Zeugen ist von ihrer Natur her

reich an Fehlschlägen. Bevor ein Heimbibelstudium eingerichtet

werden kann, müssen Tausende von Hausbesuchen durchgeführt werden.

Und viele Bibelstudien müssen begonnen werden, bevor auch nur eine

Person ein aktiver Zeuge Jehovas wird. Von denen wiederum, die aktiv

werden, gibt die Mehrzahl wieder auf. Wird jemand ein aktiver Zeuge

und gibt nicht auf, so wird er oder sie im allgemeinen früher oder

später desillusioniert. Viele bleiben dann zwar aus sozialen,

familiären oder persönlichen Gründen dabei, doch nur sehr wenige

werden voll engagierte, ausgeglichene, hingegebene Zeugen für

längere Zeit. Der Zeuge kann also gar nicht anders als versagen, mit

dem Ergebnis, daß er entmutigt ist. Und "Entmutigung" ist ein

häufiges Thema der Zusammenkünfte. Immer wieder werden die Gläubigen

aufgefordert, sich über "ermutigende" und "erbauende" Dinge zu

unterhalten. Zu den wenigen Belohnungen, die die Gemeinschaft kennt,

gehört die Aussage "Das ist wirklich ermunternd" bzw. "Er ist ein

auferbauender Bruder".

 

Diesem unvermeidlichen Versagen begegnet man auf vielerlei Weise.

Den wichtigsten Beitrag zur Verminderung von Entmutigung leistet die

Methode, den Zeugen so zu konditionieren, daß er Mißerfolge

erwartet. Er rechnet damit, daß man ihm die Türen vor der Nase

zuschlägt. Er erwartet, daß die meisten Leute nicht zuhören wollen.

Diese Erwartungshaltung trägt dazu bei, den Mißerfolg zu verkraften.

Man lernt, daß man damit rechnen muß, an Hunderten von Türen zu

klingeln, um mit einigen Menschen reden zu können. Und man nimmt die

Tatsache hin, daß die meisten, mit denen man reden kann, einfach nur

höflich sind; die wenigsten sind wirklich interessiert. Man erwartet

es, daß man sechs Monate mit jemand studiert (Heimbibelstudium

genannt), um dann von demjenigen zu hören, daß er doch lieber kein

Zeuge Jehovas werden will. Man lernt, damit zu rechnen, daß viele

Heimbibelstudien sich taufen lassen, erst regelmäßig in den

Predigtdienst gehen und dann aufgeben. Doch vielen Zeugen fällt es

schwer, sich mit diesen Fehlschlägen abzufinden, so sehr sie damit

auch rechnen mögen. Mißerfolg bleibt Mißerfolg, auch wenn er

erwartet wird, und ist deshalb enttäuschend.

 

Die Zeugen Jehovas investieren ihr ganzes Leben in einen einzigen

Lebenszweck, nämlich dem, der Wachtturm-Organisation zu dienen (nach

ihrer Ansicht handelt es sich dabei um Dienst für Gott), anstatt

einer Vielzahl von Interessen zu folgen, mit denen Erfolg und

Belohnung verbunden sind und die eine Identität begründen. Mißerfolg

oder Enttäuschung auf diesem einen Gebiet wirkt sich daher

verheerend aus. Die Zeugen werden regelrecht dazu angetrieben, sich

nur auf diesem einen Gebiet zu betätigen. Von allem anderen, wie

beispielsweise Hobbies (von Fotografie bis Malerei), wird streng

abgeraten. Wer sich als Zeuge solchen "weltlichen Dingen" hingibt,

wird ständig ermahnt, er oder sie solle "achtgeben, daß das Hobby

nicht zu viel Zeit auffrißt" oder man stellt die Frage: "Meinst du

wirklich, du könntest soviel Zeit für derart selbstsüchtige

Interessen opfern?" oder "Ich für meinen Teil gebe lieber meine

ganze Zeit für Jehova und warne die Menschen vor der bevorstehenden

Vernichtung". [...]

 

 

Konformitätsdruck durch das Erzeugen von Schuldgefühlen

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Die Technik zur Erzwingung konformen Verhaltens ist ganz einfach:

Man impft dem Zeugen Schuldgefühle ein, weil er dem Diktat der

Wachtturm-Organisation nicht folgt. Ein ganz häufiges Problem ist

der unvermeidbare Konflikt zwischen den Anforderungen der

Arbeitsstelle, der Familie und der Wachtturm-Organisation, bei dem

die Wachtturm-Organisation gewöhnlich Sieger ist. Man beachte

folgendes Gespräch:

 

Tom:  Kommst du heute zur Zusammenkunft?

Bill: Nein, ich muß noch mehrere Berichte für meine Dienststelle

schreiben.  Tom:  Soll das etwa heißen, du kommst nicht zur

Zusammenkunft? Bill: Ich habe in der letzten Zeit nie gefehlt, und

ich stehe wirklich unter Druck, die Bericht  fertigzustellen. Tom:

Willst du wirklich das geistige Festmahl, das Jehova liebevoll

seinem Volk bereitet, zurückweisen?

Bill: Schließlich muß ich auch für meine Familie sorgen.

Tom:  Sag mal, Bill, meinst du tatsächlich, wir könnten es wagen,

Jehovas Angebot abzulehnen, wenn er uns in seiner liebenden Güte ein

geistiges Mahl vorbereitet, an dem alle teilnehmen sollen, und

stattdessen unsere selbstsüchtigen materiellen Interessen

voranstellen? Die Schätze Jehovas sind unvergleichlich! Also Bill,

ich kann dir ja die Entscheidung nicht abnehmen, aber ich persönlich

genieße jedes geistige Festmahl, das Jehova seinem Volk gibt und

kann seine liebende Güte einfach nicht zurückweisen. Ich an deiner

Stelle würde noch einmal gründlich darüber nachdenken, in welche

Richtung ich da gehe. Wenn man fleischlichen, weltlichen Interessen

den ersten Platz einräumt, kann das nur Jehovas Mißfallen

hervorrufen.

Bill: Tja, vielleicht kann ich die Berichte auch noch morgen früh

vor der Arbeit anfertigen, wenn ich um vier oder fünf aufstehe.

 

Durch Gespräche wie diese werden dem einzelnen Zeugen ganz

unausweichlich emotionale Konflikte bereitet. Er ist völlig legitim

daran interessiert, seinen Verpflichtungen gegenüber Arbeitgeber und

Familie nachzukommen, und steht doch ständig unter dem Druck seines

Gewissens und seiner Glaubensbrüder, die "Verpflichtungen" gegenüber

der Wachtturm-Organisation zu erfüllen. Da können schwere Konflikte

gar nicht ausbleiben. Oft genug bleibt nicht genug Zeit, um beiden

Seiten zugleich gerecht zu werden.

 

Derartige Konflikte führen zu einer unechten Motivation. Die

sogenannte "ganzherzige" Hingabe, die dem Einsatz für die

Organisation gilt, entstammt nicht immer einem positiven Wunsch,

sich zu engagieren, sondern zum Teil einer vorhandenen Furcht und

Schuld.  [...]

 

Demütigungen und der unsichtbare Talmud

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Die ständigen Ermahnungen im Wachtturm, von der Bühne und von

einzelnen Zeugen, man solle mehr Zeit im Predigtdienst verbringen,

"geistiggesinnt" sein, nicht so materialistisch und selbstsüchtig

usw., bewirken gemeinsam mit den häufigen Zurückweisungen an der

Tür, durch Nachbarn und Freunde, daß die Zeugen allgemein ein Gefühl

der Minderwertigkeit haben. Da sie zur Kritik gegenüber

Glaubensgenossen neigen, kommt es sehr häufig zu Geschwätz. Nur

wenige Zeugen leben nach dem oft unvernünftigen Maßstab der

Wachtturm-Organisation, so daß es in den meisten Gemeinden auch

genug zum Tratschen gibt. Das Geschwätz ist ein Mittel, durch das

der Schwätzer an Ansehen gewinnt, denn er erweckt den Anschein, auf

dem Laufenden zu sein, eingeweiht zu sein und zum inneren

Führungskreis zu gehören.

 

Den Ältesten ist gewöhnlich sehr gut bewußt, daß es in den meisten

Versammlungen reichlich Geschwätz, Verleumdung und Gehässigkeit

gibt, daß viele an allem etwas zu bekritteln haben und was es an

kompensatorischen Verhaltensweisen mehr gibt. Leider reagieren sie

darauf im allgemeinen, indem sie einfach eine weitere Vorschrift

erlassen: "Geschwätz ist verboten." Doch damit wird das Problem nur

schlimmer. Nur wenige Älteste erkennen oder wissen, aus welchen

emotionalen Ursachen sich Geschwätz speist. Ihre Ermahnungen

verlegen die sichtbaren Zwistigkeiten höchstens nach innen, was auf

Dauer zu noch mehr Schwierigkeiten führt. Am häufigsten machen sich

hierbei wahrscheinlich die Ältesten schuldig, und zwar einerseits,

weil man auf sie meistens mehr hört als auf den

Durchschnittsverkündiger, und weil sie andererseits wegen ihrer

Stellung auch über mehr Dinge Bescheid wissen, die sich als

Geschwätz eignen. Was sie den geheimen Ältesten-Zusammenkünften

erfahren, ist nicht selten Wasser auf die Mühlen der Tratschmühle

ihrer Versammlung. White (1967:388) stellt dazu fest:

 

     "Die leitende Körperschaft hat den Zeugen Jehovas Gottes Gesetz

mittlerweile genau wie das Mosaische Gesetz als eine Ansammlung von

Ge- und Verboten vorgesetzt, so daß ihnen selten die Freiheit

bleibt, ihr eigenes Urteilsvermögen zu gebrauchen. Das Ergebnis

dieser Anhäufung von Vorschriften über Vorschriften ist, wie zu

erwarten, ganz dasselbe wie beim Gesetz Moses im Volk Israel: Es

kommt häufig vor, daß das theokratische Gesetz im Geheimen gebrochen

wird, ohne daß das Rechtskomitee der Versammlung es merkt.

Zahlreiche Haare werden gespalten darüber, wie ein unwichtiger Erlaß

zu verstehen sei, während die gewichtigeren Dinge, deren Erfüllung

man nicht mit Gewalt durchsetzen kann, wie Nächstenliebe,

Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben, zu kurz kommen. Obendrein

gibt es ein ständig zunehmendes Problem mit Gemeinschaftsentzügen

und Fällen von Bewährung, da kein Mensch ein Gesetz vollkommen

halten kann.

 

Ein zentraler Grund für die hohe Zahl von psychischen Störungen, auf

die in diesem Zitat angespielt wird, ist das enorme Gewicht des

"unsichtbaren Talmuds" (Christenson 1976), der auf dem einzelnen

lastet. Was die Organisation alles verbietet, umfaßt eine schier

endlose Liste. Die wesentlicheren Dinge seien im folgenden

aufgezählt:

 

 

 Verpönte oder verbotene Tätigkeit               Begründung       

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1. Grüßen der Flagge, der Königin oder anderer  Götzendienst, da  

   nationaler Symbole                           nur Gott Autorität

2. Tragen oder Besitzen religiöser oder fast      Falsche Anbetung

        aller anderer Symbole

3. Fähnchenschwenken oder Teilnahme an jeglicher  Geistige Hurerei

        nationalistischer Feier

4. Jegliche Verbindung zu oder Beteiligung an     Geistige Hurerei

   anderen Religionen oder religiös gelenkten

   Organisationen, einschl. Basaren, Gottes-

   diensten und Beerdigungen

5. Geburtstage                                    Götzendienst,weil

                                               Selbstverherrrlichung

6. Osterfeuer                                     Relig. Hintergrund

7. Trinksprüche bei Hochzeiten und sonst.Feiern   Falsche Anbetung

8. Teilnahme an Wahlen                            Vermisch.mit Welt

9. Arbeit im Rüstungssektor                       Unterstützung   

                                                  weltl. Kriege  

10. Jegliche Verbindung zu Produktion und Verkauf Falsche Anbetung,

    von verpönten Gegenständen, von religiösen        Götzendienst

    bis zu pornographischen

11. Feiern von Weihnachten, Ostern und aller      Heidnischer Brauch

   anderen Feste

12. Bluttransfusionen und Spenden von Blut        Blutgenuß,daher 

                                                  falsch          

13. Bücher anderer Religionen lesen               verschmutzt Sinn

14. Masturbation                                  Selbstvergötzung,

                                                  zu viel Interesse

                                                  an Sex          

15. Sterilisation (inzwischen geändert)           Verhindert      

                                                  Emfängnis       

16. Organverpflanzungen (inzwischen geändert)     Nach der Bibel  

                                                  Sünde           

17. Mitmachen in Jugendvereinen                   Zeitvergeudung

18. Fettleibigkeit                                Mißbrauch des   

                                                  Körpers,        

                                                  des Tempels Gottes

19. Glücksspiele, sogar das Werfen einer Münze    Satanisch; von  

    um das Ausgeben von einem Glas Bier           ehrlicher Arbeit

                                                  leben           

20. Jede Beteiligung an Politik, Bewerben um      Unbefleckt von  

    Wahlämter aller Art                           Welt bleiben

21. Jagen und Fischen                             Keine Acht. vor 

                                                  Leben           

22. Seichte Filme ansehen                         Sündiger Einfluß;

                                                  Zeit fehlt Pred.

23. Lachen über schmutzige Witze                  Unmoralisch     

24. Sich zum Klassensprecher wählen lassen        Unbefleckt bleiben

25. Zu den Pfadfindern gehen                      Neutral bleiben;

                                                  oft kirchlich   

26. Tragen von Trauerkleidung                     Heidnischer Brauch

27. Sich zu rechtfertigen versuchen               Mangel an Demut

28. Gewerkschaftsfunktionär sein oder sich an     Bruch der       

    Kampfmaßnahmen aktiv beteiligen (z.B. wählen) Neutralität

29. Verehrung und Nachahmung von Pop- u.Filmstars Götzendienst    

30. Berühmten Persönlichkeiten nachfolgen oder    Menschenverehrung,

    ihren Philosophien                            unbiblische Werte

31. Sich als Jugendliche(r) mit Freund(in) ohne   Sex. Versuchung 

    Begleitung treffen

32. Reis werfen bei einer Hochzeit                Heidnischer Brauch

33. Zuneigung öffentlich zeigen (außer Begrüßung) Sex. Versuchung

34. Spenden für Rotes Kreuz oder and. Hilfsorgan. Unterstützung   

                                                  rel.Org.        

35. Teilnahme an Bürofeiern                       Weltliche Gesell.

36. Teilnahme an Gebet, das nicht von einem unta- Nur Zeugen sind 

    deligen, getauften männlichen Zeugen Jehovas  wahre Christen

    geleitet wird

37. Beim Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner    Unmoralisch     

    seiner Leidenschaft ungezügelt Lauf lassen

38. Fluchen oder Verwendung verpönter Ausdrücke   obszöne Rede    

39. Teilnahme an Tänzen, die von Ältesten als     Sex. Versuchung 

    anzüglich bezeichnet werden, oder Tanzen mit

    jemand anders als dem eigenen Partner

40. Beteiligung an außerschulischen Aktivitäten   Zeit fehlt Pred.

41. Rauchen                                       schädigt Körper

42. Drogen nehmen (außer medizinische Zwecke)     schädigt Körper

43. Feiern von Kriegsveteranen/"Heldengedenktage" Verherrlich.von 

                                                  Pers., die sich an

                                                  Kriegen bet. haben

44. Lesen alter Wachtturm-Literatur und aller     Gemeinschaft mit

    nicht von Zeugen Jehovas stammender Bücher    Bösen + Weltmen.

45. Tätigkeit als Geschworener bei Gericht        Neutralität     

46. Tätigkeit bei Militär und Zivilschutz         Weltliche Kriege

47. Üben von Selbstverteidigungstechniken         Milit. Ursprung

48. Verkauf von Weihnachts-, Neujahrsgegenständen Heidnischer Brauch

49. Versäumen von Zusammenkünften u.Predigtdienst Ungehorsam gegen

                                                  Gott            

50. Gebrauch von Wörtern wie Glück, ogott, herrje Bezeichnet Satan

                                                  bzw. falsche    

                                                  Götter/Läst.    

51. Aufsuchen eines Psychiaters/Psychologen       Kann irreführen

52. Besuch von Hochschulen (sehr verpönt);        Zeit fehlt Dienst,

    bestimmte Fächer sind verboten                weltl.Gesellsch.

53. Beteiligung an Sozialreform/Selbsthilfe       Zeitvergeudung

54. Zweifeln an der Wachtturm-Organisation        gegen Gott      

55. Schach, Dame, Karten u. ähnliche Spiele       Milit. Charakt.

56. Überstunden machen                            Zeit fehlt Pred.

57. Rockkonzerte besuchen                         Sündiger Einfluß;

                                                  Zeit            

58. Flirten ohne Heiratsabsicht                   Unmoralisch     

59. Anfreunden mit Nachbarn                       weltl.Gesellsch.

60. Als Frau bei Zusammenkunft Hosen tragen       Unangemessene   

                                                  Kleid., dem Mann <