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Zur
seelischen Gesundheit
von Zeugen Jehovas
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Jerry R. Bergman
Inhaltsverzeichnis
Seite
Vorwort von Prof. Carl Thornton 3
Über den Autor 4
Wichtige Vorbemerkung zu den Fallgeschichten 5
Einführung
6
Kap. 1: Jehovas
Zeugen und das Problem der psychischen
Erkrankungen
9
Kap. 2: Zur
Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Zeugen Jehovas
10
Kap. 3: Wie die
Zeugen auf Forschungen auf diesem Gebiet
reagieren 13
Kap. 4: Welche
Faktoren zur hohen Zahl Erkrankungen beitragen
14
Kap. 5: Weitere
krankheitsfördernde Umstände
27
Kap. 6: Die
Problemfelder Gemeinschaftsentzug und Älteste
37
Kap. 7: Das Leben
als Zeuge Jehovas
38
Kap. 8: Die
Familie
53
Kap. 9: Die
Leitung - "die Organisation an die erste Stelle setzen"
57
Kap. 10: Zieht die Wachtturm-Religion psychisch labile
Personen an?
60
Kap. 11: Wie man die Trennung von den Zeugen heil
übersteht 65
Kap. 12: Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 71
Anhang: Der
Watchtower in Afrika (Kitawala)
(entfällt)
Bibliographische Hinweise (entfällt)
-----------------------------------------------------------------Der
folgende Text ist eine autorisierte Übersetzung von
Auszügen aus dem
171seitigen Werk "The Mental Health of Jehovah's
Witnesses." USA
1987. Bestelladresse: Witness Inc., P.O.Box 597,
Clayton, CA
94517. Preis: 8,95 Dollar (Stand 1990)
Vorwort von Dr. phil. Carl Thornton,
Professor der Psychologie in Flint, Michigan:
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Dr. Bergman und ich haben in unserem Lebenslauf
einzigartige
Erfahrungen gemeinsam: Wir wurden beide als Zeugen
Jehovas erzogen,
traten beide aus der Glaubensgemeinschaft aus, besuchten
die
Universität und studierten Psychologie, und haben beide
auf diesem
Gebiet auch promoviert. Dieser gemeinsame
Entwicklungsgang hat uns
veranlaßt, genauer zu erforschen, wieso von dieser
Gemeinschaft so
starke Wirkungen ausgehen, im Positiven wie im Negativen.
Positiv läßt sich vermerken, daß die Zielgerichtetheit
und die
Selbstdisziplin, die wir als Kinder lernten, wesentlich
zum Erfolg
unserer akademischen Ausbildung beigetragen hat. Auf der
Negativseite sehe ich (und ebenso Dr. Bergman) beimir und
anderen
das Risiko, in eine regelrechte Arbeitssucht abzugleiten
und nur mit
Mühe ein ausgeglichenes Leben aufrechtzuerhalten.
Bei den Zeugen Jehovas beobachte ich ein unablässiges
Bemühen, einer
"vollkommenen" Verhaltensnorm zu entsprechen.
Das hat oft ein
vermindertes Selbstwertgefühl zur Folge ("Das
schaffe ich nie"), und
es kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen, zum
Zusammenbruch
der Widerstandskraft des Körpers gegen Krankheiten und zu
einem
frühzeitigen Tod. Aus dem Schuldgefühl heraus ("Ich
kann nicht genug
tun") sowie aus der Angst vor dem bevorstehenden
Weltuntergang
("Jeden Tag kann Harmagedon kommen") fordert
man ständig mehr von
sich, als man eigentlich schaffen kann. All dies
zusammengenommen
führt zu körperlichen Leiden: Geschwüre, Migräne,
Herzinfarkt und
vielen weiteren. [...] Ein anderes Problem, das meiner
Ansicht nach
unter Zeugen Jehovas und ehemaligen Angehörigen dieser
Gemeinschaft
auffällt, ist das der Depressionen und Selbstmorde. Zwar
liegen nur
wenige statistische Daten vor, die das absichern könnten,
doch Dr.
Bergman und ich sind unabhängig voneinander zu denselben
Schlußfolgerungen gelangt.
Jehovas Zeugen neigen sehr stark zu Selbstzweifeln und
Schuldgefühlen, den wesentlichen Voraussetzungen für
Depression.
Geht man von einer schwachen Persönlichkeit aus und zählt
die
verheerenden Folgen des bei Jehovas Zeugen üblichen
Gemeinschaftsentzugs hinzu, wozu der totale Abbruch aller
Kontakte
von seiten sämtlicher Freunde und Verwandten gehört, so
ergibt sich
eine Belastung, der die meisten Menschen nicht gewachsen
sind. Ich
vermute, der Prozentsatz an Selbstmorden unter ehemaligen
Zeugen
Jehovas ist sehr hoch.
Es ist zu hoffen, daß Jerry Bergmans Buch dieses sehr
bedeutende
soziale Problem bewußt machen wird. Auch für ehemalige
Zeugen
Jehovas kann es von Nutzen sein, da sie in der
Vereinsamung ihrer
Depression höchst selten fachliche Hilfe suchen, dieser
sogar
äußerst mißtrauisch gegenüberstehen, wenn sie ihnen
angeboten wird.
Eine nüchterne Analyse des Phänomens Jehovas Zeugen wird
ihnen vor
Augen führen, daß sie nicht allein sind, sondern daß es
viele
wohlmeinende Menschen wie Dr. Bergman gibt, die ihnen
über die
schweren Zeiten, die sie mit "der Gesellschaft"
durchmachen müssen,
hinweghelfen. Hierin kann dieses Buch von unschätzbarem
Nutzen sein.
In einem Punkt unterscheiden sich Dr. Bergmans Ansichten
und meine:
Während er als auslösendes Moment für psychische Probleme
vor allem
den Einfluß der sozialen Umwelt innerhalb der Zeugen
Jehovas sieht,
meine ich, gestützt auf meine Forschungsarbeit auf dem
Gebiet der
Psychosen und des Alkoholismus, daß hierbei eine sehr
starke
genetische Komponente wirksam ist. In Bezug auf
psychosomatische
Erkrankungen und Depressionen stimme ich allerdings
völlig mit ihm
überein. Und ebenso teile ich seine Besorgnis. Die Tragik
liegt
meines Erachtens darin, daß die "Ältesten" in
den Versammlungen
(Gemeinden) der Zeugen Jehovas nicht die geringste Ahnung
davon
haben, wie psychische Krankheitszustände entstehen und
wie sie zu
behandeln sind. Diese Unwissenheit kann für einen
Betroffenen
verheerende Folgen haben. Für Mitglieder der Gemeinschaft
der Zeugen
Jehovas besteht eine reale Wahrscheinlichkeit, durch
Selbstmord aus
dem Leben zu scheiden oder dauernd behindert zu sein,
weil sie nicht
angemessen behandelt werden.
Dr. Bergman und ich hoffen, daß seine umfangreichen
Forschungen,
Analysen und Empfehlungen mehreren guten Zwecken dienen.
Angehörige
der helfenden Berufe können die Zeugen Jehovas und
ehemaligen Zeugen
Jehovas unter ihren Klienten und Patienten besser
verstehen und
darum bessere Therapiepläne für sie erstellen. Und auch
dem Laien
wird eine Einsicht in die Risiken vermittelt, die mit der
Sozialstruktur der Zeugen Jehovas verbunden sind.
Vielleicht führen Werke wie dieses einmal zu einer
positiven
Veränderung bei den Zeugen Jehovas. Das darf man aber nur
sehr
vorsichtig und nur für die fernere Zukunft erhoffen.
Dr. Carl
Thornton
Über den Autor
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Der Verfasser forscht seit zwei Jahrzehnten auf dem
Gebiet der
Besserung von Straftätern und der Psychologie. Seit über
einem
Jahrzehnt lehrt er Psychologie und Soziologie im
Hochschulbereich.
Er hat über 300 Artikel auf dem Gebiet der Psychologie
und
Soziologie verfaßt, die sowohl in wissenschaftlichen wie
in
allgemeinen Zeitschriften veröffentlicht wurden, und hat
mehr als 20
Bücher, Buchbeiträge und Monographien geschrieben,
darunter ein
Lehrbuch für das Gebiet Leistungsmessung und Psychometrie
und eine
Bibliographie zu den Zeugen Jehovas (Garland Press 1984).
Mit den Zeugen Jehovas befaßt sich Dr. Bergman bereits
seit langem.
Aus seinen Forschungen zur seelischen Gesundheit der
Zeugen Jehovas
sind vier Zeitschriftenartikel und mehrere Vorträge auf
wissenschaftlichen Fachkonferenzen hervorgegangen.
Derzeit ist er
der führende US-Experte in Fragen zur Psychologie der
Zeugen
Jehovas. Seine nächste Veröffentlichung auf diesem Gebiet
wird ein
Buch über die psychologische Beratung und Therapie von
Zeugen
Jehovas sein.
Seit über 20 Jahren befaßt sich Bergman auch ausführlich
mit den
Glaubensansichten der Zeugen Jehovas. Er besucht ihre
religiösen
Zusammenkünfte regelmäßig seit fast zwei Jahrzehnten und
hat sich
mit buchstäblich allen Entwicklungsphasen dieser
Glaubensgemeinschaft aktiv auseinandergesetzt. Zur
Vorbereitung des
vorliegenden Buches wurde die Literatur gründlich auf
alle Hinweise
durchforstet, die zum Verständnis dieser Gruppe beitragen
können.
Darüber hinaus wurden Tausende von Einzelgesprächen
geführt mit
einem Personenkreis, der von ausgeschlossenen Zeugen bis
zu
Mitgliedern der leitenden Körperschaft der
Wachtturm-Organisation
reicht. Neben seiner Beratungs- und Forschungsarbeit hat
der
Verfasser über 100 psychisch kranke und verstörte Zeugen
Jehovas
psychologisch betreut, viele von ihnen mit schweren
psychischen
Funktionsstörungen, die bei manchen ein solches Ausmaß
erreicht
hatten, daß man sie normalerweise in eine Anstalt eingewiesen
hätte,
wenn dem nicht die Devise der Wachtturm-Organisation
entgegengestanden hätte, sich auf keine psychiatrische
Behandlung
einzulassen.
Wichtige Vorbemerkung zu den Fallgeschichten
--------------------------------------------
Alle Fallgeschichten stammen aus der Arbeit des Autors,
sofern
nichts anderes angegeben wird. Die Namen der Personen,
Orte und
weitere Angaben, die der Identifizierung dienen könnten,
wurden in
allen Fällen geändert, teils um die Anonymität der
Betroffenen zu
wahren, die traumatische Erfahrungen mit der
Wachtturm-Organisation
hinter sich haben. Viele ehemalige Zeugen Jehovas wollen
diese
Geschehnisse so weit wie möglich vergessen und jeden
Kontakt mit
ihrer früheren Glaubensgemeinschaft sowie alle Gespräche
darüber
vermeiden. Darüber hinaus sind (oder waren) viele hier
erwähnte
Personen Patienten in Nervenheilanstalten, so daß es von
der
Berufsethik und vom Gesichtspunkt des therapeutischen
Prozesses her
verkehrt wäre, ihre Identität preiszugeben. Andere sind
aktive
Zeugen und wollen die Probleme der Vergangenheit hinter
sich
bringen. Aus diesem Grund wurden zur Wahrung der
Vertraulichkeit
unwichtige Einzelheiten in vielen Fällen abgeändert. Im
wesentlichen
werden die Fallgeschichten aber so geschildert, wie sie
sich
zugetragen haben. [...]
Man muß sich hüten, aus den vorgetragenen Einzelfällen
verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Sie können
höchstens belegen,
daß bestimmte Dinge sich tatsächlich zutragen können.
Jeder Fall
zeigt eine ganz besondere Problemlage, jeder ist einzig
in seiner
Art. Wenn daher ein Zeuge bestimmte Probleme hatte, so
heißt das
nicht, daß diese allgemein verbreitet seien. Ich habe
mich bemüht
herauszufinden, welche Muster typisch sind und wie oft
sie
auftreten, doch das ist ein sehr schwieriges Unterfangen.
Fallgeschichten beleuchten ihrer Natur nach vor allem das
Außergewöhnliche. Aus mehreren hundert haben wir einzelne
wenige
ausgesucht, und jede veranschaulicht ein Problem oder
einen
Diskussionsgegenstand. [...]
Wenn bestimmte Klassen von Vorkommnissen häufig
auftreten, so können
wir daraus erkennen, daß eine bestimmte Beziehung
besteht, doch
diese Methode darf nicht mit dem experimentellen Nachweis
eines
Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs gleichgesetzt werden.
Sobald man zur
Bestätigung einer Hypothese lediglich Einzelfälle
zitiert, neigt man
dazu, gegenteilige Fälle unbeachtet zu lassen oder ihnen
nicht das
richtige Gewicht zu geben. Will man wirklich angemessen
abschätzen,
weshalb es unter Jehovas Zeugen offenkundig so viele
Fälle
psychischer Erkrankungen gibt, muß man systematisch
vorgehen. [...]
Dieser Untersuchung liegt ein Begriff von psychischer
Krankheit zu
Grunde, der die Mehrzahl der Psychosen als nur graduell
verschieden
von den Neurosen ansieht (wenn auch anerkannt wird, daß
die Psychose
vielfach eine gänzlich andere "Krankheit" ist
als die Neurose). Eine
neuere Besprechung dieses Problemkreises findet man bei
Al-Issa
(1982). Darüber hinaus gründet die vorliegende Arbeit auf
der
Annahme, daß - ohne die Faktoren Biologie, Vererbung und
Ernährung
auszuschließen - psychische Probleme vor allem durch den
Faktor
Umwelt hervorgerufen werden oder daß dieser zumindest die
Schwere
der Probleme, den Grad der Niedergeschlagenheit und die
Aussichten
auf Heilung mitbestimmt. Mit dem Begriff "psychische
Krankheit" ist
in diesem Text gewöhnlich nicht ein unerklärliches,
sozial
auffälliges Verhalten gemeint wie eine gespaltene
Persönlichkeit,
das in den Massenmedien so oft hochgespielt wird.
Menschen, die
psychisch erkrankt sind, haben Mühe, mit Problemen fertig
zu werden,
und sind deswegen sehr unglücklich. Manche der hier
vorgestellten
Fälle müssen zwar genaugenommen als "abnorm"
bezeichnet werden, z.
B. solche mit somatischen Beschwerden, Depressionen oder
Halluzinationen, doch bei den meisten handelt es sich
nicht um
Psychosen, sondern Neurosen. Die Begriffe
"psychische Erkrankung"
und "Geisteskrankheit" haben viel Schaden
gestiftet (Szasz 1970).
Auch wenn die Etikettierung psychisch erkrankter Menschen
oft in
bester Absicht geschah, so sind sie doch in vieler
Hinsicht völlig
"normal"; sie sehen sich einfach nur mehr
Problemen gegenüber, als
sie verkraften können (Laing 1978). Ein psychisches
Leiden ist in
mancher Hinsicht eine normale Anpassung an eine anormale
Situation.
Zwar ist die Fähigkeit, Probleme zu bewältigen, bei jedem
Menschen
unterschiedlich entwickelt, doch würden wir wohl fast
alle psychisch
erkranken, wenn der äußere Druck zu groß wird. Ich habe
mich bemüht,
Etikettierungen zu vermeiden, doch manche Fachbegriffe
lassen sich
einfach nicht umgehen. Sie wurden lediglich dort benutzt,
wo sie
hilfreich oder notwendig waren.
Einführung
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Von welcher Warte man es auch sieht, Jehovas Zeugen sind
eine
bedeutende religiöse Sekte. Sie waren höchst einflußreich
in der
Ausformung des Verfassungsrechts und haben eine
tiefgreifende
Wirkung auf die Geschichte der USA, Kanadas, sowie
zahlreicher
afrikanischer Länder gehabt (Kim 1963; Kernaghan 1966;
Penton 1976,
1984; Maeson 1968; Manwaring 1959). Darüber hinaus übt
die
Watchtower Bible and Tract Society (das leitende
Unternehmen der
Zeugen Jehovas) allergrößten Einfluß auf das Leben von
Millionen
Menschen aus. Die Gesamtzahl der Personen, die die
grundlegenden
Glaubensansichten der Zeugen teilen oder sich davon
beeinflussen
lassen, ist drei- bis fünfmal so hoch wie die Zahl der
aktiven
Zeugen (im Jahr 1989 wurden beim Gedächtnismahl etwa zehn
Millionen
Anwesende gezählt). Aus Kanada liegen recht genaue
offizielle
statistische Angaben vor. Dort gaben im Jahr 1981 beinahe
200 000
Personen an, Zeugen Jehovas zu sein (ein Prozent der
Bevölkerung),
obwohl derzeit lediglich 80 000 regelmäßig bei den
Zusammenkünften
anwesend sind (siehe auch Penton 1976:229). In den
Königreichssaal
gehen etwa genauso viele Leute, wie die Anglikanische
Kirche an
regelmäßigen Gottesdienstbesuchern zählt - und diese ist
die
zweitgrößte protestantische Glaubensgemeinschaft in
Kanada! Mit
anderen Worten, was die Zahl der Aktiven angeht, gehören
Jehovas
Zeugen in vielen Ländern zu den zahlenstärksten unter den
Weltreligionen. In mehreren Ländern Afrikas gehören sie
auch der
Mitgliederzahl nach zu den größeren Gemeinschaften.
Daraus folgt, daß die Zeugen einen weit größeren Einfluß
auf die
Gesamtbevölkerung haben, als es zuerst den Anschein haben
könnte. In
manchen Ländern sind sie als Religion ebenso bedeutend
wie die
Katholische Kirche, die Baptisten oder die Lutheraner.
Darüber
hinaus deutet manches darauf hin, daß es heute erheblich
mehr
ehemalige als
aktive Zeugen Jehovas gibt (Franz 1983). Viele davon
haben die Gemeinschaft zwar verlassen, halten aber an
Ansichten und
Bräuchen der Zeugen fest.
Ist jemand als Zeuge Jehovas aufgewachsen oder hat eine
gewisse Zeit
unter ihrem Einfluß gestanden, so nimmt er oft bei seiner
Trennung
von der Gemeinschaft viele oder die meisten religiösen
Auffassungen,
wie sie von der Wachtturm-Organisation gelehrt werden,
mit. Seit
etwa Mitte der siebziger Jahre ist es zu schockierend
vielen
Austritten gekommen, weit über einer Million (Franz
1983). Als
Hinweis darauf, wieviele Menschen unter dem Einfluß
dieser
Organisation stehen, läßt sich auch die Auflagenzahl
ihrer
offiziellen Zeitschrift, des Wachtturms, verstehen. Von
deren
Abonnenten ist zu erwarten, daß sie entweder zu den
Zeugen gehören
oder ihnen freundlich gesinnt sind. Im Jahre 1975
erreichte Der
Wachtturm eine Auflage von 10 025 000. Er wurde 1982
halbmonatlich
oder monatlich in 106 Sprachen verbreitet. Wenn auch
viele Exemplare
nicht gelesen werden, so zeigt doch die derzeitige
Auflage von rund
14 000 000 Exemplaren deutlich an, daß die Zeugen
weltweit einen
beachtlichen Einfluß ausüben. In dem Werk The Book of
Lists (New
York 1980) wird beispielsweise angegeben, die Wachtturm-
Veröffentlichung Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt
sei das
Buch mit der viertgrößten Auflage in der gesamten
Menscheitsgeschichte. Bis 1986 waren davon weit über 120
Millionen
Exemplare gedruckt.
Früher oder später sieht sich praktisch jeder klinisch
tätige
Psychologe und Psychiater mit Klienten konfrontiert, die
sagen, sie
seien als Zeugen Jehovas aufgewachsen, hätten früher zu
ihnen gehört
oder seien von ihnen beeinflußt. Diesen Menschen zu
helfen ist sehr
schwierig, wenn man nichts darüber weiß, welche
Triebkraft hinter
den Lehren dieser Gemeinschaft liegt und welche
allgemeinen
Stressfaktoren aus dem Glaubensgebäude und dem sozialen
Milieu
resultieren.
Zudem ist es für einen einigermaßen ausgeglichen lebenden
Menschen
oft schwer, die Lage anderer voll zu begreifen, besonders
wenn sie
einem so autoritären Glauben wie dem der Zeugen Jehovas
angehören.
Für den Außenstehenden genügt aber bereits eine kurze
Orientierung,
um über einige der gravierendsten Probleme der Zeugen
Bescheid zu
wissen, ohne deren Kenntnis man dem einzelnen kaum helfen
könnte.
Das gilt für professionelle Helfer genauso wie für
Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn.
Das auslösende Moment für die vorliegende Studie war und
ist das
tiefe Mitgefühl mit den Zeugen. Der Autor fühlt sich
ihnen seit
vielen Jahren zutiefst verbunden. Weil es darum geht zu
helfen,
wurde alles unternommen, um fair und genau zu sein. Vor
allem sollen
die Zeugen Jehovas als Menschen gesehen und verstanden
werden.
Geschichte und Lehren der Gemeinschaft werden nur dort
angesprochen,
wo es zum Verständnis der psychologischen Zusammenhänge
gebraucht
wird. Dieses Werk ist aufschlußreich für alle diejenigen,
die
menschliches Verhalten untersuchen, insbesondere das
innerhalb von
kleinen Gruppen, sowie Erforscher der Religionen
Nordamerikas und
der Zeugen Jehovas als spezifischer religiös-sozialer
Gruppierung.
Soziologen, Therapeuten, Lebensberater, Psychiater,
Pfarrer,
Gemeindeglieder und die Zeugen selbst werden aus diesem
Überblick
Nutzen ziehen. Viele Psychologen haben ihr Interesse an
einer
psychologischen Untersuchung der Zeugen bekundet. Kogon
(1946:365)
schreibt:
"Wie reizvoll wäre es [...], [...] eine Psychologie
der
Bibelforscher zu schreiben! Obwohl sie in der Regel
mittelständlerischen Berufsschichten von einfacher Denk-
und Fühlart
entstammten, entfalteten sie im Konzentrationslager einen
wahren
Regenbogen seelischer Reaktionen und äußerer
Verhaltensweisen, der
sich zwischen den Polen hoher Jenseitserwartung und
tiefirdischen
Eß-, ja Freßappetits spannte."
Was an soziologischen und psychologischen Erkenntnissen
vorliegt,
ist leider so verschwindend gering, daß man versucht ist,
seine
Schlußfolgerungen mehr auf persönliche Ansichten als auf
saubere
Forschung und aussagekräftige Daten stützt. Die Zeugen
Jehovas
meinen oft, sie müßten "beweisen", daß es in
ihren Reihen nur wenige
Fälle psychischer Erkrankungen gibt, während viele ihrer
Gegner
aller Schattierungen versessen darauf aus sind, das
Gegenteil zu
zeigen. Zur Feststellung der tatsächlichen Gegebenheiten
ist die
vorurteilsfreie Untersuchung durch einen Wissenschaftler
notwendig,
der kein Eigeninteresse daran hat, eine hohe oder
niedrige Quote
nachzuweisen. Notwendig ist allein das Ziel, die
Wirklichkeit zu
verstehen, und der Wunsch, den Zeugen zu helfen.
Das Problem der Kausalität
--------------------------
Die Ermittlung der Ursachen stellt ein besonders
verzwicktes Problem
dar, das heißt die Frage, ob Faktor A den Faktor B
hervorruft. Bei
der Bewertung psychischer Erkrankungen stützt man sich
oft auf
Korrelationsberechnungen, die nicht unbedingt beweisen,
daß ein
ursächlicher Zusammenhang vorliegt, sondern einfach, daß
überhaupt
ein Zusammenhang besteht. So können die einen psychisch
erkranken,
weil sie Zeugen Jehovas sind, während andere Zeugen
Jehovas werden,
weil sie sehr unglücklich sind und eventuell der Ausbruch
einer
Krankheit bevorsteht. Meistens sind viele verschiedene
Faktoren
dafür verantwortlich, daß jemand ein Zeuge wird, und
einige davon,
aber auch viele weitere rufen auch psychische
Erkrankungen oder
Traurigkeit hervor. Manche erkranken auch aus anderen
Gründen als
den Faktoren A und B, so wie man inzwischen die Bedeutung
von
Erbfaktoren immer besser versteht. Das Tragische ist, daß
viele
unzureichend behandelt werden und daß man sie für
Krankheitszeichen
verantwortlich macht, die auf Vererbung beruhen oder
sonstwie
außerhalb ihrer Einflußmöglichkeiten liegen.
Manche der Verallgemeinerungen in dieser Abhandlung sind
zugegebenermaßen meine eigenen. Sie gründen sich jedoch
in den
meisten Fällen nicht nur auf intensive Forschung, sondern
auch auf
eine über zwanzigjährige Erfahrung des Lebens als Zeuge
Jehovas. Wie
schon erwähnt, gab es wenige Forschungsergebnisse, auf
die ich mich
stützen konnte. Nur sehr wenige Forscher haben sich mit
den
soziologischen und psychologischen Aspekten der Religion
der Zeugen
Jehovas befaßt und noch viel weniger mit der Frage ihrer
seelischen
Gesundheit. Da es in den USA nur reichlich eine
dreiviertel Million
Zeugen gibt, hätte man selbst bei einer hohen
Krankheitsquote nur
eine verhältnismäßig kleine Anzahl psychisch Kranker.
Darüber hinaus
gibt es insgesamt nur sehr wenige gute psychologische
Untersuchungen
über die Beziehung zwischen seelischer Gesundheit und
Religion,
abgesehen von solchen, die die groben Kategorien
"Katholisch,
protestantisch, jüdisch" zugrundelegen. Sogar
innerhalb der größeren
protestantischen Sekten liegen wenige abgeschlossene und
aussagekräftige Untersuchungen vor, und diese beruhen in
weiten
Teilen auf Spekulation (Penton 1985). Große
Schwierigkeiten hat man
auch deswegen, weil die Gruppen, um die es geht,
statistisch gesehen
so unbedeutend sind.
Kapitel 1:
Jehovas Zeugen und das Problem der psychischen
Erkrankungen
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"Jehovas Zeugen sind das glücklichste Volk auf
Erden. Wir brauchen
einen Psychiater noch weniger als sonst irgend
jemand." Diese
Behauptung wird gegenüber Zeugen und Außenstehenden oft
erhoben
(siehe beispielsweise in Erwachet! vom 22. Mai 1960, S.
27,28). Und
Außenstehende können auf den ersten Blick sehr wohl den
Eindruck
haben, daß sie "ein glückliches Volk" sind. In
letzter Zeit aber
ergibt sich aus der Forschungs- und der allgemeinen
Literatur ein
ganz anderes Bild. Es hat sich nämlich gezeigt, daß
psychische
Probleme unter Jehovas Zeugen ziemlich häufig auftreten.
[...]
Zusammenfassung
-----------------
Innerhalb des Glaubensgebäudes der Zeugen Jehovas gibt es
viele
Faktoren, die eine positive geistige und emotionale
Entwicklung
ermöglichen. Genauso aber auchg viele Faktoren, die
extrem
beeinträchtigend wirken. Oft sind sie schwierig
auseinanderzuhalten,
und wie sie sich auswirken, hängt zum großen Teil von der
besonderen
Lage des einzelnen ab. Doch trotz allem lassen sich klare
Zusammenhänge orten und herausschälen. Als sehr großes
Problem
erweist sich allerdings die mangelnde Zusammenarbeit
zwischen den
Zeugen und den Angehörigen der helfenden Berufe. Die
Tatsache, daß
die Wachtturm-Gesellschaft sich in dieser und vielen
anderen Fragen
so unbeweglich verhält, ist einer der Hauptgründe dafür,
daß
psychische Erkrankungen auftreten und daß sich eine
allgemein
fortschreitende Entfremdung vieler Zeugen von ihrer
Organisation
einstellt.
Das Engagement in einer festgefügten, unterstützenden
sozialen
Gruppie-rung kann zu intellektuellem, spirituellem,
emotionalem
Wachstum und zu einer Verbesserung der Lebenstüchtigkeit
führen,
sofern diese Umgebung eine Entwicklung auf diesen
Gebieten
befürwortet. Wenn andererseits alle Gedanken um eine kurz
bevorstehende Zukunft kreisen, in der alle Probleme
automatisch und
schmerzlos gelöst werden, dann wird man sich nicht um
eine Besserung
seiner gegenwärtigen Lage bemühen. Den Zeugen wird ganz
offen davon
abgeraten, Verbesserungen in den verschiedensten
Lebensbereichen
anzustreben, besonders dem der Bildung, des beruflichen
Werdegangs
und des wirtschaftlichen Aufstiegs, alles Bereiche, die
sehr wichtig
sind für eine erfolgreiche Eingliederung in die
Gesellschaft.
Aktivität wird nur auf jenen Gebieten gefördert, die den
Zielen der
Wachtturm-Organisation dienen.
Nicht immer ist der Einfluß, unter dem die Zeugen stehen,
zum Guten.
Wer sich mit der Sache der Zeugen immer mehr
identifiziert und sich
für sie engagiert, wird sich auch gefühlsmäßig daran
binden. Wie zu
erwarten, führt das zu einer Verteidigungshaltung
gegenüber
Gedankengut, das als nicht vereinbar mit den theologischen
Vorstellungen der Zeugen angesehen wird, unabhängig
davon, ob diese
Gedanken wahr oder falsch sind. Das führt dazu, daß die
Gläubigen
immer weniger fähig sind, die Wirklichkeit korrekt
einzuschätzen,
sie stattdessen zensieren oder verzerren, weil sie alles
durch die
Brille ihres Glaubens sehen. Der feste Glaube an das
Bevorstehen
Harmagedons und eines ewigen Lebens auf der Erde wirkt
sich auf den
Gläubigen sowohl günstig wie ungünstig aus. Positiv
wirken sich
Wahnideen als Glaube an die eigene Unsterblichkeit aus,
so daß man
mit einer alles überwältigenden Angst vor einem
bevorstehenden Tod
besser fertig wird (Masserman 1953:324-333). Ärzte, die
mit
chronisch und unheilbar Kranken zu tun haben, stellen
fest, daß
Patienten mit festen religiösen Ansichten ihre Krankheit
viel besser
bewältigen (Chesen 1972). Alles was den Glauben an die
Unsterblichkeit reduziert, löst Angst vor dem Tod aus und
ruft
Depression und - ironischerweise - einen Anstieg der
Selbstmordquote
hervor. Selbstmord findet man daher häufig bei denen, die
aus dem
Berufsleben ausgeschieden sind, denen, die über 65 sind,
den
Verwitweten und überhaupt allen, die kurz zuvor einen
geliebten
Menschen verloren haben, denn dieses Erlebnis macht einem
die
Wirklichkeit des Todes hautnah spürbar, was nicht selten
in die
Verzweiflung führt (Klob 1977).
Kapitel 2:
Zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Zeugen
Jehovas
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Den im Gesundheitswesen Tätigen wird immer deutlicher
bewußt, wie
hoch die Anzahl psychischer Erkrankungen und Selbstmorde
unter
Jehovas Zeugen ist. Auf wissenschaftlichen Kongressen, so
ist mir
aufgefallen, kommt es gar nicht selten vor, daß man
Jehovas Zeugen
zur Sprache bringt, wenn das Thema Religion und seelische
Gesundheit
behandelt wird. Fälle von psychischen Erkrankungen unter
den Zeugen
sind so häufig, daß sie in schriftlichen Abhandlungen zu
diesem
Thema oft mit erwähnt werden. In manchen Orten, besonders
in
Großstadtbereichen, kommen Probleme von Zeugen Jehovas
routinemäßig
in den Besprechungen von Gesundheitsbeamten vor (Pearsal
1981). Eine
große Nervenheilanstalt hat schon den Spitznamen
"Watchtower House"
bekommen, zum Teil wegen der vielen Patienten dieser
Glaubensgemeinschaft, doch vor allem, weil diese
Patienten dort sehr
auffallen durch aktives Verbreiten ihrer Ansichten. Die
Probleme der
Zeugen sind inzwischen wohlbekannt, nur die Gründe dafür
werden noch
nicht hinreichend verstanden.
Einige Probleme bei der Ermittlung von Häufigkeiten
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Mehrere Faktoren müssen untersucht werden, wenn man die
Häufigkeit
psychischer Erkrankungen ermitteln will. Die Höhe des
Wertes ist
abhängig von der Definition von "psychischer
Erkrankung", für die
sich der Forscher entscheidet, denn dieser Begriff
spaltet das
Kontinuum zwischen vollkommener geistiger Gesundheit und
vollständigem Irresein willkürlich in zwei Teile. Die
Extreme sind
leicht erkennbar, kommen aber selten vor. In Wahrheit
sind wir alle
irgendwo zwischen diesen beiden Extremen anzusiedeln.
Legen wir
einen weiten, offenen Maßstab für psychische Krankheit
an, so
könnten wir zu dem Ergebnis gelangen, daß 80 Prozent
aller Zeugen
psychisch krank sind. Nehmen wir einen strengen Maßstab,
stellen wir
vielleicht fest, daß es nur zwei Prozent sind. Die Zahl
kann also
hoch oder niedrig sein, je nachdem, welchen Maßstab wir
wählen.
Die ideale Methode wäre, nach dem Zufallsprinzip 1000
Zeugen Jehovas
und genauso viele Nicht-Zeugen auszusuchen, jede
Stichprobe
repräsentativ für die Gesamtbevölkerung des Landes. Wenn
zwölf
Prozent der US-Bevölkerung Schwarze sind, 52 Prozent
Frauen usw.,
dann sollte das bei der Kontrollgruppe ebenso sein. Als
nächstes
würde der Forscher jeden Angehörigen dieser Gruppen nach
strengen,
objektiven Kriterien einer Serie psychologischer Tests
unterziehen.
Das Personal, das die Tests durchführt und auswertet,
darf dabei
nicht wissen, welche Gruppe gerade getestet wird. In
einem letzten
Schritt vergleicht man die Fähigkeit beider Gruppen zu
psychischer
Anpassung anhand der Testergebnisse. Auf diese Weise
ließe sich das
Anpassungsniveau der Zeugen im Vergleich zur
Gesamtbevölkerung
feststellen. Der Test müßte sorgfältig ausgesucht werden,
um
sicherzustellen, daß er nur relevante Variablen mißt.
(Der MMPI-Test
beispielsweise schätzt "normale" Zeugen
Jehovas, die an Dämonen usw.
glauben, verkehrt ein.)
Leider wird es diese ideale Untersuchung niemals geben.
Erstens
nehmen Jehovas Zeugen kaum jemals an Untersuchungen teil,
die ihre
Organisation durchleuchten wollen, und wenn sie es täten,
dann
würden sie versuchen, die Organisation im besten Licht
erscheinen zu
lassen. Sie glauben, Außenstehende wollten doch nur
kritisieren, so
daß die ganze Mühe eine reine Zeitverschwendung sei. Sie
wollen ihre
Zeit in diesen letzten Tagen mit dem Predigen verbringen,
nicht mit
wertlosen Untersuchungen. Zudem wäre eine solche
Untersuchung sehr
kostspielig. Kaum ein Geldgeber wird auch nur den
Mindestsatz an
Forschungsmitteln zur Verfügung stellen, wenn es sich um
eine
Randgruppe handelt, die nach Meinung vieler ohnehin
bedeutungslos
ist.
Man sollte nicht nur die Häufigkeit von psychischen
Erkrankungen
erforschen, sondern auch die individuellen Faktoren, die
dazu
beitragen. Zum Beispiel ließen sich die Zeugen
unterteilen in
untätige, kaum tätige, durchschnittlich aktive,
überdurchschnittlich
aktive und äußerst aktive und dann könnte man die
seelische
Gesundheit jeder einzelnen Gruppe erfassen. Damit ließe
sich recht
gesichert feststellen, inwieweit das Ausmaß an Aktivität
bei den
Zeugen zu psychischen Erkrankungen beiträgt. Nach meiner
Erfahrung
gibt es Hinweise darauf, daß der Grad des aktiven
Engagements mit
emotionalen Fehlanpassungen etwas zu tun hat, aber daß
dies nur sehr
untergeordnet ist. Die Zeugen nehmen zwar vor allem
diejenigen wahr,
die als sehr Aktive einen Zusammenbruch erleiden, doch
nach meinen
Statistiken ist der Grad der Aktivität allein nicht
unbedingt einer
der Hauptfaktoren. Wer viel Zeit und Kraft seines Lebens
in diese
Sache gesteckt hat und viele schwere Enttäuschungen
erlebt, der wird
oft ganz enttäuscht sein, das Leben vergeudet zu haben.
Oft ist die
Enttäuschung der Faktor, der die psychischen Probleme
verursacht,
nicht so sehr der Grad der Aktivität. Solche, die sich
ganz
besonders engagiert haben, fallen am tiefsten, weshalb
die Trennung
für sie am traumatischsten ist (Franz 1983).
Und es gibt weitere Schwierigkeiten: Nach vielen
Definitionen von
psychischer Krankheit würden Jehovas Zeugen schon wegen
vieler ihrer
Glaubensansichten als "auffällig" eingestuft
werden, da sie nicht
mit denen der Bevölkerungsmehrheit übereinstimmen.
Aufgrund ihrer
Lehren handeln und verhalten sie sich anders als der
"Durchschnittsbürger". Ein Verhalten, das von
der Norm abweicht, ist
per Definition "anormal",
"eigenartig". An eine unmittelbar
bevorstehende Schlacht von Harmagedon zu glauben, in der
fast die
gesamte Welt vernichtet wird und nur die treuen Zeugen
überleben
werden (die dann für immer auf einer paradiesischen Erde
leben
werden), das weicht völlig vom Weltbild der Allgemeinheit
ab. Wer so
etwas vertritt, setzt sich von der Mehrheit ab. Wer als
Zeuge
Jehovas alle Lehren seiner Gemeinschaft glaubt, zeigt ein
abweichendes Verhalten, wenn man ihn mit einem
Außenstehenden
vergleicht. Er verhält sich aber sehr angepaßt,
vergleicht man ihn
mit dem sozialen System innerhalb der Zeugen Jehovas.
Vielfach sind
Zeugen nicht in der Lage, sich gegenüber Außenstehenden
anzupassen,
können dies aber innerhalb der Gemeinschaft recht gut.
Von solchen
Fällen erfahren Psychologen und Psychiater fast nie
etwas. Würde man
sie in der Statistik mit erfassen, so wäre die Quote der
seelischen
Erkrankungen bei Jehovas Zeugen um ein Mehrfaches höher.
(Viele
Zeugen leiden an einem ständigen Mißtrauen gegenüber
Außenstehenden
und versuchen, den Kontakt mit ihnen soweit irgend
möglich zu
meiden, abgesehen von den normalen Alltagskontakten.)
Doch obwohl
die meisten in ihrer eigenen Welt gut angepaßt sind und
bestens mit
Ihresgleichen umgehen können, würde die Diagnose recht
häufig
"paranoide Persönlichkeitsstruktur" lauten.
Dieses Verhalten zeigen die meisten nach außen
abgeschlossenen
Gruppen. Die klare Trennung in "Wir" und
"die anderen" kennzeichnet
sogar recht viele soziale Kollektive. Trotzdem sind viele
Forscher
der Ansicht, darin spiegele sich ein Fehlverhalten, und
sehen es
dementsprechend als pathologisch an, zumindest als
schlecht
angepaßt. So sagt Christensen (in Oates 1961:247):
"Ganz gleich, ob
ein Glaube nun von einzelnen oder von der Gesellschaft
als normal
oder anormal angesehen wird, er läßt sich stets in
pathologischer
Weise einsetzen." Aus diesem Grund ist es nötig zu
ergründen, wie
einzelne Zeugen mit bestimmten Glaubensansichten umgehen,
wenn man
ermitteln will, wie sie mit Alltagsproblemen
fertigwerden. Der
Glaube an eine bevorstehende neue Welt kann dazu benutzt
werden,
eine generell optimistische Grundhaltung zu erzeugen, dem
Leben
einen Sinn zu geben und sich von den Enttäuschungen des
Alltags
nicht zu sehr erschüttern zu lassen. Ein anderer Zeuge
dagegen kann
denselben Glauben als Fluchtmittel benutzen, um den
täglichen
Problemen zu entgehen, und statt in der Gegenwart in
seiner eigenen
"neuen Welt" zu leben.
Uns geht es daher hier nicht so sehr um die Ablehnung der
Außenwelt
durch die Zeugen (die sich bei vielen, doch keineswegs
bei allen
zeigt), noch um deren Bestreben, die eigene Gruppe zu
glorifizieren,
sondern um ihre mangelnde Anpassungsfähigkeit im Umgang
mit
Außenstehenden und Glaubensgenossen gleichermaßen. Im
Licht der
genannten Tatsachen ist es zwar schwierig, die Häufigkeit
psychischer Erkrankungen bei den Zeugen genau zu
ermitteln, doch die
im folgenden zu besprechenden Studien zeigen, daß sehr
vieles darauf
hindeutet, daß die Quote signifikant über derjenigen der
Durchschnittsbevölkerung liegt. Die Ursache dafür ist in
Faktoren zu
suchen, die im wesentlichen außerhalb des sozialen
Systems der
Zeugen liegen und die für das pathologische Verhalten
ausschlaggebend sind. Einige Teile des sozialen Gefüges
der
Wachtturm-Bewegung müssen scharf verurteilt werden,
andere sind
lobenswert. Darum fällt es vielen auch so schwer, sich
von dieser
Organisation zu trennen. [...] [Es folgt die Darstellung
und
Besprechung der Studien von Spencer (1975), Janner
(1963), Pescor
(1949), Rylander (1946) und Montague (1977).]
Folgerungen aus den vorliegenden Untersuchungen
----------------------------------------------
Soweit das veröffentlicht vorliegende
Untersuchungsmaterial über die
seelische Gesundheit der Zeugen Jehovas. Das ganze Gebiet
der Sekten
muß unbedingt gründlicher und vertieft erforscht werden,
zieht man
die Auswirkungen in Betracht, die sie auf das Leben so
vieler
Menschen haben. Zur Zeit laufen mehrere Untersuchungen,
die nicht
nur die Frage der genauen Quote psychischer Erkrankungen
unter
Jehovas Zeugen, sondern auch die Ursachen für die hohe
Anzahl klären
können.
Aus den bisher vorliegenden Forschungsberichten lassen
sich
vergleichende Schlüsse nur schwer ziehen, da sie aus
verschiedenen
Zeiten und Ländern stammen, doch stimmen sie auffällig
darin
überein, daß die Zahl der psychischen Erkrankungen bei
Jehovas
Zeugen überdurchschnittlich ist.
[...]
Kapitel 3:
Wie die Zeugen auf Forschungen auf diesem Gebiet
reagieren
=============================================================
Zusammenfassung
---------------
Wenn Jehovas Zeugen von Beweisen für eine hohe Anzahl
psychischer
Erkrankungen in ihren Reihen hören, reagieren sie darauf
im
allgemeinen so, daß sie erstens die Fakten leugnen,
zweitens
versuchen, beschwichtigende Gründe aufzuführen, drittens
die Motive
der beteiligten Wissenschaftler in Frage stellen, und
viertens das
Problem einfach ignorieren und nicht konkret darauf
eingehen. Die
letzte Reaktion ist die häufigste und wohl die
tragischste.
Die Wachtturm-Gesellschaft rät den Zeugen im allgemeinen
davon ab,
sich bei psychischen Erkrankungen den Rat des Fachmanns
zu holen,
wenn dies auch nicht kategorisch ausgeschlossen wird.
Doch sind die
meisten der festen Überzeugung, sie sollten keinen
Psychologen oder
Psychiater aufsuchen. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen,
daß
die Wachtturm-Gesellschaft das gesamte Fachgebiet häufig
schlecht
macht. Stattdessen soll man sich bei seelischen Problemen
-kleinen
wie großen - an die Ältesten der Versammlung wenden, die
zum großen
Teil einer weltlichen Beschäftigung als Arbeiter oder
Handwerker
nachgehen.
Kapitel 4:
Welche Faktoren zur hohen Zahl Erkrankungen beitragen
=================================================================
Wer die Psychologie der Zeugen Jehovas verstehen will,
muß
untersuchen, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen. Ihre
Sicht von der
Welt wird von ihrem Ichideal verzerrt. Um wirkungsvoll im
Leben
zurechtzukommen, muß man sich ein funktionierendes
Weltbild
aufbauen. Dieses Idealbild wirkt sich dann seinerseits
auf die
Lebensweise und Handlungen aus. Ein genaues Weltbild
ermöglicht dem
Menschen, ein sinnvolles und befriedigendes Leben zu
führen (Cox
1973).
Die Deutung, die die Zeugen Jehovas der Wirklichkeit
geben, wird
fortlaufend verstärkt dadurch, daß sie sich gegen soziale
Kontakte
mit Personen außerhalb der Wachtturm-Organisation
aussprechen und
dafür zum Umgang mit anderen Zeugen ermuntern. So sind
sie fast
ausschließlich nur einer einzigen Sichtweise ausgesetzt,
der der
Wachtturm-Gesellschaft. Alle Fakten, die dieser
widersprechen,
werden als Teil der "Welt Satans"
zurückgewiesen und sind darum
wertlos. Oft wird Glaube mit Rigidität, Starrheit,
gleichgesetzt.
Wer an den Wachtturm-Meinungen und -Ideen festhält und
sich nicht
durch Vernunft oder Fakten davon so leicht abbringen
läßt, gilt als
"glaubensstark". Die Starrheit zeigt sich aber
hauptsächlich in den
von der Religion unmittelbar betroffenen Lebensbereichen.
So ließen
sich die Zeugen in Malawi grausam verfolgen, weil sie
sich
weigerten, für weniger als eine Mark eine Ausweiskarte zu
kaufen,
denn das hätte nach ihrer Auffassung
"Götzendienst" bedeutet. Ihre
Loyalität gehört voll und ganz der
Wachtturm-Gemeinschaft, und
deshalb können sie sich keiner anderen Autorität
anpassen, auch
nicht rein äußerlich. Da diese Starrheit sich auf ein Gebiet
erstreckt, das ihrer Ansicht nach mit Religion in
Zusammenhang
steht, sehen sie sie als "Glauben" an (siehe
Franz 1983). Auf
anderen Gebieten, wie dem Bau von Versammlungsstätten
("Königreichssälen"), sind die Zeugen äußerst
pragmatisch und offen
für die neuesten Entwicklungen.
Rigidität steht mit dem Autreten von Selbstmorden und
psychischen
Erkrankungen in Verbindung (Wolff 1970:37). Durch eine
streng
autoritäre Erziehung werden Jehovas Zeugen seit jeher
angehalten,
feindselige Gefühle zu unterdrücken oder zu sublimieren
(Sprague
1943). Wer seine Gefühle auslebt, wird üblicherweise
streng
zurechtgewiesen und damit gezwungen, die feindseligen
Regungen nach
innen zu lenken. Die Folge sind Depressionen oder sogar
verschleierte Aggressionen. Dringen feindselige Triebe
ins
Bewußtsein, so ruft das gewöhnlich Schuld hervor. Das
wiederum
verstärkt die Feindseligkeit nur und führt, wie leicht
vorhersehbar,
zu noch mehr Depressionen. Die meisten sozialen Gruppen
werden mit
solchen feindseligen Gefühlen fertig, indem sie sie in
konstruktive
Tätigkeiten ableiten. Den Zeugen aber wird von den
meisten gängigen
konstruktiven Betätigungen abgeraten. Wie noch gezeigt
werden wird,
wendet man sowohl verbale Kritik wie auch Gruppendruck
an, um die
Zeugen von der Beschäftigung mit ausgleichenden
Tätigkeiten wie
Fotografie, Modellbau, allen Formen des Sammelns und den
meisten
sportlichen Aktivitäten (abgesehen von ganz seltener
Ausübung in der
Freizeit) abzuhalten. Die wenigen Ablenkungen, die sich
die Zeugen
gestatten, reichen gewöhnlich nicht aus, um die bei
manchen über
Jahre hinweg angestaute Feindseligkeit wirkungsvoll zu
sublimieren.
Selbst vom Einsatz von Tranquilizern und Anti-Depressiva
bei
psychischen Erkrankungen wird abgeraten. Bei den
Zeuginnen ist es
der Normalfall, in der Menopause jede Hormonbehandlung
abzulehnen.
Eine Zeugin litt an schweren Depressionen und
Selbstzweifeln und
hatte hochgradige Probleme im Umgang mit anderen, weil
sie eine
Hormonbehandlung ablehnte - bis dann im Erwachet! (vom
22. 8.
Oktober 1975) ein Artikel erschien, der den Zweck von
Hormonspritzen
erklärte. Es wurde darin angedeutet, daß es "nicht
in jedem Fall
unangebracht" sei, sich dieser Therapieform zu
unterziehen. Doch bis
der Wachtturm seine Gutheißung ausgesprochen hatte,
befand sie sich
bereits in einem solch schweren Stadium ihrer Depression,
daß sie
völlig verzweifelt war. Durch die richtigen Medikamente
erholte sie
sich äußerst rasch und war bald vollständig
wiederhergestellt. Ihr
Ehemann, ein Ältester, stand der ganzen Entwicklung
unbeteiligt
gegenüber und betonte, sie könne tun, was sie wolle.
Dieser Fall veranschaulicht mehrere Dinge zugleich. Als
erstes muß
das typische Mißtrauen gegenüber allen Fachleuten, die
nicht zur
Wachtturm-Organisation zählen, genannt werden, ganz
besonders
gegenüber Medizinern und Psychologen (Salzman 1951;
Penton 1985). Im
beschriebenen Fall lehnte die Patientin die von ihrem
Arzt
empfohlene Hormonbehandlung ab. Viele Zeugen verlassen
sich lieber
auf eine "natürliche" Heilung, worunter sie vor
allem gute
Ernährung, Vitamin-oder Mineralienkuren und Ruhe
verstehen. Darüber
hinaus besteht eine Neigung, etwas nur dann als
akzeptabel
anzusehen, wenn die Wachtturm-Organisation es
ausdrücklich gebilligt
hat. Solange sie sich zu einer Behandlungsform oder
Tätigkeit noch
nicht geäußert hat, fürchtet man, sie könnte verkehrt
sein, und man
meint dann meistens, es sei das beste abzuwarten, bis man
sicher sei
(Rogerson 1969).
Darüber hinaus besteht ein generelles Mißtrauen gegenüber
allen
Glaubensfremden und damit praktisch gegenüber allen
Ärzten
(insbesondere Psychiatern und Nervenärzten) und
Psychologen.
Ironischerweise kommt auch Mißtrauen gegenüber Ärzten aus
den
eigenen Reihen häufig vor. Für die meisten Zeugen Jehovas
zählen die
wenigen Zeugen, die Ärzte sind (etwa ein Arzt pro
Bundesstaat in den
USA [in Deutschland etwa ebenso; Anm.d.Üb.]) eher zu den
Außenstehenden. So kommt es, daß ein Zeuge Jehovas mit
Hochschulabschluß, selbst wenn er Ältester ist, bis zu
einem
gewissen Grad als "Teil der Welt" angesehen
wird. Da die Mehrzahl
der Zeugen einfachen Beschäftigungen nachgeht (bei den
Männern
trifft man in den USA am häufigsten die handwerklichen
Berufe an,
von den Frauen sind die meisten überhaupt nicht außer
Haus tätig),
sieht man in einem Zeugen, der einem akademischen Beruf
nachgeht,
gar nicht so recht einen Glaubensbruder, schon weil man
es nicht
gewohnt ist. Damit in Zusammenhang sollte erwähnt werden,
daß sich
bei den wenigen besser gebildeten Zeugen ein deutlicher
Respekt
gegenüber den seltenen Akademikern unter ihnen zeigt
(Penton 1985).
Die wenigen Psychologen und Psychiater unter den Zeugen
sind in
ihrem Möglichkeiten, Hilfe zu leisten, sehr beschränkt.
Die
allgemeine Reaktion der Zeugen Jehovas ihnen gegenüber
lautet oft
sinngemäß: "Warum wird diesem Menschen nicht die
Gemeinschaft
entzogen dafür, daß er Jehova die Zeit stiehlt, um sich
weltliche
Weisheit anzueignen statt der höheren Weisheit Gottes? Er
vergeudet
nur seine Zeit, statt sie zu nutzen, um rechtgesinnten
Menschen
beizustehen, in Gottes Organisation zu gelangen."
Angesichts dieser
Einstellung ist es fraglich, ob mit Zeugen überhaupt das
nötige
Arzt-Patienten-Verhältnis zustande kommt. Besser ist es,
wenn ein
Zeuge seine Ausbildung abgeschlossen hat, bevor er oder
sie zu der
Gemeinschaft stößt, denn das wird erheblich leichter
akzeptiert.
Dann herrscht die Ansicht vor, ein Mensch, der einer
Ausbildung
nachging, während er noch kein Zeuge war, tat dies
"in
Unwissenheit", wogegen ein aktiver Zeuge, der es
tat, während er in
der Wahrheit war, "in vollem Bewußtsein seines
Fehlverhaltens
sündigte".
Vergebung der Sünden
---------------------
Eine geschichtlich bedeutende Funktion der Katholischen
Kirche war
die Vergebung der Sünden durch die Priester.
Untersuchungen haben
ergeben, daß diese Zeremonie in hohem Maße zur
Verminderung von
Schuldgefühlen beiträgt (Torrey 1974). Wer von einem
Menschen in
herausgehobener Position erfährt, daß er akzeptiert ist,
akzeptiert
sich selbst besser und entwickelt auch leichter ein
starkes
Selbstbild, beides wichtige Hilfen für ein ausgeglichenes
Gefühlsleben. Für den Erfolg der Therapie kommt es darauf
an, daß
der Patient glaubt, der ihm Vergebende sei eine
hochstehende und
fähige Person. Psychische Hilfe von kirchlicher Seite
wird also in
erster Linie bei religiösen Menschen wirken und wenn sie
von einer
geachteten Autoritätsperson kommt. Die Ältesten der
Zeugen Jehovas
sind für dieses Werk sehr viel weniger geeignet, zum Teil
deswegen,
weil sie sich ein falsches Bild von der Lebensweise des
Durchschnittszeugen machen. Die Wachttzurm-Organisation
ist sehr
darum bemüht, die Zeugen als äußerst moralische,
aufrechte und
mitfühlende Menschen darzustellen - eben als das Klischee
vom
idealen Christen. In Wirklichkeit verhalten sich viele
aber ganz
anders.
Wer in der Gemeinschaft aufgewachsen ist oder engen
Kontakt mit sehr
vielen Zeugen pflegt, bekommt am ehesten mit, daß der
Durchschnittszeuge weit vom Bild des idealen Zeugen
entfernt ist. Da
die einzelnen sich meistens erst als Erwachsene bekehren,
haben sie
nie den engen, ehrlichen Umgang miterlebt, den man kennen
muß, um zu
einer wirklichkeitsgetreuen Wahrnehmung des Verhaltens
der Zeugen zu
kommen. Im Laufe der Zeit haben enttäuschende Erfahrungen
und die
Angst vor einem Gemeinschaftsentzug oder anderer
Mißbilligung sie
gelehrt, daß man kaum jemals gegenüber einem
Glaubensbruder oder
einer Glaubensschwester völlig offen und ehrlich sein
kann.
Offenheit hat oft ein Nachspiel seitens der engen
Vertrauten und der
Ältesten. Die Loyalität der Zeugen geht so weit, daß es
bisweilen
schwer fällt, überhaupt enge Freundschaften in ihren
Reihen zu
schließen. Der vertraute Umgang führt dazu, daß man die
Fehler des
anderen und seine Zweifel an der Wachtturm-Organisation
kennenlernt.
Und da die Loyalität gegenüber der Wachtturm-Organisation
bei den
meisten höher steht als die gegenüber ihrem
Glaubensbruder, kommt es
leicht vor, daß sie die Schwächen ihrer
"Freunde" den Ältesten
melden. Das kann dann zu Verlust an
"Vorrechten" in der Gemeinde und
zu Geschwätz führen, man wird von den anderen gemieden
oder sogar
ausgeschlossen. Wer erlebt, daß jemand, von dem man
meinte, er sei
ein echter Freund, und dem man sich anvertraut hat, dann
anderen
davon erzählt, der wird immer enttäuscht sein. Was daher
die Zeugen
wirklich denken und fühlen und wie sie handeln, wird
nicht nur von
der Wachtturm-Organisation unter den Teppich gekehrt und
beschönigt,
auch die einzelnen Mitglieder tragen dazu bei, daß sich
nach außen
ein besseres Bild ergibt, als es der Realität entspricht.
Als ich
für Forschungsarbeiten bei einem Landgericht tätig war,
arbeitete
ich dort mit einem Zeugen zusammen, der der örtlichen
Versammlung
angehörte. In derselben Versammlung war auch ein anderer
Zeuge, der
kurz zuvor wegen Mordes verurteilt worden war. Auf meine
Frage: "Was
machen denn die [Schneiders]?" antwortete der Zeuge:
"Wieso? Es geht
ihnen bestens, das ist eine ganz großartige
Familie." Weitere
Erkundigungen ergaben, daß der Zeuge keine Ahnung hatte,
welche
großen Probleme diese Familie hatte, und das, obwohl er
am Gericht
beschäftigt und zugleich Pionier und Ältester in dieser
Versammlung
war. Er erinnerte sich nur, daß die Familie schon lange
keine
Zusammenkünfte mehr besucht hatte. Es war höchst
überraschend, daß
er den Fall nicht kannte, der nebenbei bemerkt ein großes
Echo in
der Presse gefunden hatte. Dieses Beispiel mag extrem
sein, doch
ungewöhnlich ist es nicht, und es ist ein Beleg dafür,
wie wenig der
Durchschnittszeuge in der Lage ist, das Verhalten
typischer wie
untypischer Zeugen Jehovas zu beurteilen.
Da Zeugen Jehovas die Wachtturm-Gesellschaft als
praktisch
vollkommene Organisation hinstellen wollen, spricht man
selten über
Fehlverhalten. Wird ein Fall öffentlich bekannt, spielt
man
gewöhnlich die Zugehörigkeit des Täters herab. Ist ein
Zeuge in ein
Verbrechen verwickelt, so legt man sich rationale
Erklärungen
zurecht, indem man annimmt, "er war bestimmt schon
seit Monaten oder
Jahren untätig" oder "er kann ja gar kein
richtiger Zeuge gewesen
sein, wenn er solch einen Mord beging".
Als mehrere Einzelpersonen, die als Zeugen aufgewachsen
waren,
Verbrechen begingen, die im ganzen Land bekannt wurden,
hieß es von
den Zeugen immer: "Die haben die Wahrheit nie
angenommen, das können
sie gar nicht, wenn sie die Verbrechen begangen haben,
für die sie
verurteilt wurden." Damit versucht man natürlich,
den Unterschied
zwischen dem, wie ein Zeuge sein sollte, und dem, wie er
manchmal
wirklich ist, wegzuerklären, denn die Abweichung ist
einfach zu
schwerwiegend. In einem Brief vom 12. Januar 1984 schrieb
die
Wachtturm-Gesellschaft über den Pop-Sänger Michael
Jackson, er sei
"... ein
getauftes Mitglied der Christenversammlung. Doch sollte
man aus der Tatsache, daß er ein Zeuge Jehovas ist, nicht
folgern,
daß die Gesellschaft oder die Versammlung, der er
angehört, seine
Musik oder seinen gesamten Lebensstil gutheißt ...
Manche, die sich
Gott hingeben und sich taufen lassen, haben noch einige
weltliche
Gewohnheiten, die die "alte Persönlichkeit"
kennzeichnen, die noch
abgelegt werden muß (Epheser 4:22-24; Kolosser 3:7-10).
Diese
Änderungen müssen auch nach der Taufe noch weiter
vorgenommen
werden, während derjenige zur Reife voranschreitet. Das
Christentum
muß eine Lebensweise sein und wir sollten unsere Freiheit
als
Christen nicht als "einen Deckmantel für
Schlechtigkeit" nutzen (1.
Petrus 2:16).
Wir können
zuversichtlich sein, daß die Ältesten seiner
Versammlung alles in ihren Möglichkeiten Stehende tun
werden, ihm
beizustehen, um die notwendigen Änderungen vorzunehmen.
Bis es so
weit ist, werden wir es in christlicher Liebe übersehen,
wenn er in
der Vergangenheit unweise gehandelt hat. Es ist ganz
klar, daß auch
er dem nachkommen muß, was von allen Christen erwartet
wird, nämlich
daß er sich an biblischen Grundsätzen ausrichtet. Es ist
unglücklich, daß durch die herausragende Rolle, die er in
der Welt
der Unterhaltung spielt, einige unweise Entscheidungen
und
Handlungen von ihm besonders deutlich hervorgetreten
sind, doch es
gibt keinen Grund, diese als Vorbild anzusehen, nach
denen man sein
Leben ausrichten sollte. Niemand sollte aus der Tatsache,
daß er
Zeuge Jehovas ist, schließen, für seine Musik seien die
Grundsätze
der Gesellschaft nicht gültig. Wenn junge Leute meinen,
sie müßten
sich am Vorbild eines Menschen aus der
Unterhaltungsbranche
orientieren, so seien sie daran erinnert, daß Jesus
Christus unser
Vorbild ist. Paulus sagte: "Werdet meine Nachahmer,
so wie ich
Christi Nachahmer bin." Damit ist der Grundsatz
festgelegt, daß es
weise ist, dem Vorbild reifer Christen aus der
Versammlung zu folgen
(1. Korinther 11:1; Hebräer 13:7).
Zur Frage, wie
wichtig es ist, entwürdigende Musik zu meiden,
verweisen wir auf den Artikel im Wachtturm vom 15. Januar
1984,
Seiten 10-15. Welche Gefahren es mit sich bringt, wenn
man
Moderichtungen folgt und Menschen als Idole verehrt, wird
im
Erwachet! vom 8. Februar 1964 auf den Seiten 5-8 und im
Wachtturm
vom 15. August 1968, Seiten 501-504 beschrieben.
...
Eure Brüder
im Dienste Jehovas
Watchtower Bible and Tract Society of New York"
[Seit 1987 betrachtet sich Michael Jackson nicht mehr als
Zeuge
Jehovas. Siehe dazu die Anmerkung in Kapitel 8.
Anm.d.Übers.]
Die Zeugen halten hartnäckig an ihren Glaubensansichten
fest, auch
wenn ihnen himmelschreiende Widersprüche allerorten vor
Augen
stehen. Dies verschlimmert die bereits vorhandenen
inneren
Konflikte, die dann dadurch abgeschwächt werden, daß man
sie
wegerklärt oder indem man sich sowohl von der Außenwelt
wie auch von
der Welt der Zeugen abkapselt. In jedem Fall führen diese
Widersprüche beim Einzelnen zu Zweifeln und inneren
Konflikten.
Erzählt ein Zeuge von Fällen schweren Fehlverhaltens und
von seinen
Schwierigkeiten, damit fertig zu werden, so wird er oder
sie von den
anderen dann oft als "unreif" abgestempelt, als
"jemand, der keine
auferbauende Gesellschaft darstellt". Das führt
nicht selten dazu,
daß er oder sie von den anderen gemieden wird, die damit
offenbar
versuchen, ihre eigenen Konflikte zu reduzieren. Diese
Zurückweisung
schafft dem Zeugen wieder neue Probleme. Häufig spricht
er überhaupt
nicht mehr über seine Sorgen, oder er vertraut sich nur
noch den
wenigen einzelnen Zeugen an, denen zu vertrauen er
gelernt hat.
Zu den häufigsten seelischen Leiden bei Zeugen Jehovas
zählen
Depressionen, Schuldgefühle und innere Spannungen (Penton
1985). Da
die Wachtturm-Organisation nur wenige Möglichkeiten läßt,
über
normale Aggressionen zu sprechen und mit ihnen umzugehen,
werden sie
meist nach innen gelenkt und rufen dann unter anderem
Depressionen,
Schuldgefühle, Nervosität und diverse körperliche
Beschwerden
hervor. Zu beachten ist, daß ein Zeuge, der seinen
Gefühlen,
Zweifeln und Fragen über bestimmte Wachtturmlehren
Ausdruck
verleiht, als "schwach, unreif, ohne Glauben"
abgestempelt wird,
weil er oder sie "Jehovas Organisation nicht mit
ganzer Seele
ergeben ist". Nach einigen negativen Erfahrungen
hört er oft auf,
seine Sorgen mit den Ältesten oder anderen Zeugen zu
besprechen. Wer
sich niemand ungefährdet anvertrauen kann, behält seine
Gefühle für
sich, und das verstärkt häufig die Depressionen und kann
sogar zu
aggressivem Verhalten führen, nicht selten auch zum
Einsatz
körperlicher Gewalt. Die vielen Probleme, die im
Lehrgebäude der
Zeugen Jehovas enthalten sind, sorgen dafür, daß es
unweigerlich zu
Konflikten kommen wird (Franz 1983). Mitglied der
Gemeinschaft
bleiben dann vor allem jene Menschen, die sich der
Abwehrmechanismen
Leugnung, Rationalisierung und Projektion bedienen.
Leugnung wäre
beispielsweise, daß jemand sich wegen seiner religiösen
Überzeugungen weigert, etwas zu glauben, was allgemein
bekannt ist,
so etwa, daß das physische Herz nicht der Sitz der
Gefühle ist, wie
die Wachtturm-Organisation es lehrt, oder daß es im
Bethel, der
Zentrale der Wachtturm-Organisation, schwerwiegende
Alkoholprobleme
gibt. Trotz der vielen Beispiele hierfür (sowohl
Rutherford, der
zweite Präsident der Organisation, wie auch Hayden
Covingten hatten
schwere Probleme mit dem Alkohol) weigern sich viele
einfach, die
Fakten anzuerkennen (siehe hierzu die Zeitungsberichte
über den
Kongreß in Detroit 1942, Franz 1983 sowie Penton 1985).
Die Zeugen und Dämonen
----------------------
Projektion zeigt sich in der Neigung der Zeugen, Probleme
innerhalb
der Gemeinschaft äußeren Ursachen zuzuschreiben,
besonders solchen
Kräften, die sie als ihre Feinde einstufen, z.B. der
Katholischen
Kirche, der orthodoxen Christenheit und, mehr oder
weniger, allen
weltlichen Nationen, vor allem aber Satan, dem Teufel,
ihrem
universellen Sündenbock. Angesichts der Tatsache, daß
viele Zeugen
sehr unglücklich sind und mit diesem Zustand nicht
sinnvoll umgehen
können, setzen sie eine Kombination aus Rationalisierung
und
Projektion ein, die wie folgt aussieht: Satan will jeden
Menschen in
der Welt gegen Jehova aufbringen (das heißt, außerhalb
der
Wachtturm-Organisation halten). Deshalb versucht er alles
ihm
mögliche, um denen, die innerhalb der
Wachtturm-Organisation sind,
Unglück zu bereiten, um sie so zu veranlassen, der
Organisation den
Rücken zu kehren. Ist jemand draußen, verbucht Satan
sozusagen einen
Erfolg. Da Satan diese fest im Griff hat, macht er sie
glücklich, um
sie dort - und damit außerhalb der Organisation Gottes -
auch zu
halten. So kommt es, daß Satan sich bemüht, alle in der
Organisation
unglücklich und alle außerhalb der Organisation glücklich
zu machen.
Mit Hilfe dieser Gedankenkonstruktion erklären sich
einige Zeugen
die vielen Probleme innerhalb der Wachtturm-Organisation.
Das ist
zwar nicht ganz in Übereinstimmung mit ihrer Lehre, wird
aber häufig
zur Erklärung vorgetragen.
In den Zusammenkünften wird immer wieder betont, Satan
komme es vor
allem darauf an, so viele von "der Wahrheit"
Gottes abzubringen, wie
er nur kann (siehe Wachtturm 15. März 1970, Seiten
183-186). Sobald
jemand sich für "die Wahrheit" interessiert, so
meint man, ist er
anfällig für Angriffe Satans. Wird das Bibelstudium mit
einem
Neuinteressierten schwierig und zeigt er Widerstände, so
deuten die
Zeugen das stets als von Satan kommend, so als ob
Menschen nichts
weiter sind als Schachbrettfiguren, die von einer höheren
Macht hin-
und hergeschoben werden. Die Zeugen Jehovas glauben, daß
sie als
einzige gerettet werden; folglich sind sie die einzigen,
die Satan
verloren hat. In den letzten Jahren haben die
Veröffentlichungen der
Wachtturm-Gesellschaft diese Lehre zwar nicht mehr so in
den
Vordergrund gerückt und sogar gesagt, vielleicht um in
der
Öffentlichkeit an Ansehen zu gewinnen, daß
"möglicherweise" einige
Menschen außerhalb der Organisation gerettet werden
könnten (siehe
zum Beispiel "Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert",
1978,
Seiten 27, 28; Ausgabe 1979, Seite 29), doch Tatsache
ist, daß dies
immer noch gelehrt und geglaubt wird. [Anm. d. Übers.: So
auch
wieder ganz deutlich im Wachtturm vom 1. September 1989,
Seite 19:
"Nur Jehovas Zeugen ... haben ... die biblische
Hoffnung, das nahe
bevorstehende Ende ... zu überleben."]
Die Mehrzahl der Zeugen glaubt fest daran, daß Satan und
die Dämonen
nicht nur existieren, sondern daß sie auch die Macht
haben, Menschen
zu beeinflussen, sie sogar zu beherrschen. Am meisten besorgt
um den
Einfluß Satans sind allerdings neurotische, weniger
intelligente
Zeugen der Unterschicht.
Bemerkenswert ist, daß einzelne Gemeinden, vor allem die
wohlhabenderen, den Dämonen weniger Gewicht beimessen.
Dort
akzeptiert man wohl intellektuell ihre Existenz, läßt
sich aber in
seiner Lebensweise und seinem Verhalten wenig davon
beeinflussen. Da
man über sie nicht viel mehr wissen kann, als daß sie
existieren, so
denkt man in diesen Gemeinden, habe es auch keinen Sinn,
sich groß
Sorgen über sie zu machen. Solch eine gelassene Haltung
ist aber
nicht typisch. Zahlreiche Zeugen werden von Gedanken an
Satan und
die Dämonen regelrecht beherrscht, so daß sie ihnen die
Schuld für
buchstäblich jedes ungünstige Ereignis zuschreiben. [...]
Die Zeugen glauben in ihrer Mehrheit, daß jemand, der den
Anweisungen der Wachtturm-Organisation genau folgt, gar
nicht
geistig und seelisch erkranken kann. Psychische Leiden
sind ihrer
Ansicht nach die Folge eines geistigen Problems, vor
allem
"mangelnder Geistiggesinntheit" des betroffenen
Zeugen. In Wahrheit
werden aber viele Zeugen psychisch krank, die stark im
Glauben sind,
zumindest im Glauben an die Wachtturm-Organisation.
Solche
Erkrankungen werden algemein als Folge der Beeinflussung
durch
Dämonen erklärt, oft einfach, weil der Erkrankte
unwissentlich einen
Gegenstand besitzt, der als dämonisch angesehen wird;
meist (aber
nicht immer) handelt es sich um ein altes, wertvolles
Stück. So
schreibt Noble (1982):
"Wir
dachten immerzu an Dämonen, so daß ich eine schreckliche
Furcht vor ihnen entwickelte. Wenn ich krank und
niedergeschlagen
war und mich am liebsten umbringen wollte, suchte ich
verzweifelt
das Haus nach einem Gegenstand ab, der dämonisiert sein
könnte.
Einmal habe ich ein Bild von einem kleinen Mädchen
weggeworfen, das
in meinem Gästezimmer hing, weil es so einen
durchdringenden Blick
hatte. Mein Bad hatte damals indische Fliesen, darunter
auch eine
Dekorfliese mit einem tanzenden Inder darauf. Ich dachte
mir, das
müsse irgendeine indische Gottheit sein, und schon war
sie weg.
Eines nachts wachte ich voll panischem Schrecken auf. In
meinem Kopf
hatte sich die Idee festgesetzt, daß die vielen Kräuter
aus dem
Bioladen irgendwelche Drogen waren. Ich habe sie alle
weggeworfen,
dazu noch Aspirin, Hustensirup und alles mögliche andere
Zeug. Mein
ganzes Arneischränkchen landete im Müll.
Mein Vater hat
mir bei seinem Tod einen wunderschönen
Diamantring hinterlassen. Ich bildete mir ein, daß Vati
vielleicht
dämonenbesessen war und mir einen dämonisierten Ring vermacht
hatte.
Ich hatte gehört, dann solle man den Ring am besten in
Alufolie
einwickeln und in den Gefrierschrank legen. Das habe ich
dann auch
gleich gemacht. Gott, was war mir schlecht, und welche
Angst ich
hatte!"
Dämonismus und Schwäche im Glauben geht nach Ansicht der
Zeugen Hand
in Hand. Als "dämonisiert" gelten dabei vor
allem jene, die an
schweren psychischen Störungen leiden oder
Verhaltensformen zeigen,
die so absonderlich sind, daß es schwierig ist, ihre
"Ursache" zu
begreifen, z.B. Wahnvorstellungen und Halluzinationen.
Dagegen sind
Depressionen, Kopfschmerzen und nervöse Spannungen
häufiger und in
ihrer Ätiologie leichter zu verstehen. Als "geistig
schwach" gelten
daher diejenigen, die an diesen "leichter
verständlichen" Formen
leiden.
Eine weitere verbreitete Annahme unter den Zeugen ist,
daß jemand,
der geistig und seelisch krank ist, dem Schöpfer
mißfallen und sich
darum den Zorn Gottes zugezogen hat. Das erinnert an die
uralte
Auffassung, Krankheit sei entweder ein "Fluch"
Gottes zur Bestrafung
von Sünde oder das Ergebnis einer List Satans. Die Zeugen
drücken
ihren Glauben zwar selten in dieser Form aus, doch man
hört von
ihnen häufig, daß Jehova jemand, der seinem Willen
zuwiderhandelt,
seinen "heiligen Geist entzieht", was zu
seelischer Krankheit führt.
Das ist im Endeffekt genau das gleiche, wie wenn man
annimmt,
Krankheit und Leiden seien Gottes unmittelbare Strafe für
Sünde.
Eine Zeugin äußerte, sie könne "ganz deutlich
fühlen, wie [ihr] der
Geist Jehovas entzogen" sei. Es sei ein Gefühl, wie
wenn "Wasser aus
ihrem Kopf gesaugt" werde. Sie sagte, sie habe eine
"Stimme" gehört,
die erst aus ihren Händen und Füßen kam, sich dann in die
Arme und
Beine verlagerte, darauf in den Rumpf und schließlich in
ihren Kopf.
Die "Sünde" übrigens, die zum Zurückziehen des
heiligen Geistes
führte, bestand darin, daß sie eine Gelegenheit zum
gelegentlichen
Zeugnisgeben nicht genutzt hatte! Dazu Noble (1982):
"Als
Zeugen hat man uns immer beigebracht, daß Leute, die sich
umbringen, dämonisiert sind und nicht mehr den Geist
Gottes haben.
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß Jehovas
Zeugen so gut
wie überhaupt keine Ahnung von geistigen und seelischen
Krankheiten
und von Dämonismus haben. Kein einziger Text im Neuen
Testament
sagt, daß Dämonenbesessene böse sind, immer heißt es, daß
sie krank
sind. Jesus heilte die von Dämonen Besessenen. Zu ihnen
zählte Maria
Magdalena, in der sieben Teufel steckten und die doch
eine ergebene
Nachfolgerin Christi wurde. Für Jesus waren
dämonenbesessene
Menschen nicht schlecht, sondern krank."
Wer ein Zeuge ist, hat den heiligen Geist Jehovas, und
wer etwas
tut, das Jehova mißfällt, verdient es, daß ihm der Geist
entzogen
wird. Dieses Konzept hat oft zur Folge, daß psychisch
kranke Zeugen
Jehovas von ihren Glaubensbrüdern kaum Mitgefühl
erfahren. Zeigen
sich bei jemand Symptome psychischer oder geistiger
Störungen, so
wird das oft als Folge eines Fehlverhaltens eingestuft.
Solche
Menschen sind demzufolge "schlechte
Gesellschaft", von der man sich
fernzuhalten hat. Weil man glaubt, daß Gott seinen
heiligen Geist
zurückziehen kann, wenn jemand menschliche Schwächen
zeigt, ziehen
sich andere von dem Betroffenen zurück und zeigen sich
ihm gegenüber
reserviert. Das macht es dem Kranken noch schwerer,
wieder ins Lot
zu kommen.
Zu den mittelalterlichen Vostellungen über
Geisteskrankheit, die es
in der Lehre der Zeugen Jehovas reichlich gibt, gehört
auch, daß man
meint, Zwangsgedanken in Richtung Selbstmord stammten von
außerhalb
des Leidenden. Häufig wird im Wachtturm von Menschen
berichtet, die
Botschaften von bösen Geistwesen erhalten hätten, in
denen sie zum
Selbstmord oder anderen bösen Taten gedrängt würden.
Dabei wird der
Eindruck erweckt, als entspräche das den Tatsachen.
Zwangsgedanken
über Dinge, die dem Patienten völlig fremd zu sein
scheinen, treten
bei vielen psychisch Kranken auf, und in vielen Fällen
haben sie
ganz offensichtlich etwas mit ihren Problemen oder Leiden
zu tun.
Die Zeugen aber sind schnell bei der Hand, diese
Möglichkeit
auszuschließen, und geben stattdessen voreilig den
Dämonen die
Schuld, selbst wenn die Ursachen recht offen zutage
liegen. Man
beachte folgenden Fall (Noble 1982):
"Als man
mich ins Krankenhaus brachte, war ich geistig und
seelisch so krank, daß ich dem Arzt nur entgegenrufen
konnte, ich
sei wahrscheinlich "dämonisiert", und davon war
ich ja auch
tatsächlich selbst überzeugt. Wenn ich heute darüber
nachdenke,
erkenne ich, daß ich eine kranke Frau war, aber kein
schlechter
Mensch. Damals konnte ich meine Gedanken einfach nicht
beherrschen.
Gegen meinen Willen schossen mir dauernd schmutzige
Wörter durch den
Kopf. Dann dachte ich plötzlich: "Ich hasse
Gott." Davon wurde ich
ganz hysterisch. Und dann tauchte der schrecklichste und
erschreckendste Gedanke von allen auf: "Was, wenn es
in Wirklichkeit
gar keinen Gott gibt?" Mich schauderte bei dem
Gedanken, daß sich
das am Ende meiner Denkprozesse herausstellen könnte.
Lieber wollte
ich tot sein, als meinen Schöpfer zu beleidigen. Das
sagte ich ihm
auch. Diese ungewollten schrecklichen Gedanken taten mir
so weh, daß
ich es kaum noch ertragen konnte.
Mir war, als
ob mein Verstand sich wie auf einem Karussell
immer im Kreis drehte, ohne daß ich ihn anhalten konnte.
Ich weiß
nicht, ob Leute, die sich umbringen, von ähnlichen
Gedanken
heimgesucht werden, möglich ist es aber. Vielleicht
werden sie von
Scham und Kummer so niedergedrückt, daß sie es nicht
wagen, sich
jemand anzuvertrauen. Ich erwähne diese äußerst
peinlichen und
intimen Dinge, die mir widerfahren sind, weil ich hoffe,
daß dies
anderen eine Hilfe sein kann und ihnen Trost, Einsicht
und vor allem
Hoffnung auf Heilung gibt. Noch heute ist mir die
Erinnerung daran
schmerzlich."
Andere Lehren über Dämonen und seelische Gesundheit
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Die Naivität der Bücherschreiber der
Wachtturm-Gesellschaft ist
bisweilen erschreckend. So hieß in Erwachet! vom 22.
Dezember 1976
in einem Artikel über die Herrschaft von Dämonen über
Frauen auf
Seite 17: "Ich weiß, daß die Geister gelegentlich
von den Anbetern
verlangen, die Kleider abzulegen oder die Brüste zu
entblößen und
Geschlechtsbeziehungen miteinander zu haben. Ich begann
mich zu
fragen, ob der Grund dafür sei, daß die Geister ihre
perversen
Wünsche befriedigen möchten." Mit Fällen, in denen
jemand anderen
seine eigenen Wünsche und Gefühle unterstellt, haben
Psychiater
häufig zu tun. Im vorliegenden Beispiel findet eine
Projektion auf
"böse Geister" statt. In derartigen Fällen
spricht man von
Außenlenkung (external locus of control), einem
Spezialfall der
Projektion, in dem der Patient sinngemäß sagt: "Ich
wollte das gar
nicht tun, doch der Teufel hat mich dazu gezwungen."
Einige der in
dem Artikel erwähnten Frauen konnten sogar detailliert
beschreiben,
zu welchen sexuellen Verrenkungen der Teufel sie
angeblich gebracht
hat.
Nach der herkömmlichen christlichen Auffassung von
Dämonen muß ein
Mensch zuerst selbst bereit sein, Einfluß von außen auf
sich wirken
zu lassen, bevor eine Gedankenbeherschung möglich ist.
Formal
vertreten die Zeugen Jehovas zwar eine ähnliche
Auffassung, doch in
Wirklichkeit verhalten sie sich so, als könnten die
Dämonen ganz
nach ihrer Lust und Laune "die Herrschaft über den
Verstand
erlangen". Daß es Dämonen tatsächlich gibt, das
glauben viele
Christen, doch nur wenige gehen in der Betonung ihrer
Einflußmöglichkeiten so weit wie die Zeugen.
In demselben Artikel schrieb der Verfasser: "Ärzte
der
Psychiatrischen Klinik von Sao Paulo baten einen
ehemaligen
Exorzisten um Hilfe, der inzwischen Zeuge Jehovas geworden
war, um
die Geister auszutreiben, und die Patienten konnten aus
dem
Krankenhaus - allem Anschein nach geheilt - entlassen
werden." In
dieser Darstellung wird unterstellt, daß der Psychiater
allen
Ernstes eine Dämonenbesessenheit als Grund für die
Geisteskrankheit
annahm und daß der erwähnte Exorzist fähig war, die
Geister zu
auszutreiben und die Patienten auf diese Weise zu heilen.
Die
Auffassung des Artikelschreibers, eines Zeugen Jehovas,
daß
Dämonismus in engem Zusammenhang mit psychischen Leiden
steht und
daß der Psychiater meinte, zur Behandlung sei die
Austreibung des
Dämonen notwendig, verrät eine unkritische Verarbeitung
des Vorfalls
und ein nur mangelhaftes Verständnis der Heilmethoden von
Therapeuten.
Psychiater greifen sehr oft zu der Methode, dem psychisch
kranken
Patienten entgegenzukommen. Bringt dieser einem Priester
großes
Vertrauen entgegen, so kann es sehr wirkungs-voll sein,
ihm durch
einen Priester seine Sünden "vergeben" zu
lassen. Ist der Patient
fest davon überzeugt, von Dämonen beherrscht zu werden,
so erscheint
es dem Therapeuten eventuell als das Beste, einen
Exorzisten zu Rate
zu ziehen. Auf diese Weise kann der Patient vielleicht
dazu gebracht
werden, von seinem Glauben an die Dämonenbesessenheit
wegzukommen,
wenn auch nicht vom Glauben an die Dämonen. Diese Technik
ist häufig
wirkungsvoller und wirkt viel schneller, als wenn man
versuchen
wollte, den Patienten davon zu überzeugen, daß er sich
wegen eines
geringfügigen Fehlverhaltens nicht als minderwertig zu
fühlen
braucht. Das Grundproblem bleibt dann allerdings weiter
bestehen.
Ähnlich ist folgender Fall gelagert: Ein Zeuge Jehovas,
ein
Kreisaufseher, sieht in der Praxis eines Arztes ein Buch
mit dem
Titel Lexikon der Hexerei und des Dämonismus, ein
Nachschlagewerk,
dessen Verfasser ein Literaturprofessor ist, gemäß
Aussage auf dem
Buchumschlag "vor allem als Wissenschaftler
bekannt". Dem Zeugen
Jehovas ist allein schon wegen des Vorhandenseins dieses
Buches
unwohl, denn es muß sich seiner Meinung nach um ein
dämonisiertes
Werk handeln (schließlich beschäftigt es sich mit
Dämonen). Auf den
Hinweis des Arztes, daß Dr. Robbins, der Buchautor, nicht
"an die
Existenz von Hexen, Dämonen oder übernatürlichen
Erscheinungen
glaubt", erwidert der Kreisaufseher: "Das
beweist gerade, daß er von
Dämonen beherrscht wird!" Statt diese feste
Überzeugung ändern zu
wollen, wäre es in diesem Fall therapeutisch am besten,
das Buch
beiseite zu räumen und sich anderem zuzuwenden. Nach
Ansicht der
Zeugen wirken die Dämonen mittels bestimmter Bücher, besonders
solcher, die sich mit den Themen Dämonismus und Hexerei
befassen,
ganz besonders, wenn sie von einem Geistlichen der
Christenheit
stammen. Und das trifft auch zu, wenn es sich um Werke
gegen den
Dämonenglauben handelt. In diesem Fall versuchte der
Therapeut also
erst gar nicht, mit dem Zeugen darüber zu argumentieren.
Werke über
Dämonismus von religiöser Seite gelten als besonders
verwerflich,
weil sie als "doppelt" dämonisch angesehen
werden. Sie sind
dämonisch, weil sie von einem religiösen Menschen verfaßt
wurden,
und für Jehovas Zeugen stammt jede Religion außer ihrer
eigenen von
Satan, und außerdem noch, weil sie von Dämonen handeln.
Ironischerweise sieht man Artikel über Dämonen im
Wachtturm nicht
als dämonisch an!
Sexuelle Zwangsvorstellungen
-----------------------------
In den Aufsätzen für die Zeitschrift Erwachet! zeigen
sich hin und
wieder sexuelle Zwangsvorstellungen, wie man sie von
asketischen und
extremen religiösen Gruppen her kennt. Diese Aufsätze
werden im
allgemeinen von Schreibern der Wachtturm-Gesellschaft
verfaßt (oder
umgeschrieben, falls sie von einem nicht der Redaktion
angehörenden
Zeugen stammen), sobald irgendeine Lehre oder ein
religiöses Thema
darin angesprochen wird. Sie sind also als offizielle
Verlautbarungen anzusehen. Auch wenn es heißt, der
Beitrag sei
"eingesandt", enthält er die reine Lehre und
ist in Wahrheit nur
eine Darstellung der Wachtturm-Theologie im säkularen
Gewand, von
der man hofft, sie werde Leser finden. Für die Zeugen
wird alles,
was in diesen Aufsätzen an Lehren enthalten ist, als
direkt von der
Organisation kommend betrachtet. Einer dieser Beiträge
strotzt nur
so von Beispielen. Die Verfasserin schildert erst einige
ihrer
eigenen Erfahrungen und berichtet dann, daß eine ihrer
Freundinnen
"...
bemerkte [...], daß sie eine hilflose Marionette
unsichtbarer böser Geister geworden war. Die Geister
zwangen sie,
dafür zu sorgen, daß unsittliche Frauen ihren Mann von zu
Hause
weglockten, und er beging mit ihnen Ehebruch. Dann
verlangten die
Geister, daß Geschlechtsbeziehungen einen Teil der
Heilungsriten
bildeten, die sie in ihrer Wohnung durchführte. Ihr wurde
erklärt,
daß die Kranken auf diese Weise "entladen" oder
geheilt würden,
indem die Krankheit durch den Geschlechtsverkehr auf das
Medium
übertragen würde. Die Geister befahlen auch, daß
weibliche Patienten
mit Hilfe von lesbischen Handlungen geheilt werden
sollten. Im Fall
junger Leute empfahlen sie "Sexkontrolle", was
in Wirklichkeit
Masturbation war. [...] Die sexuelle Entartung dieser
bösen Engel
ist heute immer noch deutlich festzustellen"
(Erwachet! vom 22.
Dezember 1976, S. 17,18).
Wie lassen sich sowohl die Ansicht des Verfassers dieses
Erwachet!-
Artikels wie auch die vielen Fälle, in denen Menschen
behaupteten,
"von Dämonen sexuell belästigt zu werden",
erklären? Die Psychologie
hat sich mit dieser Frage eingehend befaßt.Viele Forscher
sind zu
Ansicht gelangt, daß es sich in vielen, jedoch keineswegs
in allen
Fällen um sogenannte "Reaktionsbildung"
handelt. Dabei handelt es
sich um einen im Unbewußten wirkenden Abwehrmechanismus,
der dazu
führt, daß jemand genau das Gegenteil von dem tut, was er
oder sie
sich unbewußt herbeiwünscht. Dieser Abwehrmechanismus
wird als einer
der ersten eingesetzt; er ist nicht sehr stabil und steht
mit dem
Mechanismus der Verdrängung in enger Beziehung. Sowohl
Verdrängung
wie auch Reaktionsbildung dienen der Abwehr von Impulsen
oder
Wünschen, die für das Ich unakzeptabel sind. Das heißt,
daß jemand,
der ein bestimmtes Verlangen hat, offen für das Gegenteil
davon
kämpft, um das Verlangen zu "verdecken". Die
klinische Praxis zeigt,
daß Reaktionsbildungen äußerst häufig vorkommen. Zum
Beispiel fühlen
sich einige Bekämpfer der Pornographie unbewußt von
dieser Literatur
angezogen, und manche Atheisten sind in Wirklichkeit tief
religiös,
wehren sich aber gegen die Anforderungen, die eine
Religion an sie
stellen würde (Freedman 1975: 262).
Cary Nation ist in Nordamerika das berühmteste Beispiel
hierfür. Mit
allen Kräften kämpfte sie gegen Alkohol, Nikotin,
Damenmoden und
andere Erscheinungen ihrer Tage. Doch bevor sie als
Moral- und
Tugendwächterin auftrat, führte sie selbst ein Leben ganz
anderer
Art. Durch Reaktionsbildung schützen wir uns vor
unannehmbaren
Neigungen in uns, indem wir diese nicht nur unterdrücken,
sondern
sogar durch bewußte Verhaltensweise und Denkmuster
dagegen vorgehen.
Diese Theorie ist zwar nicht vollkommen, hilft aber bei
der
Erklärung von manchen Verhaltensformen und wird bei
vielen Menschen
mit seelischen Problemen mit großem Erfolg angewandt
(Coleman
1964:100, 107, 223; Klob 1978). Dieser Mechanismus liegt
allem
Anschein nach auch den in dem erwähnten Erwachet!-Artikel
beschriebenen Phänomenen zu Grunde. Man kann sagen, daß
die
Verfasserin zumindestens sehr unkritisch war, weil sie
andere
Begründungen ausschloß und dogmatisch annahm, daß Dämonen
die
Ursache der Probleme waren. [...]
Interessanterweise ist sich die Wachtturm-Gesellschaft
der Tatsache
bewußt, daß psychische Erkrankungen nicht nur durch
Dämonen
hervorgerufen werden können. In einem Erwachet!-Artikel
(8.
September 1969, Seite 19) werden die Arbeiten von Dr.
Abrahamson
lobend erwähnt. Er befaßt sich mit den Zusammenhängen
zwischen
niedrigen Blutzuckerwerten und bestimmten psychischen
Erkrankungen.
In dem Artikel heißt es abschließend: "Das heißt
nicht, daß alle
psychischen Probleme auf zu niedrigen Blutzucker
zurückzuführen
sind, sondern daß dies vielmehr in manchen Fällen ein
Faktor ist,
der nicht übersehen werden sollte." Auf den Seiten
18 und 19 wird
der Fall eines Mannes geschildert, der Anzeichen von
Schizophrenie
aufwies, bei dem aber Hypoglykämie diagnostiziert wurde.
Diese
Schilderung ist dem Journal of Diseases of the Nervous
System, Heft
Juli 1967, entnommen, in dem von der Wirkung niedrigen
Blutzuckers
auf das Verhalten die Rede war. Erwachet! empfiehlt dann
folgendes:
"Um genau
festzustellen, ob man an zu niedrigem Blutzucker
leidet, ist es am besten, zu einem Arzt zu gehen und sich
untersuchen zu lassen. Dies ist viel ratsamer, als zu
versuchen,
selbst eine Diagnose zu stellen. Wenn der
Blutzuckerspiegel zu
niedrig ist, kann einem der Arzt dann sagen, welche Diät
sich am
besten zur Behandlung eignet."
Dieser Artikel stammt höchstwahrscheinlich aus der Feder
eines
Zeugen Jehovas, der Arzt war, und diente wohl dem Zweck,
einige
gängige Ansichten der Zeugen zu verändern. Doch wurde er
augenscheinlich nicht von vielen gelesen. Erwachet! wird
von vielen
Zeugen nicht sehr gründlich gelesen, und diejenigen, die
es tun,
haben unter Umständen nicht die für Jehovas Zeugen typischen
Auffassungen. Solche Leser haben vielleicht auch weniger
mit diesen
Problemen zu kämpfen. Bei einer Befragung stellte ich
fest, daß etwa
32 Prozent einen oder zwei Artikel aus jeder Ausgabe
lesen, 13
Prozent fast alle Artikel, und weniger als vier Prozent
lesen die
ganze Zeitschrift. Gemessen am normalen Leseverhalten ist
das nicht
schlecht. In einer Untersuchung wurde ermittelt, daß
Universitätsdozenten und Ärzte von jeder Nummer der von
ihnen
abonnierten Fachzeitschriften nur einen Artikel lesen. Und
diese
Zeitschriften erscheinen alle zwei Monate oder
viertel-jährlich,
doch Erwachet! zweimal im Monat. Das zeigt, daß viele
Zeugen mehr
lesen als Angehörige akademischer Berufe, zumindest was
die
Sachliteratur angeht. Allerdings ergab meine
Untersuchung, daß
Akademiker durchschnittlich fünf Bücher im Jahr lesen,
während der
normale Zeuge kaum je ein Buch liest, das nicht von der
Wachtturm-
Gesellschaft stammt. Die meisten lesen nur ihre
Pflichtlektüre, etwa
zwei bis drei Bücher pro Jahr. Nur weniger als sieben
Prozent lesen
im Jahr ein Buch, das nicht von den Zeugen stammt, ganz
durch; der
Rest liest nur die Wachtturm-Veröffentlichungen.
Feindseligkeiten und offene Verfolgung
--------------------------------------
Ein weiterer Faktor, der die seelische und geistige
Gesundheit der
Zeugen Jehovas beeinflußt, ist die Verfolgung, der sie
fast überall
von Anfang an ausgesetzt waren. Auch wenn die Zeugen hier
manchmal
übertreiben, Verfolgung kommt vor und ist bisweilen
grausam. In
manchen Ländern der Dritten Welt wurden sie wie die Tiere
gejagt und
zu Tausenden hingeschlachtet. Im Normalfall allerdings
handelt es
sich um geistige Verfolgung, und die
Wachtturm-Organisation benutzt
diesen Widerstand, um die Zeugen einzuschüchtern und
ihrer Autorität
gegenüber gefügig zu machen (genauso wie sie Fälle von
Dämonismus
dafür einsetzt). Selbst in den USA, einem Land, das die
Freiheit der
Religionsausübung von Anfang an in der Verfassung
verankert hatte,
wurden Jehovas Zeugen zu manchen Zeiten äußerst schwer
verfolgt.
[...] In der Zeitschrift American Civil Liberties Union
(1941, S.
3-4) heißt es:
"Seit den
Zeiten der Mormonenverfolgung [...] ist keine
religiöse Minderheit so vehement verfolgt worden wie die
Zeugen
Jehovas, ganz besonders im Frühjahr und Sommer des Jahres
1940. Dies
war der Höhepunkt der Angriffe auf sie, die bereits seit
Jahren zu
beobachten waren, sich vorher aber meist als feindselige
Stimmung
und Diskrimination gezeigt hatten."
[...] Zahlreiche Pöbelrotten zogen über Jehovas Zeugen
her, weil man
behauptet hatte, sie seien subversiv tätig oder gar
Nazis. [...] In
einigen Ländern leben Jehovas Zeugen in ständiger Angst
um ihr Leben
und ihren Arbeitsplatz und müssen damit rechnen,
gefoltert oder
verfolgt zu werden. Auch wenn die Verfolgung meist
psychischer Art
ist, ruft sie bei Menschen, die ihre psychische
Stabilität nur mit
Mühe aufrechterhalten können, verheerende Folgen hervor.
Die Zeugen
spüren die allgemeine Abwehr sehr genau, die ihnen in der
Welt
entgegenschlägt, und teilweise nutzen sie diese mißliche
Lage auch
noch dazu aus, ihre Anhänger zu noch größerer Anstrengung
aufzupeitschen. Plastische Beschreibungen von
Verfolgungen der
schlimmsten Sorte und von Folterungen sind in den
offiziellen
Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft keine
Seltenheit. Dabei
wird stets betont, daß solche Verfolgung jederzeit und
überall
zuschlagen kann, selbst in den USA oder Kanada (was
manchmal auch
tatsächlich zutrifft). Auf der Bühne im Königreichssaaal
werden
anschauliche Rollenspiele vorgeführt, die zeigen, wie
Verfolgung "zu
jeder Zeit" eintreten kann. Die Zeugen lehren
überdies, daß sie in
naher Zukunft mit schwerer Verfolgung rechnen müssen. All
das erhöht
beträchtlich die Unsicherheit und Angst bei Menschen, die
ohnehin
schon von diesen Gefühlen gezeichnet sind. [...]
Zusammenfassung
---------------
Die hohe Anzahl psychischer Erkrankungen bei den Zeugen
Jehovas
beruht wahrscheinlich auf einer Reihe von Faktoren. Dies
sind:
1. übergroße
Starrheit, besonders was das Einhalten all der vielen
Gebote angeht, von denen manche höchst nebensächliche
Dinge
betreffen
2. unangemessenes
Eingehen der Wachtturm-Gesellschaft, der
Ältesten und der anderen Zeugen auf psychisch Kranke, die
um Hilfe
bitten. In ihrem Bemühen um Hilfe schaden sie oft mehr,
als daß sie
nützen.
3. Angst davor,
daß man Schwierigkeiten bekommt, wenn man seine
Sorgen anderen mitteilt, sowie die Entdeckung, daß es
handfeste
Probleme gibt, sobald man seine ehrlichen Zweifel offen
ausspricht
4. Überbetonung
der Dämonen und aller damit verbundenen
Erscheinungen und eine übermäßige Besorgnis auf diesem
Gebiet. Man
glaubt, daß Satan alles tut, was er kann, um jeden aus
der
Organisation Gottes herauszuholen, indem er ihm das Leben
so schwer
wie möglich macht. Nach dieser Vorstellung müssen die
Angehörigen
der "wahren Religion" die größten Probleme, die
schlimmsten Leiden
und psychischen Krankheiten haben. Das wird so zu einem
"Beweis"
dafür, daß eine Religionsgemeionschaft das Volk Gottes
ist.
5. zu manchen
Zeiten und in einigen Gegenden hat wirkliche oder
befürchtete Verfolgung dem psychischen Wohlbefinden von
Zeugen
Jehovas schweren Schaden zugefügt.
Weitere Gründe für die hohe Zahl psychischer Erkrankungen
bei
Jehovas Zeugen werden im folgenden Kapitel behandelt.
Kapitel 5:
Weitere krankheitsfördernde Umstände
============================================================
Ein bedeutsamer Faktor, der den hohen Prozentsatz an
psychischen
Erkrankungen bei Jehovas Zeugen beeinflußt, ist die
Tatsache, daß
sie keinen Querschnitt der Bevölkerung darstellen,
sondern vor allem
der oberen Unterschicht entstammen. Früher war das noch
deutlicher
als heute; in derTendenz trifft es aber weiterhin zu. Aus
der
Mittelschicht stammt nur ein kleinerer Anteil (Cohn 1954,
1955).
Auch wenn Einkommen und Bildungsstand allmählich
gestiegen sind,
bilden Personen aus der oberen Mitelschicht doch immer
noch eine
kleine Minderheit, und die Oberschicht kommt praktisch
gar nicht
vor. Ein Zweigaufseher sagte einmal:
"Unter
den 40 000 Zeugen, die ich im Kreisdienst kennengelernt
habe, waren meines Wissens nur vier Familien, die man als
Oberschicht bezeichnen könnte. Universitätsprofessoren
sind fast
vollkommen unbekannt. Ich kenne nur einen in Michigan,
zwei in New
York, drei in Ohio, drei in Kanada und zwei in
Kalifornien."
Dieses Zitat ist jetzt mehrere Jahre alt. Die erwähnten
Professoren
haben den Zeugen Jehovas inzwischen größtenteils den
Rücken gekehrt.
Weniger als einer von 10 000 Zeugen (in den USA) ist
Arzt, also in
jedem Bundesstaat etwa einer. Zwar gibt es eine ganze
Anzahl
Heilpraktiker, doch deren Ausbildung dauert oft nicht
sehr lange und
setzt keine besonderen Qualifikationen voraus. Die
meisten Zeugen
gehen spätestens nach der zehnten Klasse von der Schule
ab, und wer
einen höheren Bildungsstand hat, nimmt seinen Glauben
eher nicht so
ernst. Meistens heiraten Zeugen Jehovas auch sehr jung
(oft mit 17
bis 19 Jahren bei den Frauen und mit 18 bis 21 Jahren bei
den
Männern), denn neben dem Vollzeitpredigtdienst
("Pionierdienst") ist
die Ehe seit den fünfziger Jahren eine der wenigen
Möglichkeiten der
Lebensgestaltung, die den Jugendlichen mit offizieller
Billigung
offenstehen. Und selbst vom Heiraten hat die
Wachtturm-Organisation
in der Vergangenheit abgeraten (siehe dazu das Buch
Kinder 1941).
Angesichts des jederzeit bevorstehenden Kampfes von
Harmagedon, so
dachte man, sei dies ein Hindernis im ganzherzigen Dienst
für die
Wachtturm-Organisation. Von allen normalen Lebenswegen,
die junge
Leute sonst beschreiten, wie einer Berufslaufbahn, einer
Fachschul-,
Fachhochschul- oder Universitätsausbildung, wird stark
abgeraten.
Ein Psychiater, der als Zeuge Jehovas erzogen worden war
und anonym
bleiben möchte, sagte mir einmal:
"Ich habe
in meiner klinischen Arbeit mit Zeugen Jehovas
festgestellt, daß die gebildeteren, intelligenteren,
gewissenhafteren unter ihnen entschieden mehr zu
emotionalen
Problemen neigen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was
man bei
Nicht-Zeugen antrifft. Die intelligenteren Zeugen sind
sich häufiger
der Widersprüche und der problematischen Aspekte der
Lehre der
Gemeinschaft bewußt. Dieses Bewußtsein ruft bei ihnen
Fragen und
Zweifel hervor, und der Zweifel spielt eine wichtige
Rolle für die
Ausbildung eines emotionalen Ungleichgewichts.
Die naiveren Zeugen akzeptieren alles (oder fast alles)
und kennen
diese innere Zerissenheit weniger. Und von wesentlicher
Bedeutung
ist die mangelnde Akzeptanz von gebildeteren oder
intelligenteren
Zeugen seitens der typischen Zeugen Jehovas, die manchmal
die Form
ausgewachsener Vorurteile annimmt. Praktisch das einzige,
was einem
in dieser Situation bleibt, um voll anerkannt zu werden,
ist, die
eigene Bildung zu leugnen und die im wesentlichen der
Unterschicht
entstammenden Normen der Zeugen voll zu übernehmen, wozu
auch
gehört, sich eine einfache Arbeit zu suchen.
Ein Beleg hierfür ist ein zu den Zeugen Jehovas bekehrter
Doktor der
Physiologie (in Erwachet! vom 22. Januar 1975, S.8, ist
fälschlich
von Psychologie die Rede), der von den Zeugen zum Teil
deswegen
akzeptiert wurde, weil er seine Stellung in der
Hirnforschung aufgab
und eine Arbeit als Verkäufer von Autoersatzteilen
annahm, die ihm
weniger Geld und Ansehen brachte. In den Augen der Zeugen
hatte er
viel geopfert, um in "die Wahrheit" zu kommen.
Weil er seine Bildung
und die damit verbundene Stellung aufgab, wird er als
"einer von
uns" angesehen. Bezeichnenderweise wurde er in
Rekordzeit Ältester.
Immer wieder aber ergibt sich in diesen Fällen, daß
solche Personen
desillusioniert werden, sobald sie erst einmal mehr um
die Probleme
der Wachtturm-Organisation wissen, und dann bedauern sie
tief, so
viel hingegeben zu haben, um Zeuge Jehovas zu werden.
Es bestehen selbst Einwände gegen Berufsfelder wie Musik,
Schau-
spiel, bildende Kunst oder andere Sparten, die einen
großen Einsatz
an Zeit und Energie abfordern. Robert Balzer aus der
Watchtower-
Weltzentrale sagte, es sei sehr schwierig, zugleich Zeuge
Jehovas
und Entertainer zu sein (The Star, 17.4.1984, S.9).
Musiker neigen
nach Becker (1963:86) zu der Ansicht, sie seien "anders
und besser
als andere Menschen, und darum dürften ihnen Außenseiter
in keinem
Lebensbereich etwas dreinreden". Diese Wahrnehmung
des eigenen
Andersseins und des anderen Lebensstils sitzt sehr tief:
"Musiker
sind anders als andere Leute. Sie reden anders, handeln
anders,sehen
anders aus." Eine solche Lebenseinstellung verträgt
sich nicht mit
der Verfügungsmacht, die die Wachtturm-Organisation sonst
über ihre
Anhänger ausübt. Der Superstar und frühere Zeuge Michael
Jackson
wurde, sobald er seine ersten ganz großen Erfolge hatte,
öffentlich
getadelt wegen so geringfügiger Dinge wie des Gebrauchs
von Makeup
(was im Showgeschäft gang und gäbe ist).
Die wenigen Personen mit höherer Bildung, die sich den
Zeugen
Jehovas anschließen, bleiben meist nicht lange oder
ziehen es nach
kurzer Zeit vor, nur noch Randfiguren zu spielen. Ein
belesener,
analytisch denkender Mensch hat große Mühe, Zeuge Jehovas
zu
bleiben, und zwar nicht unbedingt, weil wichtige Lehren
und ethische
Standpunkte der Wachtturm-Organisation so haltlos und
unvernünftig
sind, sondern vielmehr, weil die Zentrale das
intellektuelle Leben
der Zeugen so stark reglementiert. Selbst wer sich als
Apologet der
Wachtturm-Organisation einsetzen und sie öffentlich
verteidigen
will, wird oft nicht toleriert. Von höchster Seite wird
den Zeugen
von der Veröffentlichung Materials mit religiösem Inhalt
abgeraten,
wenn auch jemand, der ein Werk herausbringt, das mit den
Lehren der
Wachtturm-Organisation in voller Übereinstimmung ist,
gewöhnlich
nicht ausgeschlossen wird (Bergman 1985). Als Beispiele
seien Alfs,
Buckley, Cole und Penton genannt. (Penton allerdings
wurde teilweise
deswegen aus der Gemeinschaft verstoßen, weil er Bücher
zur
Verteidigung der Wachtturm-Organisation geschrieben
hatte, und
Blackwell wurde zum Rücktritt als Ältester und zur
Einschränkung
seiner Vortragstätigkeit gezwungen.)
Ironischerweise rät die Wachtturm-Gesellschaft von
unabhängiger
Forschungstätigkeit und Diskussionen auf theologischem
Gebiet ab.
Dies geschieht aus der Furcht heraus, man könne auf die
vielen
Probleme in den Lehren stoßen oder am Ende zu
Auffassungen gelangen,
die von den Führungspersönlichkeiten zur Zeit nicht
vertreten
werden, oder beides. Unablässig werden die Zeugen
ermahnt, nicht
"der Gesellschaft vorauszueilen", so als ob
dies nach deren eigenen
Lehren überhaupt möglich wäre. Viele Zeugen haben auf
Grund eigener
Nachforschungen drastische Änderungen in der Lehre
vorausgesehen,
die dann wirklich kamen. Dazu zählen die geänderte
Auffassung über
den Gemeinschaftsentzug (die später wieder zurückgenommen
wurde),
die Auferstehung, die höheren Obrigkeiten, Scheidung und
über
Harmagedon (Franz 1983). Wer die Kühnheit besessen hatte,
die
Ergebnisse seiner Nachforschungen laut auszusprechen, ist
häufig
schroff zurechtgewiesen worden, selbst wenn die
Wachtturm-
Gesellschaft diese später bestätigte. So sagte ein
bekannter Zeuge:
"Was mich
an der Gesellschaft mit am meisten stört, ist
die
unglaubliche Arroganz der Oberen im Bethel. Sie weigern
sich oft,
auf Vernunftgründe zu hören oder dem einzelnen einen
eigenen
Verstand zuzugestehen. Ich glaube zwar, daß die Zeugen
einmal auch
die Oberschicht und die stärker intellektuell
Orientierten
ansprechen werden, doch zur Zeit sind sie hauptsächlich
eine
Religion der Unterschicht mit äußerst wenigen
Hochschulabsolventen.
Buchstäblich jeder einigermaßen Gebildete, den ich kenne,
hat ihnen
den Rücken zugekehrt, und dabei waren einmal ein paar
sehr helle
Köpfe in ihren Reihen. Sie sind gegangen, weil man
schnell begreift,
daß es für einen intelligenten Menschen keinen Platz in
dieser
Organisation gibt. Die Gesellschaft will sie und ihre
Denkweise
nicht haben, sondern lieber ahnungslose Anhänger, die
buchstäblich
ohne zu fragen alles schlucken, was man sie lehrt."
[...] Diese Selbstkasteiung führt oft zu einem geringen
Selbstwertgefühl, das seinerseits wieder emotionale und
soziale
Probleme nach sich ziehen kann. Selbstbeherrschung
andererseits kann
ein positiver Zug sein, sofern die betreffende Person ein
starkes
Selbstbild hat. [...]
Besuchern eines Königreichssaals fällt meistens schnell
auf, daß die
Menschen von der Bühne unablässig heruntergeputzt werden:
sie sind
sündig, geboren mit törichten und bösartigen Neigungen,
und von
Jugend auf schlecht. Natürlich trifft das in gewissem
Maße zu, doch
die Wachtturm-Gesellschaft übertreibt stark und bietet
oft wenig
Hilfe zu einer Verbesserung. Schließlich sollen die
Zeugen ihr
allein dienen und das von ganzem Herzen. So wird durch
Schuldgefühle
Druck erzeugt, damit alle die Ziele der Wachtturm-Organisation
an
die erste Stelle setzen und ihre eigenen Bedürf-nisse an
die zweite
oder sogar dritte. Zeit, Kraft, Ziele und Wünsche sollen
primär der
Organisation gewidmet sein; nur wenn dann noch Zeit übrig
ist,
können auch eigene Interessen befriedigt werden. Sich
nicht ganz
einzusetzen, ist für viele gleichbedeutend mit gar keinem
Einsatz.
Wenn sie nicht ihren Arbeitskollegen bei jeder
Gelegenheit gepredigt
haben oder einmal nicht im Predigt-dienst unterwegs
waren, so kann
das schon ihre Vernichtung in Harmagedon zur Folge haben.
Wer das
Zeugnisgeben vernachlässigt, lädt Blutschuld auf sich,
betont die
Wachtturm-Organisation. Ein vielzitiertes Axiom der
Psychologie
lautet, daß man erst sich selber akzeptieren muß, bevor
man andere
akzeptieren kann. Der ständige Zwang, seine eigenen
Bedürfnisse zu
verleugnen (ganz zu schweigen von den Wünschen) und von
sich selbst
niedriger zu denken, als es sein sollte, ist bestimmt für
die
menschlichen Schwierigkeiten der Zeugen Jehovas
mitverantwortlich.
Zeugen, die gebildet, wohlhabend oder auf irgendeinem
Gebiet begabt
sind, werden von der Gemeinde fortgesetzt gedemütigt. Wer
in ihren
Reihen unwissend, arm und ohne Talent ist, macht es sich
zur
Pflicht, andere zu demütigen, die es irgendwo zu etwas
gebracht
haben. Sofern die Zeugen nicht gerade einander demütigen,
helfen sie
häufig ihren Glaubensgenossen, irgendeinen Rest einer
Eigenschaft
auszumerzen, die sie als Stolz, Eitelkeit, Einbildung,
Selbstsucht,
Selbstbewunderung oder dergleichen "böse
Eigenschaften" bezeichnen.
Das bedeutet, daß ein Zeuge, abgesehen von ganz
eindeutigen
Bedürfnissen, seine eigenen Belange hintanstellen oder
vollständig
unterdrücken muß. Das führt in vielen Fällen zu Problemen
mit dem
Selbstbild und der eigenen Identität.
Natürlich gibt es viele, die "gedemütigt"
werden und erkennen
sollten, daß es mehr darauf ankommt, anderen zu geben,
als eine
besondere Stellung im Leben zu erreichen (Wallach und
Wallach 1983).
Die Wachtturm-Organisation treibt dies aber ins Extrem,
was im Lauf
der Zeit bei vielen ihrer Anhänger zu einem sehr
schwachen
Selbstbild und einem starken Minderwertigkeitskomplex
führt (Stanley
1982). Das Problem ist hier wieder das Extrem, mit dem
ausgeführt
wird, was hilfreich sein könnte, wenn in Maßen angewandt.
Das
Ergebnis dieser ständigen Demütigungen ist letztlich
folgendes:
Wenn ich etwas Herausragendes tue (eine gute Ansprache in
einer
Zusammenkunft halte, jemand in die "Wahrheit"
bringe oder eine gute
Predigt halte), dann habe nicht ich es getan, sondern es
war Gott.
Alle Ehre geht an Gott. Doch wenn ich etwas Schlechtes
getan oder
gesündigt habe, ist es meine Schuld; zum Teil liegt es an
der
Unvollkommenheit des Fleisches, doch vor allem beruht es
auf einer
Schwäche meiner Person. Ich strenge mich eben nicht genug
an, so daß
ich niemand anders für mein Versagen verantwortlich
machen kann.
Es ist, wie wenn alles Gute, das ein Zeuge tut, in
Wahrheit Gott
getan hat (oder zumindest bekommt er das Verdienst
zugesprochen),
doch an allem Schlechten ist der einzelne selbst schuld
und niemand
sonst. Kurz gesagt: der Mensch kann nur Böses, Sündiges
und
Verkehrtes tun. Wenn das auch so nicht offen
ausgesprochen wird,
deutet man es zumindest ständig an und glaubt daran
(wenigstens
unbewußt) und handelt entsprechend. Nach Meinung der
Wachtturm-
Organisation ist alles Gute, das ein Zeuge tut, das
Ergebnis des
Wirkens Gottes und nicht seines eigenen, aber das
Schlechte geht auf
das Konto des Menschen, der den Fehler begeht.
Bei denkenden Zeugen Jehovas kommen die Abwehrmechanismen
weniger
zum Tragen, die von durchschnittlichen Zeugen im Übermaß
eingesetzt
werden. Sie werden also eher auf Gedanken und
Informationen stoßen,
die den Wachtturm-Lehren widersprechen. Aber auch das
Wertesystem
des normalen Zeugen Jehovas weicht nicht selten recht
stark von dem
des belesenen, denkenden Zeugen ab, der bereit ist,
gegnerischen
Argumenten zuzuhören und nicht von vornherein allem
mißtrauisch
gegenübersteht, was von "weltlicher" Seite, wie
Politik, Wirtschaft
und Religion, stammt. Indirekt wird sogar dem einzelnen
Zeugen davon
abgeraten, Bestätigungen für den eigenen Glauben zu
finden. Der
Normalzeuge verteidigt alles, was die
Wachturm-Organisation sagt,
und vertraut vollständig auf sie und ihre Erklärungen,
mögen sie
auch bisweilen etwas dümmlich und ohne reale Basis sein.
Ein
Beispiel hierfür ist die Lehre, daß das buchstäbliche
Herz und nicht
das Gehirn der Ursprungsort menschlicher Gefühle,
Einstellungen und
Werturteile sei (Wachtturm 1. Juni 1971, S. 325-344).
Diese Ansicht
läßt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, daß
ein
Patient, dessen Herz durch eine Kunststoffpumpe ersetzt
wurde,
hinterher immer noch dieselben Gefühle und Einstellungen
hat wie
vorher, wenn man einmal von den Nachwirkungen des
medizinischen
Eingriffs absieht.
Oft ändert sich eine Lehre, wenn die Wirklichkeit
unmittelbar
erfahren wird. Cetnar (zitiert in Gruss 1974) bericht von
der
früheren Auffassung, Zeugen, die zur irdischen Klasse
gehören,
könnten in Zeiten der Gefahr den besonderen Schutz Gottes
erwarten,
da die meisten von ihnen Harmagedon überleben und in
Gottes neue
Welt gelangen würden. Im Gegensatz dazu könnten Zeugen,
die zu den
Gesalbten zählen (die sogenannte "himmlische
Klasse"), damit rechnen
zu sterben, so daß sie diesen Schutz nicht hätten. Cetnar
zitiert
Konrad Franke, den ehemaligen deutschen Zweigaufseher
(ein
hochrangiger Beamter der Wachtturm-Organisation), der
einmal
erzählte, wie während des Zweiten Weltkriegs einige
Zeugen, die sich
als zu der irdischen Klasse (der "großen
Volksmenge") gehörend
betrachteten, auf Grund dieses Glaubens sich weigerten,
bei
Luftangriffen der Royal Air Force den Luftschutzbunker
aufzusuchen.
Während sie gerade dabei waren, den Tagestext aus der
Bibel zu
besprechen, fiel eine Bombe genau auf sie, so daß fast
alle auf der
Stelle tot waren. Diese und ähnliche Erfahrungen
bewirkten, daß man
diese Glaubensansicht überdachte und später änderte.
Derartige Probleme sind dem denkenden Zeugen eher bewußt.
Er neigt
auch weniger dazu, sie wegzuerklären, so wie das die
Wachtturm-
Organisation manchmal auf reichlich fantasievolle Weise
zu tun
versucht. Geistig wachere Zeugen fühlen sich insbesondere
durch die
haltlosen, weil schlecht recherchierten Ansichten der
Wachtturm-
Organisation abgestoßen (die dann häufig geändert werden
müssen).
Dazu zählen die Ablehnung des Impfens, von Kochgeschirr
aus
Aluminium und die wiederholten falschen Vorhersagen von
Daten für
bestimmte Ereignisse (die vielfach aufgegeben, umgedeutet
oder still
und leise vergessen werden) (White 1967; Zygmunt 1970;
Franz 1983).
[...]
Sogar aufrichtige Fragen können zu Problemen führen
----------------------------------------------------
Wer dauernd Fragen stellt, die der Wachtturm-Führung
nicht genehm
oder peinlich sind, wird in vielen Fällen mit einem
Gemeinschaftsentzug abgefertigt. Ist jemand
ausgeschlossen, darf
kein anderer Zeuge etwas mit ihm oder seinen Gedanken zu
tun haben -
und
anstoßerregende Gedanken werden oft zu seinen Gedanken, auch
wenn viele sie hegen. Damit sind diese Gedanken
unzugänglich und
dürfen nicht einmal erörtert werden. Es ist sogar
verboten, Briefe
oder Bücher von ihm zu lesen, denn das wäre
"Gemeinschaft pflegen
durch das geschriebene Wort". Wenn dann jemand
dieselben Fragen
stellt, ist folglich der Versuch, diese zu beantworten,
im
wesentlichen bereits "Gemeinschaft" mit einem
Ausgeschlossenen oder
zumindest mit seinem Gedankengut - und das ist verboten!
Nach diesem
Schema ist mehrfach vorgegangen worden, um sich der
Beantwortung
unangenehmer Fragen zu entziehen. Bestic nennt ein Beispiel
(1971:231):
"Diese
Auffassung trat bei einer Fernsehsendung zutage, in der
kein Zeuge auftreten wollte. Man sagte [...], daß kein
Aktiver
mitmachen könne, wenn in derselben Sendung auch
Ausgeschlossene
dabei seien. [...] Tatsache ist, daß gar keine
ausgeschlossenen
Zeugen Jehovas teilnahmen, nur solche, die die
Gemeinschaft von sich
aus verlassen hatten. Aber das machte keinen Unterschied
für die
Wachtturm-Oberen."
[...] Wer mit der Lehre der Wachtturm-Organisation nicht
in voller
Übereinstimmung ist, soll still sein und selbst sehen,
wie er mit
seinen Fragen klar kommt, oder die Gemeinde verlassen.
Wenn
aufrichtige Fragen nicht erwünscht sind, sehen sich viele
Zeugen
gezwungen, ihre Besorgnisse für sich zu behalten.
Ehrliche Fragen
dürfen nicht laut ausgesprochen, sondern sollen
unterdrückt werden.
Oft quälen sie die Zeugen im Unbewußten und rufen
psychosomatische
Symptome wie Asthma, Bluthochdruck, Geschwüre oder andere
Störungen
hervor.
Das Problem des Zweifels
------------------------
Bei Untersuchungen von Personen, die geisteskrank
geworden sind,
stellt man fest, daß sie vor allem mit Fragen des
Lebenssinns, der
Ziele und des Berufs ringen. Das mag mit körperlichen
Mängeln zu tun
haben oder mit Zweifeln daran, ob die eigene
Lebensphilosophie oder
das Wertesystem noch stimmen (Andre 1980). Wer einen
Beruf hat, bei
dem der Sinn der Tätigkeit vor Augen liegt, hat solche
Sorgen kaum.
Und auf religiösem Gebiet duldet kaum eine
Sondergemeinschaft, daß
man ihre Grundlagen anzweifelt und beispielsweise
grundsätzliche
Fragen über die Auffassungen des Sektengründers stellt,
sei es nun
Joseph Smith bei den Mormonen, Dr. John Thomas bei den
Christadelphianern oder Charles Taze Russell bei den
Jehovas Zeugen.
Auch wenn viele Zeugen in ihrer Religion ganz aufgehen,
haben sie ab
und an doch alle ihre Zweifel. Und da die Religion oft
ihre ganze
Welt darstellt, können Zweifel in diesem Bereich äußerst
traumatisch
sein. Bei den Zeugen werden Zweifel einem Außenstehenden
gegenüber
praktisch niemals erwähnt, doch wenn ein Therapeut ihr
Vertrauen
gewonnen hat, bekommt er oft ganz grundlegende Zweifel zu
hören.
Die Zweifel können verschiedene Form haben: Es werden
klare
Widersprüche in der Literatur der Wachtturm-Gesellschaft
entdeckt,
Fehlverhalten hoher Funktionäre wird erlebt,
Prophezeiungen schlagen
fehl, Lehren werden geändert, oder es sind blitzartig
auftauchende
Einsichten wie: "Hat Gott überhaupt ein Recht, ein
Drittel der
Menschheit zu vernichten, wie die
(Wachtturm-)Gesellschaft es lehrt,
wenn er alle Chinesen in Rotchina sterben läßt, nur weil
ihnen die
Botschaft der Zeugen nie gepredigt wurde, mit der
Begründung, die
Regierung treffe die Entscheidung für die gesamte
Nation?" Dieser
Fall liegt ähnlich wie der von unmündigen Kindern, die
gerettet
werden, weil ihre Eltern gerettet werden; doch wenn die
Eltern in
Harmagedon vernichtet werden, sind auch ihre kleinen
Kinder
verloren. In diesem Fall spielt der Vertreter der
Regierung die
Rolle der Eltern und das Volk die der Kinder. Für viele
Zeugen
ergibt sich nach der Logik der Wachtturm-Gesellschaft
eine höchst
ungerechte Lage. Sogar ihren Führern sind Zweifel
gekommen, als
Prophezeiungen fehlschlugen. Russells Hoffnung, das Jahr
1914 werde
das Ende des "Systems der Dinge" bringen,
erfüllte sich nicht. Er
gab selbst zu, daß seine Erwartungen sich nicht bestätigt
hatten. Er
starb am 31. Oktober 1916, nur zwei Jahre nach 1914. Der
dritte
Präsident der Gesellschaft, Knorr, erwartete nach Aussage
seiner
Vertrauten, daß das "Ende" im Oktober 1975
eintreffen würde. Er
starb 1977, ebenfalls etwa zwei Jahre danach. Beide
Männer waren mit
Sicherheit sehr enttäuscht, und beide lebten nur wenige
Jahre über
den Zeitpunkt hinaus, den sie so lange Zeit ihres Lebens
herbeigesehnt hatten.
Allgemein wird anerkannt, daß zwischen beruflicher
Tätigkeit,
emotionalen oder religiösen Konflikten und dem
auftretenden
psychopathologischen Erscheinungsbild ein enger
Zusammenhang
besteht.Menschen, die sehr streng geordnete, starre
religiöse
Ansichten vertreten, zeigen am ehesten folgende
Persönlichkeitsmerkmale: Sie sind autoritär,
überaggressiv,
unterwürfig, konventionell, identifizieren sich mit
Mächtigen,
wollen immer andere bestrafen, neigen zu Projektionen und
zu
klischeehaften Anschauungen. Jehovas Zeugen
identifizieren sich sehr
stark mit der Wachtturm-Organisation und projizieren ihre
Probleme
schnell auf den Rest der Welt.
Zudem verfügen sie über eine ausgeprägte
Bestrafungsmentalität, was
sich besonders in ihrem Verständnis von Harmagedon und
noch mehr in
der Art und Weise zeigt, wie mit Aufmüpfigen in der
Gemeinde
umgegangen wird. Komplexes Verhalten deuten sie mit Hilfe
von
Klischeemustern. So sind sie vielfach der Ansicht, andere
Menschen
seien vor allem schlechte Menschen und die Zeugen seien
überwiegend
gut; die Geistlichkeit der Christenheit wird oft so
dargestellt, als
sei sie nur hinter dem Geld her, während die Zeugen immer
nur an
andere abgeben. Die Geistlichkeit ist vor allem an ihren
selbstsüchtigen Zielen interessiert, die Zeugen hingegen
nur daran,
anderen zu helfen. Die Zeugen neigen dazu, die gesamte
Menschheitsgeschichte auf einige wenige grobschlächtige
Vereinfachungen zu reduzieren.
Die Zeugen und die Außenwelt
-----------------------------
Die Wachtturm-Gesellschaft spricht sich ganz offen gegen
den Umgang
der Zeugen mit Außenstehenden aus, damit sie "von
der Welt
unbefleckt" bleiben. Dadurch, daß sie mit Feiertagen
und Festen
jeder Art nichts zu tun haben sollen, werden sie häufig
von ihrer
ferneren Verwandtschaft abgeschnitten, manchmal auch von
den
nächsten Verwandten. Da sie ermahnt werden, zu
Außenstehenden nicht
"übermäßig freundlich" zu sein, meiden sie alle
engeren sozialen
Kontakte mit Nichtzeugen. Dementsprechend kommen Sport,
Hobbies,
Weiterbildung, Bodybuilding und Fitnessclubs nicht in
Frage.
Abgesehen von gelegentlichen Picknicks mit der Familie
oder einem
freundschaftlichen Fußballspiel (dieses aber nicht zu
oft, und ohne
jeden Anschein eines Wettkampfs), werden fast keine
Formen der
Unterhaltung gepflegt. Selbst das Lesen von Schriften,
die nicht von
der Wachtturm-Gesellschaft herausgegeben wurden, ist
verpönt (eine
Ausnahme bildet dabei vielleicht die örtliche
Tageszeitung), und
selbst bei der Wachtturm-Literatur wird nur diejenige
neueren Datums
empfohlen. So werden sie wirkungsvoll von der Außenwelt
abgeschnitten. Darüber hinaus wird den Zeugen ständig
davon
abgeraten, sich für die finanzielle Verbesserung der
eigenen Lage
einzusetzen, schriftstellerisch tätig zu werden, sich in
irgendeiner
Form als Bürger in der Gemeinde zu engagieren oder sonstwie
Freiwilligenarbeit zu übernehmen, Überstunden zu leisten,
sich
fortzubilden, eine berufliche Karriere anzustreben, sich
an Auto-
oder Pferderennen zu beteiligen, bei Glücksspielen
mitzumachen,
Nachtclubs, Bars und Theater zu besuchen, und zu allem
kommt eine
schier endlose Liste von Verboten. All das führt dazu,
daß Jehovas
Zeugen von der Normalgesellschaft abgelöst leben.
Natürlich ist eine
Reduzierung bei einigen dieser Aktivitäten sogar
nützlich, doch die
Zeugen machen die Liste so umfangreich, daß sie fast
alles umfaßt,
was Kontakt mit
Außenstehenden bedeutet.
Ein Ergebnis dieser endlosen Verbote ist, daß die Zeugen
ganz von
allein gezwungen werden, in ihre eigene Traumwelt zu
fliehen.
Besonders trifft das auf solche zu, die generell Mühe
haben, die
Anerkennung ihrer Mitmenschen zu erringen, oder die aus
Gründen, die
in ihrer Person liegen, innerhalb der Welt der Zeugen
keinen Kontakt
finden. Wie schon gesagt, wird den Zeugen davon
abgeraten,
Selbstbestätigung und Anerkennung außerhalb der Wachtturm-
Gemeinschaft zu suchen. Die Folge ist, daß es in der
Versammlung
einen beträchtlichen Wettstreit um Anerkennung gibt. Da
es in jeder
Versammlung so viele gibt, die sich selbst bestätigen
wollen,
hierfür aber nur wenige anerkannte Wege offenstehen,
kommt es immer
wieder zu neuen Konflikten.
Durch die Absonderung von der Welt, wie sie Jehovas
Zeugen und viele
andere Sekten pflegen, steigt die Zahl psychischer
Erkrankungen und
Selbstmorde in ihren Reihen. Die österreichische
Psychologin
Margarete von Andics fand in der 1930er Jahren bei 100
Gesprächen
mit Patienten der Wiener Klinik für Psychiatrie und
Neurologie, die
einen Selbstmordversuch überlebt hatten, heraus, daß
nicht ein
einziger dieser Patienten in einen größeren sozialen
Rahmen
eingebettet war als den der Familie oder Freunde, als der
Selbstmordversuch unternommen wurde. Ihre Schlußfolgerung
lautete:
"Wer keinen Anteil daran hat, das Rad der Welt zu
drehen, der lebt
in einer Situation, die ihm das Leben bald sinnlos
erscheinen läßt."
Damit das Individuum das Gefühl hat, ein sinnvolles Leben
zu führen,
muß es eingebunden sein in die Menschheit als Ganzes oder
einen
bedeutenden Teil davon und sich damit identifizieren
können.
Wenn die Zeugen das Gefühl hätten, ein wichtiger und
notwendiger
Teil der Wachtturm-Bewegung zu sein, dann wäre dieses
Bedürfnis
befriedigt. Wenige Zeugen aber bleiben längere Zeit ein
fester Be-
standteil dieser Gemeinschaft. Menschen, die zum
Wachtturm oder zu
anderen kleinen, geschlossenen Gemeinschaften mit enger
Zielsetzung
gehören, können bis zu einem gewissen Grad auf die
Verfolgung
"großer Ziele" verzichten, aber nur, wenn sie
von dieser Gruppe
akzeptiert und emotional wie spirituell von ihr gestützt
werden.
[...]
Trotz des engen sozialen Zusammenhalts gibt es bei den
Zeugen einen
überraschend hohen Grad an sozialer Isolierung. Das zeigt
sich
beispielsweise darin, wieviele Kontaktanzeigen in einigen
Zeitungen
und Zeitschriften von Zeugen Jehovas aufgegeben werden.
So fanden
sich allein in der Ausgabe des Midnight Globe vom 16.
August 1977
vier Anzeigen, obwohl insgesamt nur zwei kleine
Zeitungsseiten für
Anzeigen zur Verfügung standen. Ein ähnliches Bild ergab
sich in
Ausgaben neueren Datums. [Entsprechendes gilt auch für
deutsch-
sprachige Zeitungen, allen voran Heim und Welt.
Anm.d.Übers.] Noble
(1982) kommt zu dem Schluß:
"Jehovas
Zeugen sind es nicht gewohnt, über ihre Gefühle zu
sprechen, und daran liegt es meines Erachtens auch, daß
wir so sehr
leiden, wenn wir uns schließlich von ihnen trennen. Wir
haben Angst,
zum Psychologen zu gehen, denn "wenn wir wirklich
Gott auf unserer
Seite hätten, wäre das nicht nötig", wie die
Gesellschaft immer
sagt. Dieser Haltung folgt natürlich die ganze Herde, und
wenn wir
doch einmal psychisch erkranken, ist es uns zu peinlich
oder
demütigend, professionelle Hilfe in Anspruch zu
nehmen."
Weitere Auswirkungen der Zugehörigkeit zu einer
abgesonderten
Gemeinschaft
--------------------------------------------------------------
Wenn jemand ganz in einer Gruppe aufgeht, werden die
Ziele der
Gruppe zu seinen eigenen. Man wird gefügig und hat keine
eigenen
Antriebe und Wünsche mehr. Zur Stabilisierung der Gruppe
werden
ständig hautnahe Schilderungen der Verfolgung in Malawi
und Nazi-
Deutschland vorgetragen. Die Werbetätigkeit von Tür zu
Tür und auf
andere Weise zwingt die Gruppenangehörigen, sich
gegenseitig
Rückhalt zu geben, um ihren Glauben zu verteidigen. Und
da die
Zeugen sich nicht zuviel Bestätigung in der
"Welt" holen sollen,
sind sie gezwungen, ihre normalen psychischen Bedürfnisse
innerhalb
der Versammlung zu befriedigen. Das führt, wie schon
gesagt, dazu,
daß sich eine große Anzahl Menschen beständig abzappelt,
ihre
Bedürfnisse zu befriedigen, nur weil einige wenige,
nämlich die
oberste Führung, das so wollen. Die Folge ist, daß
soziale
Bedürfnisse unerfüllt bleiben und Selbstbestätigung für
viele nicht
zu haben ist. Von Selbstverwirklichung wird abgeraten, so
daß diese
nicht einmal versucht wird (Maslow 1968). Wie zu
erwarten, muß das
zu Frustration und Schwermut führen, weil Bedürfnisse
nicht erfüllt
werden, die wir alle haben und die so grundlegend wie das
Essen und
Trinken sind. Lebenswichtige Ich-Bedürfnisse werden nicht
hinreichend anerkannt. Von den Zeugen wird erwartet, daß
sie diese
sämtlich und vollständig unterdrücken. In mancher Hisicht
sind sie
so asketisch und isoliert wie extreme Sekten der Hindus
oder der
Christenheit, nur auf andere Weise. [...]
Einige positive Auswirkungen der Zugehörigkeit zu einer
kleinen
Gruppe
---------------------------------------------------------------
Kleine Gruppen mit engen Zusammenhalt haben vielfältigen
sozialen
und psychologischen Nutzen. Da die Zeugen aufgefordert
werden, vor
allem mit anderen Zeugen Umgang zu pflegen, und da die
Gemeinden
normalerweise 50 bis 150 Personen stark sind, ergibt sich
zwangsläufig, daß es weniger Diskriminierungen wegen der
Rassenzugehörigkeit oder des Alters gibt (Cole 1953; Penton
1985).
Die Zeugen werden zu freundschaftlichem Verkehr mit
Glaubensgenossen
jeden Alters aufgefordert, vor allem aber mit den
Älteren. Weil die
Versammlungen so klein sind, kommt es selten vor, daß
viele
gleichaltrige Kinder oder Jugendliche zusammen sind.
Selbst wenn
diese also hauptsächlich mit ungefähr Gleichaltrigen
zusammen sind,
zählen dazu meist mehrere Altersgruppen. So komt es, daß
die meisten
Zeugen Jehovas mit Personen der verschiedensten
Alters-gruppen engen
Umgang pflegen.
Wer mit wem Kontakt hat, hängt vor allem davon ab, wer in
der Nähe
wohnt. Oft haben Zeugen Spielkameraden oder Freunde in
ungefähr
demselben Alter, selten jedoch im selben Alter. Daß dies
gute
Wirkungen zeitigt, wird aus den Forschungen
Bronfenbrenners deutlich
(1973).
Kleine Gruppen mit engem Zusammenhalt weisen aber auch
negative
Aspekte auf, vor allem ein hohes Maß an internen
Reibereien, was man
bei den Zeugen sehr häufig antrifft. Der Mangel an
menschlicher
Rücksichtnahme wird mit der Theorie erklärt, daß weniger
Angst
besteht, die Freundschaft eines Glaubensbruders zu
verlieren, denn
man braucht sich weniger Sorgen zu machen, daß man Dinge
tun könnte,
die den anderen aufregen. Diese Verallgemeinerung stützt
sich auf
folgenden Gedankengang:
"Wenn ich
mich nicht intensiv um das Verhältnis zu meinem
Nachbarn kümmere, kann es sein, daß er mich ablehnt, denn
uns
verbindet eigentlich nur die Tatsache, daß wir in
derselben Gegend
wohnen. Bei meinen Glaubensbrüdern ist das aber anders.
Wenn ich mir
zum Beispiel etwas bei einem von ihnen borge und es nicht
zurückgebe, dann ist er praktisch gezwungen, weiter mit
mir Umgang
zu pflegen, denn wir sitzen beide im selben Boot und
sollen keine
engen Kontakte mit Außenstehenden haben. Gegenüber
anderen Zeugen
kann ich mich also ungefähr so verhalten wie gegenüber
einem
Familien-mitglied. Da ich mir keine großen Sorgen darum
mache, seine
Freundschaft zu verlieren, kann ich also frei heraus
sagen, was ich
von ihm halte. Ausgeschlossen sind allerdings vielleicht
negative
Ansichten über die Wachtturm-Gesellschaft" (aus
einem Gespräch mit
Webb Switzer, einem ehemaligen Zeugen Jehovas, 4. März
1979). [...]
Zusammenfassung
---------------
Dieses Kapitel untersuchte die vielen Faktoren, die
häufig als
wesentlich für die hohe Zahl psychischer Erkrankungen bei
Zeugen
Jehovas angesehen werden. Zu diesen Faktoren zählen:
1. Ein großer
sozialer Druck, der dazu führt, daß die Zeugen
wirtschaftlich und bildungsmäßig auf niedrigem Niveau
verharren,
selbst wenn die Fähigkeiten zur Verbesserung der
Lebensumstände
vorhanden sind.
2. Die Ablehnung
von bereichernden Beschäftigungen wie Musik,
Sport, Kunst und die Ausübung von anderen Hobbies, dazu
von
befriedigender beruflicher Tätigkeit.
3. Sozialer
Druck, der sich gegen intellektuelle Betätigung jeder
Art richtet. Hierunter leiden insbesondere die aktiveren,
beleseneren und zur Eigenbeobachtung neigenden Zeugen.
4. Fehlende
Befriedigung allgemeiner psychischer und emotionaler
Bedürfnisse der Zeugen durch die Wachtturm-Organisation.
5. Zahlreiche
Änderungen von Lehrpunkten, oberflächliche und
ungenügend durchdachte theologische Ansichten sowie
Mangel an
menschlichem Einfühlungsvermögen seitens der
Wachtturm-Zentrale.
Einige Einzelfälle von Zeugen, die an Verbrechen
beteiligt waren,
wurden vorgestellt. Erkenntnisse aus vorangegangenen
Kapiteln
flossen in diese Betrachtungen mit ein.
Ein traditioneller Forschungsgegenstand ist die Frage, ob
die
Religion der Wachtturm-Gemeinschaft geistige Erkrankung
hervorruft
oder ob sie Menschen mit psychischen Problemen besonders
anzieht.
Wahrscheinlich stimmt beides, wie in einem der nächsten
Kapitel zu
besprechen sein wird.
Kapitel 6:
Die Problemfelder Gemeinschaftsentzug und Älteste
=================================================================
[...]
Zusammenfassung
-----------------
Dieses Kapitel befaßte sich mit der Tatsache, daß es
vielen Ältesten
an der Ausbildung fehlt, die nötig ist, um mit den
Problemen der
Zeugen angemessen umgehen zu können. Die meisten neigen
dazu, sich
sehr autoritärer, strafender Methoden zu bedienen, um
allgemein
menschliche Probleme zu lösen. Selten werden gangbare
Alternativen
genutzt, um einzelnen problembeladenen Zeugen zu helfen
und sie zu
bessern. All das wird noch erschwert durch die Praxis des
Gemeinschaftsentzugs, die im Kern darin besteht, alle
diejenigen aus
der Gemeinschaft herauszuwerfen, mit deren Problemen man
nicht
fertig wird. Der Gemeinschaftsentzug dient einerseits als
Druckmittel, um die Zeugen zu konformem Verhalten zu
zwingen,
andererseits sollen damit gesundheitliche und soziale
Probleme
erledigt werden, die zu lösen die Ältesten und die
Wachtturm-
Organisation unfähig sind. Dieses Vorgehen mag vielleicht
die Herde
einschüchtern, es bewirkt aber mehr Schlechtes als Gutes.
Kapitel 7:
Das Leben als Zeuge Jehovas
============================
Den meisten Zeugen bereitet es Probleme, daß ständig
höchste
Ansprüche an ihre Zeit, Gefühle und Selbstbeherrschung
gestellt
werden. Von jedem wird erwartet, daß er neben dem Besuch
von
wöchentlich fünf Zusammenkünften (und allein die
Vorbereitung
hierfür dauert zusätzliche Stunden, wenn man gewissenhaft
ist)
persönliches Studium betreibt, von Haus zu Haus und auch
zu anderen
Gelegenheiten predigt, Rückbesuche und Heimbibelstudien
durchführt,
und das bei allen sonstigen Verpflichtungen. Wer dem
nicht voll
nachkommt, steht oft unter dem sozialen Druck der
anderen; bleibt
man erheblich unter dem erwarteten Pensum, kann einem ein
Besuch von
Ältesten blühen. Weiterhin fällt beträchtliche Fahrzeit
an, um drei-
oder viermal wöchentlich zum Königreichssaal zu gelangen.
In
ländlichen Gegenden kann das noch einmal vier Stunden
oder mehr
erfordern.
Extrem hohe Erwartungen haben diese Organisation von
Anfang an
charakterisiert. Beachtenswert ist folgender Bericht von
jemand, der
den Zeugen zwanzig Jahre lang angehört hatte, bevor er
sich von
ihnen trennte:
"Da ich
mein ganzes Leben lang ein sehr eifriger Zeuge war,
habe ich gelernt, mein Leben auf eine ganz besondere
Weise zu
führen. Ich war ständig sehr stark beschäftig und habe
mich stets
bei allem, was ich tat, nach dessen Zweck gefragt. Zeugen
Jehovas
sind sehr zielorientiert und achten darauf, ihre gesamte
Zeit voll
auszukaufen, wenigstens war das bei mir so. Der
regelmäßige Besuch
der Zusammenkünfte (fünf Stunden jede Woche, dazu die
Fahrzeit und
das obligatorische Beisammensein hinterher) erforderten
gewöhnlich
zehn bis zwölf Stunden wöchentlich. Zur Vorbereitung
waren weitere
fünf Stunden nötig. Der Predigtdienst machte noch einmal
sechs
Stunden aus, so daß insgesamt mehr als zwanzig Stunden
herauskamen.
In unserer Versammlung wurde großer Wert darauf gelegt,
daß man an
der Arbeit und in der Schule Gutes leistete, was wiederum
bedeutete,
sich bei den Hausaufgaben, im Haushalt und bei anderen
Aufgaben
anzustrengen.
Da blieb wenig
Zeit für einen selbst übrig. Und weil Sport und
andere Erholung verpönt war (zumindest regelmäßige
Betätigung), habe
ich kaum Entspannung gesucht, bin fast nicht ins Kino
gegangen und
habe keine Bücher oder Zeitschriften gelesen. Nicht
einmal
ferngesehen habe ich. Darum dann auch die große Leere,
als ich die
Zeugen verließ. Ich hatte ja kein klares Ziel mehr. Jetzt
mußte ich
mich selbst um andere Tätigkeiten bemühen, und dabei habe
ich mich
genau wie vorher verhalten. Ich stelle noch heute fest,
daß ich, um
geistig stabil zu bleiben, die meiste Zeit beschäftigt
sein muß,
sonst überkommen mich Ziellosigkeit, Depression und
andere Probleme.
Und doch bringe ich es kaum fertig, derart zielstrebig zu
leben, wie
ich es als Zeuge gewohnt war."
Wie sich hieran zeigt, fällt es denen, die die
Gemeinschaft
verlassen haben, großenteils schwer, klare neue Ziele zu
entwickeln.
Da sie während ihrer Zeit als Zeugen Jehovas kaum Ziele
außerhalb
der Gemeinschaft gepflegt hatten, fehlt ihnen jetzt die
Motivation
fast ganz. Während man ein Zeuge ist, dreht sich das
ganze Leben
darum, neue Anhänger für die Wachtturm-Organisation zu
finden und
deren Ziele zu verwirklichen. Sobald man sie hinter sich
läßt, gibt
es diese Ziele nicht mehr. Das führt dazu, daß viele
ehemalige
Zeugen ziellos durchs Leben wandern und sich oft monate-
oder sogar
jahrelang um gar nichts mehr kümmern. Sie schaffen es
nicht, sich
sinnvoll zu betätigen in einem Rahmen, der die
Befriedigung der
elementaren Lebensbedürfnisse übersteigt. Da sich
Lebensziele
gewöhnlich herausbilden, während man noch sehr jung ist,
kommt es
kaum vor, daß jemand, der als Zeuge erzogen wird, sie in
dieser
entscheidenden Zeit herausbildet, und Ziele später zu
entwickeln,
ist äußerst schwierig.
Die emsige Tätigkeit, der die Zeugen während ihrer
Zugehörigkeit zu
der Organisation nachgehen, ist so beschaffen, daß sie
eigentlich
niemals fertig ist. Es gibt immer noch etwas zu
studieren, neue
Wachtturm-Ausgaben zu lesen, eine Zusammenkunft zu
besuchen, einen
"Rückbesuch" zu machen und immer so weiter. Der
andauernde Druck
läßt es selten zu, zwischendurch einmal zu verschnaufen
und
Rückblick zu halten, inwieweit ein Ziel schon erreicht
wurde. Da das
Ziel nicht klar umrissen ist, geht die Tätigkeit immer
weiter, mit
wenig Höhen und Tiefen, und selten hat man einmal ein
Erfolgserlebnis. Nimmt man als Beispiel einen
Schriftsteller, so
kann es zwar sein, daß er dauernd an irgend etwas
schreibt und immer
mit einem Projekt beschäftigt ist, doch irgendwann hat er
es
abgeschlossen und sieht ein fertiges Produkt. Dann kann
er sich
zurücklehnen und die Früchte seiner Arbeit genießen,
selbst wenn er
bereits am nächsten Buch arbeitet. Die Frucht seiner
Arbeit ist ein
sichtbares Ergebnis, sei es nun ein Fachartikel, ein Buch
oder eine
kurze Meldung in einer Zeitschrift. Und während der
Arbeit des
Schreibens gibt es verschiedene Phasen zu durchlaufen,
z.B.
Nachforschen, Datensammeln, Literaturaneignung,
Interviews,
Schreiben, Korrekturlesen, um nur einige zu nennen. Der
Abschluß
jeder Phase vermittelt das Gefühl, etwas geschafft zu
haben, daß man
vorankommt, und das bedeutet Abwechslung.
Den meisten Zeugen Jehovas aber bleiben diese Gefühle
versagt. Das
kann sich schädlich auswirken, denn viele der Tätigkeiten
der Zeugen
sind ohnehin gewöhnlich sehr langweilig, vermitteln kein
baldiges
Erfolgsgefühl und wiederholen sich. An jeder Tür werden
die gleichen
Gedanken besprochen, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Eine
Zusammenkunft nach der anderen wird besucht, Stunde um
Stunde, Woche
um Woche, Jahr um Jahr, und man hört dort im wesentlichen
immer
dieselben Grundgedanken. In Wachtturm und Erwachet!
stehen immer
ähnliche Dinge, Ausgabe um Ausgabe, viermal im Monat,
achtundvierzigmal im Jahr, Jahr um Jahr. Es werden sogar
immer
dieselben Zitate gebracht. Eines, das die Zeugen jedes
Jahr ein
dutzendmal zu hören bekommen, ist eine obskure Äußerung
einer
kleinen, heute nicht mehr existierenden
Religionsorganisation, die
besagte, daß "der Völkerbund der politische Ausdruck
des
Königreiches Gottes auf Erden" sei. Diese
Verlautbarung wird in
Ansprachen und in den Zeitschriften der Zeugen
wiedergegeben, um
ihre Behauptung zu belegen, daß die Zeugen (damals noch
Bibelforscher genannt) im Jahr 1914 , dem
"Wendepunkt der
Weltgeschichte", auf der Seite Gottes standen, alle
Kirchen aber auf
der Seite Satans! Ein bekannter Zeuge Jehovas faßte das
Problem der
rastlosen Geschäftigkeit der Zeugen wie folgt zusammen:
"Und was
die Haltung der Gesellschaft zu Fragen der psychischen
Gesundheit angeht und ihre Ablehnung von Psychiatern und
Psychologen: wie erklärt sie sich, daß Zeugen Jehovas,
die ihre
ganze Kraft im Predigtdienst und beim Besuch der
Zusammenkünfte
verausgaben, einen Nervenzusammenbruch erleiden? Mir sind
viele
Pioniere und Kreisaufseher bekannt, die einen
Nervenzusammenbruch
hatten. Meiner Meinung nach kann der Druck durch die
fanatische
Tätigkeit, der auf ihnen lastet, sehr wohl ein Hauptgrund
für ihre
Probleme sein. Die Gesellschaft meint, das hält die
Brüder geistig
stark, doch gerade das Gegenteil ist der Fall: es treibt
sie in den
Wahnsinn" (Brief von Chris Christenson, ehemaliger
Ältester, 6.
August 1976).
Sowohl Außenstehenden wie Jehovas Zeugen fällt auf, daß
viele
Zeugen, die sehr eifrig waren im Predigtdienst und beim
Besuch der
Zusammenkünfte, psychisch erkrankten. [...] Wie bereits
ausgeführt,
ist aber nicht die extreme Geschäftigkeit allein die
Ursache
schwerwiegender psychischer Probleme. Zahlreiche Faktoren
können den
"geistigen Zusammenbruch" herbeiführen. Jemand
kann durch seinen
übermäßigen Einsatz sein Unglücklichsein überdecken. Oder
jemand ist
mit ganzer Kraft aktiv und entdeckt dann die
Schwachstellen der
Glaubensansichten der Zeugen, was dazu führt, daß er
seinen
vorherigen Einsatz bedauert. Wer sich ganzherzig der
Sache der
Zeugen Jehovas verschreibt, hat mehr zu verlieren, wenn
er die
unausweichliche Entdeckung macht, daß bei der
Organisation nicht
alles zum besten bestellt ist. Engagierte Zeugen werden
also
stärkere innere Konflikte erleben, denn sie haben viel
investiert
und entsprechend auch mehr zu verlieren, wenn sich
herausstellt, daß
ihre Befürchtungen, die Zeugen könnten falsch liegen,
sich
bewahrheiten. Wer sich weniger stark eingesetzt hat, wird
oftmals
weniger Probleme haben, wenn er diese Entdeckung macht.
Der Schritt vom festen Boden solider Tatsachen in den
Sumpf
unhaltbarer Schlußfolgerungen ist oft nur sehr klein,
manchmal
unmerklich. Wenn zwei Dinge miteinander in Beziehung
stehen, heißt
das noch lange nicht, daß eines die Ursache des anderen
ist. In
manchen Fällen kann eine psychisch unangemessene Reaktion
darin
bestehen, daß der Betreffende sich noch stärker als Zeuge
Jehovas
einsetzt. Oft ist auch die unermüdliche Betätigung gar
nicht das
auslösende Moment für die psychischen Schäden. Was wir
als "Ursache"
ansehen, kann sogar ohne jeden Zusammenhang mit den
tatsächlich
verursachenden Bedingungen sein. Es kann reiner Zufall
sein, daß wir
einige Menschen kennen, die außergewöhnlich aktive Zeugen
Jehovas
waren und die einen Nervenzusammenbruch hatten.
Vielleicht besteht
ein Zusammenhang, doch unsere persönliche Erfahrung ist
noch kein
zwingender Beweis dafür. Oft genug sind A und B das
Resultat eines
weiteren Faktors C. Als Beispiel diene der Fall eines
unsicheren
Menschen, der sein Minderwertigkeitsgefühl mit aller
Macht dadurch
überwinden will, daß er anderen, die ihm viel bedeuten,
zu Gefallen
ist (in diesem Fall den Glaubensgenossen). Wenn er das
durch
rastlose Tätigkeit nicht zuwege bringt, kann es zum
"Nervenzusammenbruch" kommen. Die Ursache
hierfür ist in diesem Fall
die Unfähigkeit, ein Ichbedürfnis zu befriedigen, und
nicht die
Tätigkeit an sich. So können Ichbedürfnisse zu
verstärkter Aktivität
führen und dann zum Nervenzusammenbruch, wenn die
Bedürfnisse sich
auf diese Weise nicht erfüllen lassen. Bei meinen
Forschungen bin
ich zu dem Schluß gelangt, daß dieser Hintergrund bei den
Zeugen
häufiger gegeben ist, und zwar besonders, weil es trotz
höchster
Anstrengungen bei den Zeugen nicht möglich ist, selbst
normale
Ichbedürfnisse zu befriedigen, weil das Belohnungssystem
der
Gemeinschaft dem entgegensteht.
Wie bereits besprochen, fordert die
Wachtturm-Organisation, "alle
Ehre Gott zu geben" und nicht dem einzelnen, der
etwas erreicht,
selbst wenn das sehr viel ist. Für den erfolgreichen Zeugen
ist es
der Normalfall, herabgesetzt zu werden. Man erinnert ihn
beständig
daran, daß er seine Erfolge nicht aus eigener Kraft,
sondern nur
durch Gott errungen habe. Immer wieder fährt man mit ihm
eine
"Demutstour" ab ("Nun laß dir das mal
nicht zu Kopf steigen, Bruder
Neumann, daß du neun Zeitschriften abgeben
durftest"), und das kann
durchaus mit zu psychischen Fehlentwicklungen beitragen.
Das ständige Herabspielen von Erfolgen im Alltagsleben
zeigt sich
auch auf andere Weise. Die Zeugen werden fortwährend
ermahnt, die
offiziellen Wachtturm-Aktivitäten zum wichtigsten Inhalt
ihres
Lebens zu machen. Erfolg oder Versagen in diesen
Tätigkeiten steht
in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Erfolg oder
Versagen als
Person vor Gott. Der einzelne soll vollständig in dieser
Tätigkeit
aufgehen. Die Wachtturm-Organisation betont, daß diese
Tätigkeiten
die einzig wahre Berufung für den Zeugen darstellen.
Selbst wenn man
einer Vollzeitarbeit nachgeht, ist alle weltliche
Beschäftigung nur
Nebenbeschäftigung und daher zweitrangig.
Jedes Versagen im Dienst für die Wachtturm-Organisation
wird zum
persönlichen Versagen, mit allen dazugehörenden Folgen
für das
Gefühlsleben. Und die Tätigkeit der Zeugen ist von ihrer
Natur her
reich an Fehlschlägen. Bevor ein Heimbibelstudium
eingerichtet
werden kann, müssen Tausende von Hausbesuchen
durchgeführt werden.
Und viele Bibelstudien müssen begonnen werden, bevor auch
nur eine
Person ein aktiver Zeuge Jehovas wird. Von denen
wiederum, die aktiv
werden, gibt die Mehrzahl wieder auf. Wird jemand ein
aktiver Zeuge
und gibt nicht auf, so wird er oder sie im allgemeinen
früher oder
später desillusioniert. Viele bleiben dann zwar aus
sozialen,
familiären oder persönlichen Gründen dabei, doch nur sehr
wenige
werden voll engagierte, ausgeglichene, hingegebene Zeugen
für
längere Zeit. Der Zeuge kann also gar nicht anders als
versagen, mit
dem Ergebnis, daß er entmutigt ist. Und
"Entmutigung" ist ein
häufiges Thema der Zusammenkünfte. Immer wieder werden
die Gläubigen
aufgefordert, sich über "ermutigende" und
"erbauende" Dinge zu
unterhalten. Zu den wenigen Belohnungen, die die
Gemeinschaft kennt,
gehört die Aussage "Das ist wirklich
ermunternd" bzw. "Er ist ein
auferbauender Bruder".
Diesem unvermeidlichen Versagen begegnet man auf
vielerlei Weise.
Den wichtigsten Beitrag zur Verminderung von Entmutigung
leistet die
Methode, den Zeugen so zu konditionieren, daß er
Mißerfolge
erwartet. Er rechnet damit, daß man ihm die Türen vor der
Nase
zuschlägt. Er erwartet, daß die meisten Leute nicht
zuhören wollen.
Diese Erwartungshaltung trägt dazu bei, den Mißerfolg zu
verkraften.
Man lernt, daß man damit rechnen muß, an Hunderten von
Türen zu
klingeln, um mit einigen Menschen reden zu können. Und
man nimmt die
Tatsache hin, daß die meisten, mit denen man reden kann,
einfach nur
höflich sind; die wenigsten sind wirklich interessiert.
Man erwartet
es, daß man sechs Monate mit jemand studiert
(Heimbibelstudium
genannt), um dann von demjenigen zu hören, daß er doch
lieber kein
Zeuge Jehovas werden will. Man lernt, damit zu rechnen,
daß viele
Heimbibelstudien sich taufen lassen, erst regelmäßig in
den
Predigtdienst gehen und dann aufgeben. Doch vielen Zeugen
fällt es
schwer, sich mit diesen Fehlschlägen abzufinden, so sehr
sie damit
auch rechnen mögen. Mißerfolg bleibt Mißerfolg, auch wenn
er
erwartet wird, und ist deshalb enttäuschend.
Die Zeugen Jehovas investieren ihr ganzes Leben in einen
einzigen
Lebenszweck, nämlich dem, der Wachtturm-Organisation zu
dienen (nach
ihrer Ansicht handelt es sich dabei um Dienst für Gott),
anstatt
einer Vielzahl von Interessen zu folgen, mit denen Erfolg
und
Belohnung verbunden sind und die eine Identität
begründen. Mißerfolg
oder Enttäuschung auf diesem einen Gebiet wirkt sich
daher
verheerend aus. Die Zeugen werden regelrecht dazu
angetrieben, sich
nur auf diesem einen Gebiet zu betätigen. Von allem
anderen, wie
beispielsweise Hobbies (von Fotografie bis Malerei), wird
streng
abgeraten. Wer sich als Zeuge solchen "weltlichen
Dingen" hingibt,
wird ständig ermahnt, er oder sie solle "achtgeben,
daß das Hobby
nicht zu viel Zeit auffrißt" oder man stellt die
Frage: "Meinst du
wirklich, du könntest soviel Zeit für derart
selbstsüchtige
Interessen opfern?" oder "Ich für meinen Teil
gebe lieber meine
ganze Zeit für Jehova und warne die Menschen vor der
bevorstehenden
Vernichtung". [...]
Konformitätsdruck durch das Erzeugen von Schuldgefühlen
--------------------------------------------------------
Die Technik zur Erzwingung konformen Verhaltens ist ganz
einfach:
Man impft dem Zeugen Schuldgefühle ein, weil er dem
Diktat der
Wachtturm-Organisation nicht folgt. Ein ganz häufiges
Problem ist
der unvermeidbare Konflikt zwischen den Anforderungen der
Arbeitsstelle, der Familie und der
Wachtturm-Organisation, bei dem
die Wachtturm-Organisation gewöhnlich Sieger ist. Man
beachte
folgendes Gespräch:
Tom: Kommst du
heute zur Zusammenkunft?
Bill: Nein, ich muß noch mehrere Berichte für meine
Dienststelle
schreiben.
Tom: Soll das etwa heißen, du
kommst nicht zur
Zusammenkunft? Bill: Ich habe in der letzten Zeit nie
gefehlt, und
ich stehe wirklich unter Druck, die Bericht fertigzustellen. Tom:
Willst du wirklich das geistige Festmahl, das Jehova
liebevoll
seinem Volk bereitet, zurückweisen?
Bill: Schließlich muß ich auch für meine Familie sorgen.
Tom: Sag mal,
Bill, meinst du tatsächlich, wir könnten es wagen,
Jehovas Angebot abzulehnen, wenn er uns in seiner
liebenden Güte ein
geistiges Mahl vorbereitet, an dem alle teilnehmen
sollen, und
stattdessen unsere selbstsüchtigen materiellen Interessen
voranstellen? Die Schätze Jehovas sind unvergleichlich!
Also Bill,
ich kann dir ja die Entscheidung nicht abnehmen, aber ich
persönlich
genieße jedes geistige Festmahl, das Jehova seinem Volk
gibt und
kann seine liebende Güte einfach nicht zurückweisen. Ich
an deiner
Stelle würde noch einmal gründlich darüber nachdenken, in
welche
Richtung ich da gehe. Wenn man fleischlichen, weltlichen
Interessen
den ersten Platz einräumt, kann das nur Jehovas Mißfallen
hervorrufen.
Bill: Tja, vielleicht kann ich die Berichte auch noch
morgen früh
vor der Arbeit anfertigen, wenn ich um vier oder fünf
aufstehe.
Durch Gespräche wie diese werden dem einzelnen Zeugen
ganz
unausweichlich emotionale Konflikte bereitet. Er ist
völlig legitim
daran interessiert, seinen Verpflichtungen gegenüber
Arbeitgeber und
Familie nachzukommen, und steht doch ständig unter dem
Druck seines
Gewissens und seiner Glaubensbrüder, die
"Verpflichtungen" gegenüber
der Wachtturm-Organisation zu erfüllen. Da können schwere
Konflikte
gar nicht ausbleiben. Oft genug bleibt nicht genug Zeit,
um beiden
Seiten zugleich gerecht zu werden.
Derartige Konflikte führen zu einer unechten Motivation.
Die
sogenannte "ganzherzige" Hingabe, die dem
Einsatz für die
Organisation gilt, entstammt nicht immer einem positiven
Wunsch,
sich zu engagieren, sondern zum Teil einer vorhandenen
Furcht und
Schuld. [...]
Demütigungen und der unsichtbare Talmud
---------------------------------------
Die ständigen Ermahnungen im Wachtturm, von der Bühne und
von
einzelnen Zeugen, man solle mehr Zeit im Predigtdienst
verbringen,
"geistiggesinnt" sein, nicht so materialistisch
und selbstsüchtig
usw., bewirken gemeinsam mit den häufigen Zurückweisungen
an der
Tür, durch Nachbarn und Freunde, daß die Zeugen allgemein
ein Gefühl
der Minderwertigkeit haben. Da sie zur Kritik gegenüber
Glaubensgenossen neigen, kommt es sehr häufig zu
Geschwätz. Nur
wenige Zeugen leben nach dem oft unvernünftigen Maßstab
der
Wachtturm-Organisation, so daß es in den meisten
Gemeinden auch
genug zum Tratschen gibt. Das Geschwätz ist ein Mittel,
durch das
der Schwätzer an Ansehen gewinnt, denn er erweckt den
Anschein, auf
dem Laufenden zu sein, eingeweiht zu sein und zum inneren
Führungskreis zu gehören.
Den Ältesten ist gewöhnlich sehr gut bewußt, daß es in
den meisten
Versammlungen reichlich Geschwätz, Verleumdung und
Gehässigkeit
gibt, daß viele an allem etwas zu bekritteln haben und
was es an
kompensatorischen Verhaltensweisen mehr gibt. Leider
reagieren sie
darauf im allgemeinen, indem sie einfach eine weitere
Vorschrift
erlassen: "Geschwätz ist verboten." Doch damit
wird das Problem nur
schlimmer. Nur wenige Älteste erkennen oder wissen, aus
welchen
emotionalen Ursachen sich Geschwätz speist. Ihre
Ermahnungen
verlegen die sichtbaren Zwistigkeiten höchstens nach
innen, was auf
Dauer zu noch mehr Schwierigkeiten führt. Am häufigsten
machen sich
hierbei wahrscheinlich die Ältesten schuldig, und zwar
einerseits,
weil man auf sie meistens mehr hört als auf den
Durchschnittsverkündiger, und weil sie andererseits wegen
ihrer
Stellung auch über mehr Dinge Bescheid wissen, die sich
als
Geschwätz eignen. Was sie den geheimen
Ältesten-Zusammenkünften
erfahren, ist nicht selten Wasser auf die Mühlen der
Tratschmühle
ihrer Versammlung. White (1967:388) stellt dazu fest:
"Die
leitende Körperschaft hat den Zeugen Jehovas Gottes Gesetz
mittlerweile genau wie das Mosaische Gesetz als eine
Ansammlung von
Ge- und Verboten vorgesetzt, so daß ihnen selten die
Freiheit
bleibt, ihr eigenes Urteilsvermögen zu gebrauchen. Das
Ergebnis
dieser Anhäufung von Vorschriften über Vorschriften ist,
wie zu
erwarten, ganz dasselbe wie beim Gesetz Moses im Volk
Israel: Es
kommt häufig vor, daß das theokratische Gesetz im
Geheimen gebrochen
wird, ohne daß das Rechtskomitee der Versammlung es
merkt.
Zahlreiche Haare werden gespalten darüber, wie ein
unwichtiger Erlaß
zu verstehen sei, während die gewichtigeren Dinge, deren
Erfüllung
man nicht mit Gewalt durchsetzen kann, wie Nächstenliebe,
Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben, zu kurz
kommen. Obendrein
gibt es ein ständig zunehmendes Problem mit
Gemeinschaftsentzügen
und Fällen von Bewährung, da kein Mensch ein Gesetz
vollkommen
halten kann.
Ein zentraler Grund für die hohe Zahl von psychischen
Störungen, auf
die in diesem Zitat angespielt wird, ist das enorme
Gewicht des
"unsichtbaren Talmuds" (Christenson 1976), der
auf dem einzelnen
lastet. Was die Organisation alles verbietet, umfaßt eine
schier
endlose Liste. Die wesentlicheren Dinge seien im
folgenden
aufgezählt:
Verpönte oder
verbotene Tätigkeit
Begründung
----------------------------------------------------------------
1. Grüßen der Flagge, der Königin oder anderer Götzendienst, da
nationaler
Symbole nur
Gott Autorität
2. Tragen oder Besitzen religiöser oder fast Falsche Anbetung
aller
anderer Symbole
3. Fähnchenschwenken oder Teilnahme an jeglicher Geistige Hurerei
nationalistischer Feier
4. Jegliche Verbindung zu oder Beteiligung an Geistige Hurerei
anderen
Religionen oder religiös gelenkten
Organisationen,
einschl. Basaren, Gottes-
diensten und
Beerdigungen
5. Geburtstage
Götzendienst,weil
Selbstverherrrlichung
6. Osterfeuer Relig.
Hintergrund
7. Trinksprüche bei Hochzeiten und sonst.Feiern Falsche Anbetung
8. Teilnahme an Wahlen Vermisch.mit Welt
9. Arbeit im Rüstungssektor Unterstützung
weltl. Kriege
10. Jegliche Verbindung zu Produktion und Verkauf Falsche
Anbetung,
von verpönten
Gegenständen, von religiösen
Götzendienst
bis zu
pornographischen
11. Feiern von Weihnachten, Ostern und aller Heidnischer Brauch
anderen Feste
12. Bluttransfusionen und Spenden von Blut Blutgenuß,daher
falsch
13. Bücher anderer Religionen lesen verschmutzt Sinn
14. Masturbation
Selbstvergötzung,
zu viel Interesse
an Sex
15. Sterilisation (inzwischen geändert) Verhindert
Emfängnis
16. Organverpflanzungen (inzwischen geändert) Nach der Bibel
Sünde
17. Mitmachen in Jugendvereinen Zeitvergeudung
18. Fettleibigkeit Mißbrauch
des
Körpers,
des Tempels Gottes
19. Glücksspiele, sogar das Werfen einer Münze Satanisch; von
um das Ausgeben
von einem Glas Bier ehrlicher
Arbeit
leben
20. Jede Beteiligung an Politik, Bewerben um Unbefleckt von
Wahlämter aller
Art Welt
bleiben
21. Jagen und Fischen Keine Acht.
vor
Leben
22. Seichte Filme ansehen Sündiger Einfluß;
Zeit fehlt Pred.
23. Lachen über schmutzige Witze Unmoralisch
24. Sich zum Klassensprecher wählen lassen Unbefleckt bleiben
25. Zu den Pfadfindern gehen Neutral bleiben;
oft kirchlich
26. Tragen von Trauerkleidung Heidnischer Brauch
27. Sich zu rechtfertigen versuchen Mangel an Demut
28. Gewerkschaftsfunktionär sein oder sich an Bruch der
Kampfmaßnahmen
aktiv beteiligen (z.B. wählen) Neutralität
29. Verehrung und Nachahmung von Pop- u.Filmstars
Götzendienst
30. Berühmten Persönlichkeiten nachfolgen oder Menschenverehrung,
ihren
Philosophien
unbiblische Werte
31. Sich als Jugendliche(r) mit Freund(in) ohne Sex. Versuchung
Begleitung
treffen
32. Reis werfen bei einer Hochzeit Heidnischer Brauch
33. Zuneigung öffentlich zeigen (außer Begrüßung) Sex.
Versuchung
34. Spenden für Rotes Kreuz oder and. Hilfsorgan.
Unterstützung
rel.Org.
35. Teilnahme an Bürofeiern Weltliche Gesell.
36. Teilnahme an Gebet, das nicht von einem unta- Nur
Zeugen sind
deligen,
getauften männlichen Zeugen Jehovas
wahre Christen
geleitet wird
37. Beim Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner Unmoralisch
seiner
Leidenschaft ungezügelt Lauf lassen
38. Fluchen oder Verwendung verpönter Ausdrücke obszöne Rede
39. Teilnahme an Tänzen, die von Ältesten als Sex. Versuchung
anzüglich
bezeichnet werden, oder Tanzen mit
jemand anders
als dem eigenen Partner
40. Beteiligung an außerschulischen Aktivitäten Zeit fehlt Pred.
41. Rauchen schädigt
Körper
42. Drogen nehmen (außer medizinische Zwecke) schädigt Körper
43. Feiern von
Kriegsveteranen/"Heldengedenktage" Verherrlich.von
Pers., die sich an
Kriegen bet. haben
44. Lesen alter Wachtturm-Literatur und aller Gemeinschaft mit
nicht von
Zeugen Jehovas stammender Bücher Bösen
+ Weltmen.
45. Tätigkeit als Geschworener bei Gericht Neutralität
46. Tätigkeit bei Militär und Zivilschutz Weltliche Kriege
47. Üben von Selbstverteidigungstechniken Milit. Ursprung
48. Verkauf von Weihnachts-, Neujahrsgegenständen
Heidnischer Brauch
49. Versäumen von Zusammenkünften u.Predigtdienst
Ungehorsam gegen
Gott
50. Gebrauch von Wörtern wie Glück, ogott, herrje
Bezeichnet Satan
bzw. falsche
Götter/Läst.
51. Aufsuchen eines Psychiaters/Psychologen Kann irreführen
52. Besuch von Hochschulen (sehr verpönt); Zeit fehlt Dienst,
bestimmte
Fächer sind verboten
weltl.Gesellsch.
53. Beteiligung an Sozialreform/Selbsthilfe Zeitvergeudung
54. Zweifeln an der Wachtturm-Organisation gegen Gott
55. Schach, Dame, Karten u. ähnliche Spiele Milit. Charakt.
56. Überstunden machen Zeit fehlt Pred.
57. Rockkonzerte besuchen Sündiger Einfluß;
Zeit
58. Flirten ohne Heiratsabsicht Unmoralisch
59. Anfreunden mit Nachbarn weltl.Gesellsch.
60. Als Frau bei Zusammenkunft Hosen tragen Unangemessene
Kleid., dem Mann <