Einleitung 


Wie soll ich glauben können, wenn man 
mir keine Wahl lässt? Allein die Gewalt, 
die mir den Zweifel verbietet, nimmt mir 
den Glauben, wo ich ihn schon hatte. 
Max Frisch 

The fox knows many things, but the 
hedgehog knows one big thing. 
Isaiah Berlin 

Inmitten der unüberschaubaren Vielfalt religiöser Gemeinschaften, die 
sich auf jüdisch-christliche Wurzeln berufen, stellen die Zeugen Jehovas ein 
bemerkenswertes Phänomen dar. Obgleich von ihrer Umwelt weithin abgelehnt 
oder zumindest mitleidig belächelt, wächst diese Religionsgemeinschaft 
seit über einem dreiviertel Jahrhundert stetig und bildet mittlerweile in vielen 
europäischen Ländern die grösste religiöse Körperschaft hinter den nationalen 
Kirchen. Fast jeder Haushalt in den meisten westlichen Ländern erhielt 
schon einmal Besuch von Zeugen Jehovas, die ein Buch oder die Zeitschriften 
Der Wachtturm oder Erwachet! anboten. Trotz zahlreicher Kollisionen 
mit der staatlichen und gesellschaftlichen Realität konnten sich das Glaubenssystem 
und seine institutionalisierte Trägerschaft gegenüber den Relativierungseffekten 
einer Gesellschaft behaupten, deren Trend zur Pluralisierung 
und Säkularisierung nach wie vor ungebrochen ist. 

Dieser erklärungsbedürftige Befund bildet den Hintergrund der vorliegenden 
Untersuchung. Ungeachtet des gesellschaftlichen Meinungs- und Wertepluralismus, 
in den wir eingebunden sind, können wir uns doch untereinander 

– wie hier einmal unterstellt ist – über so etwas wie die Realität (die Natur 
von Gegenständen, Ereignissen, des Menschen) weitgehend verständigen 
oder zumindest noch unsere diesbezüglich unterschiedlichen Ansichten im 
Rahmen eines gemeinsamen Bezugssystems austauschen. Ein solcher Konsens 
hat allerdings kritische Grenzen, jenseits davon die betreffenden Ansichten 
und Personen resp. Gruppen, die sie vertreten, auf Unverständnis, Ablehnung 
und Verachtung, unter Umständen sogar auf Widerstand und 
Unterdrückung stossen. Wer aus gesellschaftlichen Basisvereinbarungen ausgebrochen 
ist, muss ohne die Unterstützung der vielen auskommen, die sich 
diesseits der Grenze aufhalten. Minoritäten, deren Devianz tolerierte Schwellen 
überschritten haben, sehen sich deshalb dem Problem gegenüber, wie sie 

Einleitung 

ihre Inseln inmitten eines Meers Andersdenkender und Andersgläubiger verteidigen 
können. Wie lässt sich das bewerkstelligen? Wie gelingt es dem Einzelnen 
und der Gruppe, der er angehört, der buchstäblich abwegigen Perspektive 
treu zu bleiben? Wie gelingt es der Gruppe, der Gruppenleitung, die 
Gefolgschaft ihrer Anhänger zu sichern? 

Für den beschriebenen Sachverhalt bieten sich Gemeinschaften wie die 
Zeugen Jehovas als geeignete Beobachtungs- und Studienfelder an. Solche 
Gruppen1 haben eigene, isolierte, oft recht komplexe Bedeutungssysteme 
entwickelt, die von der umgebenden Gesellschaft im allgemeinen nicht mehr 
getragen und ohne Mühe auch nicht mehr nachvollzogen werden können. 
Ihre Auffassungen dessen, was möglich und wirklich, richtig und falsch, gut 
und böse ist, und vor allem der Anspruch, mit dem diese Auffassungen vorgetragen 
werden, liegen weitgehend außerhalb der Bandbreite gesellschaftlich 
tolerierter Besonderheit. Die quasi freischwebende und insofern den 
Wettern der Kritik besonders ausgesetzte ideologische Sonderstellung ist prekär 
und auf ständigen Schutz angewiesen. Wie lösen Jehovas Zeugen dieses 
Problem? Welche Schutzmassnahmen stehen ihnen zur Verfügung? Von 
welchen machen sie Gebrauch? Wie funktioniert der Schutz im einzelnen? 
Wie erfolgreich ist er? 

Die vorliegende Arbeit nimmt solche Fragen auf und versucht sie auf zwei 
unterschiedlichen Ebenen zu behandeln. In einem ersten Schritt nehmen wir 
die Perspektive der Gemeinschaft ein. Auf der Grundlage des gruppeneigenen 
Schrifttums und anderer relevanter Quellen suchen wir nach den Strukturen 
und Strategien, mit denen diese Religionsgemeinschaft sich kollektiv 
gegen das Glaubenssystem bedrohende Einflüsse von aussen und innen 
wehrt. Die andere Perspektive nimmt das einzelne Mitglied in den Blick. Im 
Rahmen einer qualitativen Studie, die auf einer Befragung aktiver und ehemaliger 
Mitglieder fußt, suchen wir nach den Strukturen und Strategien, die 
der einzelne Zeuge Jehovas anwendet, wenn er mit glaubensbedrohenden 
Erfahrungen konfrontiert ist. Dabei interessiert uns vor allem, in welcher 
Weise das Individuum auf die kollektiven Strukturen und Strategien reagiert. 

Bei der Beschäftigung mit dieser umstrittenen religiösen Gruppierung geht 
es also um ein Verständnis struktureller und dynamischer Aspekte und nicht 
um eine Wertung und Beurteilung bestimmter Glaubensansichten, einer 
bestimmten Ideologie oder bestimmter Praktiken per se. Wenn religiöse 
Inhalte und religiös begründete Handlungen zur Sprache kommen, was 
unumgänglich ist, da sie einen wichtigen Bestandteil des Untersuchungsmaterials 
liefern, dann unter dem Gesichtspunkt ihrer defensiven Funktion 
und nicht in Bezug auf ihre religiös-theologische Fragwürdigkeit oder Güte. 
Diese Unterscheidung ist wichtig, um der Gefahr entgegenzuwirken, sich 

1 Zum Begriff »Sekten«, der sich hier aufdrängt, siehe der entsprechende Exkurs, 

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unversehens im »falschen« Diskurs zu befinden. Eingedenk zu sein, worauf 
man schaut und wie man schaut, ist deshalb in diesem – wie noch zu zeigen 
sein wird – äusserst sensiblen Forschungsbereich besonders geboten. 

Sekten, um diesen schwierigen Begriff ausnahmsweise zu verwenden, 
sind in der Metaphorik Peter Sloterdijks »heisse Kommunen, Brutkästen, 
Psychoreaktoren«.2 Sie beschleunigen, verdichten, forcieren Prozesse, die an 
sich allgemein sozialer Natur sind. Sie fungieren gleichsam als Vergrösserungsgläser, 
unter denen sich solche Vorgänge klarer und schärfer abzeichnen 
als in anderen Zusammenhängen. Insofern mag unsere exemplarische 
Behandlung zum besseren Verständnis ähnlicher Phänomene einen Beitrag 
leisten resp. zu Bemühungen anregen, mit ähnlichen Fragestellungen auch 
andere soziale Bereiche zu untersuchen. 

2 Sloterdijk, 1996, S. 108.