Home Presse Sonstiges Gästebuch Wir Forum Kontakt

 

 

Religion heute


von Richard N. Ostling, AP, Redakteur für Religion, 1.4.2004

NASHVILLE, Tenn. – Sie sind eine Organisation ganz aus Freiwilligen ohne viel Geld und konnten nur zwei Dutzend Anwesende beim ersten landesweiten Treffen vergangenes Wochenende zusammenbringen. Aber eine Gruppe namens Silentlambs hatte mit ihrer Kampagne, die Politik der zeugen Jehovas zu sexuellem Missbrauch zu ändern, doch Aufmerksamkeit erregt. Der Gründer William Bowen sagt, Silentlambs gebe es, um die Öffentlichkeit aufzuklären und „den Überlebenden von Kindesmissbrauch, die von der Organisation der Zeugen Jehovas zum Schweigen gebracht wurden, eine Stimme zu geben.“ Die Gruppe behauptet, Vorschriften der Zeugen schützten Kinderschänder: Die Zeugen jedoch bestehen darauf, dass sie sich bemühen, alles zu tun, was ihr Glaube zulässt, um Missbrauch zu verhindern.

Inzwischen wirft die ganze Situation Licht auf die Tatsache, dass der Skandal in der römisch-katholischen Kirche wegen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche zwar die Titelzeilen der letzten beiden Jahre bestimmt hat, kleinere amerikanische Religionsgemeinschaften aber auch mit Variationen desselben Problems zu tun haben. Die Hare Krishnas, mit 100.000 Anhängern in den Vereinigten Staaten und Kanada, arbeiten an einem Vergleich mit 540 Schülern, die behaupten, sie seien in Internaten missbraucht worden, während ihre Eltern mit Singen und Betteln den Glauben ausübten. Eine 400-Millionen-Dollar-Klage von 91 von ihnen trieb die Hindugruppe in den Bankrott. In einem Prozess, der am Montag in Marshall, Texas, beginnen soll, werden Vertretungen der evangelisch-lutherischen Kirche von Amerika, darunter eine theologische Fakultät in Ohio, der Fahrlässigkeit beschuldigt, weil sie einen Pastor ordinierten, der 14 Jungen missbrauchte. Und der bevorstehende Kongress der Presbyterianischen Kirche (USA) wird Vorschriften erörtern, um nach einem Fall, in dem ein Missionar 19 Mädchen missbrauchte, die Behandlung von Missbrauch strenger zu regeln.

Bei dem Streit bei den Zeugen Jehovas geht es um eine sehr abgeschiedene Gemeinde von einer Million US-Anhängern der Watchtower Bible and Tract Society, unter deren einzigartigen Lehren der Glaube ist, dass die Endzeit unmittelbar bevorsteht. Die Anhänger sind berühmt für ihre Verbreitung der Zeitschriften Erwachet! und Wachtturm von Haus zu Haus. Die leitende Körperschaft in der Zentrale in Brooklyn, N.Y., befehligt nicht nur eine gehorsame Herde, sondern auch beeindruckende Finanzen und eine Gruppe durch Prozesse gestählter Anwälte.

Ihre Gegner sind motiviert durch – wie manche sagen – ein Problem, dass mit dem Ausmaß des Missbrauchs durch katholische Geistliche vergleichbar oder sogar schlimmer ist. Bowen gründete Silentlambs vor drei Jahren, nachdem er als Ältester in Draffenville, Ky., zurücktrat, weil, wie er sagt, der Wachtturm nichts gegen einen mutmaßlichen Kinderschänder unternahm. Er erhob die Beschuldigung, die Regeln der Gruppe schafften ein „Pädophilenparadies“.

Das Hauptproblem ist die Vorschrift der Wachtturm-Gesellschaft, Anschuldigungen wegen Sünden zuerst den Ältesten vorzubringen. Wenn ein Beschuldigter die Anklage bestreitet, sind zwei glaubwürdige zeugen nötig, um Schuld festzustellen – aufgrund einer buchstäblichen Anwendung solcher Bibelverse wie 5. Mose 19:15 („Nur aufgrund der Aussage zweier oder dreier Zeugen soll eine Anklage bestehen“). Philip Brumley, Chefanwalt der Wachtturm-Gesellschaft, sagt, seine Religion könne ihre Überzeugungen nicht ändern, und bezweifelt, dass weltliche Gerichte dies fordern werden. „Ändern Sie eine Lehre, weil jemand denkt, die neue sei passender, auch wenn sie nicht in Übereinstimmung mit der Bibel ist?“ fragt er. Aber zwei Zeugen in einem Missbrauchsfall sind „äußerst unwahrscheinlich“, sagt Bowen. Und wenn es keine zwei Zeugen gibt, wird der Beklagte als unschuldig angesehen, die Anschuldigungen bleiben vertraulich, und – so sagt Silentlambs – Eltern die andere warnen, werden wegen Verleumdung ausgeschlossen.

Der Gemeinschaftsentzug – auch das Schicksal einiger Warner von Silentlambs – ist eine extreme Bestrafung, die ein völliges Abschneiden der Beziehungen zu Familienangehörigen, Freunden und Geschäftspartnern, die Zeugen sind, bedeutet. Silentlambs merkt an, dass während des Skandals der katholischen Kirche kein Gemeindemitglied bestraft wurde, weil es Anklagen erhoben hat.

Die frühere Zeugin Heather Berry aus Claremont, N.H., sagte, als sie von ihrem Vater, einem „Dienstamtgehilfen“ in der örtlichen Versammlung, missbraucht wurde, hätten die Ältesten ihrer Mutter gesagt, sie solle „mehr beten, dann würde sich Jehova der Sache annehmen.“ Andere bei dem Treffen von Silentlambs in Nashville hatten ähnliche Geschichten. Oft „wird das Opfer von Typen, die nicht die Bohne über eine Untersuchung von Vergewaltigung wissen, mit in ein Hinterzimmer genommen“, beklagt sich Bowen, der darauf besteht, dass alle Beschuldigungen sofort an die Polizei weitergeleitet werden sollten. Silentlambs sagt auch, die Zeugen rieten von einem Einschalten der Polizei ab, weil sie glauben, Satan kontrolliere alles außerhalb der Glaubensgemeinschaft.

Doch die offizielle Wachtturm-Politik besagt, dass Opfer das Recht haben, vor weltlichen Gerichten Klage einzureichen, und dass Älteste Beschuldigungen der Polizei melden, wo das Gesetz des jeweiligen Bundesstaates das fordert. Die Zeugenzentrale sagt, sie müsse das befolgen, was die Bibel sagt, und das schließe die Überzeugung ein, dass „Kindesmissbrauch abscheulich ist.“ Sie weist auf einen Artikel im Wachtturm aus dem Jahre 1997 hin, wo gesagt wird, dass- außer in wenigen Fällen – überführte Kinderschänder keine Führungspositionen in der Versammlung haben oder am Vollzeitwerk teilnehmen dürfen.

Der Konflikt eskalierte Mitte 2002, als Kimberlee Norris, eine zähe Anwältin aus Fort Worth, Texas, begann, sich den ganzen Tag mit Zeugenprozessen zu beschäftigen. Seither hat sie Klagen für 47 mutmaßliche Opfer in Kalifornien, Nevada, Oregon und Texas eingereicht, und weitere 20 Fälle sind in Vorbereitung. Norris hat Wachtturm-Organisationen und mutmaßliche Schänder im Visier, die Führer in den örtlichen Versammlungen sind. Sie sagte gegenüber Silentlambs, sie habe unter 2000 Personen, die sich an sie wandten, die stärksten Fälle ausgesucht und 729 Zeugen angeklagt. Sie sagt, die Politik der Zeugen werde sich erst dann ändern, „wenn es zu teuer wird vor Gericht oder vor der Meinung der Öffentlichkeit.“

Schließlich plant Norris, eine Zeugenaussage von Barbara Anderson aus Tullahoma, Tenn., zu erhalten. Anderson, inzwischen ausgeschlossen, sagt, als sie als Forscherin in der Zeugenzentrale gearbeitet habe, habe sie ein viele Zentimeter dickes Dossier über Kindesmissbrauch durch Gläubige und andere psychische Übel zusammengetragen, das 1992 an die leitende Körperschaft ging. Anderson sagt: „Ja, sie wussten Bescheid (über den Missbrauch), und sie haben nichts unternommen.“

Übersetzung für Kids e.V.


 

 

Update:  29.05.04

©  2001-2004 Kids e.V.