- Hessen und
Hintergrund ( Weilburger Tageblatt
Seit 1979
profitiert Selters im Taunus von der Wachtturmgesellschaft
Zahlende
Zeugen erfreuen Sportler vom 03. August 2003
Von Heinz
Zimmermann ( 06471 9380-0 )
e-Mail:
h.zimmermann@mail.mittelhessen.de
Selters. Deutschlands Städte und Gemeinden
leiden finanzielle Not. Allerorten werden Bäder und Bibliotheken
geschlossen, Städte wie Frankfurt und Köln wollen gar U-Bahn und
Kanalisation verkaufen und wieder zurückmieten, damit Bares in die
Kassen kommt. Nur in Selters im Taunus sieht das anders aus. Dort
wird am 1. September eine 2.5 Millionen €uro
teure Sporthalle eröffnet, die im Kreis
Limburg–Weilburg ihresgleichen sucht. Und dies, ohne die
Gemeinde zu belasten.
Die Sporthalle durch den Kauf eines
Grundstückes finanziert haben die Nachbarn vom „Steinfels": Auf 30
Hektar Grundfläche leben dort seit 1979 in der
Deutschland-Zentrale der Wachtturm-Gesellschaft 1200 Zeugen
Jehovas aus 37 Lindern. In einem modernen Druckzentrum stellen sie
jährlich 200 Millionen Schriften in 61 Sprachen her, darunter auch
ihr Zentralorgan „Der Wachtturm".
In Selters hört man kaum kritische Töne über
die Bewohner des kleinen Dorfes zwischen Niederselters und
Eisenbach, dessen Immobilienwert auf mehr als 100 Millionen Euro
geschätzt wird.
Auch der ins 18. Amtsjahr gehende
Bürgermeister Norbert Zabel (CDU), der zum wiederholten Mal ein
Geschäft mit den Zeugen Jehovas eingefädelt hat, zeigt sich
zufrieden über die bisherigen Beziehungen. Aber er stellt auch
klar, dass seine Kommune nichts geschenkt bekommt: „Die kommen
nicht einfach mal vorbei und spenden ein paar Hunderttausend.
Geschäfte machen die nur, wenn sie auch einen Vorteil davon haben.
Am Anfang
stand ein Spekulationsobjekt
Die Geschichte begann Mitte der 70erJahre:
Auf dem Steinfels errichtete ein Bauunternehmer ans Selters drei
Blocks mit Appartement-Wohnungen. In diese sollten Damen des
ältesten Gewerbes der Welt einziehen. Doch die Spekulationsträume
zerplatzten. Ende der 70er Jahre war der Unternehmer pleite. Die
erst wenige Jahre zuvor im Zuge der hessischen Gebietsreform
gegründete Großgemeinde Selters hatte die Häuser am Hals.
Zur selben Zeit platzte das Domizil der
Wachachtturm-Gesellschaft in Wiesbaden aus allen Nähten. Und so
standen eines Tages Abgesandte im Rathaus in Niederselters und
erklärten ihre Absicht, das neue „Bethel", wie sie ihre
Einrichtung nennen, auf dem „Steinfels" zu errichten.
Zabels Amtsvorgänger Josef Wältermann (CDU)
schlugen „durchaus zwei Herzen in der Brust", als er vor dem
Gemeindeparlament erläuterte: Einerseits wäre die Gemeinde froh,
die Investitionsruinen vom Hals zu haben, andererseits bereite ihm
der Gedanke an die Nachbarschaft von mehreren hundert Zeugen
Jehovas Bauchgrimmen.
Doch man wurde sich einig und vor allem die
Zusage, „nicht mehr als das bis dahin übliche Maß zu missionieren"
beruhigte die Gemüter. Und weil es im Rathaus in Niederselters
sehr eng geworden war, gab es zum Kaufvertrag zwei Pavillons für
die Verwaltung dazu.
Ende der 70er Jahre strömten dann Tausende
von Zeugen Jehovas aus ganz Europa nach Selters, opferten ihren
Jahresurlaub, bauten die bestehenden Gebäude um zogen Neubauten
hoch pflanzten
40 000 Bäume und Büsche. Auf diese Weise
entstand ein modernes Kloster, das sich fast selbst versorgt.
dazu gehören Autowerkstätten, Tischlerei und Polsterei, Kantine
und Friseursalon Schuhmacherei und Arztpraxen ebenso wie ein
eigener Bauernhof. Der 61 Hektar große „Wachtturmhof“ liegt zwei
Kilometer entfernt Frühstückseier sowie Schweine und Rindfleisch
für die Kantine. Die Landwirtsfamilie erhält (bei freier Kost und
Logis) nur ein Taschengeld für ihre Arbeit. Wie auch die
1200festen Mitarbeiter im „Bethel“, die in 40 Quadratmeter –
Appartements allein oder mit Ehepartner bewohnen. Kinder leben
dort nicht – word eine
frau Schwanger, muss sie das Zentrum
verlassen.
Die Zeugen Jehovas
Der Amerikaner Charles Taze Russel
gründete 1881 in New York mit seiner Bewegung der Bibelforscher
die .Zion's Watch Tower Tract Society", 1931 nannten sich die
.Ernsten Bibelforscher"
nm in Jehovas
Zeugen. Im Mittelpunkt der Lehre steht die Erwartung der baldigen
Wiederkunft Christi und des
Weltgerichts
("Harmagedon"). Ihr Gott Jehova hat danach das Ziel, für die
Menschen in seinem Könnreich das Paradies wiederherzustellen.
Kriegs- und Zivildienst. Bluttransfusionen und politische
Betätigung (wie Wahlen) werden von den Zeugen Jehovas abgelehnt.
Dies führt dazu., dass die
Wahlbeteiligung in Selters immer niedrig ist .Alkohol und Tabak
sind verboten, Feiern verpönt.
Die
Glaubensgemeinschaft wird von Brooklyn aus geführt. Sie
finanziert sich nach eigenen Angaben
ausschließlich durch Spenden. Die deutsche „Wachtturm
Gesellschaft“ war bis 1990 als gemeinnützig anerkannt, bis sich
das Finanzamt Limburg weigerte, diesen Status
weier anzuerkennen. Seitdem werden Teile der Gesellschaft
steuerlich veranlagt. (Quellen : Religionswissenschaftler
Medien- und Informationsdienst Marburg, dpa)
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Anfang der neunziger plante man eine
Vergrößerung der Anlage um 17 000 Quadratmeter Fläche.
Denn den revolutionären politischen Veränderungen sollte
von Deutschland aus der zentrale Literaturversand für meisten
Nachbarländer den größten Teil des ehemaligen Ostblocks erfolgen.
Die Gemeinde Selters ließ sich ihre
Zustimmung zur Erweiterung des Bebau-
ungsplanes mit vier Millionen Mark bezahlen. Bürgermeister
Zabel bei der Einbringen des Haushaltes: „Es ist ein faires
Geschäft, die Wachturm-Gesellschaft an den gestiegenen Kosten für
Wasserversorgung und Straßenbau zu beteiligen.
Und auch die Feuerwehr freute sich, denn sie
erhielt eine große Drehleiter,
schließlich waren auf dem „Steinfels“ die
ersten „Hochhäuser der Gemeinde entstanden.
Im Leben der Gemeinde spielen die Zeugen
Jehovas keine Rolle. Man sieht sie mal im Supermarkt, wo sie bei
den Kassiererinnen beliebt. Denn auch in den längsten
Warteschlangen bleiben sie freundlich.
Durch den Verkauf eines Grundstückes an die
Wachtturm-Gesellschaft, die das Gelände für weitere Parkplätze
benötigt, kann die Gemeinde Selters diese Sporthalle bauen, die am
1. September eingeweiht wird.
In den übrigen Läden und Kneipen treten sie
selten auf und sie beteiligen sich im katholisch geprägten
Selters weder am Schützenfest, noch am Erntedank, begehen
weder Weihnachten noch Ostern und auch den Silvestertag feiern sie
nicht. Norbert Zabel: „Da sieht man Raketen aus allen Ortsteilen
hochsteigen und man hört die Leute sich zurufen. Und wenn man dann
zur Wachtturm-Gesellschaft blickt, findet man dort eine große Ruhe
und Stille."
In Deutschland zählen die Zeugen Jehova um
die 170 000 Anhänger, hatte Werner Rudtke, Sprecher des Präsidiums
der Religionsgemeinschaft, in einem Interview mit dieser Zeitung
bestätigt...
Auf die Frede., was er von den Vorwürfen
halte, die Zeugen Jehovas seien eine umstrittene Sekte, sagte
Rudtke: „Wir können damit leben, denn bekanntlich waren auch
Jesus Christus und die Apostel nicht unumstritten zumal vieles,
was sie lehrten und taten, ziemlich unpopulär war und ihnen auch
Nachteile eintrug."
Rudtke weiter: „Es trifft wohl zu, dass
Jehovas Zeugen, wie auch etliche andere Kulturgruppen, denen man
keinen Vorwurf macht, andere Feste als Geburtstage oder
Weihnachten feiern. Es trifft auch zu, dass sie sich bemühen,
ehrbare Ehen zu führen und darauf bedacht sind, die Sexualmoral zu
respektieren, die die Bibel empfiehlt, ohne dass diese
kontrolliert werden müsste."
„Spiegel"
spricht von psychischem Druck
Während Rudkte bestritt, dass in irgendeiner
Form Druck auf die Mitglieder ausgeübt werde, zitierte der
.Spiegel", (der auch im Internet für die Wachtturm-Mitarbeiter
nicht zugänglich ist), aus einem internen Handbuch für
Führungskräfte und behauptete, psychischer Druck, ein
Spitzelsystem und ein ausgefeilter Strafenkatalog würden die
„Herde" zusammenhalten. Die Mitglieder der Zeugen Jehovas müssten
sich strengen Regeln unterwerfen und würden rigoros überwacht. Das
Handbuch belege die straffe Aufsicht aber das gesamte Leben der
Jehova-Jünger.
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Farbe von Jutta Birlenberg / Original im Artikel war in
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