Toronto - Eine Frau, die den kanadischen Zweig der Zeugen Jehovas der Nachlässigkeit in der Behandlung ihrer Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs verklagte, hat 5000 Dollar Schmerzensgeld erhalten, was sie als "bittersüßen" Abschluss des Falles bezeichnet. "Die Strafe war sehr gering, und das war sehr, sehr empörend für uns", sagte Vicki Boer am Montag in ihrer Wohnung in Fredericton. Boer, 32, sagte, es sei "wirklich sehr wichtig", dass das Gericht ihr Leiden anerkannt habe und dass sie "eine Strafe zahlen mussten". Boer, die sagt, sie sei zwischen 11 und 14 Jahren sexuell angegriffen worden, hatte 1998 in einer Zivilklage 700.000 Dollar von der Watch Tower Bible and Tract Society of Canada und drei ihrer Ältesten gefordert und behauptet, sie seien nachlässig gewesen und seien ihrer Pflicht nicht nachgekommen.
Wegen der mutmaßlichen Angriffe gab es nie eine Strafverfolgung, aber in Richterin Anne Molloys schriftlichem Zivilurteil heißt es: "Es besteht kein wesentlicher Disput über den allgemeinen Hintergrund, der . . . zu dieser Sache führte", und: "Der Vater der Klägerin verging sich sexuell an ihr." In dem Zivilprozess behauptete Boer, anstatt sofort die Kinderhilfsgesellschaft zu benachrichtigen, hätten die Ältesten ihr gesagt, sie solle keine Hilfe draußen suchen oder den angeblichen Missbrauch anzeigen. Sie sagte auch, sie hätten ihr ihren Vater gegenübergestellt, damit er seine Sünde in Übereinstimmung mit den in Matthäus 18:15-18 aufgezeichneten biblischen Grundsätzen bereuen könne. Boer sagte, die Gegenüberstellung sei traumatisierend gewesen und habe zu einem steinigen Weg in ihrem Erwachsenenleben geführt, sie habe unter anderem einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei von Familie, Freunden und Leuten in ihrer Gemeinde Shelburne in Südontario, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Toronto, geächtete worden.
Doch Molloy entschied, Boer sei sicher traumatisiert worden, doch die Kirche sei letztlich nicht verantwortlich für all ihren Schmerz und ihr Leid. "Diese eine Sitzung war zwar traumatisch, spielte aber nur eine untergeordnete Rolle bei der Schaffung der Situation, in der (Boer) sich jetzt befindet", schrieb Molloy in ihrem Urteil. Molloy sprach die drei Ältesten frei, entschied aber, die Kirche müsse Boer 5.000 Dollar zahlen, weil einer ihrer Ältesten - der in dem Prozess nicht genannt wurde - sie zu der Gegenüberstellung mit ihrem Vater überredete, wodurch der Glaube falsch ausgeübt worden sei. "Seelischen Schaden mit Geld aufzuwiegen, ist fast immer unmöglich und willkürlich", schrieb sie. Molloy fügte hinzu, sie betrachte die typische Spannweite von Schäden an Opfern schweren Kindheitsinzests und körperlicher Angriffe von etwa 75.000 bis 150.000 Dollar. Molloy entschied, die Kirche habe Boer nie gesagt, sie solle keine ärztliche Hilfe suchen, man habe ihr auch nicht gesagt, sie solle den Missbrauch nicht anzeigen. Watch Tower, der kanadische Zweig der Kirche, sagte, die Gruppe sei glücklich, dass die drei Ältesten freigesprochen worden seien. "Die Ältesten und ihre Familien sind froh, das hinter sich bringen zu können", sagte Sprecher Clive Thomas in einer Veröffentlichung.
Opfer sexuellen Missbrauchs werden zwar normalerweise nicht namentlich in der Öffentlichkeit genannt, aber Boer hatte zugestimmt, dass ihr Name als Teil ihrer Bemühung veröffentlicht wird, bekannt zu machen, was ihrer Meinung nach Missbrauch in den Grenzen der Versammlungen der Kirche war.
Als Teil ihres Glaubens an eine strikte Auslegung biblischer Lehren lehnen die Zeugen Jehovas alles Politische oder "Weltliche" ab, das sie von Christus und seiner zweiten Wiederkehr, die für sie unmittelbar bevorsteht, ablenkt. Jeder, der sich nicht an die strengen Grundsätze der Religion hält, wird ausgeschlossen, oft in einem solchen Maße, dass ihn sogar die eigene Familie ächtet. Als Boer den Glauben verließ und außerhalb der Religion heiratete, verlor sie den Kontakt zu ihrer Mutter. Selbst als ihre Mutter in einem Krankenhaus an Krebs starb, durfte sie sie nicht besuchen und konnte sich nicht mit ihr versöhnen, bevor sie starb, bemerkte die Richterin. Aber Boer sagte, sie sei doch glücklich, dass sie den 5 Jahre dauernden Kampf aufgenommen habe, jetzt, wo sich andere Leute mit Missbrauchsbeschuldigungen melden. "Es meldeten sich so viele Kinder und sagten: Dasselbe passierte mit mir", sagte sie. Doch immer noch könne sie die Vergangenheit nicht hinter sich bringen, weil sie darauf warte, ob in dem Urteil die Bezahlung ihrer Gerichtsgebühren enthalten sei, weit über 5.000 Dollar. "Hoffentlich macht uns das nicht bankrott, davor fürchte ich mich. Das ist die eine große Sache, vor der wir jetzt Panik haben", sagte sie. "Ich möchte einfach nicht, dass meine Familie leidet, weil mir die Kirche etwas angetan hat."
Übersetzung für Kids e.V.