Am 10. Mai 2002 wiederholte ich vor dem Rechtskomitee, das zusammengekommen war, um gewisse mir damals unbekannte Anklagen gegen mich zu besprechen, die Forderung meines Anwaltes, mir schriftlich bestimmte Anklagen sowie eine Liste von Zeugen, die gegen mich aussagen würden, zu übermitteln. Das blieb aus, obwohl die damals von L. mündlich erhobenen Anklagen lauteten: "Einreichen eines Artikels an eine Abtrünnigenzeitschrift und Schaffen von Spaltungen unter den Versammlungen der Zeugen Jehovas", was ich kategorisch abgestritten habe. Da das Rechtskomitee in Manchester offensichtlich keine Beweise für meine Schuld vorbringen konnte, sind nun neue Anschuldigungen erhoben worden. Diese Anschuldigungen hätten mir schriftlich übergeben werden sollen, so wie auch eine Liste der gegen mich aussagenden Zeugen. Das ist dieselbe Forderung meines Anwaltes wie beim ersten Mal, aber statt dessen wurden mir die Anklagen am 18. Mai 2002 von L. fernmündlich vorgehalten, wobei D. mithörte. Diese Anschuldigungen sind:
-
Zerreißen der Einheit der Versammlung.
-
Untergraben des Vertrauens in Jehovas Vorkehrung.
Hiermit will ich jeden wissen lassen, dass ich einer Anklage und der wiederholten Anhörung vor einem anderen Rechtskomitee energisch widerspreche. Soweit es mich betrifft, gibt es nichts mehr, über das zu reden wäre, weil ich zu meinen ursprünglichen Aussagen bei der ersten Anhörung stehe. Im übrigen: Da man sich wieder nicht nach dem Protokoll und bestimmten Forderungen meines Anwaltes gerichtet hat, werde ich folglich bei Eurer zweiten Anhörung vor dem Rechtskomitee, die für Sonntag, den 19. Mai 2002, 15:00 Uhr, vorgesehen ist, nicht erscheinen.
Es läuft alles auf folgendes hinaus: Dass die Wachtturm-Gesellschaft durch die Ältesten der Versammlung Manchester eine zweite Anhörung vor einem Rechtskomitee durchführen will, in der mir noch weitere angebliche Vergehen vorgeworfen werden, ist wirklich eine Folge davon, dass ich mit meinen Anschuldigungen gegen die Wachtturm-Gesellschaft, ihre Politik betreffs sexuellen Missbrauchs schütze Pädophile, an die Öffentlichkeit gegangen bin. Mich solch alberner, so genannter "geistiger Verfehlungen" anzuklagen, wie sie in der New York Post erwähnt sind, ist nur eine List, und Ihr alle wisst das. Hätte ich nicht mit Dateline über das Vertuschen sexuellen Missbrauchs in der Organisation gesprochen, hättet Ihr nie auf Anweisung der Wachtturm-Gesellschaft ein Rechtskomitee einberufen, weil Ihr alle wisst, dass ich niemals "schwere Sünden" begangen habe. Nun wird ein weiteres Rechtskomitee zusammengestellt, wahrscheinlich weil ich letzte Woche an die Presse gegangen bin. Ich nehme an, auf diese Weise "zerreiße ich die Einheit der Versammlung", weil Jehovas Zeugen in Tennessee die Organisation natürlich fragen, ob meine Anschuldigungen stimmen.
Eure Handlungsweise ist nicht nur eine Farce, sondern vor Gott und den Menschen auch höchst unanständig. Ich, wie auch mein Anwalt, bin sprachlos über diese Verletzung meines Rechtes auf freie Rede in der Öffentlichkeit. Kinderschänder mit Bibeln in der Hand gehen von Haus zu Haus, und Kinder, die nicht vor Raubwölfen geschützt werden: das sind Themen im öffentlichen Interesse. Das hat überhaupt nichts mit "Religionsfreiheit" zu tun.
Erstaunlicherweise hat man alle Verfahrensvorschriften der Wachtturm-Gesellschaft fallen gelassen, offensichtlich um mich loszuwerden. Ich bezweifle, ob ich jemals zuvor von so etwas gehört habe, dem man mich jetzt unterwirft. Es ist offensichtlich, dass ich keine Sünden gegen Gott oder die Bibel begangen habe. Die Wahrheit ist, dass ich nur versuche, die Kinder und Enkel von Zeugen Jehovas zu schützen, indem ich an die Öffentlichkeit gehe, weil es keinen anderen Weg gibt, die Wachtturm-Gesellschaft zu zwingen, ihre Politik in Bezug auf sexuellen Missbrauch zu ändern. Fragt Euch selbst: Warum krempelt die Wachtturm-Gesellschaft ihre Organisation nicht um, um ihre Mitglieder, besonders ihre Kinder, zu schützen? Sie behauptet steif und fest vor der Presse, sie schütze Kinder, aber die Wirklichkeit spricht für sich selbst - Zehntausende von Missbrauchsopfern bei den Zeugen Jehovas, von denen viele jetzt die Stimme erheben. Warum werden die Mitglieder der Versammlungen nicht informiert, dass es aufgrund der Geheimhaltungspolitik Kinderschänder und sogar Mörder in den Versammlungen gibt? Wenn die Wahrheit das Vertrauen in die Organisation untergräbt, dann stimmt etwas mit der Organisation nicht. Glaubt Ihr, Ihr seid in Bezug auf die Wachtturm-Theologie weniger geeint als Organisation, weil ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen bin? Das bezweifle ich. Geht in Euch und seht, dass es um die Kinder geht; dass die Wachtturm-Führung mehr daran interessiert ist, eine Körperschaft oder ein religiöses Image zu schützen, als Kinder zu beschützen.
Jesus sagte in Matthäus 18:6: "Wer immer aber einen von diesen Kleinen [Kindern], die an mich glauben, straucheln macht, für den ist es nützlicher, dass ihm ein Mühlstein, wie er von einem Esel gedreht wird, um den Hals gehängt und er ins weite, offene Meer versenkt werde." Die Wachtturm-Gesellschaft hat durch ihre entsetzliche Sexualpolitik zugelassen, dass z.B. für jede Anschuldigung über sexuelle Belästigung "zwei Augenzeugen" nötig sind. Das hat Tausende von Kindern zum Straucheln gebracht. Jetzt ist es Zeit, dass die Opfer der Welt erzählen, was sie unter den harten und manchmal umhergreifenden Händen der Ältesten von Jehovas Zeugen erlitten haben. Ich hoffe, Euer Gewissen sagt Euch in dieser Sache eindeutig, dass ihr die Pädophilenschutzpolitik der Wachtturm-Gesellschaft nicht mitmachen könnt. Ich hoffe, dass Ihr Kinder geschützt, Opfern geholfen und die Gesetze der "obrigkeitlichen Gewalten" in Tennessee befolgt habt, nach denen Kindesmissbrauch angezeigt werden muss. Leider kennen wir allerdings Fälle in der Versammlung in Manchester, wo Älteste in der Vergangenheit nicht die Behörden gerufen haben, wenn ihnen von sexueller Belästigung berichtet wurde, und Eltern davon abgeraten haben, dies zu tun.
Kurz gesagt: Ihr werdet Zeugen Jehovas sehen, die als Kinder missbraucht wurden und die jetzt überall aus dem Schatten treten und ihre Geschichte erzählen. Das hat aufgrund der Zeitungsartikel über meine Anhörung vor dem Rechtskomitee in der vergangenen Woche bereits hier in Mitteltennessee begonnen. Bis jetzt sind sieben Opfer vorgetreten, weil sie die Artikel in der Zeitung über mich gelesen haben, fünf davon allein in einer Versammlung. Eines dieser sieben Opfer kommt aus Manchester und ein weiteres aus Shelbyville. Ich kenne persönlich noch weitere, die aber immer noch zuviel Angst haben, die Stimme zu erheben. Es geziemt sich für Euch alle, sie zu unterstützen und die Sache nicht aus solch einem engen Blickwinkel zu sehen. Warum wollt Ihr nicht glauben, was ich Euch gesagt habe, als wir vergangene Woche in der Rechtskomiteesitzung zusammen waren? Ihr wart nicht wie ich in der Schreibabteilung in der Zentrale. Ihr kennt nicht die Beweise als Grundlage für meine Anklage. Warum versucht Ihr dann, mich zwei Komiteeanhörungen ertragen zu lassen, ehe Ihr die Beweise in Dateline gehört habt? Wenn ich Recht habe, befindet Ihr Euch in dem größten Schlamassel, der eine Religionsgemeinschaft seit Jahren getroffen hat. Weil ich die meisten Ältesten in Manchester seit Jahren kenne, fühle ich mit Euch in Eurem Dilemma.
Zu guter Letzt: Nehmt bitte ab sofort keinen Kontakt mit mir mehr auf. Gebt den Ausgang Eurer Untersuchung über meine angeblichen "Sünden" schriftlich meinem Anwalt bekannt. Solltet Ihr künftig Kontakt mit mir aufnehmen müssen, tut das bitte durch meinen Anwalt. Und redet nicht über mich mit meinem Mann Joe Anderson.
Jerre Michael Hood /
Rechtsanwalt
Zu Eurer Information füge ich eine Erfahrung einer Familie von Zeugen Jehovas bei, die gerade erst beobachtete, wie ein Seriensextäter von Ältesten einer Versammlung geschützt wurde. Und das entgegen dem, was der Wachtturm-Sprecher J. R. Brown der Presse erzählt: dass die meisten Fälle, in denen sexueller Missbrauch nicht richtig gehandhabt wurde, lange zurückliegen; dass sie passierten, bevor neue Richtlinien in Kraft traten. Das stimmt einfach nicht.
Ich füge diesem Brief die Kopie eines Schreibens meines Anwaltes mit Datum vom 16. Mai 2002 bei, das am 17. Mai an die Rechtsabteilung der Wachtturm-Gesellschaft gefaxt wurde. Beachtet bitte auch das Deckblatt, auf dem mein Anwalt der Wachtturm-Gesellschaft eine Nachricht über die zweite Rechtskomiteesitzung am 19. Mai, gegen die ich starke Einwände habe, schrieb.
Barbara Anderson
Als Herr Hood, Barbaras Anwalt, am Freitagabend, den 17. Mai, herausfand, dass für Sonntag, den 19. Mai 2002 eine zweite Komiteesitzung anberaumt war, war er erstaunt. Er faxte dann am 17. Mai seinen zweiten Brief an die Wachturm-Gesellschaft und schrieb folgende Nachricht auf das Deckblatt:
"Hiermit faxe ich Ihnen meinen zweiten Brief vom 16. Mai. Ich habe gerade erst erfahren, dass Ihre Organisation Frau Anderson für Sonntag, den 19. Mai, um 15:00 Uhr, ein zweites Mal vorladen will. Diese Art von Verhalten Ihrerseits ist einfach unglaublich und entspringt gewiss böser Absicht. Wenn dieses Verhalten fortgesetzt wird, werde ich Frau Anderson raten, Sie um ihres Seelenfriedens willen und um ihre Rechte zu wahren zu verklagen."
Übersetzung für Kids e.V., Leverkusen