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Krieger an die Front

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Eine kleine Gruppe von Klägeranwälten mit einem gemeinsamen Ziel: Priester, die anderen zu schaffen machen.

Jeffrey Anderson möchte die Fälle von sexuellem Missbrauch, die die römisch-katholische Kirche erschüttern, dorthin bringen, wohin sie niemand zuvor gebracht hat. "Wir gehen nach Rom, Baby!" brüllt er in das Telefon in seinem Anwaltsbüro in St. Paul, Minnesota. 

Wenn es um den Missbrauchsskandal geht, der in Diözesen in den gesamten Vereinigten Staaten hochgekocht ist, war Anderson immer auf dem neuesten Stand. Er verfolgt seit den 1980er Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch gegen Priester, Kirchen und andere religiöse Einrichtungen. Anfang dieses Monats tat er etwas, von dem er sagt, er habe dazu in Hunderten solcher Fälle vorher nie den Mut gehabt. Er hat den Vatikan selbst verklagt. "Ich weiß schon seit langem, dass ein Teil des Problems seinen Ursprung in Rom hat", sagt Anderson. "Rom fordert von den Priestern, ihre Akten geheim zu halten. Rom hinderte Bischöfe daran, diese pädophilen Priester des Amtes zu entheben." 

Und er macht immer noch weiter Druck. Am 18. April reichte Anderson eine Klage gegen vier Diözesen in Missouri wegen krimineller Machenschaften ein. Er beschuldigt Kirchenvertreter, sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Klagen gegen die Kirche mit Hilfe eines Bundesgesetzes (RICO) sind ein neues Phänomen im gegenwärtigen Kirchensexskandal. "Es ist ein großer rechtlicher Angriff", sagt Anderson. 

Anderson hat jedoch nie viele Probleme damit gehabt, die Aufmerksamkeit der römisch-katholischen Kirche zu erlangen. Er ist der einzige Anwalt, der je Urteile erreicht hat, nach denen die Kirche Geldstrafen zu zahlen hatte, und er hat es dreimal getan. Anderson schätzt, dass er in Vergleichen 60 Millionen Dollar erzielt hat. Er hat damit unter anderem die Gemälde und die Antiquitäten bezahlt, die sein Büro schmücken; Kunst, die als gotisch oder sogar katholisch bezeichnet wurde. (Er nennt das einfach "spleenig".) "Ich glaube nicht, dass ich einen Kreuzzug führe", sagt er. "Ich sehe mich als Partner der tapferen Überlebenden eines Missbrauchs." Nicht jeder sieht Anderson so wohlwollend an. 

"Sie [die Anwälte der Kläger] fachen das Feuer an", sagt der Verteidiger Andrew Eisenzimmer aus Minneapolis, der als jemand, der religiöse Einrichtungen verteidigt, mit Anderson bei zahlreichen Gelegenheiten gestritten hat. "Damit will ich nicht bagatellisieren, was schwerwiegend ist. Aber eine Menge Leute machen es schlimmer, als es ist. Es gibt eine ganz geringe Chance, dass er mit jeder seiner Behauptungen Erfolg hat", sagt er. 

Jahrelang haben Andersons Kritiker gekontert, dass er sich mit seiner ausufernden Praxis, Kirchen zu verklagen, reich gemacht habe. "Mein Leben und meine Vorliebe sind das Ergebnis einer gesellschaftlichen Veränderung", sagt der 54-Jährige Anderson und fügt hinzu: "Wenn man ihnen ans Scheckbuch gehen muss, damit die Kirche sicherer wird, warum dann nicht?" 

EIN ANSTURM VON ANSPRÜCHEN 

Anderson gehört zu einer Welle von Anwälten, die sich mit der katholischen Kirche in den USA wegen sexuellem Missbrauch durch Geistliche in Diözesen im ganzen Land angelegt haben, lange bevor die neuesten Enthüllungen in Boston dazu führten, dass die Art, wie die Kirche pädophile Priester behandelt, genauer untersucht wird. Boston ist natürlich zum Epizentrum eines Skandals geworden, der fast täglich mit neuen Enthüllungen aufwarten kann. Rufe nach dem Rücktritt von Kardinal Bernard Law werden immer lauter, weil die Diözese Priester wie John Geoghan mit seiner langen Vorgeschichte an sexuellem Missbrauch geschützt hat. 

Und das Telefon von Jeffrey Newman klingelt immer weiter. "Das hat das Gewebe dieser ganzem Gemeinde zerrissen", sagt der Bostoner Anwalt über den Skandal. Newman und zwei weitere Anwälte haben den Hauptteil neuer Klienten angenommen, die behaupten, Opfer der katholischen Geistlichkeit in diesem Gebiet zu sein. Er sagt, er habe jetzt 110 Fälle. 

Die anderen sind Mitchell Garabedian und Greenberg Traurig Partner Roderick MacLeish Jr. Garabedian handelte mit der Diözese gerade einen Vergleich über 20 Millionen Dollar zugunsten von 86 Klienten aus, die sagen, sie seien von dem des Amtes enthobenen Priester Geoghan missbraucht worden. 

Vergangene Woche überzeugte MacLeish einen Richter, ihm zu erlauben, von Kardinal Law eine beeidete Aussage zu verlangen. MacLeish will Law fragen, was er über die Vorgeschichte des Bostoner Priesters Paul Shanley hinsichtlich sexuellen Missbrauchs wusste. 

Die Anwälte haben einen Fond für Opfer aus dieser Gegend verlangt, der bis zu 100 Millionen Dollar gehen könnte. Einige schätzen die Gesamtzahl neuer Ankläger in den letzten Monaten auf über 300. Viele weitere sind abgewiesen worden, weil ihre Beschuldigungen zu alt sind. Die Gesamtzahl mutmaßlicher Opfer von sexuellem Missbrauch durch Geistliche in der Gegend könnten an die 500 betragen. 

"Diese Diözese war eine der geachtetsten; sie leistet enorme gute Arbeit", sagt Newman, der 14 Klienten vertritt, die sagen, sie seien durch den Kirchenmitarbeiter Christopher Reardon, der im vergangenen Jahr zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, missbraucht worden. "Das hat einen Aufruhr verursacht. Das hat bewirkt, dass die Leute täglich von reißerischen Geschichten heimgesucht wurden." 

Newman hat es zur Standardpraxis gemacht, seine neuen Klienten an die Staatspolizei von Massachusetts zu verweisen, damit sie bei den Untersuchungen mithelfen. "Diese Menschen kamen zu mir. Ich bin mit jedem von ihnen zur Polizei gegangen und saß mit ihnen beim Verhör", sagt er. Letzte Woche habe sich das in der Anklageerhebung gegen einen ehemaligen Pastor aus Worcester, Paul Desilets, ausgezahlt, der heute in Kanada lebt. 

Doch Newman war im Fall Reardon ständig frustriert. Die Diözese, sagt er, habe nie versucht, auch nur eine Forderung zu befriedigen, und das trotz der Tatsache, dass Reardon wegen Missbrauch verurteilt wurde. Und vergangene Woche ging Newman vor Gericht, um eine gerichtliche Verfügung zu erhalten, mit der er die Kirche zwingen will, interne Unterlagen herauszurücken. (Der Anwalt der Bostoner Erzdiözese, Wilson Rogers Jr. will keinen dieser gegen die Kirche anhängigen Fälle kommentieren.) "Sie machen jeden falschen Zug, den sie nur machen können", sagt Newman. "ich werde mit ihnen in diesem Fall nicht weiter verhandeln." 

EIN SCHWEBENDER KONFLIKT 

Cindy Robinson hat bereits ein gewisses Maß an Genugtuung erreicht. Aber das ergab sich erst nach einem brutal erschöpfenden und seelisch aufzehrenden acht Jahre währenden Kampf vor Gericht. "Es ist unmöglich, nicht von den Opfern beeindruckt zu sein", sagt die Anwältin der Kanzlei Tremont & Sheldon in Bridgeport, Connecticut. "Sie sind nicht bloß von einem Priester, sondern von einer ganzen Institution verraten worden." 

Robinsons Engagement begann 1992, als eine junge Frau in die Kanzlei kam und behauptete, sie sei von Raymond Pcolka, Priester in Bridgeport, missbraucht worden. Der damalige Bischof der Diözese war Edward Egan, heute Kardinal in der Erzdiözese New York. Robinson sagt, ehe sie auch nur formelle Klage eingereicht habe, sei sie schon von Anwälten der Kirche angerufen worden, die sie baten, die Sache fallen zu lassen, und sie an den Schaden erinnerten, den dies der Diözese zufügen könnte. Sie machte weiter Druck, und von da an begann die Kirche einen Grabenkrieg. 

Schließlich traten 11 weitere mutmaßliche Opfer von Pcolka vor. Doch Robinson fand sich jedes Mal behindert. Die Kirche weigerte sich, Pcolka oderr Egan unter Eid aussagen zu lassen, und bat das Gericht, den Prozess niederzuschlagen. Sie behauptete, alles sei schon verjährt. Die Mehrzahl der Richter auf der Bank bestand aus Katholiken, und der Fall endete, indem er ins nahe gelegene Waterbury verwiesen wurde. Dort weigerte sich das Gericht, Robinson Zugang zu Pcolkas Personalakte und psychiatrischer Vorgeschichte zu geben. 

1995, als Pcolka endlich aus dem Amt entfernt wurde, weigerte er sich, mehr als 100 Fragen zu beantworten; er behauptete, sie würden ihn belasten. Auch die Kirche weigerte sich, Informationen über Missbrauchsklagen gegen andere Priester in der Diözese offen zu legen. 

1997 fand die Kanzlei Belege, dass der Vatikan die Diözese Bridgeport vor 30 Jahren davor gewarnt hatte, die Verantwortung für ihre Missbrauch treibenden Priester zu übernehmen, aber Robinson und andere Anwälte konnten die Beweise aufgrund einer Schweigeanordnung nicht publik machen. Später in jenem Jahr wurde es Robinson schließlich gestattet, Egans eidliche Aussage aufzunehmen. "Egan war kein gesitteter oder geistig gesinnter Mensch, als es dazu kam", sagt Robinson. "Er ist Anwalt für kanonisches Recht. Er weiß eindeutig mit Worten zu streiten." 

Egans eidesstattliche Aussage wurde zusammen mit allen anderen internen Gerichtsunterlagen vom Gericht versiegelt. Letzten Monat gelangte der Hartford Courant an die Dokumente, die zeigten, dass Gerichtsvertreter keinen des sexuellen Missbrauchs verdächtigten Priester an die Justizbehörden zur Strafverfolgung weiterleiteten. Statt dessen schickte Egan, wie das Blatt berichtete, Priester in psychiatrische Krankenhäuser und setzte sie dann wieder im Gemeindedienst ein. Egan hat seither bestritten, dass er missbrauchende Priester wissentlich im aktiven Dienst beließ. 

Letztes Jahr legte die Diözese Ansprüche gegen Priester in Höhe von etwa 15 Millionen Dollar bei, aber Robinson kann immer noch nicht über das reden, was sie weiß, "Das war so unfair", sagt sie. 

REUE UND BESTRAFUNG 

Andere Anwälte im Lande sagen, dass katholische Diözesen, wenn sie verklagt werden, bis zum Ende kämpfen werden. Claudia Eklund verklagte die katholische Kirche in Cleveland im Interesse eines 19-Jährigen Mannes, der behauptete, in seiner Teenagerzeit vom Rektor einer Gemeindeschule belästigt worden zu sein. Selbst als der Rektor 1997 der Vergewaltigung überführt wurde, bot die Kirche keine Genugtuung an. Statt dessen, sagt Eklund, wurde ihr Klient einer zermürbenden Befragung unter Eid unterworfen, die mehrere Tage dauerte und seine sexuelle Vorgeschichte zum Thema hatte, und man zwang ihn, den Missbrauch noch einmal in allen Einzelheiten durchzugehen. "Das war als Einschüchterung gedacht", sagt Eklund, "um ihn dazu zu bringen, die Sache fallen zu lassen." 

Es wirkte. Nach dem zweiten Tag der Befragung unter Eid sagte Eklunds Klient zu ihr, er könne nicht mehr weitermachen. "Es ist für einen Anwalt ungewöhnlich, einem jungen Mann wie diesem nachzukommen", sagt sie. "Das war das Schlimmste, was ich gesehen habe. Es war unnötig." 

Wenn katholische Kirchen verklagt wurden, haben sie landesweit ständig zu Taktiken gegriffen, die an beklagte Firmen erinnern, nicht an eine Kirche mit dem Ruf in der Gesellschaft als einem Werkzeug der Nächstenliebe. "Das ist heuchlerisch", sagt Jeff Anderson. "Sie haben das Recht, sich zu verteidigen, aber sie haben nicht das Recht, Taktiken der verbrannten Erde einzusetzen." 

Patrick Schiltz, Dekan der University of St. Thomas School of Law in Minneapolis, der in allen 50 Bundesstaaten Kirchen in Missbrauchsfällen verteidigt hat, sagt, religiöse Institutionen befänden sich auf einem engen Grat. "Ein Anwalt sollte eine Kirche nicht so vertreten, wie er andere vertritt", sagt Schiltz. "Aber wenn jemand eine Kirche wegen seelischer Verletzungen verklagt, hat man als kompetenter Anwalt keine andere Wahl als die, danach zu fragen, ob es andere Ursachen für seelische Probleme gibt." 

Der Verteidiger Eisenzimmer sagt: "Klägeranwälte beschuldigen Kirchen routinemäßig, unfair zu sein, wenn sie das Argument der Verjährung vorbringen, aber es gibt legitime Gründe, warum das Gesetz solch eine Grenze setzt." 

Katherine Freberg, Anwältin aus dem Süden Kaliforniens, die letztes Jahr einen Vergleich über 5,2 Millionen Dollar mit Diözesen in Los Angeles und Orange County zugunsten von, Ryan DiMaria schloss, einem Mann, der sagte, er sei vom Rektor seiner katholischen High School missbraucht worden, sagt, die Kirche habe 4 ½ Jahre lang "mit allem nach ihr geworfen, was sie nur werfen konnte." 

An einem Punkt in Frebergs Fall argumentierte die Diözese, der Erste Verfassungszusatz, der die Religionsfreiheit garantiere, hindere das Gericht daran, kanonisches Recht auszulegen. Das hat nicht funktioniert, obwohl sie in anderen Bundesstaaten wie Florida und Wisconsin damit durchgekommen ist. 

DiMarias Vergleich beinhaltete einige bemerkenswerte Präjudizien. Er erhielt nicht nur eine formelle Entschuldigung der Diözese, sondern beide kamen auch zu einer "Null-Toleranz"-Politik in Bezug auf missbrauchende Geistliche überein. Diese Politik hat schon Ergebnisse gezeitigt. Über ein Dutzend Priester in beiden Bezirken ist seither aus der Kirche ausgestoßen worden. "Ryan sagte, er wolle nicht, dass das jemand anderem passiert", sagt Freberg. 

EIN IRDISCHES LICHT 

Als "Ex-Hippie", wie er sich selbst bezeichnete, kämpfte Anderson als junger Anwalt im Jahre 1983, bis ein Kollege ihm einen jungen Mann schickte, der behauptete, ein Priester aus der Gegend hätte ihn missbraucht. "Das endete damit, dass ich etwas ungeschickt die katholische Kirche verklagte", sagt er. "Aber sie haben mich belogen und versucht, mich zu bezahlen, damit ich stillhalte." Die Kirche, sagte er, habe seinem Klienten 500.000 Dollar angeboten, um den Fall beizulegen, was er aber ablehnte. (Schließlich erreichte er 21 Millionen Dollar.) 

Das war der Anfang. Er sagt, er habe 500 Opfer von sexuellem Missbrauch durch die Kirche vertreten - eine Zahl, die Verteidiger, die Anderson kennen, kaum glauben können. Die Rückwand seines Büros ist mit Hasspost dekoriert. "Ich bin an den Pranger gestellt und verleumdet worden", sagt Anderson, der kein Katholik ist. "Das passt zu dem Gebiet." 

Aber er hat nie den Vatikan verklagt, bis er Rick Gomez traf, einen 28-Jährigen Softwareberater, der behauptet, er sei als 14-Jähriger missbraucht worden, als er auf eine katholische Schule in Tampa ging. Gomez war bereit, mit seiner Behauptung an die Öffentlichkeit zu gehen, und Anderson ist jemand, der sich nie gescheut hat, im Rampenlicht zu stehen. Anfang dieses Monats hielten sie zusammen eine Pressekonferenz in Florida ab und putzten den Vatikan herunter. 

"Ich habe keine Angst vor Publicity", sagt Anderson. "Aufdecken ist ein notwendiger Teil von Veränderung. Ich entschuldige mich nicht, wenn ich die Leute wissen lasse, da gibt es einen Täter in der Gemeinde." Und für den Fall, dass sich jemand die Frage stellt: Nein, Anderson möchte nicht den Papst eidesstattlich befragen. "Ich muss das nicht tun", sagt er. Jedenfalls noch nicht.

Übersetzung für Kids e.V., Leverkusen

 

Update: 

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