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Sexueller Missbrauch umfasst das gesamte Spektrum der Kirchen

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von Mark Clayton, Redakteur des Christian Science Monitor 

Trotz der Titelzeilen, die das Pädophilenproblem bei Priestern der römisch-katholischen Kirche im Berennpunkt haben, sind die meisten amerikanischen Kirchen, die von Beschuldigungen über Kindesmissbrauch getroffen werden, protestantisch, und die meisten mutmaßlichen Missbrauchstäter keine Geistlichen oder Angestellten, sondern freiwillige Mitarbeiter der Kirchen. Das sind die Befunde landesweiter Umfragen der Christian Ministry Resources (CMR), einem Steuer- und Rechtsratgeber, der über 75.000 Versammlungen und 1.000 Vertretungen von Religionsgemeinschaften landesweit dient.

Der jährliche Untersuchungsbericht der CMR über etwa 1.000 Kirchen landesweit hatte nach sexuellem Missbrauch seit 1993 gefragt. Er ist ein bemerkenswertes Fenster zu einem Problem, das großenteils im Schatten des öffentlichen Bewusstseins lauerte, bis die Skandale in der katholischen Kirche hochkamen. Die Umfragen legen nahe, dass es in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 70 Anschuldigungen pro Woche gegen amerikanische Kirchen wegen Kindesmissbrauchs gab. Ab dem Jahr 1997 registrierten die Untersuchungen einen leichten Abwärtstrend bei der Anzeige von Missbrauch, möglicherweise als Ergebnis der Einführung von Präventivmaßnahmen durch die Kirchen.

"Ich meine, die CMR-Zahl ist zwar sehr auffallend, aber doch recht vernünftig", sagt Anson Shupe, Professor an der Universität von Indiana, der mehrere Bücher über den sexuellen Missbrauch in Kirchen geschrieben hat. "Für mich besagen sie, dass Protestanten weniger zögerlich sind, vorzukommen, weil sie ihre Geistlichkeit nicht auf ein so hohes Podest stellen wie die Katholiken ihre Priester." Dr. Shupe vermutet, dass die Zahl von wenigstens 70 Fällen pro Woche in Wirklichkeit höher sein könnte, weil es üblich ist, nicht immer Anzeige zu erstatten. Er entdeckte dies im Jahre 1998, während er in Gemeinden in Dallas-Ft. Worth von Tür zu Tür ging und bei 1.607 Familien nachfragte, ob sie Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in ihrer Kirche gemacht hatten. Fast vier Prozent sagten, sie seien Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche geworden. Sexueller Kindesmissbrauch war ein Teil davon, aber nicht herausgelöst, sagt er. James Cobble, geschäftsführender Direktor der CMR, der die Untersuchungen bewertet, sagt, die Daten zeigten, dass sexueller Missbrauch von Kindern breitgestreut in allen Religionsgemeinschaften vorkommt und die Geistlichen nicht die größte Gruppe von Tätern seien. "Die Katholiken haben die ganze Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen, aber dieses Problem ist in den protestantischen Kirchen sogar noch größer, einfach weil sie weit mehr Mitglieder haben", sagt er.

Von den 350.000 Kirchen in den USA sind 19.500, also fünf Prozent, römisch-katholisch. Katholische Kirchen stellen eine leicht geringere Minderheit der Kirchen in den CMR- Untersuchungsberichten dar, die keine wissenschaftliche Zufallsauswahl sind, sondern ein "repräsentativer" demografischer Querschnitt der Kirchen, erklärt Dr. Cobble. Seit 1993 berichtete durchschnittlich etwa ein Prozent der untersuchten Kirchen jährlich sexuellen Missbrauch. Das sind etwa 3.500 mutmaßliche Fälle pro Jahr oder annähernd siebzig pro Woche in der vorherrschend protestantischen Gruppe, sagt Cobble.

Die CMR-Befunde enthüllen auch: In den meisten Fällen sexuellen Missbrauchs in Kirchen geht es um ein einziges Opfer. Prozesse oder außergerichtliche Vergleiche waren in 21 Prozent der mutmaßlichen Fälle der Untersuchung für das Jahr 2000 das Ergebnis. Freiwillige Mitarbeiter sind mit höherer Wahrscheinlichkeit Sexualtäter als Geistliche oder bezahlte Angestellte. Vielleicht am bestürzendsten war, dass Kinder in Kirchen ebenso oft beschuldigt werden wie Geistliche und Angestellte. Im Jahre 1999 waren beispielsweise 42 Prozent der mutmaßlichen Sexualtäter freiwillige Mitarbeiter, etwa 25 Prozent waren bezahlte Angestellte (einschließlich der Geistlichen) und 25 Prozent waren andere Kinder.

Doch es ist der Rückgang an Fällen in neun Jahren, die zur Anzeige kamen, die zu zeigen scheinen, dass einige Kirchen lernen, wie man Missbrauch mit strengen Präventivmaßnahmen zuvorkommen kann, sagen Vertreter von Versicherungsgesellschaften und Kirchenfunktionäre selbst. Der Gipfelpunkt lag 1994 bei drei Prozent der Kirchen, die mutmaßliches sexuelles Fehlverhalten anzeigten, im Vergleich zu nur noch 0,1 Prozent im Jahre 2000.

Aber für das Jahr 2001 schwingt das Pendel wieder auf 1 Prozent zurück. Doch das sei immer noch bedeutend weniger als für 1993, sagt Cobble. Bei Versicherungen angemeldete Ansprüche wegen Kindesmissbrauchs haben ebenfalls nachgelassen, heißt es aus Quellen der Industrie. Hugh White, für Marketing zuständiger Vizepräsident der Brotherhood Mutual Insurance in Ft. Wayne, Indiana, lässt anklingen, dass das Ausmaß angezeigter Fälle von Missbrauch in den CMR-Daten für das Jahr 2001 realistisch sei, wenn auch "am oberen Ende" der Skala. Whites Gesellschaft versichert 30.000 Kirchen, von denen etwa 0,2 bis 0,3 Prozent jährlich einen "Fall" von Kindesmissbrauch melden. Aber er sagt, seine Kirchen seien in Bezug auf Vorbeugungsmaßnahmen vor Kindesmissbrauch aufgeklärter als die meisten anderen, was der Grund für eine niedrigere Rate an gemeldeten Missbrauchsfällen als die in den CMR-Berichten sein mag.

Was alle Daten zeigen, ist eine Beruhigung, die auf einen "großen Ausschlag" in der Häufigkeit und Schwere sexuellen Fehlverhaltens in den Kirchen seit Mitte der 1980er Jahre folgte, sagt White. "Beauftragte der Versicherungen von Kirchen richteten Aufklärungsprogramme und Prozeduren ein, die halfen, dass der Trend zurückging und sich stabilisierte", meint Jan Beckstrom, Handlungsbevollmächtigter des Kirchenversicherers GuideOne Insurance in West Des Moines, Iowa. CMR-Untersuchungsberichte zeigen auch, dass viele kleinere Kirchen bei der Einsetzung solcher Programme zurückgeblieben sind, während größere Kirchen mit mehr Mitteln und Führungskontrollen führend waren. Und das mit gutem Grund: Sie haben mehr zu verlieren, und sie haben ein größeres Missbrauchsproblem. "Ich kenne keine Kirche, die das nicht tut", sagt Simeon May von der National Association of Church Business Administration in Richardson, Texas, die große Kirchen mit Verwaltungspersonal schult.

In der Grace Community Church in Tempe, Arizona, sagt der geschäftsführende Pastor Gary Maitha, seine Kirche habe seit dem Jahr 2000 eine strengere Form der Ausübung von Liebe übernommen. Das war, als eine Prüfung des kriminellen Hintergrundes, Fingerabdrücke, detaillierte Befragungen und sorgfältige Verfahrensvorschriften wie die, niemals einen Erwachsenen mit einem Kind alleine zu lassen, in Gang kamen. Das ist bei 700 bis 800 Kindern, die die Sonntagsschule besuchen, und vielen weiteren, die in der Woche an Kirchenaktivitäten teilnehmen, eine Notwendigkeit, sagt er. "Wir nehmen bei jedem, der über 18 Jahre alt ist und mit Kindern arbeitet, Fingerabdrücke und prüfen den kriminellen Hintergrund", sagt Reverend Maitha. "Wenn sich ein Makel zeigt, dürfen sie nicht mit Kindern arbeiten. Das ist alles, was da zu tun ist." Debby DeBernardi, Leiterin des Kinderdienstwerks der Grace Community, sagt, die Vorschriften der Kirche forderten beispielsweise, dass Erwachsene in Paaren gehen, wenn sie Badepausen für Kinder überwachen, und dass sie nachsehen, um sicher zu gehen, dass keine Erwachsenen in den Baderäumen sind, wenn die Kinder hineingehen. Personen, deren Fingerabdrücke abgenommen wurden und die geprüft wurden, dürfen im Kinderhort arbeiten. Aber nur weibliche Angestellte, keine freiwilligen Mitarbeiter, dürfen Windeln wechseln. Nur Erwachsene mit einem Namensschild, das zeigt, dass sie sauber sind, dürfen mit Kindern arbeiten. Und bald wird es Ausweise mit Lichtbildern geben. Einige langjährige freiwillige Mitarbeiter, die an der neuen Vorgehensweise Anstoß nahmen, haben sich aus der Arbeit mit Kindern verabschiedet. Aber die neuen Vorschriften haben bereits ihren Wert erwiesen, sagt DeBernardi. "Wir haben sie bereits bei jemandem angewandt, der bei der Polizei aktenkundig war und des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde. Aufgrund der neuen Vorgehensweise haben wir ihn erwischt ... Manchmal muss man zu Leuten sagen: 'Schau, du bist willkommen in der Kirche. Wir lieben dich. Aber du darfst nicht mit Kindern arbeiten'."

"Diese Art von Unnachgiebigkeit wird schnell zu einer Vorbedingung für Versicherungen und dafür, uns gegen Prozesse und falsche Anschuldigungen zu schützen, was für eine kirchliche Organisation schon fast demoralisierend sein kann." Das Problem sei, sagt Cobble, dass Kirchen eine vollkommene Umgebung für Sexualtäter sind, weil sie eine Vielzahl an Programmen für Kinder haben, zu wenig Mitarbeiter, die sie leiten, und eine Umgebung des Vertrauens, die das Wesentliche für die Einrichtung ist. Kirchen sprechen das Problem bereits seit den frühen 1990er Jahren an, berichtet Cobble. Über 100.000 Exemplare eines Buches mit dem Titel Wie man das Risiko von sexuellem Missbrauch von Kindern in deiner Kirche verringert, dessen Mitautor er ist, wurden verkauft.

Seit Januar, als die römisch-katholischen Diözesen landesweit begannen, Schlagzeilen wegen pädophiler Priester zu machen, haben sich einige Religionsgemeinschaften erneut darauf konzentriert, ihre Vorschriften zu sexuellem Missbrauch auf Vordermann zu bringen. Die griechisch-orthodoxe Erzdiözese in Amerika entwirft beispielsweise dem Vernehmen nach neue Vorschriften zu sexuellem Missbrauch. Ralph Colas vom Amerikanischen Rat der christlichen Kirchen, einer Organisation in Bethlehem, Pennsylvania, die fundamentalistische Religionsgemeinschaften vertritt, berichtet über neue Aktivitäten. "Ich habe gerade in der vergangenen Woche mehreren Kirchen geholfen, neue Richtlinien zu entwerfen", sagt er. "Ich habe die Kirchen ermuntert, sich juristischen Rat zu holen, um sicher zu gehen, dass sie der Verpflichtung, in solchen Fällen Anzeige zu erstatten, nachkommen." Die Furcht vor Prozessen löste neue Vorschriften aus. Aber die Verlagerung des Gewichtes auf "Vertrauen durch Kontrolle", zu der man sich durch einige gegenwärtige Schlagzeilen genötigt sah, läuft seit einer Konferenz in Chicago im November 1992, als über 100 Führer von Religionsgemeinschaften erstmalig zusammenkamen, um darüber zu diskutieren, wie man mit sexuellem Missbrauch von Kindern umgehen solle. Etwa um diese Zeit haben Versicherungsgesellschaften die Deckung für Kirchen, die ihre Mitarbeiter nicht durchleuchten, gesenkt. "Was die Leiter dazu bewog, auf dieses Thema zu reagieren zu beginnen, war nicht das Kindeswohl", sagt Cobble. "Es war die Furcht vor großen, teuren Gerichtsverfahren."

Copyright (C) 2002 The Christian Science Monitor. 

Übersetzung für Kids e.V., Leverkusen

 

Update: 

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