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Sexuellem Fehlverhalten eines Priester

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Am Dienstag hat die römisch-katholische Erzdiözese von Portland, Me., versprochen, der örtlichen Staatsanwaltschaft eine Akte zu übergeben, die alle Beschuldigungen von sexuellem Fehlverhalten ihrer Priester beinhaltet. Die Bezirksstaatsanwaltschaft will alle Anklagen sehen, die je gegen lebende Priester erhoben wurden.

"Auch wenn es nur vom Hörensagen um drei Ecken kommt, ich will darüber entscheiden", sagte Stephanie Anderson, Bezirksstaatsanwältin in Cumberland County. Sie sagte, sie wolle deren Versetzung von Gemeinde zu Gemeinde auf der Suche nach neuen und alten Opfern folgen. Sie möchte die Vergangenheit eines jeden Priesters zurückverfolgen, der sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt wurde. "Ich glaube, wenn diese Leute einmal ein Opfer gefunden haben, dann werden sie im Allgemeinen nicht mehr aufhören", sagte Frau Anderson.

Der Skandal um sexuellen Missbrauch, der über die römisch-katholische Kirche kommt, ist noch lange nicht zu Ende - im Gegenteil, er hat erst begonnen. Im ganzen Land übergeben viele Diözesen in dem Bemühen, ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, ihre Akten den Staatsanwälten. Diese Publicity ermutigt mehr Menschen, mit der Anklage, sie seien sexuell missbraucht worden, hervorzukommen. Täglich enthüllen die Medien neue Fälle von Priestern, die beschuldigt werden, pädophil zu sein, und neue Berichte, wie die Dinge vertuscht werden.

Der Skandal hat bereits die Gläubigen in der Kirche schockiert, er entmutigt die Geistlichkeit und bedroht die hart errungene Autorität der Bischöfe. Er hat einen Bischof zu Fall gebracht, Dutzende von Priestern aus ihrem Amt entfernt und den herausragenden Prälaten des Landes, Kardinal Bernard F. Law aus Boston, befleckt. Aber das wahre Ausmaß der Auswirkungen auf das kirchliche Leben, ihren Status und ihre Zukunft wird erst jetzt allmählich deutlich.

Von Theologieseminaren bis zu Esszimmertischen hinterfragt eine zunehmende Anzahl von Katholiken das Fundament, auf dem die Kirche ruht - die durch und durch männliche, zölibatäre Priesterschaft. Gemeindeglieder fordern einen offenen Dialog und führen Streitgespräche über einen Lehrsatz, von dem Papst Johannes Paul II gesagt hat, er sei für Diskussionen nicht zugänglich.

In einem überraschenden Schritt sagte die offizielle katholische Zeitung der Erzdiözese Boston am Freitag in einem Leitartikel, die katholische Kirche müsse sich nun Fragen und Untersuchungen von Kommissionen stellen, ob die zölibatäre, unverheiratete, männliche Priesterschaft weiter bestehen sollte.

Kardinal Law, der als konservativer Vatikananhänger angesehen wird, sagte am Freitagabend, es sei nicht die Absicht des Leitartikels gewesen, die Haltung der Kirche zum Zölibat der Geistlichen in Frage zu stellen, sondern er wolle Fragen widerspiegeln, die andere aufgrund des Skandals aufgeworfen hätten. Kein Kirchenführer erwartet die sofortige Änderung einer Lehre, die der Kirche Jahrhunderte lang gedient hat. Aber die praktischen Auswirkungen des Skandals sind offensichtlich.

Die Kirche steht in der Gefahr, einige der rechtlichen Schutzfaktoren zu verlieren, die sie vor Strafverfolgung in den Vereinigten Staaten geschützt haben, und ihre moralische Autorität zu Fragen wie soziale Gerechtigkeit und Familienwerte aufs Spiel zu setzen.

Finanziell gesehen knausert eine Kirche, die in weiten Kreisen als reich angesehen wird, bei der Bezahlung von Vergleichen über mehrere Millionen an die Opfer von Priestern. Versicherungen haben nicht genügt, um die Vergleiche zu bezahlen. So sind einige Diözesen gezwungen worden, sich Geld von einer anderen zu leihen, wichtige Spender anzugehen oder Besitz zu verkaufen - manchmal geliebte Kirchen und Schulen zu verspielen.

"Die Leute haben unrecht, wenn sie meinen, der Vatikan könne einfach so einen Scheck ausstellen", sagte Mark E. Chopko, Generalanwalt der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, der betonte, jede Diözese sei finanziell unabhängig. "Kein Bischof möchte katholische karitative Einrichtungen schließen, um Vergleiche zu bezahlen."

Die schwerwiegendste Gefahr für die Kirche - und die am schwersten einzuschätzende - ist die Entfremdung unter den Gläubigen. Viele Katholiken sagen, sie könnten ihren Glauben ebenso wenig aufgeben wie ihre Familie. Aber das Misstrauen in die Kirchenhierarchie könnte einige dazu treiben, die Kirche zu verlassen.

Peggy Morales, die in East Harlem lebt, ihre Kinder auf eine Bekenntnisschule schickt und sonntags zur Messe geht, sagte, sie habe über eine seit ihrer Kindheit eingefleischte Gewohnheit zweimal nachgedacht. "Ich habe immer gesagt, wenn ich zur Kirche gehe, gebe ich meinen Kindern das richtige Beispiel. Jetzt bin ich froh, dass mein Junge nie Ministrant war."

Für die Zukunft des Katholizismus ist ein weiterer bedrohlicher Aspekt des Skandals, dass er künftig junge Männer davon abhalten könnte, Priester einer Kirche zu werden, die bereits wegen ihres Mangels an Priestern kämpft.

Vergangene Woche weihte Kardinal Edward Michael Egan in einer East Harlemer Kirche Andris Alexis Moronta zum Priester, zu einem der Vertreter Gottes auf Erden. "Ein Priester", stimmte der Kardinal an, muss "wie ein Spiegel sein und die göttlichen Eigenschaften hochhalten."

Kardinal Egan, spielte, als er am vergangenen Donnerstag in der St. Paul's-Kirche, wo frische Nelken bröckelnden Putz verdeckten, seine Predigt hielt, nicht auf die Probleme in der Priesterschaft an. Aber obwohl die Weihung eines neuen Priesters, unberührt von dem Skandal, ein freudiges Ereignis war, konnten einige Gemeindeglieder die Schande der Kirche nicht völlig vergessen.

"Wir machen diese schreckliche Sache durch", sagte Carmen Perdomo, die zu Tränen gerührt war, als der neue Priester sich als Symbol seiner Entsagung weltlicher Sünde auf den Boden warf. "Aber man muss es einfach aus dem Sinn verbannen und beten, dass Gott ihnen hilft, nicht zu straucheln."

Die Karriere von Pater Moronta, 28, veranschaulicht die Unfähigkeit der Kirche, Priester in den USA anzuwerben: Er ist Dominikaner, der als Missionar in eine amerikanische Gemeinde geschickt wurde. Er wuchs zwar in New York auf, aber er ist Bürger der dominikanischen Republik, der seine Priesterausbildung in Argentinien erhielt. Er dient einer Brooklyner Gemeinde als Missionar seines argentinischen Ordens.

Nach seiner Weihe umarmten ihn Wohlmeinende, und Nonnen küssten seine Handflächen als Zeichen des Respekts. Kurz darauf sagte Pater Moronta: "Ich weiß, dass das eine schwierige Zeit für einen Priester ist. Ich zeige an mir, dass es junge Leute gibt, die bereit sind, alles aufzugeben, um Menschen zu Gott zu führen."

Strategie des Schweigens entwickelt

Viele Kirchenführer räumen ein, dass sie über die Heftigkeit dieses Skandals verblüfft sind, weil sie dachten, das sei ein Problem, das sie bereits begraben hatten. Das Thema kam zuerst 1985 auf, als die Times of Acadiana, eine Wochenzeitung, über Gilbert Gauthe, einen Priesters aus Louisiana, berichtete, der gestand, Dutzende von Kindern belästigt zu haben, und der zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die amerikanischen Bischöfe untersuchten das Problem, und gaben Anfang der 1990er Jahre Verhaltensempfehlungen mit dem Titel "Das Vertrauen wiederherstellen" heraus.

Nachdem in Dallas; Santa Fe, New Mexico; Fall River, Massachusetts, und Santa Rosa, Kalifornien, weitere Fälle von Priestern mit vielen Opfern ans Tageslicht kamen, haben viele Diözesen die Empfehlungen angenommen. Sie forderten die Entlassung von Priestern, die des Missbrauchs beschuldigt wurden, aus dem Dienst, schickten sie in therapeutische Behandlung und standen den Opfern mit Rat und seelsorgerischer Tat zur Seite. Allmählich verschwand das Thema aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.

Doch hinter den Kulissen meldeten sich immer noch Opfer. In aller Stille, darauf bestehend, dass im Sinne der Opfer und Täter Vertraulichkeit nötig sei, haben Kirchenanwälte - nach Schätzung der Klägeranwälte - an die 1.000 Klagen beigelegt und den Opfern von irgendetwas um die paar Tausend Dollar bis zu Millionen gezahlt. Die Kirche hat auch vielen der Priester neue Gemeinden zugewiesen, was, wie die Bischöfe jetzt erkennen, ein großer Fehler war.

"Jeder Bischof, der diesen Fehler vor 1985 beging, ist, so meine ich, entschuldbar, weil man es damals nicht besser wusste und so naiv war", sagte ein Priester und Kirchengelehrter, der, wie viele, nur unter der Bedingung etwas sagte, dass sein Name nicht genannt würde. "Aber im Jahre 1985, als der Fall in Louisiana hochkam, musste das der Beginn eines Weckrufes sein. Je weiter man sich davon entfernt, um so unfähiger, dümmer oder unmoralischer sind die Bischöfe, wenn sie nichts unternehmen. Das ist auch im eigenen Interesse, seine Versicherung zu behalten: Wenn man einem sagt, Trampolin- und Kunstspringen stelle ein Risiko dar, dann lässt man eben das Trampolin- und Kunstspringen."

In diesem Jahr tauchten landesweit wieder Fragen auf, wie die Kirche mit dem Thema Missbrauch umgeht, etwas, womit sich Artikel in örtlichen Tageszeitungen in den späten 1990er Jahren befasst hatten. Im Januar enthüllte der Boston Globe, dass Kardinal Law den Reverend John J. Geoghan jr., 66, der beschuldigt wurde, Kinder belästigt zu haben, von Gemeinde zu Gemeinde versetzt.

Interne Kirchenunterlagen zeigten, dass Kardinal Law und seine obersten Helfer sich des Problems mit Pater Geoghan seit Mitte der 1980er Jahre bis in die 90er hinein Jahre bewusst waren. Pater Geoghan wurde schließlich beschuldigt, über 30 Jahre lang mehr als 130 Kinder sexuell belästigt zu haben. Im Februar wurde er zu einer 9-10-Jährigen Haftstrafe verurteilt, weil er einen 10-Jährigen Jungen befummelt hatte. Nachdem die Rolle der Kirche bei dem Schutz von Pater Geoghan bekannt wurde, gab der Kardinal den örtlichen Staatsanwälten die Namen von über 80 Priestern, die in den letzten Jahrzehnten andere sexuell missbraucht hatten.

Innerhalb von Wochen begannen Bischöfe im ganzen Land, ihre Diözesen von Priestern zu säubern, die trotz der Tatsache, dass sie des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, ihren Dienst versahen. Seit Januar sind mindestens 55 Priester in 17 Diözesen aus dem Amt entfernt, suspendiert, in Verwaltungsurlaub geschickt oder gezwungen worden, in Pension zu gehen. Darunter sind wenigstens 6 Priester in Philadelphia, 7 in Manchester, N.H., 2 in St. Louis, 2 in Maine, 1 in Fargo, N.D., und 12 in Los Angeles. Es gibt in den USA 194 katholische Diözesen.

Bei den meisten aus dem Amt entfernten Priestern handelt es sich um Altfälle, aber vor kurzem sind auch neue Beschuldigungen bekannt geworden. Auf Long Island bekannte sich am 7. März Reverend Michael Hands, 35, schuldig, in den Jahren 1999 und 2000 am St. Raphael Rectory in East Meadow mit einem 13-Jährigen Jungen Sex gehabt zu haben.

In Florida forderte der Skandal vor kurzem den zweiten Bischof. Anthony J. O'Connell, der Bischof von Palm Beach, trat am 8. März zurück, nachdem der St. Louis Post-Dispatch enthüllte, dass er in den 1970er Jahren an einem Seminar in Missouri einen Studenten belästigt hatte. Die Diözese in Missouri hatte dem Kläger im Jahre 1996 bei einem vertraulichen Vergleich 125.000 Dollar gezahlt. Trotzdem beförderte der Vatikan O'Connell im Jahre 1999 zum Bischof von Palm Beach, um dort die Diözese in Ordnung zu bringen, wo der vorherige Bischof in dem Jahr zuvor nach Beschuldigungen, Kinder sexuell missbraucht zu haben, gezwungen war, zurückzutreten.

Ein lebendiges Zeichen des Aufruhrs in der Kirche war der Leitartikel am Feitag im Pilot, der offiziellen Zeitung der Erzdiözese Boston. Der Leitartikelschreiber forderte die Kirchenführer auf, zu untersuchen, ob die Vorschriften zum Zölibat der Priester etwas mit dem Missbrauch von Minderjährigen zu tun haben. Während abweichlerische katholische Denker seit langem das Festhalten des Vatikans am Zölibat und die Weigerung, Frauen zu weihen, in Frage stellen, kam der neueste Aufruf zu einer Diskussion über Änderungen von der Kirchenzeitung, die von Kardinal Law herausgegeben wird.

"Diese Fragen haben in mehr katholischen Köpfen an Intensität zu genommen, vor den Sexskandalen", schrieb Monsignore Peter V. Conley, der Chefredakteur der Zeitung. "Selbst wenn unser jetziger Jammer in der Erzdiözese plötzlich verschwinden sollte, haben diese Fragen an Dringlichkeit zugenommen und werden nicht einfach stillschweigend verfliegen."

Unterschiedliche Meinungen über die Ursache

Liberale und traditionalistische Katholiken, lange miteinander im Krieg über Themen wie Abtreibung und Scheidung, sind jetzt über die Ursachen des Skandals in Auseinandersetzung geraten. Einige argumentieren, sexueller Missbrauch in der Kirche erwachse aus den fundamentalen Fehlern des Katholizismus. "Die Trennung von Körper und Seele ist ein falsches Modell", sagte Eugene Kennedy, Psychologe und ehemaliger Priester, der Die nicht verheilte Wunde: Die Kirche und die menschliche Sexualität schrieb. Kennedy fügte hinzu: "Die Kirche benutzt die Sexualität, um Menschen in einem Klima der Strafe zu kontrollieren. Wenn das Fleisch schlecht ist, kann man nicht auf gesunde Weise den Zölibat lehren."

Andere sagen, die Missbrauchsfälle seien von einer Kirche ermöglicht worden, die zu lax sei. "Diese Fälle sind das Überbleibsel der sexuellen Revolution", sagte Mary Ann Glendon, Juraprofessorin in Harvard, die in zwei Vatikankommissionen diente. Sie sagte, in den 1960er Jahren habe die Kultur die Priester gedrängt, ihre Sexualität zu erforschen. "Was wir brauchen, ist eine Wiederbekräftigung der Selbstdisziplin der Priester."

Alle Seiten sind sich einig, dass die Kirche in der Gefahr schwebt, die moralische Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn sie sowohl in politischen als auch sozialen Fragen die Stimme erhebt, darunter zur Todesstrafe und zum Status von Jerusalem. "Wenn die Kirche nicht nachdrücklich auf den Skandal reagiert, dann wird die Autorität, mit der die Hierarchie in moralischen Fragen lehrt, verschwinden", sagte R. Scott Appleby, Direktor des Cushwa Center for the Study of American Catholicism in Notre Dame. "Das ist dann nicht nur eine Krise, sondern bloß noch Geschrei. Die übliche Glaubwürdigkeit der Bischöfe, über Gerechtigkeit, Wahrheit, Rassengleichheit, Krieg oder Einwanderung zu reden, ist weg, wenn sie nicht einmal das eigene Haus in Ordnung bringen können."

Antworten aus dem Vatikan

Die Antworten können nur von einer Stelle kommen, aus Rom. Aber der Widerstand des Vatikan, etwas zu unternehmen, ist zum Teil der Kontroverse geworden. In Interviews in und um den Vatikan in der vergangenen Woche wurde die Sorge geäußert, der Vatikan scheine eine Politik des Stillschweigens zu fördern, die einige Kritiker mit dem Versagen von Papst Pius XII vergleichen, sich deutlich gegen den Holocaust im 2. Weltkrieg zu äußern. Papst Johannes Paul II hat nachdrücklich Geistliche verurteilt, die Kindern nachjagen, aber der Vatikan hat keine Anstrengungen unternommen, den Missbrauch mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Tatsächlich waren Vorschriften, die der Papst im Januar erließ und die von den Ortsbischöfen verlangten, sexuellen Missbrauch direkt an Rom zu melden, in einem dickleibigen Bericht über eine Bischofskonferenz begraben, veröffentlicht in Latein. Ein Teil des Grundes, warum der Vatikan Abstand bewahrt, liegt darin, dass er sexuellen Missbrauch großenteils als amerikanisches Problem ansieht, sagen Kirchenvertreter. Diese Wahrnehmung mag sich ändern.

In Johannes Pauls Geburtsland Polen wurde der Erzbischof von Posen, Juliusz Paetz, diesen Monat in den Medien beschuldigt, Seminaristen belästigt zu haben. Erzbischof Paetz, 67, ein früherer Vatikanprälat, der vom Papst auf seinen gegenwärtigen Posten berufen wurde, bestritt die Beschuldigungen, steht aber wegen der Ereignisse in den Vereinigten Staaten weiter im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In Österreich forderte Druck aus dem Volke im Jahre 1998 die Abdankung des Erzbischofs von Wien, Kardinal Hans Hermann Groer, nachdem er beschuldigt worden war, Seminaristen belästigt zu haben. Er bestritt die Anschuldigungen, aber sein Nachfolger, Kardinal Christoph Schönborn, sagte, sie stimmten, und entschuldigte sich für ihn.

In einem dieses Jahr geschlossenen finanziellen Vergleich erklärte sich die römisch-katholische Kirche in Irland einverstanden, den Gegenwert von 110 Millionen Dollar zu zahlen, um Tausende von Opfern sexueller Belästigung in Bekenntnisschulen und Kinderkrippen fast über das ganze letzte Jahrhundert hinweg zu entschädigen.

Französische Staatsanwälte haben Missbrauchsfälle unter Priestern nachdrücklich verfolgt. In den letzten Jahren sind etwa 30 Priester pädophiler Handlungen überführt worden, und 11 sitzen im Gefängnis. Im September erhielt der Bischof von Bayeux-Lisieux, Pierre Pican, eine dreimonatige Bewährungsstrafe, weil er einen pädophilen Priester in seiner Diözese nicht bei den weltlichen Behörden angezeigt hatte. Doch selbst mit den Problemen sexuellen Missbrauchs in Europa ist die Haltung des Vatikans unschlüssig.

Monsignore Piero Monni, ein Fachmann für Pädophilie, der im letzten Jahrzehnt den Feldzug des Vatikans gegen Touristen, die ins Ausland reisen, um Kinder sexuell auszubeuten, anführte, argumentierte, die Kirche habe die moralische Kraft, gegen die Pädophilie anzugehen. Er ist der Autor von Der Archipel der Schande: Sextourismus und Pädophilie, das diesen Monat herauskam. In einem Interview in Rom in der vergangenen Woche sagte er: "Die Flugzeuge mit Sextouristen, die sich nach Thailand oder auf die Philippinen aufmachen, sind nicht voller Priester."

Die finanzielle Bedrohung

In Boston drohen jetzt einige Katholiken, nicht mehr zu spenden, und die Diözese redet darüber, Kirchen zu verkaufen. Das soll die Vergleiche zahlen helfen, von denen die Anwälte der Kläger sagen, dass sie 100 Millionen Dollar ausmachen können.

Aber der finanzielle Fallout in Dallas, wo im Jahre 1996 eine Jury anordnete, dass die Erzdiözese 119,6 Millionen Dollar Schmerzensgeld an Opfer sexuellen Missbrauchs zu zahlen habe, veranschaulicht sowohl die finanzielle Unverwüstlichkeit der Kirche als auch den Preis, den sie für das Wohlwollen lebenslanger Katholiken zahlen mag. Die Diözese Dallas handelte das Urteil mit den Klägern auf 31 Millionen Dollar herunter. Die Versicherung deckte nur 20 Millionen ab, und so war die Diözese gezwungen, die verbleibenden 11 Millionen aufzubringen, sagte Bronson Havard als Sprecher und Diakon der Kirche.

Wie viele katholische Diözesen besaß Dallas überschüssiges Eigentum, das es verkaufen oder auf das es eine Hypothek aufnehmen konnte. Kein Gemeindeglied protestierte, als die Diözese zwei leere Grundstückparzellen verkaufte. Aber ihr wertvollster ungenutzter Besitz in einer sich schnell entwickelnden Vorstadt war ein verlassenes Schulgebäude namens St. Ann's, das viele Amerikaner spanischer Herkunft in Dallas als heilig ansahen.

"Das war das geistliche Zentrum der Gemeinde", sagte die Ratsfrau Veletta Forsythe Lill, die den Bezirk in Dallas vertritt, in dem die Schule steht. "Sie war wirklich das Zentrum spanischen Lebens für die mexikanischen Einwanderer, die in den 20er und 30er Jahren nach der mexikanischen Revolution nach Dallas gekommen waren. Gemeindeglieder protestierten, bildeten eine Rettet-St. Ann's-Gruppe und versuchten, den Stadtrat zu überreden, das Gebäude unter Denkmalsschutz zu stellen. Die Schlacht dauerte etwa anderthalb Jahre, aber am Ende verkaufte die Diözese den Besitz und bekam dafür 4 Millionen Dollar, mit denen man zum Teil die Opfer sexuellen Missbrauchs bezahlen konnte", sagte Havard. "Die Fälle von sexuellem Missbrauch machten den Verkauf um so bitterer", sagte Frau Lill. "Einige in der Gemeinde meinten, das Versagen der Diözese habe die Kirche zum Verkauf gezwungen." Die Diözese Dallas habe bis zum Jahr 2000 alle Schulden bezahlt, sagte Havard. Bei Spendenfeldzügen hätten die Gemeindeglieder jedes Jahr seit dem Vergleich Spenden aufgebracht, die das Ziel um mehrere Hunderttausend Dollar übersteigen. "Im vergangenen Jahr waren es 4,8 Millionen Dollar", sagte er. "Wir haben nie die finanzielle Unterstützung durch die Gläubigen verloren", sagte Havard.

Eine deutliche finanzielle Auswirkung hat das alles auf die Möglichkeit der Kirche gehabt, Versicherungen abzuschließen. Vor der Flut der Ansprüche aufgrund sexuellen Fehlverhaltens waren die Diözesen in der Lage, Haftpflichtversicherungen bis zu einer Versicherungssumme von 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es habe sich herausgestellt, dass viele dieser Policen nur schlechten Schutz boten, sagte Michael Sean Quinn, Anwalt in Austin, Texas, der im ganzen Land mit vielen Fällen wegen Fehlverhaltens von Geistlichen zu tun hatte. Versicherungsgesellschaften, sagte Quinn, hätten es oft mit der Begründung, es handele sich um Vorsatz, für den die Versicherung nicht aufkomme, abgelehnt, die Kosten für einen viele Millionen teuren Vergleich zu bezahlen. In den letzten Jahren, so haben Industriefachleute gesagt, hätten die Versicherungsgesellschaften ihr Risiko weiter vermindert, indem sie die Prämien erhöht und die Versicherungssumme gesenkt hätten. "Wenn man überhaupt noch eine Versicherung abschließen kann", sagte ein Broker, "dann vielleicht über eine Million oder höchstens fünf Millionen. Und der Selbstbehalt beträgt vielleicht 500.000 Dollar."

Staatsanwälte rücken an

Bis vor kurzem war die Kirche in der Lage, die meisten Rechtsfälle wegen sexuellen Missbrauchs durch Priester aus dem Gerichtssaal zu halten. Es gibt zwar einige veröffentlichte Prozesse, aber die Mehrzahl der Fälle waren Zivilklagen, die in aller Stille beigelegt wurden, bei denen die Beweise von Gericht verschlossen wurden. Nur wenige Fälle wurden an die Staatsanwälte weiterverwiesen.

Aber in Portland, Boston und Philadelphia und sonstwo gehen die Staatsanwälte jetzt energischer vor. Sie fordern Unterlagen and erklären ihre Absicht, den Beweisen zu folgen, wohin immer diese führen. "Es gibt auch falsche Anschuldigungen, aber das bedeutet keine Hexenjagd", sagte Linda A. Fairstein, die bis zum letzten Jahre Leiterin der Einheit für Sexualverbrechen beim Bezirksstaatsanwalt von Manhattan war. "In New York und vielen anderen Bundesstaaten gibt es heute Spezialisten, die falsch von richtig unterscheiden können. Polizei und Staatsanwälte sollten die Untersuchungen vornehmen, nicht die Geistlichkeit."

Etwa die Hälfte der Bundesstaaten nehmen Kirchenvertreter von den Gesetzen aus, die von Schulen und Therapeuten verlangen, sexuellen Missbrauch anzuzeigen. Heute rufen Gesetzgeber und Richter in einigen dieser Staaten, wie Massachusetts, nach der Aufhebung dieser Ausnahmen. New York nimmt Priester von dem Gesetz aus, das eine Anzeige zur Pflicht macht. Gesetzgeber in Pennsylvania und anderen Bundesstaaten erwägen die Verlängerung der Verjährungsfrist, um es leichter zu machen, Sexualverbrecher zu verfolgen.

Jeffrey R. Anderson, Anwalt aus St. Paul von Hunderten von Personen, die geltend machen, von Priestern missbraucht worden zu sein, sagte: "Der Missbrauch wird erst aufhören, wenn ein Bischof die Gefängnistür hinter sich zuschlagen hört." Viele Priester, die unbefleckt von den Anschuldigungen sind, sagen, sie würden bestraft. "In gewisser Weise bleibt etwas an einem hängen, weil man Priester ist", sagte ein angesehener Kirchenvertreter, der nicht seinen Namen nennen wollte.

Reverend Carmine Funaro, Kapuzinerpater an der Kirche Unserer Königin der Engel, der eine Gemeindeschule in Manhattan leitet, drückte seine Trauer über das Verlorene aus. "Die Leute haben Verständnis, aber ich fühle mich so beschwerlich", sagte Pater Funaro. "Wir müssen reserviert sein, damit die Leute nicht sagen: 'Der hat mein Kind angefasst'." Pater Funaro sagte, Geistliche seien von Kirchenführern gewarnt worden, nie mit einem Kind allein in einem Raum zu sein.

Monsignore Philip Murnion, Leiter des National Pastoral Life Center in New York, der mit Gemeinden im ganzen Land zusammenarbeitet, sagte, eine Krankenschwester in einem Hospital habe neulich gefragt: "Was ist das dringendste Problem, vor dem die Kirche heute steht?" Monsignore Murnion sagte, er habe erwidert: "Die grundlegendste Frage ist meiner Meinung nach, wo Gott ist. Dann habe ich gesagt, das unmittelbarste Problem ist dieser Sexskandal und die Notwendigkeit, das Vertrauen wieder herzustellen." Die Krankenschwester, sagte er, habe ihm erzählt: "Das ist es, wonach ich wirklich gefragt habe. Ich glaube, man kann nicht darüber nachdenken, wo Gott ist, wenn man das nicht beantwortet hat."

Übersetzung für Kids e.V., Leverkusen

 

Update: 

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