Weitere Missbrauchsprozesse gegen
ZJ werden folgen, sagt ehemaliger Ältester voraus
Montag, 28. Januar 2002 6:52
SPOKANE, Wash., 28. Januar 2002 (U.S. Newswire via COMTEX) -- Eine Zivilklage wegen sexuellen Missbrauchs, die gestern im Bundesstaat Washington State gegen die Organisation der Zeugen Jehovas mit Sitz in Brooklyn, N.Y., eingereicht wurde, ist „nur die Spitze des Eisbergs“, so der Leiter einer neuen landesweiten Selbsthilfegruppe für Mitglieder der Kirche, die von Mitgliedern und Funktionären der Zeugen Jehovas missbraucht wurden. Ein Anwalt der Klägerin, der schon über 400 Fälle von sexueller Belästigung durch Geistliche geführt hat, pflichtet dem bei. Dutzende weiterer Opfer von Missbrauch durch Kirchenführer reichen vielleicht ähnliche Klagen ein, sagt er voraus.
Am vergangenen Dienstag reichte eine 23-Jährige Frau aus Sacramento, Erica Rodriguez, gegen den Geistlichen der Zeugen Jehovas, der sie wiederholt missbraucht hatte, sowie gegen die Religionsgemeinschaft mit Sitz in New York Klage ein, weil diese Pädophilen „routinemäßig Zuflucht, Schutz, Mitgefühl und Unterstützung biete“, so die Klageschrift. Manuel Beliz von der spanischen Versammlung der Zeugen Jehovas in Othello, Washington, wurde für schuldig befunden, Rodriguez während ihrer Kindheit vergewaltigt und sexuell belästigt zu haben, und zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fall ist so bedeutsam, weil er einer aus einer relativ geringen Anzahl ist, wo Klage gegen die landesweite Zentrale der Zeugen Jehovas erhoben wird.
Jeffrey Anderson aus St. Paul, Minnesota, einer der Anwälte von Rodriguez in dem Fall, hat mehr Klagen wegen sexuellen Missbrauchs gegen religiöse Körperschaften eingereicht, als jeder andere Jurist. „Meiner Erfahrung in den letzten 20 Jahren nach tritt eine Handvoll tapferer Opfer in den Religionsgemeinschaften vor. Dadurch wird anderen, die leiden, Mut eingeflößt, auch Heilung zu suchen“, sagte er.
„Unsere Religionsgemeinschaft ist jetzt dort, wo die katholische Kirche vor 20 Jahren war – direkt am Rande einer Krise“, sagte William H. Bowen aus Calvert City, Kentucky. Bowen, ehemaliger Ältester der Kirche in seiner Ortsversammlung und seit 43 Jahren Zeuge Jehovas, leitet jetzt „silentlambs,inc“, die einzige landesweite, gemeinnützige Selbsthilfegruppe für Männer und Frauen, die von Zeugen Jehovas sexuell missbraucht wurden. (www.silentlambs.org, 1-877-WTABUSE) Im vergangenen Jahr trat er als vorsitzführender Aufseher zurück und ging mit dem Thema an die Öffentlichkeit, um die Führung der Religionsgemeinschaft dazu zu zwingen, einfühlsamer gegenüber Missbrauchsopfern zu reagieren und mutmaßliche Sexualtäter dem Justizsystem zu übergeben.
„In nur wenigen Monaten, mit minimalem Etat und Freiwilligen, haben fast 1000 Zeugen und Ex-Zeugen, die von Kirchenmitgliedern vergewaltigt oder sexuell belästigt wurden, mit unserer Gruppe Kontakt aufgenommen“, behauptete Bowen. Die mutmaßlichen Opfer haben ein Alter von 2 bis 15 Jahren und leben von Maine bis Kalifornien in den gesamten USA und auch im Ausland. Repressive und engstirnige Kirchenpolitik, eine starre Hierarchie und ein starkes Beharren auf dem Gehorsam gegenüber Kirchenautoritäten kommen zusammen und bilden „für die Opfer eine Falle in einem Kult des Schweigens“, glaubt Bowen. „Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften, die missbraucht wurden, sind geneigter, die Stimme zu erheben, Anwälte zu konsultieren und sich an die Polizei zu wenden“, meint er.
„Sowohl formell als auch informell werden die Zeugen gelehrt, mit allen Dingen, insbesondere umstrittenen, zu den Kirchenführern zu gehen und so zu vermeiden, Schande über die Kirche zu bringen“, sagte Barbara Anderson, eine weitere Führerin in der Organisation silentlambs. Anderson diente 10 Jahre lang im „Bethel“ in Brooklyn, New York, der Weltzentrale der Religionsgemeinschaft. Wie Bowen wurde sie ernüchtert, nachdem ihr die Aufgabe zugeteilt worden war, zu untersuchen, wie Kirchenführer mit Missbrauchsbeschuldigungen umgehen. Aber dieser „Kult des Schweigens“ ändert sich langsam, glaubt sie. „Immer mehr Zeugen erkennen, dass das Bloßstellen von Sexualverbrechen Gottes Wille ist. Sie merken, dass es heilsam für die Kirche ist, wenn sie Kinderschänder los wird.“ Die Zeugen werden „ermutigt, sogar inspiriert durch das Vorbild von Opfern in katholischen und protestantischen Religionsgemeinschaften, die mit zunehmendem Erfolg die Täter verklagen“, sagte sie.
„Wir finden, je konservativer und mehr Kontrolle ausübend eine kirchliche Gruppe ist, um so schwerer ist es für jemanden, der zum Opfer gemacht wurde, hervorzukommen“, sagte Anwalt Timothy Kosnoff aus Bellevue, Washington. Kosnoff vertritt auch Rodriguez und war bereits in anderen Missbrauchsfällen gegen andere Religionsgemeinschaften tätig. „Aus diesem Grund sind Selbsthilfegruppen so erfolgreich, und deshalb ist es so entscheidend, die Polizei, einen Therapeuten oder einen anderen Fachmann einzuschalten”, sagte er.
Die Weltzentrale der Zeugen Jehovas führt zwar ausgiebig Unterlagen über beschuldigte Kinderschänder in der Kirche, aber sie weigert sich, diese Informationen zu veröffentlichen, und in vielen Fällen zeigt sie das Verbrechen nicht an. Daher gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Zeugen Jehovas wegen sexueller Belästigung angeklagt wurden. „Welche Zahl es auch immer ist, Sie können sicher sein, dass sie schnell und dramatisch zunimmt, wenn die Opfer einmal entdecken, dass die Kirche die Opfer nicht mehr zum Schweigen vergattern kann“, sagte
Bowen.
Die Religionsgemeinschaft hat eine Million Mitglieder in den Vereinigten Staaten und sechs Millionen weltweit.
Übersetzt für Kids e.V., Leverkusen