Duane Magnani - WTG
- Ihr Umgang mit Kindern
Vortrag, 19.5.2001
in Hannover (Projekt
B (Beröa))
Ich habe wieder einen
Witz: Wie bekommt man Licht aus dem Wachtturm? ... Man muss ihn
verbrennen.
Ich möchte gerne
kurz etwas über mich selbst erzählen. Ich wurde als Zeuge Jehovas
erzogen, von fünf bis ich sechzehn Jahre alt war. Und als
Erwachsener gehörte ich ihnen 1974 eine kurze Zeit, ein paar Monate
lang, an. Im Jahre 1974 gründeten wir den Dienst Witness Inc. Etwa
zehn Jahre später begann ich, Anfragen nach Informationen über
Kinder bei den Zeugen Jehovas zu erhalten. Insbesondere in
Angelegenheiten, bei denen es um das kindliche Sorgerecht ging. Natürlich
hatte ich zu dieser Zeit schon eine große Materialsammlung zu
sozialen Fragen in Bezug auf Jehovas Zeugen. Im Jahre 1986 begann
ich, selbst vor Gericht in Sorgerechtsfällen Aussagen zu machen.
Und ehe ich es gewahr wurde, vertiefte ich mich in die Sache und
forschte gründlich nach. Ich begann, Jehovas Zeugen über ihr Leben
zu befragen, das sie als Kinder bei den Zeugen geführt hatten. Bis
heute habe ich schätzungsweise 2.000 Personen über ihr Leben als
Kinder bei den Zeugen befragt. Ich war Berater in über 125
Sorgerechtsfällen. In einigen Fällen wurde ich beigezogen, wo es
um Bluttransfusionen in Krankenhäusern ging, und auch in ein paar Fällen
von Gewaltanwendung und Mord. Und ich habe in 17
Sorgerechtsprozessen eine Aussage gemacht. Wenn ich also sage, ich
kenne mich auf dem Gebiet von Kindern bei den Zeugen Jehovas recht
gut aus, dann rede ich aus Erfahrung.
Die
Wachtturm-Organisation hat ein Flugblatt gedruckt: "Eine
vereinte glückliche Familie -- Was ist der Schlüssel?" Ich
glaube nicht, dass es so etwas gibt. Ich glaube, die Familien von
Zeugen Jehovas sind im allgemeinen weder vereint noch glücklich.
Tatsächlich macht sich die Wachtturm-Organisation recht große
Sorgen um die hohe Zahl von Scheidungsfällen bei Jehovas Zeugen.
Wenn man bedenkt, dass allein wegen der fehlgeschlagenen
Prophezeiung über das Jahr 1975 damals eine dreiviertel Million
Menschen die Bewegung verlassen hat, ist klar, dass viele Familien
zerbrochen wurden.
In den Vereinigten
Staaten enden 20 % der Scheidungsfälle mit Sorgerechtsprozessen. So
gehen allein in den Vereinigten Staaten ständig etwa 2.000 Zeugen
Jehovas durch Sorgerechtsstreitigkeiten. Das ist der Grund, warum
unser Dienst jede Woche mehrere Anrufe und Briefe erhält, in denen
es um das Sorgerecht geht. Im allgemeinen gibt es folgende Arten von
Fragen, die das Sorgerecht betreffen:
Die grundlegendste
Frage ist die Autorität der Wachtturm Bibel- und
Traktat-Gesellschaft über einen Zeugen Jehovas. Die Machtzentrale
sitzt in Brooklyn, New York, und sie bedient sich der so genannten
leitenden Körperschaft. Das ist eine Gruppe von etwa 13 Männern,
die den Anspruch erheben, Gottes Mitteilungskanal zu sein. Sie haben
sogar den Anspruch erhoben, -- Zitat: "den Sinn der Menschen zu
leiten" -- Zitatende. Daher ist ein Zeuge Jehovas, der ein
Elternteil ist, beinahe schon ein Babysitter, der zwischen den
wahren Eltern in Brooklyn und dem Kind steht.
Die Wachtturm-Führer
verbieten das, was sie unabhängiges Denken nennen. Das meint jede
Handlungsweise eines Zeugen Jehovas, die dem widerspricht, was in
ihrer Literatur geschrieben steht. Wer unabhängiges Denken
praktiziert, dem wird die Gemeinschaft entzogen. Ausgeschlossen zu
sein bedeutet, von allen Zeugen Jehovas geächtet oder sozial
isoliert zu werden. Das bedeutet: Wenn man einem Zeugen Jehovas auf
der Straße begegnet, dann wird einen dieser nicht einmal erkennen
oder Guten Tag sagen. Ein Zeugen-Kind, das die Organisation verlässt,
wird von den eigenen Eltern geächtet.
Es gibt viele Möglichkeiten,
wie sich etwas auf die seelische Gesundheit eines Kindes auswirken
kann. Oftmals, wie ich mich selbst an meine Kindheit als Zeuge
erinnern kann, haben Kinder Angst vor Dämonen. Das kommt daher,
dass die Dämonen sie kriegen werden, wenn sie nicht den
Wachtturm-Lehren folgen. Die größte Angst von Zeugenkindern ist,
dass sie nicht das Erwachsenenalter erreichen werden. Denn ein
Zeugen-Kind denkt, dass das Ende der Welt in sehr kurzer Zeit kommen
werde. Um das Ende der Welt zu überleben und in das zu gelangen,
was der Wachtturm das Paradies nennt, muss man ein guter Zeuge
Jehovas sein. Und vielleicht wissen Sie ja: Das Ende der Welt ist für
verschiedene Zeitpunkte vorhergesagt worden. Das neueste Datum war
das Jahr 2000, eine Vorhersage, die sofort geändert wurde.
Die Justiz ist nicht
an religiösen Fragen interessiert, sie muss jedoch auf die sozialen
Fragen achtgeben. Eines der Schlüsselthemen bei allen Prozessen ist
die so genannte "soziale Isolation". Alle Zeugenkinder
werden gelehrt, dass es abträglich ist, mit Menschen, die keine
Zeugen Jehovas sind, Kontakt zu haben. Nichtzeugen werden als
"Weltmenschen" bezeichnet. Also ist die Gemeinschaft mit
Personen, die keine Zeugen Jehovas sind, verboten. Das beinhaltet Tätigkeiten
nach der Schule außerhalb des Stundenplanes, Hobbys, Sport mit
Kindern, die keine Zeugen sind; und nicht einmal mit ungläubigen
Verwandten soll man Gemeinschaft haben.
Für das Gericht von
Interesse ist, dass Zeugenkinder keine Nationalfeiertage begehen dürfen.
Alle Geburtstagsfeiern, Weihnachten, Ostern, Muttertag werden als
Teil der Welt Satans verurteilt. Für das Gericht ist auch von
Interesse, dass den Kindern generell von einem Studium an einer
Universität abgeraten wird. Es gibt da jedoch eine Ausnahme: In
neuerer Zeit hat die Wachtturm-Organisation erkannt, dass es ohne
jede Berufsausbildung nicht möglich ist, genug für den
Lebensunterhalt zu verdienen. Alle Zeugenkinder werden dazu
ermuntert, den Vollzeitdienst aufzunehmen und an die Türen zu
klopfen. Das bedeutet, dass etwas Ausbildung reicht, damit sie ihre
Rechnungen bezahlen können, während sie an die Türen klopfen. Das
Gericht interessieren auch die Tätigkeiten eines Zeugen Jehovas,
die nicht Bürgerpflicht sind. Patriotismus oder seiner Bürgerpflicht
nachkommen wird von einem Zeugen Jehovas als etwas Gottloses
angesehen. Daher gehen Jehovas Zeugen generell nicht zur Wahl, sie
weigern sich, die Nationalfahne zu grüßen; alle staatlichen Behörden
werden als unter Satans Kontrolle stehend betrachtet. Wenn ein Land,
in dem ein Zeuge Jehovas lebt, angegriffen wird, wird sich dieser
weigern, es zu verteidigen.
Das Gericht ist sehr
an dem körperlichen Wohlergehen eines Kindes interessiert. Zusammen
mit den seelischen Problemen, die sich aus den von mir erwähnten
Tatsachen ergeben, steht ein Zeugenkind immer vor dem Problem, dass
es eine Bluttransfusion brauchen könnte und diese ablehnen muss. In
einem medizinischen Notfall wird der Elternteil des Kindes, der
Zeuge ist, die Bluttransfusion ablehnen. In einem Notfall beantragt
das Krankenhaus eine gerichtliche Verfügung, die die Transfusion für
das Kind erlaubt. Das Problem dabei ist, wenn das Kind das Blut
schnell braucht, dauert es, bis die medizinische Hilfe gegeben
werden kann. Und wenn die Eltern geschieden sind und der Elternteil,
der Zeuge ist, ist anwesend, und der Teil, der kein Zeuge ist, ist
nicht anwesend, dann kann man kaum erwarten, dass der
Zeugen-Elternteil den anderen über den Notfall benachrichtigt. Würde
der Zeugen-Elternteil den anderen benachrichtigen, dann würde das
so betrachtet, als helfe er Satan in seiner Vorgehensweise. Und um
die Sache noch komplizierter zu machen: Jehovas Zeugen wird geraten,
ihre Kinder nicht in Krankenhäuser zu geben, die vielleicht
Bluttransfusionen vornehmen.
Die
Wachtturm-Gesellschaft hat veröffentlicht, welche Verpflichtung ein
Zeuge Jehovas in einer solchen Situation hat. Ich werde Ihnen das
jetzt vorlesen:
Auch heute müssen
Christen standhaft sein, fest entschlossen, das göttliche Gesetz
nicht zu übertreten, selbst wenn ihnen dadurch von seiten des
Staates Gefahr droht.
Dann wird ein
Beispiel von einem Kind angeführt, dass sich in einer solchen
Situation befindet. Das Kind ist ein junges Mädchen. In dem Artikel
heißt es:
Die Zwölfjährige
ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie sich mit aller ihr
zu Gebote stehenden Kraft gegen eine gerichtlich angeordnete
Bluttransfusion zur Wehr setzen würde. Desgleichen würde es ein
Christ, falls es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer gerichtlich
angeordneten Transfusion kommt, so einrichten, dass etwa eine
derartige Übertretung des Gesetzes Gottes nicht erreichbar wäre.
Wenn sich ein Christ äußerst energisch bemüht, Gottes Gesetz über
das Blut nicht zu übertreten, könnte es sein, dass er von der
Obrigkeit als Gesetzesbrecher betrachtet oder strafrechtlich
verfolgt wird. Sofern es zu einer Bestrafung käme, könnte der
Christ die Sache so ansehen, als leide er um der Gerechtigkeit
willen.
Entsprechend dieser,
1991 herausgekommenen Forderung ist das gesamte Rechtssystem seiner
Möglichkeiten beraubt, gerichtliche Verfügungen auch
durchzusetzen. Meiner Erfahrung nach neigen Gerichte dazu, zu
glauben, dass sie die Macht haben, Verfügungen gegen Jehovas Zeugen
durchzusetzen. Und wahrscheinlich sind die Gerichte außerhalb der Fälle,
mit denen ich zu tun hatte, nicht vertraut mit dieser Forderung, von
der wir gerade gelesen haben. Ich finde es interessant, dass die
meisten Gerichte verwirrt sind über die hartnäckigen Bemühungen
der Wachtturm-Gesellschaft, Gerichtsverfügungen aus dem Weg zu
gehen. Sie sind einfach nicht mit dieser besonderen Aktivitäten der
Zeugen Jehovas vertraut.
In meinem allerersten
Gerichtsfall traf ein Richter eine interessante Erklärung. Ich
fasse das jetzt einfach für Sie zusammen. Er fand, dass er das
erste Mal in fünfundzwanzig Jahren die am meisten geschlagenen und
missbrauchten Kinder vor sich hatte, die er je in einem Gerichtssaal
sah. Er beschrieb die Zeugenkinder, die er vor sich sah. Er sagte,
es sei nicht nur Kindesmissbrauch, Kinder zu schlagen, auch nicht
nur, Kinder sexuell zu liebkosen oder sie auf unrechte Weise
auszuschimpfen. Er sagte vielmehr: Jemandem die Chance zu
verweigern, im Leben voranzukommen, ist auch systematischer
Missbrauch.
Nun möchte ich Ihnen
gerne erzählen, wie Gerichte in Sorgerechtsfällen zu einem Urteil
kommen. Die Gerichte sind per Gesetz verpflichtet, das Kindeswohl zu
beachten. Und sie sollen das Kindeswohl aufgrund des Glaubens und
der Glaubensausübung der Eltern beachten. Wenn dieser Glaube und
seine Ausübung das Kind schädigen, spielt dieser Gedanke bei
Sorgerechtfällen eine Rolle. Man kann etwas glauben, aber wenn die
Ausübung dieses Glaubens das Kind schädigt, dann ist das etwas,
das das Gericht interessiert. Ein Gericht wird sich also nicht in
die Glaubensausübung des Elternteils einmischen, so lange es sich
um Religion handelt und das Kind nicht schädigt. Und Gerichte
sollen untersuchen, ob diese Glaubenspraxis tatsächlich dem Kind
schadet oder künftig Schaden zufügen kann. All das muss sich auf
Beweise und Zeugenaussagen stützen. In Fällen, mit denen ich zu
tun hatte, haben die Gerichte die religiöse Erziehung des Kindes
durch den Elternteil, der Zeuge ist, beschnitten.
In einem
Sorgerechtfall gibt es ein Elternteil, der Zeuge Jehovas ist, und
einen, der kein Zeuge ist. Und das Gericht erkennt, dass ein Kind
nicht in beiden Systemen aufwachsen kann. Das Gericht muss also so
oder so eine Entscheidung über den Lebensstil treffen. Das Gericht
interessiert es auch, wie die Eltern miteinander zurecht kommen. Ein
negativer Faktor bei Sorgerechtsfällen ist die Art, wie der Zeuge
Jehovas den Partner, der kein Zeuge ist, betrachtet. Und wenn ein
Elternteil willens ist, ein Gerichtsurteil zu missachten, dann fällt
das natürlich schwer ins Gewicht.
Nachdem wir zwei oder
drei Jahre lang schon in Gerichtsprozessen ausgesagt hatten und die
Wachtturm-Organisation dadurch negativ berührt wurde, beschloss
sie, ein Strategiehandbuch herauszubringen, das Jehovas Zeugen darin
schulen sollte, wie sie aussagen sollten. Dieses Strategiehandbuch
trägt den Titel "Preparing for Child Custody Cases"
[Vorbereitung auf Sorgerechtsfälle]. Es gibt davon mehrere
Ausgaben. In einem Fall im Jahre 1991 fand ich heraus, dass das
Handbuch direkt gegen mich gerichtet war. Deshalb schrieb ich "Refutation
of Preparing für Child Custody Cases" [Widerlegung des Buches
...]. Sie ist ein bisschen umfangreicher als das andere.
Das Handbuch "Preparing
for Child Custody Cases" lehrt Jehovas Zeugen im Grunde
genommen, wie sie unter Eid lügen sollen. Ich glaube, Jehovas
Zeugen wissen, dass sie Sorgerechtsprozesse nicht gewinnen können,
wenn die Wahrheit über ihren Lebenswandel bekannt wird. Ich könnte
als Christ noch hinzufügen: ich sehe das Justizsystem als eine Möglichkeit
an, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Ebenfalls in den
1980er Jahren begann ich, einige Bücher über Kinder, die Zeugen
Jehovas sind, zu schreiben. Ich glaube, wenn die allgemeine Öffentlichkeit
versteht, wie Zeugenkinder behandelt werden, dann ist das einer der
größten Schläge, die dieser Sekte versetzt werden. Als ich also
begann, diese Bücher über Zeugenkinder zu schreiben -- und das
sind dicke Bücher --, habe ich in meiner ersten Ansprache gesagt:
"Ohne die jungen Leute stirbt der Wachtturm aus. Ich möchte
diese Kinder erreichen, und zwar über das Fernsehen." Kurz
danach entschied eine Anzahl von Prozessparteien in meinen
Sorgerechtsfällen sich dafür, an die Öffentlichkeit, in die
Medien, zu gehen. Das führte zu einer Sendung in dem US-Programm
"Sixty Minutes". Das ist die größte Nachrichtensendung
der Welt. Und jede Ausstrahlung erreicht vierzig Millionen Menschen.
Wir konnten mehrere meiner Fälle im Fernsehen vorstellen.
Es freut mich zu
sagen, dass die Zeugen Jehovas seit 1992 in den Vereinigten Staaten
nicht an Zahl zugenommen haben. Ich will nun nicht sagen, dass das
mein Verdienst ist, aber ich glaube wirklich, wenn man vierzig
Millionen Menschen zur selben Zeit erreicht und dann die Sendung
noch einmal wiederholt wird, in der der negative Lebenswandel der
Zeugen Jehovas dargestellt wird, dann muss das schon Auswirkungen
haben.
Ich glaube, für
jeden Zeugen Jehovas, dem Sie aus der Organisation heraushelfen können,
können Sie Tausende davon abzuhalten, zu der Sekte zu gehen. Zu der
Zeit, als "Preparing for Child Custody Cases" geschrieben
wurde, kam die Zeitschrift Erwachet! [Anm. d. Übers: Erwachet!, 22.
Oktober 1988] mit der Aussage heraus: Das Sorgerecht - ein
schmerzliches Tauziehen. Und seither sind die Zeugen Jehovas sehr
viel interessierter an Sorgerechtsfällen.
Wiederum haben wir
als Christen viel Zeit damit verbracht, um dieses Thema zu beten.
Ich glaube, dass Gott die Kinder von Zeugen Jehovas liebt. Und ich
glaube, dass die Gebete von Christen sehr hilfreich für die Kinder
sind, die in dieser Sekte gefangen sind.
Wir glauben auch,
dass die beste Art und Weise, Menschen bei Sorgerechtsfällen zu
erreichen, darin besteht, Informationen auf Videoband herzustellen.
So brachten wir in den frühen 1990er Jahren "Battling over the
Children" [Der Kampf um die Kinder] heraus, das jetzt auch auf
Deutsch vertont wurde. Und natürlich hatte das eine bessere
Verbreitung als jede Fernsehsendung, weil es genau zu den Leuten
gelangt, die es brauchen, meistenteils Anwälte. Ich habe ganz
allgemein festgestellt, dass Anwälte kaum etwas über den
Lebenswandel der Zeugen Jehovas wissen.
Meine Arbeit besteht
darin, Strategien für Gerichtsfälle zu entwickeln. Typischerweise
werde ich in Anspruch genommen, um einem Anwalt zu helfen, Fragen für
Gerichtsverhandlungen aufzusetzen. Eine meiner Tätigkeiten sind
eidesstattliche Erklärungen außerhalb des Gerichts. Eine solche
Erklärung ist die Aussage eines Zeugen, in diesem Fall eines Zeugen
Jehovas. Die Aussage wird unter Eid vorgenommen, aber ehe der
eigentliche Prozess beginnt. Manchmal wird das auch als Offenlegung
bezeichnet; hier haben beide Parteien, der Zeuge Jehovas und der
Nicht-Zeuge, die Gelegenheit, herauszufinden, was die andere Seite
vor Gericht sagen wird. An diesem Punkt setzte ich so ab fünfzig
bis mehrere hundert Fragen an den Zeugen Jehovas auf. Und diese
Fragen haben damit zu tun, wie Eltern, die Zeugen Jehovas sind, die
Kindererziehung sehen.
Wenn Sie sich die
Situation vor Augen halten können, wäre das hilfreich. Stellen Sie
sich vor, Sie seien als Elternteil ein Zeuge Jehovas. Und Sie sitzen
in einem kleinen Raum mit einem Tisch, der nicht größer ist als
der, an dem Sie gerade sitzen. In dem Raum sind ein
Gerichtsschreiber, Anwälte beider Parteien und ich. Ich bin ein
Abtrünniger, ein Ex-Zeuge Jehovas. Der Zeuge Jehovas hasst mich.
Der Zeuge Jehovas fühlt sich mit mir, der ich ihm genau gegenübersitze,
sehr ungemütlich. Und stellen Sie sich vor: Sie sind ein Zeuge
Jehovas und wissen, dass alle Fragen, die der Anwalt Ihnen stellt,
von mir geschrieben worden sind -- und das alles müssen Sie zehn,
zwölf Stunden lang aushalten, Sie müssen Wachtturm-Dokumente lesen
und werden zum Beispiel gefragt, ob Sie Ihr Kind in einem
medizinischen Notfall sterben lassen würden, ob Sie mit dem übereinstimmen,
was der Wachtturm Ihnen vorschreibt, ob Sie damit übereinstimmen,
dass der Wachtturm das Ende der Welt vorhergesagt hat, und ob Sie
Ihren Kindern das Zusammensein mit Kindern, die keine Zeugen sind,
erlauben. Und alle diese Fragen, die ich dann stelle, sind in ganz
kurze Sätze gefasst, so dass Sie nicht anders können, als richtig
zu antworten. Aber unserer Seite ist es gleichgültig, was der Zeuge
Jehovas antwortet, denn wenn er in Bezug auf seinen Lebensstil lügt,
dann ist da der Gerichtsschreiber, der alles aufnimmt. Und wenn es
dann vor Gericht verhandelt wird, würde der Richter schon sehen,
dass der Zeuge Jehovas gelogen hat. Und der Richter wird sich
fragen, warum der wohl gelogen hat. Was hat er zu verbergen? Ich
glaube also, wenn der Richter ehrlich ist, ihm das Kindeswohl am
Herzen liegt, dann werden wir uns im Gerichtssaal gut schlagen. Wir
gewinnen ungefähr 90 % unserer Fälle.
Nun ist das Buch
"Preparing for Child Custody Cases" ein Handbuch, das, wie
ich sagte, Jehovas Zeugen praktisch lehrt, wie man vor Gericht lügt.
Und dafür möchte ich ein Beispiel geben.
Auf Seite 43 des
Handbuchs steht ein Abschnitt, der "Beweisführung durch
Jugendliche" heißt. Und ehe ich daraus vorlese, möchte ich
Ihnen die Strategie dahinter erklären.
Oft lässt der
Wachtturm-Anwalt einen fünfzehn-, sechzehnjährigen Jugendlichen im
Gerichtssaal über den Lebensstil aussagen, wie er als Jehovas Zeuge
aufgewachsen ist. Und das wird natürlich gemacht, um dem Richter
klarzumachen, dass das Kind normal ist. Was ich Ihnen nun vorlesen möchte,
ist, wie ein Kind für die Zeugenaussage präpariert wird. Es heißt
hier:
Diese Beweisführung
kann eingesetzt werden, um zu zeigen, dass sie ganz normal sind.
Suche und befrage Jugendliche aus Ortsversammlungen, die als Zeugen
Jehovas aufgewachsen und in den Augen des vorsitzführenden
Aufsehers -- das ist der führende Älteste der Versammlung --
geistig gesinnt sind, sich aber auch der normalen, gesunden Dinge
erfreuen, die Jugendliche tun.
Hier möchte ich
sagen, dass der Grund, warum sie sich darüber Sorgen machen, der
ist, dass Zeugenkinder in den Augen der Gesamtgesellschaft nicht als
normal angesehen werden. Es heißt weiter:
Sie müssen nicht an
Wettkämpfen teilnehmen, um Freude an Sport zu haben.
Der Grund dafür ist:
Zeugenkinder dürfen nicht an Sportwettkämpfen teilnehmen. Denn
wenn man an Wettkämpfen teilnimmt, muss man einem Sportverein angehören.
Und das verbietet die Organisation. Was das Zeugenkind also wirklich
tut, um an Sport Freude zu haben, ist, mit anderen Zeugenkindern zu
spielen. Aber das wird wahrscheinlich vor Gericht nicht
hervorgehoben. Dann heißt es:
Sei darauf bedacht,
dass sie nicht den Eindruck vermitteln, sie befänden sich in einer
Demonstration bei einem Kreiskongress, wo sie zeigen, dass das
Wichtigste im Leben ist, in den Dienst und in den Königreichssaal
zu gehen.
In meiner
Gegenschrift zu Preparing for Child Custody Cases zeigen wir
Dokumente, in denen es heißt, das Wichtigste im Leben sei eben der
Dienst, und in den Königreichssaal zu gehen. Der Anwalt, der den
Jugendlichen präpariert, muss sicherstellen, dass der Jugendliche
erkennt, dass er vor Gericht steht. Wenn er nämlich vor den Zeugen
Jehovas etwas sagen würde, würde er voll Stolz sagen, dass für
ihn das Wichtigste im Leben ist, an die Türen zu klopfen und zu den
Zusammenkünften zu gehen. Wir haben also Unterlagen, die zeigen,
dass sehr wohl das Wichtigste der Dienst und die Zusammenkünfte
sind. Man kann sich daher vorstellen, wie verwirrt ein Zeugenkind
ist, wenn es vor Gericht etwas aussagt, von dem es selbst weiß,
dass es nicht wahr ist. Es heißt dann weiter:
Zeige Hobbys,
handwerkliche Geschicklichkeiten, soziale Tätigkeiten, Sport und
insbesondere Pläne für die Zukunft.
Es heißt:
Sei darauf bedacht,
dass sie nicht alle sagen, sie wollten Pionier werden.
Lassen Sie mich bitte
erklären, was ein Pionier ist. Ein Pionier ist jemand, der im
Vollzeitdienst an Türen klopft. In meiner Gegenschrift zu "Preparing
for Child Custody Cases" haben wir Nachweis auf Nachweis, die
sagen, sie sollten alle Pionier sein. Da ist also ein Jugendlicher,
ein Teenager, der darauf präpariert wird, vor Gericht unter Eid zu
lügen. Es wird ihm gesagt, er soll nicht vor Gericht aussagen, was
er künftig tun sollte. Statt dessen soll er das sagen, was in
diesem Buch "Preparing for Child Custody Cases" steht. Und
da steht:
Pläne können sein:
Berufe, zu heiraten, Kinder zu bekommen, Journalismus und alles mögliche
andere.
Nun, wir wollen
zuerst über das Heiraten sprechen. Werden Zeugenkinder ermuntert,
zu heiraten? Die Dokumentation in Refutation of Preparing for Child
Custody Cases zeigt, dass den Kindern gesagt wird, sie sollten das
Heiraten bis nach Harmagedon aufschieben, weil das Ende so nahe sei.
Wie steht es mit
einer Karriere als Journalist? Die Wahrheit ist, dass
Jehovas-Zeugen-Kinder von solchen Tätigkeiten abgeraten wird. Und
das habe ich belegt.
In der nächsten
Zeile heißt es:
Vielleicht könnt ihr
ein Interesse an Kunst und Theater zeigen.
Tatsächlich aber
wird Zeugenkindern nach unseren Belegen von einem Interesse an Kunst
und Theater abgeraten. Und dann wird hier am Ende der Grund für
alle diese Lügen genannt. Es heißt:
Sie müssen rein,
aufrichtig, moralisch einwandfrei sein, aber ein Interesse an Dingen
zeigen, das man auch von anderen Jugendlichen erwarten würde.
Mit anderen Worten:
Die Wachtturm-Organisation glaubt nicht, dass sie einen Fall
gewinnen kann, wenn das Zeugenkind dem Gericht als Zeugenkind präsentiert
wird. Ich sollte auch noch hinzufügen: Die Zeugen Jehovas glauben
nicht, dass es eine Sünde sei, vor Gericht zu lügen. Schließlich
ist ein Gericht ja ein Vertreter des Teufels. Manchmal wird das
"Theokratische Kriegführung" genannt.
Ein weiteres Beispiel
ist hilfreich, und das hat mit Bluttransfusionen zu tun, weil das
Gericht glaubt, es könne dieses besondere Thema in gewisser Weise
verstehen. Deshalb wird das vor Gericht ein äußerst heikler Punkt.
Ich möchte Ihnen vorlesen, wie die Strategie für ein Elternteil,
der Zeuge Jehovas ist, in Bezug auf diesen Punkt aussieht. Es heißt:
Statt nur deine
Hoffnung auf die Auferstehung deines Kindes in Gottes neuer Welt zu
erklären und die Wichtigkeit des Lebens deines Kindes in diesem
System anzuzweifeln, zeige eine ausgeglichene Sicht und erkläre in
positiven Worten, welche medizinischen Schritte du ergreifen würdest,
um sicherzustellen, dass das Kind die bestmögliche medizinische
Betreuung erhält. Du willst nicht den Eindruck erwecken, dass deine
Religion von dir verlangt, dass du dein Kind sterben lassen würdest,
wenn ein medizinischer Notfall aufträte.
Das Problem bei
dieser besonderen Strategie ist, dass Zeugeneltern mit dem
konfrontiert sind, was die Literatur ihnen für solch eine Situation
vorschreibt. Jehovas-Zeugen-Eltern werden in ihrer Literatur
belehrt, wenn das Kind Blut erhält, wird es vielleicht nicht
auferstehen und mit den Eltern im Paradies leben. Und der
Elternteil, der Zeuge Jehovas ist, wird belehrt, das gegenwärtige
Leben des Kindes zu erhalten, könne die Möglichkeit gefährden,
dass das Kind im Paradies auferweckt wird. Das ist natürlich das,
was die Literatur sagt. Aber "Preparing for Child Custody Cases"
möchte nicht, dass das Gericht das erfährt.
Ich möchte Ihnen als
Beispiel einen meiner Fälle vorstellen, bei dem es um
Bluttransfusion ging. Wir hatten mit einem bestimmten Richter vor
Gericht große Probleme. Er wollte in diesem Fall wirklich nicht die
religiösen Punkte zur Sprache bringen. Und wir waren an dem Punkt,
wo wir anfingen, zu verzweifeln. Wir kamen zu dem Thema
Bluttransfusionen, und der Richter dachte, er wüsste etwas darüber.
Bis zu diesem Punkt hatte das Gericht uns nicht erlaubt, eine
bestimmte Art von Fragen zu stellen. Aber als wir zu den
Bluttransfusionen kamen, dachte der Richter, das sei ein wichtiges
Thema. Die Mutter, eine Zeugin Jehovas, wollte die Fragen nicht
beantworten. Sie war schon bei mir zu einer Aufnahme einer
eidesstattlichen Erklärung, die drei Tage dauerte. Und ich hatte
ihr schon jede Menge Fragen zu Bluttransfusionen gestellt. Und sie
wusste, wenn sie einmal beginnen würde, die Fragen zu beantworten,
dann würden wir das, was sie sagte, mit dem vergleichen, was wir
sie bereits gefragt hatten. Als sie sich also weigern wollte, die
Fragen zu beantworten, wurde der Richter wütend. Und er sagte:
"Gnädige Frau, vielleicht wollen Sie sich noch einmal überlegen,
was Sie jetzt tun. Warum gehen Sie nicht mit Ihrem Anwalt nach draußen
und entscheiden, ob Sie Ihr Kind behalten wollen? Wenn ja, dann können
Sie zurückkommen und die Fragen beantworten." Zu diesem
Zeitpunkt ging meine Hoffnung, den Fall zu gewinnen, steil nach
oben. Sie kam zurück und wir begannen, ihr ein paar wichtige Fragen
zu stellen.
Ich bat den Anwalt,
sie zu einem hypothetischen Fall zu befragen. Angenommen, Sie würden
mit Ihrem Kind in eine Ihnen unbekannte Gegend reisen. Und ein
Lastwagen rammt Ihr Auto. Ihr Kind wird bewusstlos und blutet aus
dem Mund. Sie bringen Ihr Kind ins nächste Krankenhaus. Und nachdem
der behandelnde Arzt Ihr Kind untersucht hat, sagt er: 'Ihr Kind
braucht sofort Blut.' Was würden Sie nun tun? Sie sagte: "Ich
würde einen zweiten Rat einholen." Der behandelnde Arzt wirft
seine Hände in die Luft und sagt: 'Ihr Kind kann in der nächsten
halben Stunde sterben! Und sie möchten einen zweiten Rat einholen?'
Und sie sagte: "Ich werde das Kind in ein anderes Krankenhaus
bringen." 'Aber Ihr Kind kann auf dem Weg dorthin sterben! Würden
Sie nun bitte die Erlaubnis geben, dass das Kind das Blut erhält?'
Sie sagte: "Nein." Da sagt er: 'Nun, dann besorgen wir uns
eine gerichtliche Verfügung.' Aber da war nicht viel Zeit. Das Kind
kann in dieser Zeit sterben. Und sie sagte: "Ich möchte die Ältesten
anrufen."
Nun, als sie das
alles sagte, wurde der Richter immer ärgerlicher. Aber dann sagte
sie das Eigentliche: Sie begann, über die Auferstehung ihres Kindes
zu reden.
Verstehen Sie bitte:
Es ging um ein gesundes Kind. Es hatte keine Krankheiten. Und die
Mutter redete über ein gesundes Kind in einer hypothetischen
Situation, in der das Kind Blut brauchen würde, und sie würde das
nicht zulassen und es eher sterben lassen.
Das war mir etwas
unangenehm, weil sie an diesem Punkt in Tränen ausbrach. Einige
dieser Fälle können sehr ans Gemüt gehen. Aber das Gericht musste
eine Entscheidung treffen, bei welchem Elternteil das Kindeswohl am
besten gewahrt sei. Und das war nun eine leichte Entscheidung. Wir
gewannen den Fall.
Fast alle Fälle, bei
denen es um Jehovas Zeugen und um Nichtzeugen geht, laufen nicht mit
dieser Strategie ab. Meiner Meinung nach werden fast alle Fälle,
bei denen es um Zeugenkinder geht, von Jehovas Zeugen gewonnen --
hauptsächlich, weil das Gericht den wirklichen Lebensstil der
Zeugen nicht kennt. "Preparing for Child Custody Cases"
ist sehr wirkungsvoll. Wiederum ist ein Gericht ein sehr sichtbarer
Ort, wo der Lebensstil der Zeugen Jehovas aufgedeckt wird. Es ist
wahrscheinlich der beste Ort, um die Wahrheit über den wirklichen
Kult der Zeugen Jehovas ans Licht zu bringen. Daher finde ich dieses
Zitat des zweiten Präsidenten der Zeugen Jehovas höchst
interessant. Richter J. F. Rutherford sagte: "Wenn die
Botschaft, die Jehovas Zeugen den Menschen überbringen, wahr ist,
dann ist sie für die Menschheit von größter Wichtigkeit. Wenn sie
aber falsch ist, dann ist es die Pflicht der Geistlichen und
anderer, die sie unterstützen, unerschrocken vorzutreten und den
Menschen deutlich zu sagen, worin die Botschaft falsch ist."
Das ist alles, was ich tue. Ich sehe also nicht, warum sie das, was
wir tun, so sehr kritisieren. Schließlich war Herr Rutherford ja
angeblich ein Mitteilungskanal von Gott selbst. Also, ich denke, er
wäre glücklich über meine Widerlegungsschrift von "Preparing
for Child Custody Cases".
Doch wichtiger als
Richter Rutherford ist Jesus Christus. Und ich würde gerne
mitteilen, was er sagte. Er sagte: "Lasst die Kinder und wehrt
ihnen nicht, zu mir zu kommen. Denn solchen gehört das Königreich
der Himmel." Ich kann es nicht besser ausdrücken als Jesus
Christus. Und darum mache ich hier Schluss.
Copyright der Übersetzung:
Kids e.V., Leverkusen