Sainte Croix, den 20.01.2001
Lieber Bruder Lösch,
ich wende mich in meinem Anliegen an Dich, da ich weiß, daß Du die deutsche Sprache beherrschst, und durch Dich gleichsam an die Brüder der Leitenden Körperschaft, wie mir dies von mehreren Prüdem - auch von Ältesten - empfohlen wurde, mit der Bitte um Gerechtigkeit.
Der Sachverhalt -, mir wurde von einem Rechtskomitee der Versammlung Sainte Croix im November 2000 und dann von einem Berufungskomitee im Dezember 2000 die Gemeinschaft entzogen; die Altesten hielten mir vor, man habe mich mit einer ausgeschlossenen Schwester sprechen sehen, und man verlange, dies künftig nicht mehr zu tun, sondern sie wie nicht existierend zu behandeln.
Diese ehemalige Schwester wohnt im gleichen Haus unmittelbar unter mir, wir sind die beiden einzigen Hausbewohner, beide alleinstehend, was schon ersichtlich macht, daß es manchmal Dinge gibt, die ein Gespräch unvermeidlich machen, ähnlich wie am Arbeitsplatz, was ja auch der Wachtturm vom 15.12.1981 (deutsch) sagte. Darüber hinaus kennen wir uns seit vielen Jahren und sind befreundet, Voriges Jahr wurde ihr die Gemeinschaft auf Grund einer falschen Beschuldigung entzogen. Da ich dies wußte, konnte ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, sie wie eine Schuldige zu behandeln oder gar wie eine Antichristin anzusehen und zu verurteilen. Auch die Ältesten, die sich damals auf Grund falscher Information zu einem Gemeinschaftsentzug entschlossen, wissen inzwischen, daß die Anklage unberechtigt war. Sie haben sie im Zusammenhang mit meiner Verhandlung dazu noch einmal über eine Stunde gehört. Dennoch sehen sie keine Möglichkeit, einen ungerechten Schuldspruch aufzuheben. Es schien mir, daß ihr Ansehen ihnen wichtiger war als das Eingeständnis eines Irrtums. Und obwohl sie nun wissen, daß die Schwester die Handlungen nicht begangen hat, wegen derer sie ausgeschlossen wurde, verlangen sie von mir, diese Schwester trotzdem so zu behandeln, als ob sie schuldig wäre. Mein eigenes Gewissen spielte für sie überhaupt keine Rolle.
Ich lege Dir hier zu Deiner Information eine Übersetzung meines Berufungsschreibens (Original in französisch) bei, mit dem ich mich auch an das Büro der Gesellschaft in Thun wandte. Doch das Berufungskomitee war leider nicht an meinen Gewissensproblemen interessiert; es behandelte den Fall nicht noch einmal, sondern forderte mich nur zu Gehorsam - und Unterwerfung auf. Der Wachtturm vom 1.Dezember 2000 sagt auf S. 12 Christliche Älteste sorgen für geistige Hilfe und Ermunterung. Ich habe davon leider nichts gespürt.
Wie ich schon in meinem Berufungsschreiben sagte, kann ich mir nicht vorstellen, daß die Leitende Körperschaft mit solchen Auswirkungen ihrer Anweisungen einverstanden ist; wie könnte man denn einen Bruder oder eine Schwester unter Androhung des Gemeinschaftsentzugs zwingen wollen, gegen sein oder ihr Gewissen zu handeln? Dann würde er nach Römer 14:23 ja in jedem fall sündigen
Nachdem man mich ausgeschlossen hatte, war ich gezwungen, den beiliegenden Abschiedsbrief an meine ehemaligen Freunde und Brüder zu senden (Original ebenfalls in französisch). Denn Du weißt ja, daß in den Zusammenkünften bei der Bekanntgabe eines Gemeinschaftsentzugs keine Gründe angegeben werden; damit ist aber Gerüchten Tür und Tor geöffnet, und besonders gern werden ja Vermutungen auf Übertretungen auf sittlichem Gebiet geäußert; vor solchen Verleumdungen wollte ich mich schützen und nicht etwa jemanden angreifen, auch wenn die Ältesten meiner Versammlung die Briefe von den Brüdern einforderten. Ob das den Anweisungen der Gesellschaft entspricht, weiß ich nicht.
Ich wende mich an Dich und die Brüder dort, damit ihr seht wie das biblische Verfahren eines Gemeinschaftsentzugs mißbraucht werden kann, und ich bin sicher nicht die einzige; zur Zeit läuft ein weiteres Verfahren in unserer Versammlung gegen eine Schwester aus dem gleichen Grund. Ich bitte die Brüder, durch ihre Weisungen doch die Lasten, die uns hier auferlegt werden - bis hin zur Verurteilung zu ewigem Tod! Und weswegen? -, zu erleichtern.
In der Hoffnung, Dein Herz, Dein Mitgefühl und Deinen Sinn für Gerechtigkeit zu erreichen, mit der Bitte um die Leitung durch Gottes Wort für Euch, bin ich
Eure Schwester
Zu meinem Schreiben vom 20.01.2001
Lieber Bruder Lösch,
vielleicht erinnerst Du Dich noch an meinen Brief vom 20.01. dieses Jahres, in dem ich Dir als einem Glied der Leitenden Körperschaft die Umstände meines Gemeinschaftsentzugs schilderte und um Hilfe, Verständnis und um - ja, auch um Gerechtigkeit bat.
Bis heute habe ich weder von Dir noch von einer von Dir oder Euch beauftragten Stelle eine Antwort oder auch nur eine Mitteilung erhalten. Sage bitte nicht, ich hätte keine Antwort erwarten können, da ich ja ausgeschlossen worden sei und man mit Ausgeschlossenen keinen Kontakt haben dürfe. Du weisst, dass alle Ältesten, die von Ausgeschlossenen angesprochen werden (zum Beispiel von solchen die um Wiederaufnahme nachsuchen wollen), mit ihnen sprechen dürfen und auch sprechen, und erst recht Brüder der Leitenden Körperschaft und in anderen Leitungsfunktionen tun dies, wenn es im Interesse der Gesellschaft ist. Erstere dürfen sogar Lehrpunkte ändern, für deren öffentliches Bezweifeln ein einfacher Zeuge mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen müßte.
Ich nehme an, daß Du viel zu tun hast, aber wir wurden immer belehrt, Zeit für Menschen einzusetzen, weil dies biblisch und von Gott gewollt sei; in diesem Zusammenhang wurde im Wachtturm vom 15.01.2001 sogar mitgeteilt und betont, die Leitende Körperschaft habe sich von den administrativen Aufgaben in den Rechtskörperschaften der Gesellschaft zurückgezogen, um sich ganz den geistigen Angelegenheiten und den Bedürfnissen der "Schafe" zu widmen. Ist denn dies wirklich so? Ich habe von dieser Fürsorge nichts gemerkt! Bis jetzt bin ich nicht einmal einer Antwort gewürdigt worden! Oder war die Veröffentlichung im Wachtturm nur eine "Erklärung zum Fenster hinaus", für die Öffentlichkeit und zur Imagebildung? Soll nur dann Zeit für Menschen aufgewendet werden, wenn man diese zu Gliedern, der Organisation machen will? Ist für einen Menschen, der bereits ein Zeuge Jehovas ist, bei den verantwortlichen Brüdern keine Zeit mehr vorhanden? Oder sollten die Stimmen - die auch unter den Brüdern umlaufen - Recht haben, die meinen, die Leitende Körperschaft sei an den `Kleinen, am Fußvolk', nur insoweit interessiert, als diese für den Predigtdienst und das Zeugniswerk mit entsprechender Literaturverbreitung eingesetzt werden können; im übrigen sollten sie zufrieden sein und sich fügen. Habt Ihr vergessen, dass Jehova, der Vater Jesu Christi so wie auch Christus selbst besonders an den " Kleinen und Schwachen in seinem Reich interessiert sind (Matth. 18:6), an den Kleinen und Schwachen wie Witwen und Waisen, aber auch an den einflusslosen Alten, Armen, Bedrückten wie auch an den Frauen? Ja, auch ich zähle zu diesen "Kleinen", denen Ihr keine Beachtung schenkt, und wegen derer Jesus warnte, die diesen Kleinen Anstoss geben durch Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Hochmut, Nichtbeachtung, durch Kühle und Kälte im Benehmen. Jesus, dem Herrn, liegen diese Kleinen wahrhaft am Herzen; ist das auch bei seinen "Sklaven" so? Jehova beauftragt sogar seine Engel im Interesse der Kleinen und Schwachen (Matth. 18:10-11); für Engel, die vor Gott stehen, sind die "Kleinen" nicht zu klein. Doch wie werden diese von Euch geachtet?
Ich habe Dir, lieber Bruder Lösch, meine Gewissensnöte schriftlich vorgetragen, zuvor schon den Ältesten als Vertretern der Organisation, dann dem Zweigbüro in Thun, zuletzt Dir als einem Glied der Leitenden Körperschaft. Ich habe mich verhalten wie die Frau in Jesu Gleichnis gemäß
Luk. 18:1-8; jener Richter, der Gott nicht fürchtete, verhalf der Frau schließlich zu ihrem Recht, doch von der Seite der ernannten Brüder kam keine Hilfe, von Dir (bisher) ebenfalls keine Antwort. Was soll man da sagen? Fürchtet Ihr Gott oder nur den Verlust von Autorität? Wir sprechen von Gottes Organisation, vom Kanal Gottes, von seinem irdischen Sprachrohr und kollektiven Propheten, von Elia -, Johannes und anderen Klassen, vom "treuen und verständigen Sklaven" des Herrn! Fürchtet Ihr diesen Herrn oder nur die Begrenzung Eures Einflusses? Seid Ihr besorgt um die Worte und Dinge des Herrn oder um Eure Macht? Warnt nicht Jesus in Matth. 24 davor, dass die Gefahr besteht, dass j e n e r Sklave der in den Versen 45-47 besprochene, k e i n a n d e r e r - ein Sklave werden könnte, der beginnt, seine Mitsklaven (!) zu schlagen? Ich fühle mich geschlagen!
Man hört auf Kongressen viele schöne und gute Worte, man liest sie auch in den Veröffentlichungen, wo aber ist die Anwendung im Leben? Sprach da nicht einmal jemand von Menschen, nach deren Worten man handeln solle, aber nicht nach ihren Werken? War das nicht Jesus (Matth. 23-3)? Du magst das anders sehen, aber ich fühle und empfinde es so, und wohl nicht wenige außer mir, das zeigen ja auch die rückläufigen Zahlen der Verkündiger in Westeuropa, deren Anstieg doch immer als Zeichen des Segens Jehovas gewertet wurde. Waren es "liebevolle Älteste", obgleich sie nur an meiner Unterwerfung interessiert waren, und ist es ein "geistiges Paradies", wenn Brüder Angst haben müssen zu sagen, was sie denken, wem ihre Gedanken von der "offiziellen Linie abweichen? Ich kann es nicht so sehen, aber Du weisst, dass es - leider - so ist! Ein geistiges Paradies entsteht nicht dadurch, dass man seine Existenz immer wieder behauptet, sondern indem man Gottes Geist wirken läßt, der nach 2.Kor. 3:17 mit geistiger Freiheit verbunden ist! Die Einheit in Christus ist eine Einheit in der Freiheit des Geistes, keine Einheit eines Gefangenen- oder Straflagers.
Ich hätte früher nicht gedacht - und viele Zeugen tun das heute noch nicht, vor allem jene nicht geringe Zahl derer, die mich aufforderten, mich doch an die fürsorgende und liebevolle Leitende Körperschaft zu wenden -, dass es so völlig sinn - und zwecklos ist, sich an jene mit seinen Nöten zu wenden, die doch "der Herr über seine ganze Habe" gesetzt hat. Da dem nun aber so ist, bin ich gewillt, das zu tun, wovon Jesus nach seinem Gleichnis von jenem Richter in Luk 18 sprach (Vers 7).. Ich habe meine Sache dem höchsten Richter und seinem Sohn übergeben, demjenigen, der jedes verirrte oder verlorene Schaf sucht! Möge Er richten zwischen mir und Euch, möge der von Ihm eingesetzte Richter Euer und mein Verhalten beurteilen. Mag sein, dass Euch diese Aussicht keine schlaflosen Nächte bereitet. Aber mein Vertrauen gründet auf Ihm, und sein Sohn ist mein Heiland und Erretter, der sein Leben gab, auch für mich! Er, der Freund der Armen und Rechtlosen, der Helfer der Unterdrückten und Entrechteten, sei mein Anwalt und Fürsprecher. Ihm ist meine Sache übergeben.
Dir wünsche ich in Aufrichtigkeit die Gnade unseres Herrn Jesu Christi (Philemon 23).
Wurde von KIDS e.V. Leverkusen gescannt. Uns ist auch die betroffenen Person bekannt.