Zeugenführer angeklagt wegen Schutz von Belästigern
Christianity Today, 5.März 2001
Frühere und jetzige Zeugen Jehovas stellen eine Politik in Frage, von der sie sagen, daß sie die Führer davon abhält, Mißbrauch zu melden.
von Corrie Cutrer; eingesandt 2.2.01
Ein Kerzenhersteller im gemütlichen Städtchen Draffenville, West-Kentucky" Bill Bowen, war während seines ganzen Lebens ein ergebener Zeuge Jehovas. Beinahe sieben Jahre lang diente er als Ältester im örtlichen Königreichssaal. Als Teil seiner Arbeit unterhielt er vertrauliche Aufzeichnungen über die 50-Personen-Gruppe. Was er kürzlich in einer der Unterlagen feststellte, war für ihn niederschmetternd. ,Ich stieß zufällig auf Informationen, die die Frage aufwarfen, ob ein Kind belästigt worden war oder nicht`, sagte er.
Doch Brown teilte mit, daß, wenn er in dieser Angelegenheit an seine Mitältesten herantreten wollte, sie sich als blind gegen alle Beweise erwiesen und wenig unternahmen, um dem Opfer zu helfen. ,Ich entdeckte, wie korrupt diese Organisation war, wenn es um die Schädigung von Kindern ging`, bemerkt Bowen. Als Protest gegen die Reaktion der Ältesten legte Bowen, 43, sein Amt als Ältester nieder. Er ist einer aus einer wachsenden Gruppe früherer und gegenwärtiger Zeugen Jehovas, die sich gegen eine Politik aussprechen, von der sie behaupten, daß sie Belästiger von Kindern in den Kreisen von Jehovas Zeugen beschützt, und dies landesweit
Ein erwähnenswertes Widerstreben
Bowen stellt fest, daß die Zeugenführer ihre Nachfolger zurückhalten, irgend einen Vorfall von sexuellem Fehlverhalten den Behörden zu melden, um Bloßstellung und Schmach zu vermeiden, selbst wenn das Gesetz eine solche Meldung verlangt; er zitiert die Ausgabe der von der Organisation herausgegebenen Zeitschrift ,der Wachtturm` vom November 1995. Die Veröffentlichung besagt, daß Zeugen der biblischen Regel folgen müssen, wonach zwei oder drei Augenzeugen einen Sachverhalt bestätigen müssen, bevor eine Anklage wegen Mißbrauchs erhoben werden kann (unter Bezugnahme auf 2.Kor.13:l und 1.Tim.5:19).
Andernfalls, so wird gesagt, solle die Angelegenheit fallen gelassen werden, und der Beschuldigte solle als unschuldig angesehen werden. Gegenüber jenen, die verdrängte Erinnerungen an sexuellen Mißbrauch geltend machen, stellt der Wachtturm fest, ,Die Natur dieser Erinnerungen ist eben zu ungewiß, um gerichtliche Entscheidungen auf sie zu gründen ohne weitere unterstützende Beweise`.
J. R. Brown, Direktor des Büros für Öffentlichkeitsarbeit der Wachtturm Bibel und Traktat Gesellschaft (WTBTG) in Brooklyn, meint dazu, er teile Bowens Sorge. ,Wir verabscheuen, was [Belästigung] Kindern antut, erklärte er gegenüber Christianity
Today.
Kritiker behaupten jedoch, daß die Zeugenorganisation diese Politik in allen Fällen von Mißbrauch anwendet, ob es sich um verdrängte Erinnerungen handelt oder nicht. Die meisten Mißbrauchssituationen haben selten mehrere Augenzeugen, so argumentieren Kritiker, und sie fügen hinzu, daß die örtlichen Führer angeblichen Mißbrauch nicht ordnungsgemäß handhaben und nur die Tendenz haben, ihre Versammlungen zu schützen.
Jim Whitney, 49, ein früherer Zeugenältester, sagte aus, daß er Besprechungsnotizen anderer Ältester bezüglich Mißbrauchsfälle in einem Königreichssaal in Kalifornien fand, wo er tätig gewesen war. Er behauptete, keiner dieser Fälle wurde je der Polizei übergeben.
Als er anfing, einen anderen Königreichssaal in Oregon zu besuchen, entdeckte er das gleiche Verhaltensmuster. ,Sie beschirmen die Organisation`, sagt er. ,Sie werden alles tun, um Jehovas Zeugen zu beschützen`.
Paul Carden, Exekutivdirektor für das Zentrum für Apologetics Research in San Juan Capistrano, Kalifornien, behauptet, daß diese um Schutz bemühte Haltung in der WTBTG vorherrschend sei. ,Es existiert eine Bunkermentalität`, sagt Carden. ,Die Wachtturm Gesellschaft ist nicht gewillt, Unrecht irgend einer Art, das geschieht, zuzugeben. Weil sie sich selbst als Jehovas einziges Sprachrohr gegenüber der Menschheit ausgeben, haben sie sich bemüht, sich selbst als über jeden Zweifel erhaben darzustellen`.
Whitney glaubt, daß zahlreiche Belästiger von Kindern ihren Weg finden in die Zeugenversammlungen. ,Dort ist fruchtbarer Boden`, meint er,
,Pädophile wissen, daß jedes Bekenntnis, das sie ablegen, verheimlicht wird. Die Zeugen wollen keine Schande auf ihren Namen bringen.'
Zeugensprecher Brown sagt, daß das Vorkommen von Pädophilie in seiner Religion nicht schlimmer sei als in anderen, aber er gibt zu, daß manche Älteste Verdachtsfälle von Mißbrauch nicht gemeldet haben. In 38 Staaten verlangt das Gesetz, daß Geistliche oder Personen in ähnlichen Stellungen Fälle von körperlichem oder sexuellem Mißbrauch melden. Einige Kritiker weisen jedoch darauf hin, daß selbst in den 22 Staaten, die von Geistlichen solche Berichte nicht verlangen, Zeugenälteste nicht unter diese Ausnahmeregelung fallen, weil sie weder berufsmäßig entsprechend ausgebildet noch bezahlte Beschäftigte der Organisation sind.
Interne Vorgehensweisen unter amerikanischen religiösen Gruppen sind verschieden. Während die Presbyterianische Kirche (USA) die Meinung vertritt, daß sie alle Regierungsgesetze, die Berichte fordern, erfüllt, so mögen doch einige Vorfälle intern abgehandelt werden, wie Zane Bruxton erklärt, der Manager für Gerichtsfälle in dieser Gemeinschaft. ,Man muß die Dinge ernst nehmen`, sagt er, ,aber wir können nicht in jedem Fall Beschuldigungen vorbringen`.
Obwohl das ,Buch über Disziplin` der United Methodist Church Verfahrensweisen bei Mißbrauch grob umreißt, bestimmen oft die örtlichen Pastoren, wie sie die Besonderheiten eines Falles behandeln. ,Im allgemeinen melden wir solche Fälle den Behörden, während wir gleichzeitig interne Nachforschungen durchführen`, sagt Scott Field, Senior Pastor der Wheatland Salern United Methodist Church in Naperville, Illinois. ,Zumindest würden wir den vorgeblichen Täter aus (seinen oder ihren) Stellungen der Verantwortung entfernen, bis die Nachforschungen abgeschlossen sind`.
Zerbrochen Familien
Dutzende von Gerichtsfälle, sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene, sind in den letzten Jahren ans Tageslicht gekommen, die Licht darauf werfen, wie schwerwiegend viele Menschen durch die Anweisungen des Wachtturm bezüglich Mißbrauchs betroffen wurden. In ausführlichen Interviews mit Christianity Today beschrieben zwei frühere
Zeugenfamilien, wie sexueller Mißbrauch ihr Leben zerstörte. Don und Kim Clemens von Mount Shasta, Kalifornien, schilderten, daß 1996 ihr Sohn seine Babysitterin, Alizum Varium - eine Nachbarin und Mitzeugin - beschuldigte, ihn sechs Jahre lang, beginnend, als er fünf Jahre alt war, belästigt zu haben. Die Familie unterrichtete örtliche Zeugenführer. ,Es stand das Wort meines Sohnes gegen ihre Worte`, erinnert sich Kim Clemens. , Die Ältesten legten die Sache ab und sagten, es gäbe nichts, was sie tun könnten`.
Als die Clemens Familie sah, daß Varium freiwillig an einer Tagesstätte [für Kinder] mitarbeitete, engagierte sie einen Privatdetektiv, um Informationen zu bekommen. ,Unser Ziel ist es, sie völlig von Kindern fernzuhalten', sagte Kim Clemens. ,Wenn da noch mehr Kinder wären, die hier mißbraucht herauskommen, dann möchte ich mir nicht noch in 15 oder 20 Jahren vorhalten müssen, nichts gesagt zu haben`.
Varium weigerte sich, mit CT über den Fall zu sprechen, und sieht keinen offiziellen Beschuldigungen in Verbindung mit dem Vorwurf des Mißbrauchs entgegen.
Jeff Tucker, einer der Ältesten im Königreichssaal von Mount Shasta, bringt vor, es seien nicht genügend Augenzeugen vorhanden gewesen, um den Fall zur Polizei zu bringen. Tucker meint, die Familie wolle einfach Unruhe verursachen. ,Ihnen wurde die Gemeinschaft entzogen`, sagt er, ,sie wollen nur Probleme verursachen und Schmach auf Jehovas Name und seine Organisation bringen`.
Obwohl Zeugen weltliche Gesetze befolgen, wenn nötig, so äußert sich Zeugensprecher Brown, zieht es die Gruppe doch vor, solche Angelegenheiten geistlich zu behandeln. ,Wir behandeln Fehlhandlungen, Sünde und Übertretung`, sagt er. ,Dies sollte man von einer religiösen Organisation erwarten. Wir wollen nicht den Gesetzen Geltung verschaffen. Wir wollen nur zur Reue führen`
In einem anderen Fall bringt Sabrina Montgomery, eine 37 Jahre alte frühere Zeugin aus Brigham City, vor, ihr Vater, John Bohman, habe sie von ihrem 14. Lebensjahr bis zu ihrem 19 Lebensjahr sexuell mißbraucht. Als die Zeugenältesten davon erfuhren, so erklärt sie, legte Bohman einfach sein Amt als Ältester nieder, und nichts weiter wurde unternommen. Montgomery hat die örtlichen Behörden aufgefordert, jeden Kontakt zwischen ihren drei Töchtern und Bohman zu verhindern. Der frühere Ehemann von Montgomery ist noch immer ein Zeuge und unterhält regelmäßigen Kontakt mit Bohman. Bohman antwortete nicht auf die Bitte von CT um ein Interview.
Nachdem Bowen als Ältester in seiner Kentucky Versammlung zurückgetreten ist, hofft er, den Führern von Jehovas Zeugen Anlaß gegeben zu haben, ihre Politik zu ändern. ,Ich möchte, daß alle vertraulichen Unterlagen veröffentlicht und die Informationen, die Pädophile betreffen, an die Polizei gegeben werden`, sagt Bowen. ,Kinder werden belästigt. Sie sind eine Herde kleiner Schafe, die sich fürchten, sich auszusprechen. Dies ist nicht Gottes Wille`.
Übersetzt für KIDS e.V.