Brief an Freunde
Brief vom 10. Dezember 2000
ich schreibe Euch heute diesen Brief aus aufrichtiger brüderlichen Zuneigung und um meine Freude über all das was uns in der Anbetung des wahren Gottes Jehova und unseres Retters Jesus Christus verbindet zum Ausdruck zu bringen, Obwohl ich fest entschlossen bin treu bis zum Ende auszuharren könnte dieser Brief möglicherweise leider ein Abschiedsbrief werden. Es ist wahrscheinlich, daß Ihr schon bald allerlei Gerüchte und Behauptungen über mich zu hören bekommt (vielleicht ist es schon der Fall), was bei Euch Verwunderung und Traurigkeit verursachen könnte. Ich habe mich also entschlossen, Euch über das was geschah zu informieren
Man sah mich mit M ... sprechen, eine ausgeschlossene Schwester die im selben Haus wie ich wohnt, in der Wohnung direkt unter mir. Wir sind die einzigen Hausbewohner; schon daraus ergibt sich manchmal die zwingende Notwendigkeit, gewisse Dinge miteinander zu besprechen. Darüber hinaus kenne ich sie seit vielen Jahren; sie ist eine Freundin, und ich weiß, wie auch die Ältesten jetzt wissen, daß die Anschuldigungen, die zu ihrem Gemeinschaftsentzug führten, falsch sind. Deshalb konnte ich sie vor meinem Gewissen und vor Jehova Gott nicht als Schuldige oder Antichristin behandeln oder verurteilen. Man verlangte von mir, künftig die Anweisungen der Gesellschaft zu beachten, die besag, kurz gefaßt, diese Frau gleichsam als nicht existierend zu betrachten.
Statt von sich aus den auf falschen Gründen beruhenden Gemeinschaftsentzug von M....... in Ordnung zu bringen, erklärte man mir: ,wenn sie auch das, wessen man sie beschuldigte, nicht getan hat, so hat sie eben nicht die Wahrheit gesagt, und drum gilt dann der Ausschluß für die Lüge'. Man sagte mir deutlich, Lüge sei schlimmer als Hurerei da letzteres aus Schwäche getan werden kann, Lüge aber aus Berechnung geschieht (obwohl ihnen bekannt sein müsste, dass die Gesellschaft die Ältesten ermuntert zu berücksichtigen ob die Person unter starkem psychischen Druck oder in einer stressigen Situation sich befand und vielleicht auch unter Menschenfurcht sprach, besonders wenn bekannt ist, daß sie keine gewohnheitsmäßige Lügnerin ist)- Wie würdest Du empfinden wenn Dich ein weltlicher Richter wegen eines schweren Verbrechens verurteilen würde, dann aber, wenn sich Deine Unschuld herausstellt, sagt: ,gut; das Verbrechen hat der Betreffende nicht begangen; aber ich weiß, daß er irgend wann einmal Sachbeschädigung verübt hat, und so lassen wir das Urteil einfach dafür bestehen`. Würdest Du nicht laut ,Unrecht' schreien? Eine solche Verfahrensweise wäre in der Welt nicht möglich, aber sie scheint im theokratischen Recht erlaubt zu sein; ist das das Rechtssystem der neuen Ordnung? Könnte man da von ,einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt` reden ? Und ferner verlangt man noch von jedem einzelnen Zeugen, daß er sich am Unrecht des Urteils durch sein Verhalten beteiligt! Ja, man will ihn dazu zwingen, indem man ihm mit Ausschluß bedroht, wenn er sich dieser Forderung nicht beugt und statt dessen seinem Gewissen folgt. Man sollte auch nicht vergessen, daß zur Zeit auch andere treue Zeugen in Ste..... wegen der gleichen Anklage gerichtet werden.
Ich habe immer gelernt, daß man Unrecht berichtigen, nicht im Unrecht beharren und andere noch dazu zwingen soll. Nun aber habe ich große Schwierigkeiten weil ich der Bibel und meinen Gewissen folge, und dies führte zu einer Vorladung vor ein Rechtskomitee. Zu der Verhandlung mit den Ältesten möchte ich noch ausführen, daß die Ältesten sich durchweg freundlich verhalten haben; aber ,liebevolle Alterte`, wie der Wachtturm immer schreibt? Von dieser Liebe konnte ich nichts empfinden; man befolgte loyal die Anweisungen, Anweisungen der Gesellschaft. Ich dachte bisher immer, daß die Anweisungen für Alteste lauten würden. Unterscheidungvemögen, Vernunft.
2. Ausgeglichenheit und Verständnis, ja Liebe zu bekunden, an dem einzelnen Menschen interessiert zu sein; man war aber trotz mehrstündigen Diskussionen nur an einem interessiert; an meinem Gehorsam, an meiner Unterwerfung! Mein Gewissen interessierte Überhaupt nicht und niemanden, und ich hatte nicht den Eindruck, daß Ihr eigenes Gewissen, angesprochen durch die biblischen Argumente, die ich vortrug, irgend eine Bedeutung hatte. Ja man ging in der Bewahrung der eigenen Macht und Autorität so weit, daß man mich aus dem Raum verwies, als man meine eigene Zeugin, M...., anhörte. Alles findet statt unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Man ist allein, ohne Verteidiger, vor drei Richtern die nur die Regeln, der Organisation
kennen ! Bei welchem weltlichen Gericht gibt es so etwas? Die Gesellschaft würde es sich verbitten, würde man sie in ihren zahlreichen Prozessen aus dem Raum verweisen, wenn ihre eigenen Zeugen vernommen werden! Selbst im alten Israel waren die Gerichtsverhandlungen öffentlich, und der Wachtturm schrieb, daß dadurch ein höheres Maß von Gerechtigkeit gewährleistet wurde, Sie können es doch nicht einfach ignorieren denn alle haben es in der Bibel gelesen !
Man stellte mich vor die Alternative, entweder zu gehorchen oder die Folgen zu tragen. Ist das nicht schon erpresserisch? Wer ist von Gott berechtigt, von mir zu verlangen, gegen mein eigenes Gewissen zu handeln, was ja nach Römer 14:23 Sünde ist? Wollte man meinen Glauben dirigieren, beherrschen, was schon ein Paulus ablehnte (2.Kor, 1:24)? Ich war sehr schockiert als man mir erklärte, man könne einen Gemeinschaftsentzug nicht einfach aufheben; man müsse das Ansehen der Ältesten in der Versammlung in Betracht ziehen. Was würde man von ihnen denken? Haben sie sich so geirrt ? Unvorstellbar ! Aber schrieb nicht der Wachtturm vom 15.09.1996, daß man Vertauen gewinnt, wenn man sich ehrlich entschuldigt, und der Wachtturm vom 15.11.1993, daß man Fehler, Ungerechtigkeiten oder Irrtümer in Ordnung bringen sollte? Gelten diese Worte nur für die einfachen Verkündiger und für die Öffentlichkeit, nicht aber für Älteste oder noch ,höhere Aufgabenträger' ? Oder sind letztere unfehlbar - genießen sie sogar theokratische Immunität ?
Dennoch empfinde ich keinen Groll oder Verbitterung gegen die Ältesten; aus ihrer Sicht bemühten sie sich, mich zum Gehorsam gegenüber den Anweisungen zu bewegen; mein Gewissen, mein Verständnis der Aussagen der Bibel war für sie nicht von Belang, denn auch sie hatten ja ihre Anweisungen, denen sie Folge leisten mußten- Da Jehova Gott ein Prüfer der Herzen ist, bitte ich Ihn um Vergebung für meine Richter, denn sie stehen ja in der Gefahr, mit dem Maß gerichtet zu werden, mit dem sie selbst gerichtet haben, und da tun sie mir wirklich leid.
Bei all den Überlegungen und Ausführungen der Ältesten hatte ich das Empfinden, das nicht der Mensch, nicht ich, im Vordergrund stand, daß es nicht um mich ging, auch nicht um die Bibel, sondern wen die Organisation, um ihre Autorität, um Gehorsam ihr gegenüber ; das Recht auf Gewissensentscheidung wurde nicht anerkannt, nicht einmal gesehen oder gewürdigt. Es wurde schlicht und einfach Gehorsam verlangt, wie von einem Sklaven, aber nicht vom einem Sklaven Jesu Christi, sondern von einem Sklaven von Menschen, auch wenn diese Menschen Brüder sind. Gehorsamsforderungen treten an die Stelle der biblischen Argumentation; dazu drei wesentliche Beispiele:
a)1. Kor.5: 11; obwohl die Ältesten wußten,, daß M..... nichts von dem getan hatte, was dort angeführt wird, verlangte man von mir, nicht mehr mit ihr zu sprechen; das wird aber nicht einmal von Paulus in diesem Text gefordert. Man ging hier über die Forderung der Bibel hinaus, über das, was geschrieben steht (1.Kor. 4:6).
b) 2. Johannes 10-11; dort wird deutlich vorn Menschen gesprochen, die nicht die biblische Lehre über den Christus bringen; es geht hier nicht um andere Sünden wie in 1.Kor. 5. Hier wird eindeutig von der Lehre über den Christus, den Kern des christlichen Glaubens gesprochen, nicht von unwesentlichen Lehrpunkten. M..... aber glaubt nach wie vor an Gottes Wort und an Christus als den für sie gestorbenen Erlöser. Obwohl der Text auf M...... in keiner Weise zutrifft, zitierte man ihn wiederholt um mich anzuklagen an ihren schlechten Werken teilzuhaben.
e) Matthäus 18:17; obwohl M...... auch hier nichts Vergleichbares getan hat, wurde mir dieser Vers wiederholt vorgehalten- Ich anerkenne selbstverständlich das Wort Jesu; aber hat Jesus wirklich
3. gemeint, die Jünger sollten das unbiblische Beispiel der Pharisäer und hartherzigen Juden nachahmen oder nicht vielmehr sein eigenes Beispiel? Er hielt das Gesetz vollkommen, auch das über die Behandlung der Menschen aus den Nationen in 5.Mose 10:18-19! Wie konnte er seine Jünger auffordern, das Gesetz zu übertreten.?
Entscheidend waren in all diesen Fällen nicht die Aussagen der Bibel, sondern die Unterwerfung unter die Gehorsamsforderung. Wäre der Wachtturm vom 1.11.1974 noch maßgebend, dann würde in meinem Fall nichts, nicht das Geringste geschehen; aber seit Dezember 1981 hat sich hier eine neue, unbarmherzige Linie durchgesetzt, die den Gemeinschaftsentzug, so wie er gehandhabt wird, noch als liebevolle Vorkehrung preist. Doch hat sich Gottes Wort seit 1974 verändert? ,Neues Licht'? Unser ,Neues Licht' ändert sich, wie Du weißt, sehr oft; denke nur zum Beispiel an den Zivildienst, an das Wählen, an die Aussagen über die Generation von 1914, über Teile der Prophezeiung Daniels wie etwa den König des Nordens, über den Zeitpunkt von Michaels Aufstehen, usw.,
Und was sagt uns die Bibel? Jesus stellte das Gebot der Liebe zum Nächsten direkt neben das größte Gebot, der Liebe zu Jehova Gott; er gab die goldene Regel in Matthäus 7:12 gleichsam als konzentriertes Grundgesetz seines Reiches, und er lebte diese Regel aus in seinem Umgang mit Zöllnern, Sündern, Samaritern, Frauen und Menschen aus den Nationen. Und das durch den Heiligen Geist inspirierte Wort zeigt, daß wir als Einzelne - nicht als Klasse oder Angehörige einer Organisation - uns vor Gott verantworten müssen (Römer 14:12, 23; 2 Kor, 5:10).
Gegen Liebe gibt es kein Gesetz (Galater 5:22-23). Dies scheint jedoch in unseren Reihen nicht zu gelten, denn ich werde verurteilt, weil ich gegenüber M..... Liebe bekundete? Sollte ich -- wie es auf dem letzten Kongreß geäußert wurde -- mein warmes Kaminfeuer, das in meinem Herzen brennt, gegen ein kaltes Kunstlicht tauschen ? Befinden wir uns in der Situation, die Jesus in Matt 23:3 von den religiösen Führern beschrieb: "alles daher, was sie euch sagen, tut und haltet, aber handelt nicht nach ihren Taten, denn sie sagen es wohl, aber handeln nicht entsprechend" ? Werden wir nicht von Jesus ermuntert, diese Liebe gegenüber allen zu bekunden, sogar gegenüber unseren Feinden? Kann man dieses Feuer kurzfristig - um eine Situation zu bereinigen - einfach löschen, um es danach wieder anzuzünden ? Man gab mir zu verstehen, daß man sich manchmal in gewissen Situationen über die Liebe hinwegsetzen sollte um den Frieden und die Einheit in den Versammlungen bewahren zu können! Einheit um jeden Preis ? Um den Preis der Härte ?
Ich konnte mich jedoch nicht einer Forderung fügen, die gegen mein Gewissen geht; muß man nicht Gott mehr gehorchen als Menschen (Apg. 5:29)? Ich bin mit allem guten Gewissen vor Gott gewandelt bis auf diesen Tag (Apg 23:1); ich bekenne mich in dieser Sache als schuldlos vor Gott. Ihn rufe ich zum Zeugen und Richter an, nachdem man andere Zeugen - die Bibel und M...... nicht anerkannte!
Das von Gott gegebene Recht auf eine eigene Gewissensensentscheidung, (in meinem Fall noch auf die Bibel gestützt) habe ich in Anspruch genommen. Hat das übrigens nicht auch die Gesellschaft im Interesse von Brüdern wie auch im eigenen Interesse vor weltlichen Gerichten und selbst vor internationalen Gerichtshöfen (wie die Europäische Menschenrechtskomomission) als Bestandteil der Menschenrechte immer wieder eingeklagt ? Das genügte, um mich ,zum ewigen Tod` zu verurteilen, denn nach Auffassung der Ältesten bedeutet ja ein Gemeinschaftsentzug den Verlust des ewigen Lebens. Weil man mit einem hilfsbedürftigen, jedoch ausgeschlossenen Menschen spricht, wird man schon ,zum Tode verurteilt? Ist das die Liebe, die wir in der Öffentlichkeit verkünden, die es angeblich nur bei uns, nicht aber im weltlichen System gibt?
Ich habe nicht die Absicht, die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern, die ich sehr liebe, zu verlassen; aber ich wünsche in dieser Gemeinschaft nach meinem Gewissen leben und handeln zu dürfen ohne Menschen versklavt zu werden (Galater 5:1). Ich wünsche, in der Liebe Gottes und Christi zu leben, nicht in Furcht und Angst. Doch das alles interessierte nicht. Die Worte der Bibel wurden zwar verwendet, letztlich aber beiseite geschoben; Autorität hieß das Losungswort. So wie in Matt. 24:45-51 der zuerst treue Sklave dann anfängt: den Herr über seine Mitknechte zu spielen und sie zu schlagen, so fühle ich: mich nun von den bisher so ,liebevollen` Ältesten mit einer Verurteilung
4. zum Tode, geschlagen`. Indem sie mich ausschließen. wollen verurteilen sie mich zum ewigen Tod ! Ich bin ja nur eine einfache hilflose Schwester! Doch ich wende, mich an den, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht (Jesaja 42:3), der für die Rechte der Geringen eintritt (Psalm 72:13 und 82:3) und den Hilflosen ein Helfer ist (Psalm l0:14) Ich vertraue nicht auf Urteile von Menschendienern, sondern auf die Worte Jesu: ....wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen (Johannes 6:37),. ..wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben (Johannes 8:12) .... niemand wird sie (die Schafe) aus meiner Hand rauben.. niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben (Johannes 10:28-28); und Paulus jubelt : Denn ich bin überzeugt; daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Römer 8:38+39). Das kann auch kein Ältesten-Komitee!
Zu Beginn schrieb ich, daß dies vielleicht ein Abschiedsbrief sein könnte. Es hängt nun von jedem von Euch ab. Ich selbst werde Euch weiterhin lieben und Euch eine Schwester sein, daran können auch all diese Ereignisse nichts ändern. Ich empfinde auch keinerlei Groll gegenüber den Ältesten, selbst wenn sie mich ausschließen. Nun wer auch meine Berufung bei der Gesellschaft ohne Wirkung denn die erste Entscheidung wurde heute von einem Komitee, bestehend aus 6 Ältesten, bestätigt. Hauptgrund: schädliche Überlegungen (Markus 7:20-23). Wegen angeblichen ,schädlichen Überlegungen;` werden alle Opfer, all diese Jahre des treuen Dienstes, alle Freunde von jetzt auf nachher einfach gelöscht. Aber selbst in diesem Fall bleibe ich bei meiner Bitte an Gott: ,Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun,` obwohl ich mir Sorgen um sie machen werde denn jeder wird mit dem Maße gerichtet, wie er andere gerichtet hat.
Mit dieser Entscheidung des Gemeinschaftsentzuges ist meine ganze Vergangenheit als treuer Zeuge annulliert aber ich bin überzeugt, daß im Himmel die Liebe die ich bekundet habe und weiterhin bekunden werde nicht von Jehova Gott und Jesus Christus vergessen wird. Und ich kann Euch versichern, daß ich mich in bester Gesellschaft befinden werde denn sagte Jesus nicht in Verbindung mit sich selbst: ,Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte` ?
Die Liebe unseres Gottes Jehova und unseres Herrn Jesus Christus möge mit Euch sein.
Dies Schreiben wurde KIDS e.V. zur Verfügung gestellt.