Bis das Dein Gott uns Scheidet
Reportage von Ute Mattigkeit
taz nrw 08.Februar 2001
Nach 30 Jahren Ehe trat Brigitte Hinzmanns Mann den Zeugen Jehovas bei. Sie sei vom Satan besessen, warf er seiner Frau vor, als sie sich gegen die starren Regeln der Glaubensgemeinschaft wehrte.
Brigitte Hinzmann sieht nicht aus wie eine Kämpferin. Die zierliche Frau hat eine hohe, schüchterne Stimme, grau meliertes Haar und Hände, die sich unablässig kneten. Doch wenn die 60jährige über die Zeugen Jehovas spricht, wird sie selbstbewusst. Die Glaubensgemeinschaft schlage aus den Ängsten ihrer Anhänger rücksichtslos Kapital, sagt sie energisch, mache millionenschwere Geschäfte.
Und die Menschen hören ihr zu. Seit zehn Jahren hält Brigitte Hinzmann Vorträge, führt Beratungsgespräche und sammelt Unterschriften gegen die Zeugen Jehovas. Als ehrenamtliches Mitglied des Arbeitskreises für Religions und Weltanschauungsfragen im Bistum Aachen gehört sie zu den gefragtesten Zeugen Jehovas-Expertinnen.
Das hat mit ihrem eigenen Leben zu tun. An der Wand im Wohnzimmer hängen Fotos ihrer Söhne und Enkelkinder. Das Bild ihres Mannes fehlt. Alfed Hinzmann wurde nach 30 Ehejahren Zeuge Jehovas. Seit 3 Jahren lebt das Ehepaar getrennt. Bis sich Brigitte Hinzmann dazu durchringen konnte, ist sie "durch eine Hölle gegangen'; die sie "nie für möglich gehalten hätte". Ihre Stimme zittert ein wenig. Sie faltet ihre Hände im Schoß.
"Ich bin nie besonders stark gewesen", sagt sie. Bis das Ehepaar 1988 in Berührung mit den Zeugen Jehovas kam, lebte Brigitte Hinzmann so, wie andere es ihr vorzeichneten. Rückblickend sind es erst die Auseinandersetzungen mit Jehovas Zeugen und ihrem Mann gewesen, die sie dazu brachten, sich zu emanzipieren.
Zehn Jahre ist es her, dass ein Arbeitskollege ihres Mannes an einem Sonntag Morgen vor der Tür stand und sich herausstellte, dass er die Familie Hinzmann vor allem als Mitglied der Zeugen Jehovas besuchen wollte. Er kam in Begleitung seines zuständigen Versammlungsleiters, des sogenannten Ältesten. Die Erinnerung an diesen Sonntag ist bei Brigitte Hinzmann so lebendig, als säßen die merkwürdigen Gäste noch vor ihr: "Permanent redete der Älteste auf mich ein."
Doch obwohl der Besuch ein ungutes Gefühl hinterließ, wollte man nicht unhöflich sein, als die Glaubensgemeinschaft die Familie zu ihren wöchentlichen Versammlungen einlud. Die Zeugen Jehovas kümmerten sich intensiv um ihre Neuzugänge. Selbst in einem Kururlaub der Hinzmanns sorgten sie für eine Betreuung durch ortsansässige Zeugen. ,Wir hatten kaum Zeit für uns, sondern wurden immer mehr eingespannt, erinnert sich Brigitte Hinzmann. Wieder zu Hause avancierte die
Betreuung zur Kontrolle. Der Kontakt zu Freunden und Bekannten erlahmte.
Brigitte Hinzmann begann zu zweifeln. Ihr wurde alles zu viel: regelmäßige Versammlungen und "Bibelstudien; bei denen vorgegebene Interpretationen von Bibeltexten immer und immer wieder nachgesprochen werden mussten. Das erste Mal in ihrem Leben lehnte sie sich gegen etwas auf. Immer häufiger stritt sie mit ihrem Mann. Schließlich brach sie den Kontakt zur Glaubensgemeinschaft ab.
Ein Schritt, der alles veränderte. Jehovas Zeugen wollten Brigitte Hinzmann nicht ziehen lassen: "Stundenlang klingelte das Telefon. Ich bekam laufend Besuche von Ältesten." Der eigene Mann setzte sie massiv unter Druck. "Immer wieder sagte er mir, ich sei vom Satan besessen. Ich hätte unsere Ehe zerstört."
Brigitte Hinzmanns Hände ruhen nicht mehr im Schoß, sondern fliegen durch die Luft, ballen sich zu Fäusten. "Ich habe immer alles gemacht, was mein Mann wollte. Aber das...das konnte ich nicht!" In ihren Augen stehen Tränen.
Verzweifelt begann Brigitte Hinzmann nach Argumenten und Fakten zu suchen, die ihren Mann überzeugen sollten. Sie nahm Kontakt zu Aussteigern, Betroffenen und Sektenexperten auf. Briefe, Lebensberichte, juristische Abhandlungen und Zeitungsausschnitte machten Brigitte Hinzmann mit der Zeit zu einer Expertin in Sachen Zeugen Jehovas. Heute gleicht ihr Schlafzimmer
einem Büro. Erst kürzlich hat sie einen neuen Aktenschrank hineingeschoben. Auf einem kleinen Schreibtisch neben ihrem Bett steht ein Computer. Jede Information wird archiviert, als Waffe für ihren Kampf.
Diesen Kampf führt Brigitte Hinzmann mit so vielen Argumenten, dass sie die Frage, was die Zeugen Jehovas so gefährlich mache, nicht mit einem Satz beantworten will. Sie erklärt, dass Mitglieder Bluttransfusionen ablehnen müssen. "Erst neulich hat sich wieder ein Vater gemeldet, der darum kämpft, dass sein Sohn in einer Operation Blut bekommen darf. Die Mutter ist Zeugin und will das verhindern."
Brigitte Hinzmann hievt eine Akte mit dem Abschiedsbrief eines Aussteigers aus dem Schrank. Der Mann hat sich umgebracht. "Ich bin ein gebrochener, erschöpfter Mensch...das Leben ist unerträglich`; steht in dem Brief.
DER WACHTTURM
Hinzmann legt ein Buch des bundesweit bekannten Theologen Klaus-Dieter Pape auf den Tisch. Er hat recherchiert, dass hinter der amerikanischen Mutterorganisation der Zeugen Jehovas, der sogenannten Wachtturmgesellschaft mit Hauptsitz New York, offenbar eine in drei Vereinigungen gegliederte Firmengruppe steht. Eine Gesellschaft davon, die "Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania sei als Aktiengesellschaft gegründet worden. Sie besitze Druckereien, Farmen, Immobilien. Der Wachtturmgesellschaft stand bis vor kurzem die zehnköpfige "Leitende Körperschaft" vor. Sie soll von Brooklyn aus alle weltweiten Versammlungen der Glaubensgemeinschaft kontrolliert haben. Die amerikanische Zeitung Daily News berichtete kürzlich, dass nach internen Umstrukturierungen der "Leitenden nun die Rechtsgewalt genommen sei und es dafür drei neue Körperschaften gebe. Kritiker und Abtrünnige der Zeugen Jehovas vermuten, dass die Glaubensgemeinschaft auf diesem Wege vor der Haftung in Gerichtsverfahren bewahrt werden soll.
Zeugen Jehovas sind Opfer, die zu Tätern erzogen werden" urteilt Brigitte Hinzmann, während sie ihre Akten sortiert. Man müsse sich nur ansehen, welche Pflichten jeder Zeuge habe. Die unentgeltliche Verteilung von Publikationen, das Werben neuer Mitglieder an Haustüren. "In speziellen Kursen werden sie darauf gedrillt, wie sie sich zu kleiden haben, welche Sprüche sie aufsagen und wie sie am geschicktesten Bücher und Zeitschriften losschlagen können." Über Interna Glaubensgemeinschaft könnte Brigitte Hinzmann stundenlang reden. Dennoch weist Sie die Frage zurück, ob der Kampf ihr Lebensinhalt geworden sei. "Nein, ich war nur hilflos'; flüstert sie nach kurzem Zögern. "Es gibt so viele Menschen'; fügt sie hinzu, "die unter Zeugen Jehovas leiden, die verzweifelt sind. Ich spüre manchmal eine Panik, dass nicht allen geholfen werden kann." Wenn sie das sagt, klingt ihre Stimme wieder lauter. Wie die einer Kämpferin.
Stichwort Zeugen Jehovas
Rund 45.000 Zeugen Jehovas gibt es in Nordrhein-Westfalen. Viele sind Griechen, Russen oder Zuwanderer aus anderen Ländern. Ihnen bietet die Organisation Bibelstunden und Gottesdienste in ihrer Muttersprache an. Jeden Sommer findet ein riesiger Kongress in einem Fußballstadion in Dortmund oder Köln statt. Unter anderem werden dann auch die Wassertaufen zelebriert, die den Einstieg in die Organisation markieren.
In der ganzen Bundesrepublik hat die Glaubensgemeinschaft mehr als 160.000 Mitglieder. Die Zeugen Jehovas sind - zunächst unter der Bezeichnung "Bibelforscher " - seit Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland aktiv. 1927 wurden sie im Vereinregister des Amtsgerichts Magdeburg eingetragen - und in den folgenden Jahrzehnten mehrmals verboten. Erst durch die Nazis und 1950 durch das Innenministerium der DDR. Daraufhin konstituierte sich die Gemeinschaft für den Bereich der damaligen Bundesrepublik ( alte Bundesländer ) unter dem Namen Wachtturm-Bibel- und Traktatgesellschaft, Deutscher Zweig e. V.
"
Brigitte Hinmann
Tel: 02152 517167