Jehovas Zeugen und
der Staat: Eine historische Analyse der Lehre
von M. James Penton
Im Verlauf des
zwanzigsten Jahrhunderts hat keine einzige religiöse Gruppe mit
solcher Häufigkeit und Schwere und so weitverbreitet Verfolgung
erlitten wie die Menschen, die man als Zeugen Jehovas (ZJ) kennt.
Sie sind nicht nur Opfer des Nationalsozialismus, des Faschismus,
des Kommunismus und von Diktatoren in Asien, Afrika und
Lateinamerika geworden, Tausende von ihnen wurden auch Opfer von Pöbelrotten,
sie wurden verhaftet, verfolgt, in Gefängnisse gesteckt und wegen
ihres Glaubens in demokratischen Staaten wie Kanada, Großbritannien
und den USA verboten. (1) Gemäß dem
katholischen Autor William J. Whalen wurden nur die Juden
schlimmerer Behandlung unterzogen als die Zeugen Jehovas (2),
und die Verfolgung der Juden beschränkte sich weit mehr auf
bestimmte Orte als die der Zeugen Jehovas.
Die Gründe für die
Verfolgung der ZJ sind wohlbekannt. Man weiß, daß sie den Militärdienst
verweigern, sich keinen politischen Parteien anschließen, nicht zur
Wahl gehen, keine öffentlichen Wahlämter ausüben und nicht an
patriotischen Übungen wie dem Flaggengruß teilnehmen. Wiederholt
hat man sie als unpatriotische Feinde des Staates betrachtet. Und
weil sie ständig sagen, andere Religionen stammten vom Teufel, weil
sie äußerst kritisch gegenüber der Geschäftswelt eingestellt
sind und weil sie umfangreiche Predigt- und Bekehrungskampagnen
durch führen, wurden sie oft als Bedrohung der sozialen und
politischen Ordnung in all den Ländern angesehen, in denen sie
leben.(3) Doch trotz ihrer traurigen
Berühmtheit und dem erstaunlichen Wachstum seit dem Zweiten
Weltkrieg(4) gibt es nur wenige sorgfältige
historische Untersuchungen der Haltung der ZJ gegenüber dem Staat
auf der Grundlage ihrer Lehre, um die Gründe für ihre Einstellung
zu verstehen, durch die sie mit Regierungen verschiedensten
philosophischen Überbaus in Konflikt geraten sind.
RUSSELLS
VORSTELLUNG VOM STAAT
Die Vorstellung der
ZJ vom Staat gründet sich bis heute auf ihre vormillenniale
Eschatologie, die ursprünglich von Charles Taze Russell (5)
(1852-1916) formuliert wurde, dem ersten Präsidenten der Wachtturm
Bibel & Traktat-Gesellschaft (WTG) und dem Mann, um den sich die
ZJ oder Internationalen Bibelforscher, wie sie bis 1931 hießen,
indem 1870er Jahren scharte. Russell, von adventistischen
Spekulationen über die Wiederkehr Christi beeinflußt, entdeckte früh,
daß das griechische Wort parousia aus Matthäus 24:3 richtiger als
Gegenwart" statt als Kommen" zu verstehen ist, wie es in
der Authorized oder King James Version der Bibel übersetzt steht.
Als Ergebnis dieser Entdeckung und anderer Berechnungen kam Russell
zu dem Schluß, daß Christi unsichtbare geistige Gegenwart in
himmlischer Herrlichkeit im Jahre 1874 begonnen habe.(6)
Er legte auch fest, daß die Heidenzeiten", die Jesus in Lukas
21:24 erwähnt, 606 v.u.Z. begonnen hätten und 1914 u.Z. enden würden.
Kurz darauf, so argumentierte er, würden die falsche Religion und
die Königreiche und Republiken der Welt in Stücke zerschlagen und
durch das tausendjährige Königreich Christi ersetzt werden.(7)
In frühen Ausgaben
von Zion's Watch Tower, den er ab 1. Juli 1879 herausgab, stellte
Russell klar, daß er die Nationen der Welt wie wilde Tiere und
nicht in Gottes Gunst stehend ansah. Doch erst in seinen berühmten
Studies in the Scriptures [Schriftstudien], einer sechsbändigen
Buchreihe, die er zwischen 1886 und 1904 verfasste, beschrieb er
sorgfältig seine Ansicht über den Staat und das Verhältnis, das
Christen zu ihm haben sollten.
In Band 1, The Divine
Plan of the Ages [Der göttliche Plan der Zeitalter], umriß er
seine Vorstellung von der Geschichte als einer Kontroverse zwischen
Jehova und Satan, die in Eden begonnen habe und zum Tausendjahrreich
Christi ihren Abschluß fände. Nach dieser These hatte Gott dem
vollkommenen Menschen ursprünglich die Herrschaft über die Erde
anvertraut; dies war die Begründung des Königreiches Gottes auf
Erden". Als Adam rebellierte, hörte dieses Königreich auf zu
bestehen und wurde danach auch nicht mehr aufgerichtet, 'außer für
eine kurze Zeit im Gegenbild in Israel'. Doch auch Regierungen außerhalb
der in Israel aufgerichteten 'wurden von Gott für einen weisen
Zweck zugelassen oder verordnet'. Dem gemäß wurde dem Menschen
erlaubt, über sich selbst die Herrschaft auszuüben, damit seine
Unvollkommenheit und Mißherrschaft 'eine Lektion über die
ausgesprochene Verwerflichkeit der Sünde bilde und die Unfähigkeit
des gefallenen Menschen beweise, sich selbst auch nur zu seiner
eigenen Zufriedenheit zu regieren'. Da also heidnische Regierungen
'bösartig, destruktiv, wilden Tieren gleich und selbstsüchtig'
seien, sollten sich Christen auf die völlige Aufrichtung des Königreiches
Christi als Ersatz für sie alle freuen.(8)
Dessen ungeachtet sah
Russell heidnische Regierungen von einem anderen Standpunkt. Er gab
zu, daß selbst die 'wilden Tieren gleichen' Regierungen der Welt
besser seien als keine Regierungen, als Gesetzlosigkeit und
Anarchie. Wenn Satan auch die Nationen beherrschte, so war seine
Kontrolle doch begrenzt. Obwohl Korruption und Selbstsucht die
Gerechtigkeit beiseite geschoben hatten, sei es doch 'die
vorgebliche Absicht aller Regierungen, die je unter Menschen
aufgerichtet worden seien, die Gerechtigkeit und das Wohlergehen des
ganzen Volkes zu fördern'.(9) Während
die Nachfolger Christi wie er selbst also die Wiedererrichtung des Königreiches
Gottes auf Erden erwarteten, sollten sie den weltlichen Regierungen
großenteils gehorchen:
Da Jesus und die Apostel wussten,
daß dies der Vorsatz Gottes sei, so haben sie sich den irdischen
Machthabern in keiner Weise entgegengestellt. Vielmehr lehrten sie
die Kirche, sich diesen Gewalten zu unterwerfen, obgleich sie
unter dem Mißbrauch der Gewalt oft zu leiden hatten. Sie lehrten,
die Kirche solle den Gesetzen gehorchen und die um ihres Amtes
willen ehren, die dasselbe inne hatten selbst wenn sie persönlich
keiner Achtung wert wären; sie sollten ihre bestimmten Abgaben
zahlen, und, außer wo mit Gottes Gesetzen im Widerspruch stünden
(Apg. 4, 19; 5, 29), den bestehenden Gesetzen keinen Widerstand
leisten. (Röm. 13, 1-7; Matt. 22, 21.) Jesus, die Apostel und die
erste Kirche waren dem Gesetze untertan, obwohl sie von den
Regierungen dieser Welt sich fernhielten und keinen Teil daran
nahmen. (10)
Es stimmt, daß Russell glaubte, die
Vereinigten Staaten von Amerika seien gesegnet wie keine andere
Heidennation. Darüber hinaus war er dem Zionismus gegenüber
wohlwollend eingestellt. 1897 (engl.) schrieb er in Band IV, Die
Schlacht von Harmagedon, über die Vereinigten Staaten: In keinem
anderen Lande konnte das Ernte-Evangelium, der Plan der Zeitalter,
seine Zeiten, Zeitabschnitte und Vorzüge so ungehindert und frei
verkündet und verbreitet werden."(11)
Er glaubte, Gott selbst sei dafür verantwortlich:
Das ist, soweit wir sehen, die
besondere Mission Amerikas im göttlichen Plane. Es mußte etwas
geschehen für sein Volk, das anderswo nicht so leicht geschehen
konnte. Darum erweckte, als die Hand des Bedrückers den Geist der
Freiheit zu erwürgen suchte, die Vorsehung einen Washington, der
die zwar armen, aber freiheitsliebenden Bürger der dreizehn
Kolonien zur nationalen Unabhängigkeit führte. Als die Zeit erfüllt
war, daß vier Millionen Sklaven die Freiheit erhalten sollten,
und als die Union auseinanderzufallen drohte, da erweckte Gott
einen anderen wackeren und energischen Mann in der Person Abraham
Lincolns, der die Ketten der Sklaven zerriß und den Staat
zusammenzuhalten wußte. (12)
Russells herzliche Einstellung gegenüber
dem Zionismus erwuchs aus seiner festen Überzeugung, während des
tausendjährigen Reiches würden die fleischlichen Juden den Messias
annehmen und eine besondere Segnung empfangen, indem sie wieder in
das Land Israel einzögen. (13) Er
sah in der Zionistenbewegung das frühe Wirken des Geistes Gottes. (14)Deshalb
war er vorsichtig und ließ den Geist in seiner eigenen Weise
wirken: er predigte den Juden taktvoll aus ihren eigenen Hebräischen
Schriften statt aus dem Neuen Testament, an das er fest glaubte. So
stand er bei vielen Angehörigen der jüdischen Gemeinde in hohem
Ansehen und wurde am 9. Oktober 1910 im New Yorker Hippodrom von
einer jüdischen Zuhörerschaft von etwa viertausend Personen
begeistert gefeiert - darunter zahlreiche Rabbiner und Herausgeber
von Zeitungen -, weil er vorhersagte, daß das jüdische Volk nach
dem Jahre 1914 wieder in das Land Palästina zurückkehrte. Zum
Schluß seiner Ansprache führte er das versammelte Auditorium beim
Singen der zionistischen Hymne, derHatikva", an.(15)
Doch man sollte
aufgund Russells Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten oder
dem Zionismus nicht zu dem Schluß kommen, er sei für einen religiösen
Nationalismus eingetreten. Wenn er Amerika in solch einzigartiger
Weise für gesegnet hielt, war das nicht, weil Jehova das Land aus
allen anderen als heilige Nation erwählt hatte. Jehova hatte
einfach in seine Geschichte eingegriffen, wie er es bei einigen
Heidennationen getan hatte, um seine Absichten in bezug auf seine
Diener zu verfolgen. Nach Russells Ansicht würden die Vereinigten
Staaten weltweiter Revolution und Drangsal nicht entgehen:
Die Nation aber als solche hat
nicht und hatte nie einen Anspruch auf die göttliche Vorsehung.
Was die Vorsehung in diesen Ereignissen tat, geschah einzig im
Interesse des Volkes Gottes. Die Nation als solche hat keinen
Grund und keine Aussicht, auf immer fortzubestehen. Sie wird
bleiben, bis Gott durch sie seine Vorsätze mit Bezug auf sein
Volk durchgeführt, bis er seine Auserwählten ausgeschieden und
beisammen haben wird. Dann werden die Stürme der großen Drangsal
auch über sie dahinbrausen, da auch sie eines der Reiche dieser
Welt ist, die dem Reiche des eingeborenen und geliebten Sohne
Gottes werden Platz machen müssen. (16)
Russell betrachtete den Zionismus nicht
einfach wie jede andere politische Bewegung. Er glaubte zwar nicht,
daß die fleischlichen Juden in bezug auf die Erwählung als Glieder
der Kirche Christi eine Vorrangstellung vor den Heiden einnahmen,
doch er war überzeugt, daß in Palästina als Teil des göttlichen
Rettungsplanes schließlich eine jüdische Theokratie errichtet würde.
Er schrieb:
Gott hat durch die
Apostel während der Periode der Auswahl des geistigen Israel keine
Gnaden für Israel nach dem Fleische verkündigt; aber er hat erklärt,
daß, wenn die Schar des geistigen Israel vollendet ist, seine Gnade
wieder zum fleischlichen Hause zurückkehren wird. (17)
Wenn also Russell den
Zionismus lobend hervorhob und den natürlichen Juden mit
Herzlichkeit begegnete, glaubte er nicht, daß er sich einer
politischen Bewegung anschloß; er glaubte vielmehr, dies läge im
Vorhaben Gottes.
Im Rahmen seiner
eigenen Erkenntnis war Russell konsequent. Für ihn waren alle
Nationendämonisch, ohne Gott, und Christen sollten sie nicht aktiv
unterstützen. Aber er hatte Probleme, festzulegen, wie weit die
einzelnen Christen gehen und dem Staat gehorchen sollten, wenn sie
zu Handlungen aufgefordert würden, die nach seiner Meinung
normalerweise unrecht und unmoralisch wären. In The New Creation
[Die Neue Schöpfung], dem Band VI der Schriftstudien, riet er den
Bibelforschern sorgfältig, nicht zur Wahl zu gehen, keine öffentlichen
Ämter zu bekleiden und nicht am Militärdienst teilzunehmen.
Glieder der Neuen Schöpfung, d.h. der Kirche, sollten sich als
Fremde und Pilger auf Erden [betrachten], bis zu einem gewissen Grad
als Fremdlinge und Ausländer".(18)
Und doch glaubte Russell, wie bereits gesagt, fest, daß Gott den
Nationen zeitweise das Recht eingeräumt hatte, zu herrschen, und daß
die obrigkeitlichen Gewalten" aus Römer 13:1 - denen Christen
als von Gott angeordnet" unterworfen waren - die weltlichen
Regierungen waren. Wenn Regierungen forderten, daß Christen wählen
gingen oder zum Militärdienst einberufen würden, sollten sie nach
Russell gehorchen. Über Wahlen schrieb er: Es ist ein Gesetz
eingebracht worden, das alle zwingen würde, zur Wahl zu gehen.
Sollte dieses Gesetz verabschiedet werden, sollten die Neuen Geschöpfe,
die ihm unterworfen werden, ihm gehorchen, und zwar ohne Murren. Und
wenn sie diesem Erfordernis nachkommen, sollten sie nach bestem
Wissen diejenigen wählen, die sie als die besten Kandidaten
ansehen."(19) In bezug auf den
Militärdienst argumentierte er:
Es stimmt, daß eine Regierung
nicht immer diejenigen von der Teilnahme am Krieg ausnimmt, die
gegen ihn eingestellt sind, obwohl eine großzügige Vorkehrung
dieser Art in der Vergangenheit für einige geschaffen wurde, die
wie wir selbst glauben, Krieg sei etwas Unrechtes; d.h. die Quäker
sind unter besonders großzügigen Gesetzen von der Wehrpflicht
ausgenommen. Wir mögen jedoch zum Wehrdienst verpflichtet sein,
ob wir es wollen oder nicht; und wenn wir verpflichtet sind, sähen
wir es als unsere Pflicht an, den bestehenden Mächten zu
gehorchen, und wir würden es so ansehen, daß des Herrn Vorsehung
die Erfassung zugelassen habe und er in der Lage war, es zu
unserem Guten und dem anderer aufzuheben. Dabei würden wir es
auch nicht als unangebracht ansehen, den zuständigen Beamten eine
teilweise Erklärung zu geben und darum zu ersuchen, daß man uns
in die medizinische Abteilung oder zum Sanitätsdienst einteilte,
wo unsere Dienste mit der vollen Zustimmung unseres Gewissens in
Anspruch genommen werden könnten; doch selbst wenn wir gezwungen
wären, auf dem Felde zu dienen und zu schießen, würden wir uns
nicht gedrängt sehen, auf Mitmenschen zu schießen. (20)
Es ist jedoch recht sicher, daß sich
Russells Haltung gegenüber dem Staat während seiner letzten
Lebensjahre verhärtete. Er uns seine engen Mitverbundenen waren
entsetzt über das schreckliche Blutbad im Gefolge des Ersten
Weltkriegs und vor allem über die Unterstützung der Wehrerfassung
durch die Geistlichkeit, besonders in Kanada. Mit der Zeit hob er
mehr die Grundsätze des Nonkombattantendienstes und der
Verweigerung aus Gewissensgründen hervor. Der Wacht-Turmenthielt
zunehmend erbitterte antimilitaristische, antiklerikale Artikel, in
denen der Krieg und seine Unterstützer als Teufelswerk bezeichnet
wurden. (21) Das Ergebnis war, daß
man Russell die Einreise nach Kanada gerade einmal ein paar Monate
vor seinem Tod im Herbst 1916 als unerwünschtem Ausländer
verweigerte.(22)
RUTHERFORDS
NEUINTERPRETATION VON RÖMER 13:1-7 UND DIE VERUNGLIMPFUNG DES
STAATES
Russells Nachfolger
als Präsident der Watchtower Society, Joseph Franklin Rutherford
(1869 bis 1942), früher Rechtsanwalt in Missouri und Hilfsrichter,(23)
setzte die Politik seiner Vorgängers fort und gab 1917 bis Anfang
1918 eine Reihe von in vielen Gebieten verteilten Traktaten und Büchern
heraus, in denen die Abscheu der Bibelforscher gegenüber den
Nationen, dem Ersten Weltkrieg und der Geistlichkeit zum Ausdruck
kam. Die Veröffentlichungen -- Bible Students Monthly und Das
vollendete Geheimnis -- brachten ihre Herausgeber und Verteiler bald
in Schwierigkeiten. Im Januar 1918 wurden beide Publikationen in
Kanada verboten(24), später im
selben Jahr dann die gesamte Wachtturm-Literatur. (25)
In den Vereinigten Staaten wurden Rutherford und sechs weitere
Wachtturm-Funktionäre in Atlanta, Georgia, unter dem
Antispionagegesetz wegen Verschwörung angeklagt, schuldig
gesprochen und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Ein achter
wurde zu zehn Jahren verurteilt.(26)
Einzelne amerikanische Bibelforscher wurden verhaftet, man fiel über
sie her und teerte und federte sie, und sie wurden aus ihren
Wohnorten vertrieben.(27)
Bibelforscher, die sich weigerten, im Krieg zu kämpfen, wurden in
den USA, in Kanada und Großbritannien brutal behandelt.(28)
Russells frühere
Lehren und der Glaube der Bibelforscher, sie müßten den
obrigkeitlichen Gewalten aus Römer 13:1 untertan sein, führte zu
zusätzlichen Problemen. Viele einzelne Bibelforscher wußten nicht,
wie sie sich in bezug auf das Verbot der Wachtturm-Literatur
verhalten sollten. In Kanada versteckten einige die Publikationen,
einige zerstörten sie und einige gaben sie freiwillig bei der
Polizei ab.(29) Eine Minderheit von
Bibelforschern übte starke Kritik an Rutherford und seinen Anhängern
wegen ihrer militanten Antikriegshaltung. (30)
Doch sogar die Wachtturm-Führung selbst unternahm einige
Anstrengungen, sich den bestehenden Gewalten" unterzuordnen.
Sie riß die Seiten 247-253 aus Das vollendete Geheimnis heraus, um
die zufriedenzustellen, die sich die Haltung eines Zensors angemaßt
hatten", und der Watch Tower vom 1. Juni 1918 unterstützte
eine Kongreßresolution, nach der der 30. Mai in den USA ein
Gebetstag werden sollte. Und sie drückte ihren Dank für den verheißenen
alliierten Sieg über die europäischen Zentralmächte aus.(31)
Gemischte Reaktionen
auf Seiten der einfachen Bibelforscher wie auch ihrer Direktoren
verursachten Bestürzung und Unstimmigkeiten in ihren Reihen. Während
der letzten Monate des Jahres 1918 bis Anfang 1919 schien die
Bibelforscherbewegung praktisch tot zu sein. Seither sehen Jehovas
Zeugen diese Zeit als Babylonische Gefangenschaft an, besonders in
Hinsicht auf das Thema obrigkeitliche Gewalten".(32)
Doch als Rutherford
und seine Anhänger im März 1919 aus der Haft in Atlanta entlassen
wurden,(33) wiesen sie die
Handlungsweise während des Krieges, Kompromisse mit dem Staat, bald
als irregeleitet und moralisch falsch zurück.(34)
Danach richteten Wachtturm-Publikationen, besonders die Zeitschrift
Das Goldene Zeitalter, heftige Angriffe in einer Weise gegen die Behörden,
wie es nicht einmal Russell getan hatte.(35)
Doch das Thema obrigkeitliche Gewalten" verursachte anscheinend
weiterhin Lehrprobleme bei den Bibelforschern -- bis 1929, als die
Watch Tower-Ausgaben vom 1. und 15. Juni eine völlig neue Haltung
zu diesem Thema entwickelten.
In zwei unsignierten
Artikeln mit den Titeln The Higher Powers" und The Higher
Powers (Part 2)" argumentierte der Watch Tower, die Anweisung
aus Römer, Kapitel 13, sei lange Zeit falsch angewendet worden und
sei die Grundlage gewesen für die falsche Lehre der Herrschaft von
Königen oder Herrschern von Gottes Gnaden, die das Volk bedrückten.
Daraufhin argumentierte man, Römer 13 meinte die Gewalten in der
Kirche und nicht die heidnischen Regierungen.(36)
Die neue Lehre trug
der praktischen Schwierigkeit Rechnung, vor der die Bibelforscher in
Hinblick auf die Gesetze verschiedener Nationen oder Bundesstaaten
standen. In einigen wenigen Staaten sahen sie sich einer Wehrpflicht
gegenüber, wohingegen sie in den USA, in Kanada und in Deutschland
häufig verfolgt wurden, weil sie von Tür zu Tür predigten und
damit örtliche Vorschriften gegen das Hausieren oder die
Sonntagsruhe verletzten.(37) Doch
1929 waren sie zu dem Schluß gelangt, die Bibel verbiete eindeutig
die Teilnahme an Kriegen, und sie glaubten fest, daß sie ungeachtet
von Verfolgung die gute Botschaft vom Königreich in göttlichem
Auftrag predigten.
Daher fragte der
Watch Tower im Hinblick auf den Wehrdienst: Hat Gott dem Staat die
Gewalt übertragen, gegenseitiges Töten zu gebieten, und sind die
gesalbten Söhne Gottes" verpflichtet, den Ländergesetzen zu
gehorchen, die dies gebieten, wenn Gottes eigenes Gebot gleichzeitig
fordert, sie [sic] sollten nicht töten? Die Antwort auf diese Frage
lautete: Wenn ein Kind Gottes am Krieg teilnimmt und vorsätzlich tötet,
schließt er sich selbst davon aus, in Gottes Königreich [den
Himmel] zu gelangen."(38)
Was das Predigen
angeht, so stellte der Watch Tower die Frage, wie Bibelforscher
nationale Gesetze als von Gott geboten ansehen konnten. Das
Grundgesetz der USA erklärte, jeder könne seine Religion nach
eigenem Gutdünken ausüben; in Rußland konnte man das Evangelium
ohne Erlaubnis der Regierung nicht predigen". Zusätzlich
hatten einige Bundesstaaten der USA eigene Gesetze aufgestellt, die
verlangten, daß das Evangelium nicht an gewissen Orten und unter
gewissen Bedingungen gepredigt werden dürfe". Daher hatten Behörden
Bibelforscher inhaftiert und bestraft, die versucht hatten zu
predigen. Die Bibelforscherzeitschrift fragte: Ist es möglich, daß
Gott den Nationen das Recht und die Gewalt übertragen hat, Gesetze
zu erlassen und durchzusetzen, die im Widerspruch zu seinem ausdrücklichen
Willen stehen und ihm schaden?"(39)
Solche Fragen führten
zu einer radikal neuen Exegese. Der Watch Tower stellte fest, die
Macht Gottes stände über allen anderen, doch nach Matthäus 28:18
sei dem Christus alle Gewalt gegeben worden. Auf der Grundlage von
Markus 13:34 wurde jedoch auch betont, daß Jesus einiges an Macht
weiterverleihen könne. Dann wurde argumentiert: Das Wort Gewalt ist
eine Übersetzung des griechischen exousia; und das Argument des
Paulus in Text und Kontext [von Römer 13] zeige, daß die dort erwähnten
Gewalten sich auf die Gewalten in Gottes Organisation bezögen.(40)
Nachdem andere
Beweistexte für diese Annahme herangezogen wurden, erörterte die
Bibelforscherzeitschrift die Rolle der Kirche, die Stellung des
einzelnen Christen in Gottes Anordnung innerhalb seiner
Organisation. Dann begann eine Vers-für-Vers-Untersuchung von Römer
13 und anderer Bibelabschnitte, die man lange benutzt hatte, um die
Behauptung zu stützen, Christen sollten dem Staat gegenüber
gehorsam sein.
Von diesen
Textstellen war aus der Sicht der neuen Exegese die vielleicht
schwierigste die aus 1. Petrus 2:13, 14: Unterwerft euch um des
Herrn willen jeder menschlichen Schöpfung: es sei einem König als
einem Höherstehenden, es sei Statthaltern ..." Aber man nahm
an, der Hinweis des Petrus auf die Anordnung eines jeden"
meinte jede Anordnung von Menschen innerhalb der Kirche. Unter König"
verstand man den Menschen Jesus, und die Statthalter" waren die
Apostel. Denn, so argumentierte man, 1. Petrus 2:14 mache auch
geltend, die vom König gesandten Statthalter sollten Übeltäter
[...] strafen, aber die [...] loben, welche Gutes tun." Und,
stellte der Watch Tower die rhetorische Frage: Wer hat je gehört,
daß ein Statthalter oder Herrscher einer heidnischen Nation die
lobt [die Gutes tun], weil sie völlig und absolut Gott dem Herrn
und dem Herrn Jesus Christus gehorcht haben?" (41)
Römer 13:6 -- Denn
darum zahlt ihr auch Steuern; denn sie sind Gottes öffentliche
Diener, die ebenfalls für diesen Zweck beständig dienen" --
schien auch ein problematischer Text zu sein. Der Watch Tower räumte
die Tatsache ein, daß die Apostel vom Bezahlen von Steuern
sprechen, sei ein starkes Argument und spräche dafür, daß das
ganze Kapitel vom Staat handle. Doch um dann Römer 13 auf die
Gewalten in der Kirche statt im Staat anzuwenden, hieß es: Die
Worte des Textes, 'denn darum zahlt ihr auch Steuern', scheinen in
Klammern zu stehen und sollen nur das Argument der Apostel betonen.
Warum zahlt man Steuern? Um des Gewissens willen; weil es recht ist,
für einen geleisteten Dienst zu bezahlen."(42)
Die Folgen der neuen
Lehre über die obrigkeitlichen Gewalten bei den
Bibelforschern/Jehovas Zeugen waren groß. Auf der Grundlage der
Lehren Russells hatten sie geglaubt, sie hätten dem Staat gegenüber
eine Verpflichtung, und sahen sich daher oft in einer moralischen
Zwickmühle, wenn sie bestimmen wollten, was dem Cäsar und was Gott
gehörte. Nun, 1929, nach der Herausgabe der Artikel The Higher
Powers" sahen sie außer dem Bezahlen von Steuern für
geleistete Dienste" keinerlei Verpflichtung gegenüber dem
Staat. Sie verurteilten daher Regierungen aller Art und bezeichneten
jedes Gesetz , daß sich ihrer Meinung nach nicht im biblischen
Rahmen hielt, als grundsätzlich satanisch. Selbst der 18. Zusatz
zur US-Verfassung -- die (Alkohol-)Prohibition -- wurde als unrechte
Beschränkung der christlichen Freiheit angesehen. (43)
Doch weit wichtiger:
Als direktes Ergebnis der Lehre von den obrigkeitlichen Gewalten
nahmen Jehovas Zeugen eine militante Haltung gegenüber dem
Nationalismus und patriotischen Übungen ein. Im Dritten Reich
verweigerten sie den Hitlergruß [Heil Hitler"] und wurden
schnell Ziel einer schrecklichen Verfolgung durch die Nazis.(44)
In den USA gab es in der Zeit von 1940 bis 1943 Hunderte von Fällen
von Gewalt durch Pöbelrotten, weil sie den Fahnengruß
verweigerten. (45) Im Zweiten
Weltkrieg waren sie in einer Anzahl alliierter Staaten, darunter
Kanada, verboten.(46) Doch ihre
Glaubenshingabe angesichts von Verhaftungen, Gewalt, Folter und Tod
war bemerkenswert. Als Ergebnis der Lehre über die obrigkeitlichen
Gewalten aus dem Jahre 1929 waren sie entschlossen, gottlosen
Gewalten unrechten Gehorsam unter allen Umständen zu verweigern.
Wie wertvoll die
1929er Lehre auch war, Jehovas Zeugen unerschrocken gegenüber
Verfolgung werden zu lassen, erwuchs daraus doch ein sowohl
praktisches als auch lehrmäßiges Problem. Es setzte sie erstens
der Anklage des Aufruhrs aus, selbst in Demokratien wie Australien,
Kanada und den USA. Zweitens: Als die Zeugen sich wegen
Wiedergutmachung an Gerichte wandten, brachten sie sich in die aus
Sicht ihrer Lehre etwas peinliche Lage, sich an die Vertretungen
satanischer Regierungen zu wenden, um ihre bürgerlichen Freiheiten
zu schützen.
Im zweiten Punkt
waren Jehovas Zeugen etwas gespalten. Sie verurteilten zwar ihre
Verfolger, doch sie schätzten weiterhin viele Aspekte weltlicher
Macht. Als Anwalt -- und manchmal Richter -- verlor Rutherford nie
die Achtung vor dem gesetzgeberischen Prozeß. Er und die Zeugen
insgesamt waren bereit, die amerikanische und die britische Fahne
als Symbole der Freiheit zu respektieren, so lange man nicht von
ihnen verlangte, vor ihnen zu salutieren.(47)
Die Zeitschriften der Wachtturm-Gesellschaft veröffentlichten oft
Artikel, die die U.S. Bill of Rights und die liberalen Freiheiten
priesen.(48) Wie der Apostel Paulus,
der ihnen als Beispiel diente, wandten sich Jehovas Zeugen wo und
wann immer an den Cäsar der modernen Welt, um [das Predigen der]
guten Botschaft zu verteidigen und gesetzmäßig zu verankern."
(49)
Natürlich konnten
Jehovas Zeugen argumentieren -- und taten es --, daß ihr öffentliches
Evangelisieren auf eine lange Reihe von Präzedenzfällen in der
christlichen Welt zurückblicken konnte. Überdies: Sie sahen sich
nicht verpflichtet, sich an Gesetze zu halten, die dem göttlichen
Gesetz widersprachen, aber sie waren keine Revolutionäre. Sie
glaubten, wenn möglich sollten sie mit allen Menschen Frieden
halten und Feinden Gutes tun. Als Taktik, um ihr Ziel zu erreichen,
konnten sie rechtmäßigerweise argumentieren, und taten es, daß
sie allen menschlichen Gesetzen gehorchen würden, wenn sie nicht
Gottes Willen widersprachen -- ein subtiler, aber wichtiger Punkt.(50)
In Gerichtsprozessen
in den USA waren die Zeugen bemerkenswert erfolgreich. Ende 1939 und
sogar im Zweiten Weltkrieg erkannte der U.S. Supreme Court immer
wieder ihr verfaßtes Recht auf Religionsfreiheit an. Beispielsweise
beschied dieses Gericht am 3. Mai 1943 zwölf von dreizehn Fällen
zu ihren Gunsten.(51) Im Fall
Murdock gegen Pennsylvania(52)revidierte
es die eigene Position aus dem Fall Jones gegen City of Opelika und
stellte fest, daß die Zeugen nicht mehr wegen der Verteilung religiöser
Literatur auf den Straßen, ohne Steuern dafür zu entrichten,
verklagt werden konnten. Noch wichtiger: Am 14. Juni 1943 revidierte
es sich wieder im Fall West Virginia Board of Education gegen
Barnette (53) und entschied, daß
Zeugenkinder nicht von öffentlichen Schulen verwiesen werden
konnten, weil sie sich weigerten, die US-Fahne zu grüßen.
Gleichzeitig entschied es im Fall Taylor gegen Mississippi (54),
daß die Vorstellungen und die Tätigkeit der Zeugen Jehovas nicht
aufrührerisch seien.
In anderen
demokratischen Ländern trugen sie auch juristische Siege davon. Am
selben Tag, als der U.S. Supreme Court sein Urteil im Fall Barnette
und Taylor verkündete, urteilte der Supreme Court of Australia, ein
Verbot der Zeugen Jehovas in diesem Land sei ungesetzlich. (55)
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen kanadische Zeugen eine lange
Kampagne für die bürgerlichen Freiheiten in der Provinz Quebec.
Sie gewannen nicht nur eine Reihe Fälle vor dem Supreme Court of
Canada, sondern wirkten auch in der Öffentlichkeit in Hinsicht auf
Änderungen der Gesetzgebung, die für Berufungsverfahren an diesem
Gericht maßgebend sind, und führten wichtige Petitionen für den
Erlaß eines kanadischen Grundgesetzes durch.(56)
Da die Zeugen in
ihrem Bestreben, für sich selbst und ihre Botschaft die Freiheit zu
erlangen, zahlreiche juristische Siege davontrugen, wurde der
Widerspruch in ihrer Haltung, die sich auf die Lehre von den
obrigkeitlichen Gewalten aus dem Jahre 1929 stützte, auffallend
deutlich. Wenn weltliche Obrigkeiten völlig außerhalb der Gunst
Gottes standen, wie war es dann möglich, daß zumindest einige von
ihnen die Zeugen Jehovas als Personen und in ihrer Handlungsweise
anerkannten und sogar schützten?
DIE
WIEDEREINSETZUNG UND WEITER-ENTWICKLUNG DER LEHRE RUSSELLS IM
WACHTTURM IM JAHRE 1962
Als Ergebnis dieses
Lehrproblems aufgrund der recht erstaunlichen Erfolge vor Gericht in
den demokratischen Ländern untersuchten die Zeugen noch einmal ihre
Auffassung bezüglich des Wesens weltlicher Obrigkeit und des Verhältnisses
von Christen zu ihr. Im Jahre 1962 veröffentlichte der Watchtower
eine Reihe von Artikeln, in denen Jehovas Zeugen offiziell zu einer
Lehrauffassung zurückkehrten, wie sie ganz ähnlich Russell
dargelegt hatte.
Der erste dieser
Artikel, 'Be in Subjection' - To Whom?" (57)
behandelte Titus 3:1. Die Stelle lautet nach der Zeugen-eigenen
Neuen-Welt-Übersetzung (NWÜ): ""Erinnere sie weiterhin
daran, Regierungen und Gewalten als Herrschern untertan und gehorsam
zu sein, bereit zu sein für jedes gute Werk." Der Artikel erwähnte
zuerst kurz mehrere neuzeitliche Revolutionen und die erfolglosen
revolutionären Bemühungen von Juden im ersten Jahrhundert, die römische
Staatsgewalt abzuschütteln. Dann wurde argumentiert, der Text
erfordere, daß Christen weltlichen Herrschern gehorsam sein müßten.
Und dann wurde gefragt: Ist es denn aber nicht gefährlich für die
Lehren der Versammlung, für die Moral, die Anbetung und die
Handlungsweisen, wenn wahre Christen sich weltlichen Regierungen
dieser Welt unterordnen, deren unsichtbarer Herrscher und 'Gott'
Satan, der Teufel, ist. Der Watchtower beantwortete diese Frage und
stellte fest, daß man das Verhältnis wahrer Christen zu weltlichen
Regierungen verstehen kann, wenn man sich vergleichbare Situationen
anschaut. Er wies darauf hin, daß gemäß dem Apostel Paulus Frauen
ihren Ehemännern gehorchen sollten und Sklaven im ersten
Jahrhundert ihren Herren. Aber ihre Unterordnung war eher relativ
als absolut, denn niemand sollte den menschlichen Herren gehorchen,
wenn er dabei ein Gesetz Gottes verletzen mußte. Entsprechend galt
derselbe Grundsatz für das Verhalten eines Christen in Hinsicht auf
den Staat.
In späteren Artikeln(58)
verwarf der Watchtower die Auslegung von 1. Petrus 2:11-17 und Römer
13:1-7 aus dem Jahre 1929. Der in 1. Petrus 2:13, 17 erwähnte
Begriff König", so wurde erklärt, meine den römischen Kaiser
und nicht Christus; der Begriff Herrscher", in Vers 14 erwähnt,
sollte im Hinblick auf die weltlichen Behörden statt auf die
Aufseher in der Christenversammlung verstanden werden. In Übereinstimmung
mit solchen Auslegungen glaubte man nun, die obrigkeitlichen
Gewalten" aus Römer 13:1 seien die Herrscher dieser Welt.
Die etwas verworrene
Begründung im Watchtower's von 1962, die obrigkeitlichen Gewalten
aus Römer 13:1 seien tatsächlich die Herrscher dieser Welt, kann
man in drei grundsätzliche Argumente aufteilen. Zuerst glaubte man
aufgrund einer Analyse des Kontextes, die zwölf Verse, die Römer
12:17-13:7 bildeten, handelten von einem Thema: der angemessenen Art
und Weise, in der Christen Beziehungen zu Menschen und Mächten außerhalb
der Christenversammlung haben sollten. Zweitens wurde angenommen,
das griechische Wort exousia bezeichne Macht im generellen Sinne,
wie sie in der Septuaginta in bestimmten Versen des Buches Daniel
auf heidnische Herrscher oder Führer angewandt worden war. Da also
sowohl der Schreiber des Römerbriefes als auch seine Leser im
ersten Jahrhundert mit diesem Wortgebrauch durch und durch vertraut
waren, hätten sie die obrigkeitlichen Gewalten (exousiais
hyperexousais) aus Römer 13:1 als menschliche, weltliche Herrscher
verstanden. Schließlich erklärte die Zeugenzeitschrift, die
Probleme bereitende Aussage im zweiten Teil von Römer 13:1, die
bestehenden Gewalten stehen in ihren relativen Stellungen als von
Gott angeordnet" (NWÜ), bedeute, daß Jehova für eine
allgemeine Ordnung oder für Regierungen gesorgt habe, durch die
alle Menschen beherrscht werden müßten, er habe aber keine
bestimmten Regierungen geschaffen oder organisiert. (59)
So können die Nationen, aufgrund der ihnen von Gott verliehenen
Macht handelnd, wenn auch nur in einem teilweisen und zeitlichen
Sinne bestimmte Dinge tun, die in Übereinstimmung mit dem göttlichen
Willen sind. So ist es also für Christen angemessen und
erforderlich, allen menschlichen Gesetzen zu gehorchen - außer
denen, die ausdrücklich biblische Gebote verletzen, wie das
Gewissen eines Christen dies versteht.
Wie schon gesagt, ist
die Watchtower-Auslegung aus dem Jahre 1962 grundsätzlich eine
Wiederaufnahme der Lehre Russells, wie das angemessene Verhältnis
eines Christen zum Staat auszusehen habe, wenn sie jetzt auch
konsistenter und verfeinerter ist. Aus der Aufnahme oder
Wiederaufnahme ergeben sich jedoch mehrere Fragen. Wie hat sie
insbesondere das Verhalten und die Einstellung der Zeugen Jehovas
beeinflußt? Welchen Einfluß hatte das auf das Verhalten des
Staates ihnen gegenüber? Wie erklären die Zeugen das, was der
britische Soziologe James Beckford einen Salto rückwärts genannt
hat?(60)
Die Antwort auf die
erste Frage ist, daß die Auslegung von 1962 Jehovas Zeugen geholfen
hat, bessere Staatsbürger zu werden. Während der Jahre seither
wurde ihnen in ihrer religiösen Literatur ständig der Rat erteilt,
tiefe Achtung vor den Regierungsbehörden und der öffentlichen
Ordnung zu zeigen, die im Gesetz geforderten Steuern zu zahlen und
den Behörden in jeder Sache zu gehorchen, die nicht ausdrücklich
den Geboten Gottes widerspricht. Sollte gegenwärtig ein Zeuge
Jehovas menschliche Gesetze brechen, außer wo es um Fragen des
Gewissens geht, kann er sowohl in seiner eigenen Versammlung als
auch von den weltlichen Behörden zur Rechenschaft gezogen werden.
(61) Das Ergebnis ist, daß Jehovas
Zeugen wahrscheinlich peinlich genauer die Gesetze achten als viele
ihrer Mitbürger, selbst dann, wenn sie ungerecht oder unvernünftig
zu sein scheinen. Aus diesem Grunde haben außenstehende Beobachter
auf den hohen Maßstab für ihre allgemeine Moral und ihr Verhalten
hingewiesen. Sie werden oft als rein, moralisch aufrecht und
erstaunlich ordentlich bezeichnet. (62)
Doch die Einstellung
vieler Regierungen ihnen gegenüber hat sich nicht gemildert. Obwohl
eine Reihe europäischer Staaten ihnen in den letzten Jahren
Freiheiten verbürgt haben, die ihnen zuvor verweigert worden waren,
(63) haben andere Staaten sie weiter
unterdrückt, ihnen weitere Verbote auferlegt oder sie direkter
Verfolgung ausgesetzt. In allen kommunistischen Ländern waren sie
Verhaftungen ausgesetzt.(64) Dies
hat sich erst mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches geändert. Die
Soviet Historical Encyclopedia beschrieb sie als Feinde des
Sozialismus und wies darauf hin, daß die russischen Behörden ihr
Bestes getan hatten, sie als Bewegung zu vernichten.(65)
In den meisten arabischen Staaten bleiben sie verboten, wie auch in
vielen neuerlich unabhängigen Staaten Afrikas südlich der Sahara
und in Asien.(66) Malawi hat sie
einem direkten Programm unterworfen, viele erwachsene Zeugen und
ihre Kinder wurden vernichtet und andere wurden geschlagen und
vergewaltigt. Die gesamte Zeugengemeinde in Malawi von mehr als dreißigtausend
Menschen ist bei mehreren Gelegenheiten über die Staatsgrenzen
getrieben worden.(67) Auch in
Argentinien waren sie lange Zeit verboten.(68)
Die letzte Frage über
den Wechsel der Bibelforscher/Jehovas Zeugen von den Grundsätzen
der Russellschen Lehre über die obrigkeitlichen Gewalten im Jahre
1929 und die Wiederaufnahme seiner Lehre im Jahre 1962 scheint von
der Lehre her keine schweren Probleme in den Reihen der Zeugen zu
verursachen. Wenn sie auch glauben, daß Jehova sie ganz allgemein
zu einem besseren Verständnis seines Willen führen würde, glauben
sie doch nicht, daß ihre eigenen Bibelauslegungen unfehlbar sind.
In der Tat ist es wichtig, anzumerken, daß der Watch Tower, als er
1929 die neue Lehre von den obrigkeitlichen Gewalten einführte,
dies auch ganz eindeutig feststellte:
Jesus Christus ist das Haupt in
Zion, und er leitet das Werk [das Predigen des Evangeliums] auf
Erden, und er macht keine Fehler. Aber was ist mit denen, die in
der Gesellschaft" [den Internationalen Bibelforschern]
verantwortliche Stellungen einnehmen, und denen die Leitung des
Werkes auf Erden übertragen worden ist? Macht jemand von ihnen
Fehler? Natürlich, weil sie alle unvollkommen sind.(69)
Es wurde auch betont, daß zukünftig
neues Licht auf die Lehre fallen könnte, das alle Fehler beseitigen
würde, die die Bibelforscher, die bald den Namen Jehovas
Zeugen" annehmen sollten, in gutem Glauben begangen haben:
Wenn wir daher jemanden finden, der
dem Herrn hingegeben ist und sich dem widmet, was sein Herr ihm
aufgetragen hat, und er ist dem Herrn gegenüber treu und
wahrhaftig und schließt keine Kompromisse mit dem Feind, und den
der Herr wegen seiner Arbeit segnet, dann werden seine Früchte
augenscheinlich, und dies ist der Beweis dafür, daß er dem Herrn
gefällt und den rechten Weg geht. (Joh. 15:8) Wenn jemand vom
Herrn in Übereinstimmung mit seinem Wort gebraucht wird, dann ist
das der Beweis, daß sein Lebenswandel dem Herrn gefällt. Er ist
unvollkommen und wird daher Fehler begehen ... Dieselbe Regel,
weil es die Regel des Herrn ist, muß auf alle zutreffen, die in
der Gesellschaft" sind. Wenn die Gesellschaft" einen
falschen Weg einschlägt, müssen sich alle aus Gottes Volk auf
den Herrn verlassen, daß er diese falsche Vorgehensweise ändern
und korrigieren wird. (70)
Als die Wachtturm-Gesellschaft daher
ihre Haltung in bezug auf weltliche Gewalten im Jahre 1962 änderte,
fühlte sie sich nicht bemüßigt zu erklären, was für einen
Nichtzeugen ein merkwürdiges Schwanken in der Lehre zu sein schien.
Was für eine Logik das im Watch Tower von vor 1929 zu sein schien,
sie wird heute praktisch von allen Zeugen ohne Widerrede akzeptiert.
Daher hat die Wachtturm-Gesellschaft in der Ansicht der Zeugen in
ihrer Bibelauslegung zu den obrigkeitlichen Gewalten nur den Versuch
unternommen, genauer zu definieren, was ein Christ dem Cäsar
schuldet und noch wichtiger, was er Gott schuldet. Soweit sie die
Trennung von der politischen Welt als einen der deutlichen Beweise
ansehen, daß sie in Gottes Gunst stehen,(71)
gibt es keinen Grund zu glauben, daß sie allzu bald die Lehre der
Gesellschaft zu diesem Thema anzweifeln werden. Auch wenn sie dem
Staat gegenüber nun weniger feindlich eingestellt sind als früher,
fühlen sie sich immer noch getrennt von ihm. Man kann daher zu
recht annehmen, daß Jehovas Zeugen weiterhin deutliche Beiträge
zur andauernden Dialektik des Verhältnisses von Staat und Kirche
beitragen werden.
zurück
zu Presse, zurück zum
Dokumentenbeginn
Anmerkungen:
1. Berichte über
Verfolgungen in: Marley Cole, Jehovah's Witnesses: The New World
Society(New York: Vantage Press, 1955), Seiten 109-123; Watch Tower
Bible & Tract Society, Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (WTG,
Wiesbaden, 1960), Seiten 74-90, 134-211, und John S. Conway, The
Nazi Persecution of the Churches (Toronto: Ryerson Press, 1968),
Seiten 195-199; siehe auch M. James Penton, Jehovah's Witnesses in
Canada: Champions of Freedom of Speech and Worship (Toronto:
Macmillan Company of Canada, Ltd., 1976) und Apocalypse Delayed: The
Story of Jehovah's Witnesses (Toronto: University of Toronto Press,
1985); Victor V. Blackwell, O'er the Ramperts They Watched (New
York: Carlton Press, 1976); und Christine Elizabeth King, The Nazi
State and the New Religions: Five Case Studies in Non-conformity
(New York and Toronto: Edwin Mellon, 1982).
2. William J. Whalen,
Armageddon around the Corner: A Report on Jehovah's Witnesses (New
Yrok: John Day Company, 1962), Seite 18.
3. Dieser Vorwurf ist
wiederholt von verschiedener Seite erhoben worden. Siehe z.B.,
Conway, The Nazi Persecution of the Churches, Seiten 195-199; Damien
Jasmin, Les Témoins de Jéhovah: Fauteurs de séditions, ennemis
acharnés de la religion (Montreal: Éditions Lumen, 1946); und
Sovetskaia istoricheskaia entsiklopediia, unter Svideteli Iegovi".
4. Nach der
WTG-eigenen, zurückhaltenden Statistik ist die Zahl der aktiven
Zeugen Jehovas (ZJ) auf der Welt von 141.606 im Jahr 1945 auf
2.248.390 im Jahre 1976 angewachsen. Daß viel mehr sich als ZJ
betrachten, ist offiziellen Quellen zu entnehmen. Die
Wachtturm-Gesellschaft (WTG) nannte zwar nur 49.204 Verkündiger"
oder aktive ZJ-Prediger in Kanada für das Jahr 1971, doch im selben
Jahr führte die alle zehn Jahre stattfindende Volkszählung in
Kanada insgesamt 174.810 Personen im ganzen Staatsgebiet auf, die
sich als ZJ betrachteten..
5. Leider gibt es
keine umfassende Biographie über Russell, obwohl über ihn in
verschiedenen Werken Günstiges wie Nachteiliges geschrieben wurde.
6. Russell gab zu, daß
die Berechnungen ursprünglich nicht von ihm stammten. Sie gingen
großenteils auf Nelson H. Barbour zurück, einen früheren Anhänger
Millers und unabhängigen Adventisten, mit dem Russell zwischen den
Jahren 1876 und 1879 verbunden war. Siehe The Watch Tower and Herald
of Christ's Presence (1906), Seiten 230, 231, und Nelson H. Barbour
und Charles T. Russell, Three Worlds and the Harvest of This
World(Rochester, N.Y.: Office of Herald of the Morning, 1877).
7. Charles T.
Russell, Gentile Times: When Do They End?" The Bible Examiner,
Oktober 1876, Seiten 27, 28.
8. Charles T.
Russell, Der göttliche Plan der Zeitalter (Barmen/Zürich:
Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher, 1920), Seiten
237-262.
9. Ibid., Seiten 262,
263.
10. Charles T.
Russell, Der göttliche Plan der Zeitalter (Barmen/Zürich:
Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher, 1920), Seite 257:
11. Charles T.
Russell, Der Krieg von Harmagdon (Magdeburg/Bern: Internationale
Bibelforscher-Vereinigung, 1926), Seite 130.
12. Ibid., Seiten
130, 131.
13. Charles T.
Russell, Dein Königreich komme (Barmen: Internationale Vereinigung
Ernster Bibelforscher, 1914), Seiten 233-292.
14. The Laodicean
Messenger, Seiten 113-118.
15. The Laodicean
Messenger, Seiten 113-118.
16. Russell, Der
Krieg von Harmagdon, Seite 131:
17. Russell, Dein Königreich
komme, Seite 290.
18. Charles T.
Russell, The New Creation (Brooklyn, N.Y.: Watch Tower Bible &
Tract Society, 1925), Seite 594.
19. Charles T.
Russell, The New Creation (Brooklyn, N.Y.: Watch Tower Bible &
Tract Society, 1925), Seite 593.
20. Ibid., Seite
594,595.
21. Siehe
beispielsweise Christian Duty and the War", The Watch Tower and
Herald of Christ's Presence, 1. September 1915, Seiten 259, 260,
276.
22. Penton, Jehovah's
Witnesses in Canada, Seite 44.
23. Genauere
Einzelheiten über Rutherford siehe in Timothy White, A People for
His Name, und Penton, Apocalypse Delayed. Wie bei Russell gibt es
keine erschöpfende Biographie über ihn.
24. Penton, Jehovah's
Witnesses in Canada, Seiten 54, 55.
25. Ibid., Seite 75.
26. Ibid., Seiten 70,
71.
27. Siehe The Golden
Age, Sonderausgabe für Großbritannien und Kanada, 29. September
1920.
28. Ibid. Siehe auch
Penton, Jehovah's Witnesses in Canada, Seiten 56-62.
29. Penton, Jehovah's
Witnesses in Canada, Seiten 63, 64.
30. Ibid.
31. WTG, Jehovas
Zeugen in Gottes Vorhaben, Seiten. 92, 93.
32. Ibid., Seiten.
74-83.
33. Die
Wachtturm-Funktionäre wurden im Berufungsverfahren freigesprochen
und völlig von jeder Schuld befreit. Rutherford gegen Vereinigte
Staaten, 258 F. 855, 863.
34. WTG, Jehovas
Zeugen in Gottes Vorhaben, Seiten. 91-93.
35. Siehe z.B., The
Golden Age, verschiedene Ausgaben im Sommer 1932.
36. The Higher Powers",
Watch Tower, 1. Juni 1929, Seiten 163-169.
37. Ibid.
38. The Higher Powers",
Watch Tower, 1. Juni 1929, Seiten 163-169.
39. Ibid.