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Interview mit Günter Ruhs

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Neugegründeter "Arbeitskreis Sekten" in Willich will Aufklärung betreiben

Stadt Willich. Seit Ende Januar 1998 gibt es in der Stadt Willich den "Arbeitskreis Sekten". Unsere Redakteurin Roberta Romani hat sich mit dem Initiator Günter Ruhs über die Ziele dieses Arbeitskreises und über die Notwendigkeit einer solchen Initiative in der Stadt Willich unterhalten.

Herr Ruhs, was verbirgt sich hinter dem Arbeitskreis Sekten und wie kommen Sie auf dieses Thema?

Dazu möchte ich mich zunächst einmal kurz vorstellen: Ich bin 47 Jahre jung, verheiratet, habe zwei kleine Kinder und stehe mit beiden Beinen mitten im Leben. Beruflich leite ich die kaufmännischen Geschicke eines amerikanischen Unternehmens. Mit verschiedenen Sekten kam ich das erste Mal Mitte der siebziger Jahre während meiner Studienzeit in Berührung. Es war die Zeit des Sektenbooms. Ausgehend von der Hippie-Zeit Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, galt es damals teilweise als "chic", um es überspitzt zu formulieren, sich mit indischen Gurus und transzendenten Dingen zu beschäftigen. Von der Philosophie getrieben, immer nach den letzten Dingen fragend, war ich selbst damals als Jugendlicher bezüglich Sekten sehr neugierig. Ich kam mit verschiedenen Gruppen in Kontakt, angefangen von der Hare-Krischna- Bewegung über die Vereinigungskirche, bekannt unter dem Namen Mun-Sekte, bis hin zu der bekannten Sekte der Zeugen Jehovas.

Wie kam es letzten Endes zur Gründung dieses Arbeitskreises und warum?

Nach jahrelangem intensiven Kontakt mit den Zeugen Jehovas stieß ich durch Zufall Anfang der Neunziger auf ein kritisches Buch über die Sekte. Angeregt durch einen "Sektenfall" aus meinem Bekanntenkreis, begann ich mich zunächst mit Jehovas Zeugen, dann mit der Sektenfrage allgemein auseinander zusetzen. Man berührt damit interessante Gebiete der Philosophie, Psychologie, setzt sich mit der Frage der Manipulation auseinander und so weiter.
Ich war nun auf dieses Thema sensibilisiert und ging diesbezüglich mit viel offeneren Augen durch die Welt. So besuchte ich Mitte vergangenes Jahres in Neersen, meinem jetzigen Wohnort, eine Vortragsveranstaltung von Frau Cammans, Leiterin des Sekten- Infos in Essen. An diesem Abend kam ich mit Friederike Gunzelmann (SPD) ins Gespräch. Ihr wurde an diesem Abend bewußt, daß die Manipulation durch Sekten wie eine geistige Droge auf Menschen wirken kann. Es bestand und besteht somit Handlungsbedarf, dagegen etwas zu tun. An diesem Abend wurde die Idee geboren, einen "Arbeitskreis Sekten" zu gründen.

Das ist alles nachvollziehbar, Herr Ruhs, aber warum ein Arbeitskreis Sekten ausgerechnet hier in Willich? Ist hier die Welt  nicht "in Ordnung"?

Bei oberflächlicher Betrachtung haben sie natürlich Recht. Beschäftigt man sich aber näher mit der Materie und ist auf dieses Thema sensibilisiert, stößt man zwangsläufig auf Sekten unterschiedlicher Gruppierungen. Das fängt damit an, daß man in Postwurfsendungen und Zeitungsanzeigen im Zusammenhang mit dem Bild von Albert Einstein darauf hingewiesen wird, daß man nur zehn Prozent seines Gedächtnisses nutzt, bis zu den freundlichen Anfragen an der Haustür, ob man einen Moment für ein Gespräch Zeit hat und sich schon Gedanken über den Sinn des Lebens gemacht hat. Hinter der ersten Aussage steckt die Scientologie- Gruppe, die sich fälschlicherweise als Kirche bezeichnet, hinter dem zweiten Fall stecken Jehovas Zeugen, die ebenfalls durch geschickte Fragetechnik das Interesse des zukünftigen "Opfers" wecken wollen.

Inwiefern handelt es sich um Opfer?

Nun ja, was allen Sekten gemein ist, ist durch ihre Manipulationstechniken an Geld und Macht zu kommen. Wenn man bedenkt, daß beispielsweise Anfang der achtziger Jahre der Chef der Mun- Sekte sich ein Medien-Imperium geschaffen hat, zu dem die Washington Times, Middle East Times und andere Verlage gehören, wird einem schnell klar, welcher Mittel sich Sekten bedienen, um ihren Einfluß geltend zu machen.

Ich muß nochmals auf die Frage zurückkommen, warum gerade so etwas in Willich?

Durch die Medien sind natürlich auch die Bürger der Stadt Willich angesprochen. In den größeren Städten kommt man unweigerlich in Kontakt mit Sektenvertretern. Es gibt eine bekannte Sekte, ohne an dieser Stelle den Namen zu nennen, die systematisch Todesanzeigen durchgeht, um ihre Anhänger und Verkündiger auf den übriggebliebenen Witwenanteil anzusetzen. Hier ist mir ein Fall einer 81 jährigen alten Dame aus der unmittelbaren Umgebung bekannt. Im Regelfall wird nach erfolgreicher Anwerbung der neue Sektenanhänger dahingehend beeinflußt, mittels Spenden oder gar eines Testamentsvordrucks sein Vermögen für das einzigartige Verkündigungswerk zur Verfügung zu stellen.

Nun noch einmal zu Ihrem Arbeitskreis. Wie sieht die zukünftige Arbeit aus und welches sind die Ziele des Arbeitskreises Sekten?

In Anbetracht der Tatsache, daß es in Deutschland über 600 verschiedene Sekten und destruktive Kulte, esoterische und okkulte Gruppierungen, christlich spiritistische und pseudochristliche Bewegungen gibt, tut es einfach Not, die Bevölkerung auf breiter Ebene aufzuklären. Eltern stellen beispielsweise Verhaltensänderungen an ihren Kindern fest und wissen nicht, warum. Oft ist es nicht nur Liebeskummer, der sich dahinter verbirgt, sondern der Einfluß einer Sekte. Mit Öffentlichkeitsarbeit, wie Vorträge und Diskussionen, Aufklärung in Zeitungen, aber auch Aufklärung in Schulen, wollen wir informieren und warnen. Weiterhin wollen wir betroffenen Familienangehörigen, aber auch ausstiegswilligen Sektenanhängern Kontakte zu Beratungsstellen ermöglichen. Hier sind beispielsweise das Sekten-Info in Essen und "Kinder in destruktiven Sekten" (KIDs  e.V.) in Leverkusen zu erwähnen.

Streben Sie eine Zusammenarbeit mit der Stadt Willich an, und wenn ja, wie könnte diese aussehen?

Ja, ich kann mir eine Zusammenarbeit sehr gut vorstellen, indem uns zum Beispiel Räume für Vorträge zur Verfügung gestellt werden. Es sind hierzu schon Gespräche gelaufen. Mitte März werden wir einen Vortrag über Sorgerechtsfälle anbieten. Ort und Termin werden noch bekanntgegeben. Wir wollen auch Infobroschüren und Videos in den Schulen zeigen, und ich denke, daß je nachdem, wie es den Stadtvätern als sinnvoll erscheint, wir auch unterstützt werden.

Wer gehört zu Ihrem Arbeitskreis? Kann jeder Interessierte teilnehmen?

Zunächst einmal wurde dieser Arbeitskreis offiziell am 28 Januar 1998 in einer Gründungsversammlung von den Gründungsmitgliedern Friederike Gunzelmann (SPD) Ute Pelosi, stellvertretende Bürgermeisterin (Bündnis 90/Die Grünen), Franz Weber, stellvertretender Bürgermeister (FDP) und mir gegründet. Eigentlich stecken wir noch in der Gründungsphase, aber jeder, der zur Aufklärung über Sekten beitragen kann, ist zur Mitarbeit eingeladen.

Sind Sie dafür der richtige Ansprechpartner, und wenn ja, wie sind Sie zu erreichen?

Ja, das bin ich. Interessierte Bürger können mir ihre Anliegen schreiben. Die Adresse lautet: Günter Ruhs Niersweg 44a 47877 Willich

 

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