Mein Leben als ZJ
Bericht eines
Aussteigers
Ca. 128 Seiten.
DM/sFr 16.80/öS 123
Verlag Gütersloh,
GTB 1142 (ISBN: 3-579-01142-1)
Gerd
Borchers-Schreiber, war 17 Jahre bei den Zeugen Jehovas und hat sich
freiwillig aus Glaubens- und Gewissensgründen von der
"Wachtturm-Gesellschaft" getrennt. Durch eigene
Erfahrungen und jahrelange Beschäftigung ist er mit Lehre,
Geschichte und organisatorischen Entwicklungen der
"theokratischen Organisation" bestens vertraut. Er kennt
ihre Schlagworte: "Wir sind in der Wahrheit", und
"Wir haben die Wahrheit". Objektiv erzählt er seine
eigenen Erlebnisse innerhalb dieser Gruppe. Ihm ist bekannt, daß es
sehr viele Zeugen gibt, die längst ihre Zweifel an der
Wahrhaftigkeit ihrer "leitenden Körperschaft" haben.
Diese sind in dem Buch ebenfalls seine Ansprechpartner.
Wahrheit wird
bei den Zeugen Jehovas nicht als allzeit gültiges Dogma verstanden,
sondern als fortschreitende Erkenntnis. Der Verfasser untersucht, ob
der Anspruch dieser Gemeinschaft berechtigt ist, sich als alleiniges
"Volk Gottes" zu bezeichnen. Stimmt es auch, daß
"Jehova Gott" ihnen exklusiv immer wieder "helleres
Licht" zuweist? Alle diese Behauptungen gewinnen exemplarische
Bedeutung und wirft die Frage auf: Geht es bei den "neuen
Wahrheiten" dieser Organisation wirklich um eine
fortschreitende Erkenntnis? Kommen die Zeugen Jehovas nach anfänglichem
Zwielicht tatsächlich zur Wahrheit und immer größerer Klarheit?
Sind sie nicht vielmehr Opfer eines zwielichtigen Manipulierens mit
"Wahrheiten" ohne Wahrheit und ohne Klarheit? Seine ebenso
eindringlichen wie plastischen Schilderungen lösen Mitgefühl und
Betroffenheit aus, sollen darüber hinaus aber ein Anstoß für die
diejenigen sein, die ebenfalls zweifeln und an einen Ausstieg
denken..
Auszug aus dem
Vorwort:
Nicht nur in der
Gegenwart, auch in der Vergangenheit haben immer wieder religiöse
Menschen verschiedenster Bekenntnisse erfolgreich versucht, das
Potential der Gläubigen in ihre Institutionen hineinzulocken.
Vielen "Gottsuchern" kommt das sogar entgegen.
Gemeinschaft zu pflegen ist etwas Schönes. Zugehörigkeit baut
viele zwischenmenschliche Beziehungen auf. Bedenklich wird es dann,
wenn die Gemeinschaft eine narkotisierende Wirkung auf die Mitläufer
ausübt. Gemeinschaft kann eben aus diesem Grund gefährlich werden.
Wird mit ideologischer Beeinflußung das selbständige Denken der
Mitläufer beeinträchtigt, dann ist dies zumeist der erste Schritt
zur Abhängigkeit. Richtig gefährlich wird es aber, wenn die
Entwicklung der eigenen Persönlichkeit blockiert wird.
Hier beginne ich nun,
meine eigene Vergangenheit Revue passieren zu lassen, vom anfänglichen
Mitmacher, der im Laufe der Zeit so etwas wie ein Mittäter wird.
Zuerst wird man "verführt", indem man eine völlig neue
Sicht der Dinge bekommt, genießt dann eine sehr gute Ausbildung und
danach wird man selbst zum perfekten "Verführer". So
ergeht es vielen Gläubigen in den verschiedensten Gruppen und
Sekten. Zunächst wurde ich Opfer und dann Täter, ohne mir dessen
bewußt zu werden, in - oder durch - die Organisation der Zeugen
Jehovas.
Wie der harmonische
Einstieg begann, wie ich viele liebe Menschen kennenlernte, wie ich
mich 17 Jahre lang ziemlich geborgen fühlte, bis mir gewissermaßen
"ein Licht" aufging, soll auf folgenden Seiten von mir
nacherlebt und –erzählt werden.
Vorher noch eine Ergänzung:
Mein freiwilliger Weggang von der Organisation der Zeugen Jehovas
liegt nun schon einige Zeit zurück. Der Ausstieg erfolgte nicht
aufgrund irgend eines Streites oder einer Auseinandersetzung mit
meinen Mitbrüdern und -schwestern. Es waren vielmehr die vielen
Hinweise und Warnungen in der Bibel, die mich zum Exodus aufriefen.
Ein Verbleiben hätte in mir nur das Gefühl einer Mitschuld verstärkt.
Ich wollte künftig keine Kräfte unterstützen, vor denen der Sohn
Gottes eindringlich warnt!
Durch Kontakte mit
vielen ehemaligen Zeugen Jehovas – vor allem in Deutschland –
hat sich inzwischen eine Selbsthilfegruppe gebildet. In dieser fand
ich neue Geborgenheit und ein ehrenamtliches Betätigungsfeld.
Auszug aus dem
laufenden Text:
"Interessierte
zur Organisation führen". Das ist das Ziel, wer einmal drinnen
ist, wird in eine Karteikarte eingetragen, so wie das andere Gruppen
mit Mitgliedern tun. Der "große Bruder", oder die
"Mutter" ist ständig dabei und entfremdet gleichzeitig
echte fleischliche Brüder oder Mütter. In einem Faltblatt für
Sektenaufklärung, werden 17 typische Verhaltensweisen der Sekten
genannt, nachfolgend einer dieser Punkte:
Die Gruppe grenzt
sich von der übrigen Welt ab und nimmt eine strenge
Reglementierung zwischenmenschlicher Beziehungen vor.
Bei der Beratung
ehemaliger ZJ erlebe ich immer wieder, wie tragisch sich das in
dieser "gottgeführten" Organisation auswirken kann. Erst
vor einigen Tagen rief mich eine ehemalige Zeugin aus S. an. Sie hat
vor einigen Jahren freiwillig, gemeinsam mit ihrer Tochter, die WTG
verlassen. Von "Meinungspolizisten" der Organisation
befragt, haben sich Mutter und Tochter nicht loyal zum Sklaven
bekannt. Wir wissen was folgt, eine "Sichtung" wurde fällig.
Danach weiß der "Gesichtete" genau, ob er unter seinen
Mitverbundenen einen Freund hat, in unserem Fall, ob man noch einen
Sohn hat. Der Sohn dieser Frau blieb bei der WTG und hat - treu und
gehorsam - den Kontakt zu Mutter und Schwester abgebrochen. Seine
Frau ist ebenfalls eine "reife Schwester". Diese drängte
zum Umzug in eine andere Stadt. Selbstverständlich ohne Zurücklassung
von Adresse oder Telefonnummer an die abtrünnigen Verwandten. Nun
glaube niemand, dies sei nur ein Einzelfall. Da diese – nach wie
vor gläubige – Frau, schon betagt und krank ist, will sie noch
einiges zu ihrer Lebzeit regeln. Mit Mühe, über die Arbeitsstätte
des Sohnes, nahm sie Kontakt mit diesem auf und bat um eine
Aussprache. Diese kam dann in einer Bahnhofsgaststätte zustande.
Vor der Schwiegertochter wurde dieses Treffen verheimlicht, aus
Angst vor dem Komitee. Trifft sich ihr Mann doch verbotenerweise mit
seiner exkommunizierten Mutter. Das kann disziplinarische Folgen
haben. Kürzlich erkundigte sich diese Mutter nach längerer Zeit
nach dem Enkel, von dem sie seit Jahren nicht einmal ein Foto zu
Gesicht bekam. Auf die Frage, wann sie wieder ihren Sohn anrufen
"darf", kam die Antwort "vielleicht in einem
Jahr". Nach Hinweis, sie könnte in einem Jahr möglicherweise
nicht mehr leben, murmelte er nur ein "mmmh" und danach
brach er das Gespräch ab. Sie fragte mich am Telefon: "Ist
denn eine solche Gemeinschaft noch in die Kategorie ´christlich´
einzuordnen?"
Nun folgt dieser
"gute christliche" Sohn konsequent und gehorsam den
Direktiven "seiner" Mutter, da hat eine andere keinen
Platz. Die echte ist für ihn nicht nur zu einer Fremden geworden,
eigentlich behindert sie ihn auf seinem Weg, das genannte Faltblatt
sagt bei Punkt 12:
Die Gruppe will,
daß Du alle "alten" Beziehungen abbrichst, weil sie
Deine Entwicklung behindern.
Dieser
Kadavergehorsam verändert die Persönlichkeit des Einzelnen total.
Wer in einer solchen Gruppe integriert ist, unterdrückt nach und
nach sein Gewissen. Dieses reagiert weder auf Unbarmherzigkeit noch
auf eine andere Regung des Herzens. Barmherzigkeit und Liebe verkümmern.
Nun bestimmt die Organisation das Verhalten des Gebundenen. Kein
Komitee, kein Vorstand, oder wie solche Gremien sonst noch heißen,
haben ein unabhängiges Gewissen. Daraus folgt, daß nicht mehr nach
menschlichen, sondern nach sachlichen und zweckdienlichen Interessen
entschieden wird.
Schlußsatz des
Buches:
Es wäre wünschenswert,
wenn viele Menschen sich gut über die ZJ informieren, um gegen ihre
Indoktrinationen gewappnet zu sein.
ZJ-Zweiflern möchte
ich Mut machen, den Kontakt zu Gleichgesinnten zu suchen und über
den Tellerrand der angeblichen "Wahrheiten"
hinauszuschauen.
Meine eigene
Geschichte und die vieler anderer Aussteiger zeigen zum Glück, daß
das eigene kritische Denken und die Unterstützung von wahren
Freunden zur Freiheit führen können.