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Die Sekte in Selters
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Beitrag vom Deutschland Radio Berlin vom 24.11.98

Anmoderation
Selters im Taunus ist ein Ort besonderer Art. Weltweit bekannt als Lieferant von Tafelwasser, sprudeln in der hessischen Kleinstadt jetzt ganz andere Quellen. Die Zeugen Jehovas haben hier ihre Deutschlandzentrale und drucken ihre Zeitschriften "Erwachet" und "Wachtturm" in Millionenauflage. Thomas Hestermann hat sich in Selters umgesehen.

In Selters im Taunus sind die Ahornbäume entlang der Brunnenstraße akkurat gestutzt. Fachwerkgebäude reihen sich an Häuser mit herausgeputzten Kunststeinfassaden. Im Bürgermeisteramt, hinter einem Portal mit wuchtigen, weißen Säulen, residiert Bürgermeister Norbert Zabel. Er ist stolz auf seine 8000-Seelen-Gemeinde mit der weltberühmten Heilquelle, deren Namen sie trägt. Denn Selters heißt soviel wie Sauerborn, salzhaltige Quelle.

O-Ton Bürgermeister Norbert Zabel
Man ist sich der Geschichte wohl bewusst hier in Selters, man weiß, daß man durch diesen Namen wohl weltweit bekannt ist, denken Sie an das französische I'eau de Selts, wenn man von Selterswasser spricht, oder im Englischen von Selters water, und im Polnischen selterska vodja Beispielsweise, und die Nachbarn, die sprechen vom Selterser Wind, um damit zu bekunden, die Selterser haben eine besondere Geschichte und sind Sich wohl bewußt über diese Art der Geschichte.

Hoch über dem Ort, am Hang des sogenannten Steinfels, thronen langgestreckte, dunkelbraune Gebäude. Von einem Maschendrahtzaun sind sie umschlossen. Am Eingang wacht ein Pförtner, Hier, in der Deutschlandzentrale der Zeugen Jehovas, leben und arbeiten mehr als 1 200 Mitglieder der Religionsgemeinschaft.

Wer die Personenkontrolle am Ende der eigenen Zufahrtsstraße passiert hat, gelangt vorbei an sorgsam gepflegten Blumenbeeten und einem plätschernden Brunnen in eine der größten Druckereien Europas.

Atmosphäre Druckerei
Millionenfach und in vielen Sprachen drucken die Zeugen Jehovas ihre Zeitschriften "Erwachet" und "Wachtturm" und versorgen ihre Gemeinden von Utrecht bis nach Wladiwostok mit Bibeln und Broschüren.

In einer Fabrikhalle rattern Maschinen, die große Papierbögen falzen und verkleben. Der Lärm ist ohrenbetäubend. An einer der Maschinen stellt Christopher Besse eine Broschüre in russischer Sprache über die Evolution her. Diese Arbeit ist für den 34jährigen Zeugen Jehovas mehr als ein Job.

O-Ton Christopher Besse
Das Begeisternde daran ist, man muß sich halt vorstellen, daß diese gute Botschaft, daß das, für das wir einstehen, was wir predigen, wird in andere Länder übertragen, wird Menschen gegeben, Menschen, die damit noch nie Kontakt gehabt haben. Wenn man zum Beispiel dieses nimmt, im russischen Bereich, jahrelang wurden sie ja davon ferngehalten, von religiösen Dingen, und jetzt ist die Möglichkeit da, sie mit diesen Dingen zu konfrontieren, und sie können eine Entscheidung treffen.

Vor allem in den früheren Ostblockstaaten boomt die Nachfrage nach den Broschüren mit den zartbunten Bildern und der Verheißung einer paradiesischen Endzeit. Schriften wie das im rotgoldenen Einband eingeschlagene Büchlein mit dem Titel "Was ist das Geheimnis des Familienglücks?" verlassen die hochmoderne Buchbinderei in Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren.

Christopher Besse lebt mit seiner Frau im Zentrum der Zeugen Jehovas in einem bescheidenen Apartment mit Vollpension und erhält das hier übliche monatliche Taschengeld von nicht einmal zweihundert Mark.

O-Ton Christopher Besse
Große Sprünge machen, schöne, elegante Kleidung zu tragen, daß ist was Schönes, aber es ist nicht der Lebensinhalt, das Lebensglück für mich persönlich.

Die Tage der sogenannten Vollzeitdiener der Zeugen Jehovas sind von klösterlichem Gleichmaß: morgens um sieben Versammlung zum Gebet, acht Uhr Arbeitsbeginn, vor dem gemeinsamen Mittagessen ein Gebet um exakt 12.10 Uhr, 13-17 Uhr Arbeit, abends Zusammenkunft der Gemeinde oder privates Bibelstudium. Und am Wochenende gönnt sich Christopher Besse keine Muße dann zieht er von Haus zu Haus, um persönlich jene Broschüren zu verteilen, von denen er einige selbst hergestellt hat.

O-Ton Christopher Besse
24 Stunden Christ zu sein bedeutet, Zeuge Jehovas zu sein. Und deswegen gibt es dieses Privatleben - nach dem Motto naja, jetzt umschalten, erst Jehovas Zeuge, und dann Privatleben - das gibt's nicht

Täglich verlassen Lastwagen mit Broschüren und Büchern das Zentrum in Selters. Die Wagen sind graulackiert und tragen drei blaue Streifen, aber keinen Schriftzug. Man will nicht auffallen, erklärt Öffentlichkeitsreferent Thomas Peters.

O-Ton Thomas Peters
Wenn jemand uns unsympathisch findet, dann ist das ein Grund für ihn, vielleicht ein Auto zu demolieren, weil die fahren ja auch durch das ganze Land, und da versuchen wir das halt ein bißchen unscheinbarer zu halten, von der Aufmachung her.

Inmitten von Äckern und einem Eichenwäldchen dehnt sich das umzäunte Areal am Steinfels über viereinhalb Hektar. Am Rande des hessischen Selters haben die Zeugen Jehovas nicht nur ein hochmodernes Druckzentrum aufgebaut, sondern eine Art Kibbuz, der sich fast komplett selbst versorgt. Dazu gehören Autowerkstätten, Tischlerei und Polsterei, Kantine und Friseursalon, Schuhmacherei und Arztpraxen, Verwaltungsgebäude und mehrstöckige Wohnhäuser. Alle 1 200 festen Mitarbeiter und derzeit rund 200 Aushilfen sind Zeugen Jehovas.

Atmosphäre Wäscherei
In der Wäscherei, in einer langen Reihe von Heißmangelmaschinen und Wäschetischen, bügelt Iris Hüfner Hemden im 20-Sekunden-Takt. Ihre Arbeit an der Hemdenpresse begreift sie als Teil einer Mission.

O-Ton Büglerin Iris Hüfner
Es gibt Brüder von uns, sagen wir, die arbeiten in der Druckerei, stellen Literatur her, damit andere Zeugen Jehovas in den Predigtdienst gehen können, den Menschen von Gott erzählen können, und wir waschen ihnen praktisch die Wäsche, weil wenn sie das auch noch machen müßten, dann hätten sie nicht genug Zeit, anderen Menschen, ja, von Gott zu erzählen. So wäscht eine Hand die andere, kann man sagen.

Die junge Frau hat sich für diese Arbeit beworben. Aber sie hätte sich auch eine andere Tätigkeit zuweisen lassen.

O-Ton Büglerin Iris Hüfner
Es ist wie so ein kleines Zahnrad im großen Getriebe, und wenn Sie ein Zahnrad wegnehmen, wird das große Getriebe nicht funktionieren.

Im Nachbarsaal befüllt und entlädt Joachim Hahn Waschmaschinen. Mannshohe Maschinen nehmen jeweils fast drei Zentner Bettwäsche auf, kleinere werden mit numerierten Wäschesäcken der Zentrumsbewohner gefüllt. Gepflegtes Auftreten ist so etwas wie ein Markenzeichen der Zeugen Jehovas.

O-Ton Joachim Hahn
Wir achten schon darauf, sauber zu sein, bei unseren Zusammenkünften, sagen wir mal so, hat es einen Stellenwert, daß wir es so sehen, daß Jehova eigentlich der Gastgeber ist, und da hat es schon besonderen Stellenwert für uns. Aber wir sind keine Extremisten, keine Sauberkeitsfanatiker, als das sind wir nicht.

Meist sind sie in biederem Chic gekleidet. Wenn sie hinunter in den Ort gehen, fallen sie den alteingesessenen Bewohnern von Selters sofort auf - zum Beispiel im HL-Supermarkt, erklärt Marktleiter Jürgen Herzog.

Atmosphäre Supermarkt
O-Ton Marktleiter Jürgen Herzog
Ich würde es so sehen, daß erstmal die Männer grundsätzlich einen Anzug tragen mit Krawatte, und die Frauen in einer, sag ich mal, konservativen Kleidung sich darstellen. Also Sie werden keine Zeugin Jehovas sehen, die in einer aufreizenden Kleidung zum Beispiel einkaufen geht.

Im Supermarkt besorgen sie sich nur wenig: Kekse, Zahnpasta und Shampoo, selten Alkohol und nie Zigaretten, denn Rauchen ist strikt verboten für Zeugen Jehovas. Bei den Kassiererinnen sind sie beliebt, weil sie auch in den längsten Warteschlangen unerschütterlich freundlich bleiben.

O-Ton Kassiererin
Sie geben sich halt anders wie normale Kunden, weil einfach durch ihre Zeit, die sie mitbringen, daß sie nicht drängeln, vom Einkauf, was sie einkaufen, merkt man halt schon, daß es Zeugen Jehovas sind.

In den übrigen Läden und Kneipen von Selters treten sie nur selten auf. Die Mitarbeiter der Deutschlandzentrale der Zeugen Jehovas sind als Bürger der Gemeinde Selters gemeldet, und bleiben doch am Rande, beobachtet Bürgermeister Norbert Zabel.

O-Ton Bürgermeister Norbert Zabel
Die Niederselterser gehen nach Eisenbach auf den Sportplatz, und die Eisenbacher kommen, wenn ein Derby in Niederselters gespielt wird, nach Niederselters. Man kennt sich, man heiratet untereinander, man ist verwandt zwischen Niederselters und Eisenbach. Dazwischen liegt die Wachtturm-Gesellschaft, und diese Kontakte gibt es nicht. Von daher gibt es so etwas wie eine gewollte, möglicherweise religiös begründete Isolation.

Die Zeugen Jehovas beteiligen sich im katholisch geprägten Selters weder am Schützenfest noch am Erntedank, begehen weder Weihnachten noch Ostern, und auch Silvester feiern sie nicht.

Da sieht man die Raketen aus allen Ortsteilen hochsteigen. Und man hört die Leute sich zurufen. Und wenn man dann zu der Wachtturm Gesellschaft blickt, findet man dort eine große Stille und Ruhe zu diesem Zeitpunkt.

Anwohner Walter Jost bestellt einen Kartoffelacker am Steinfels in Sichtweite des Zentrums der Zeugen Jehovas. Denen bringt er freundliche Gleichgültigkeit entgegen.

O-Ton Anwohner Walter Jost
Wenn sie so friedlich bleiben wie jetzt, soll's mir egal sein.

Erstaunt beobachtet Jost, daß sie 1979 ihre Gebäude mit viel Eigenarbeit errichtet und seitdem immer wieder mühevoll ausgebaut haben.

O-Ton Anwohner Walter Jost
Wie sie den Hang da hoch gemacht haben mit den Bäumen, das muß ich ehrlich sagen, wenn die pfeifen, da steht da ein sechzehnjähriges Mädchen, was im Büro schafft, rote Fingernägel, mit 'ner Schipp' oder ‚ner Hack' und hat Bäume gesetzt. Und das finden Sie bei den Evangelischen nicht, bei den Katholischen nicht, das finden Sie nicht mehr.

Die Zeugen Jehovas sind in Selters im Taunus unübersehbar, aber sie zeigen keinen Drang, den kleinen Ort zu beherrschen. Sie begreifen sich zwar als Missionare, nicht aber als Teil der Welt. Deswegen gehen sie nicht wählen - Grund dafür, daß die Gemeinde Selters mit einer Wahlbeteiligung von regelmäßig nur 40 Prozent bundesweit zu den Schlußlichtern zählt.

O-Ton Anwohner Walter Jost
Ich persönlich bin auch froh dafür, darüber, daß sie nicht wählen gehen. Ich bin der Meinung, daß die dann auch Macht ausüben würden auf verschiedene Sachen.

Bauernhof-Atmosphäre
Die Zeugen Jehovas versorgen sich aus eigener Landwirtschaft, dem sogenannten Wachtturmhof. Dieser Hof liegt etwa zwei Kilometer vom Sitz der Zentrale entfernt an einer kastaniengesäumten Landstraße und liefert Frühstückseier, Schweine- und Rindfleisch für die Kantine. Landwirt Markus Schwegler erläutert, worin er den Sinn seiner Tätigkeit sieht.

O-Ton Jehova-Bauer Markus Schwegler
Wir arbeiten ja eigentlich nicht jetzt für einen Stundenlohn, wie es draußen ist, sondern wir haben uns ja gemeldet, um Gott zu dienen..

...und wenn die Zeugen Jehovas auf ihrem 65 Hektar großen Anwesen auch ganz ähnlich wirtschaften wie andere Bauern, heben sie sich doch ab. Von ihren Nachbarn sprechen sie als von "denen da draußen". Auch wenn sie, wie Markus Schwegler, selbst einmal zu den en da draußen gehört hatten.

O-Ton Jehova-Bauer Markus Schwegler
Ich war selber noch von sieben Jahren Katholik, ich kenne also das Leben in der Welt auch.

Mit seinen weltlichen Nachbarn tauscht er Maschinen aus und nutzt gemeinsame Wege. Man hilft sich gegenseitig. Nebenan betreibt der katholische Bauer Christoph Schickel einen Milchhof.

O-Ton Bauer Christoph Schickel
Wenn wir hier irgendwas brauchen, beste Nachbarschaft, ich kann mich nicht beschweren. Haben wir was im Stall, haben wir Schwierigkeiten im Stall, wenn ein Stück Vieh krank ist, ich sage denen Bescheid, oder schwere Geburt, die sind sofort da.

Nur privat kommt man sich nicht näher, Landwirt Schickel lächelt darüber, daß die Wachtturmbauern nach einem festen Zeitplan arbeiten und jeden Morgen um sieben zum Beten ins Zentrum fahren. In Gesprächen miteinander bleiben religiöse Themen lieber ausgespart.

O-Ton Bauer Christoph Schickel
Die erste Zeit, wo sie den Hof gekauft haben, wollten die uns mit Gewalt bekehren. Da kam mal einer von den Leitenden sonntags mal, und da hab ich dem das auseinander gelegt, und seitdem war Ruh.

In ihrer Zentrale im hessischen Selters leben die Zeugen Jehovas eng zusammen. Fast alle Beschäftigten teilen sich jeweils ein bescheidenes Apartment von rund 40 Quadratmetern entweder mit dem Ehepartner oder einem gleichgeschlechtlichen Mitbewohner. Kinder leben hier nicht - wird eine Frau schwanger, muß sie das Zentrum verlassen. Wie in einem Kloster sollen sich die Mitarbeiter ganz ihrer Tätigkeit widmen. Ein Privatleben abseits der Glaubensgemeinschaft gibt es nicht. Darin sieht Öffentlichkeitsreferent Thomas Peters kein Manko.

O-Ton Thomas Peters
Es ist jetzt nicht ein von oben so gedachtes System der Kontrolle, daß man sagen würde, jeder soll jeden beobachten, um dann quasi ihn auf der Linie zu halten, das ist nicht so die Idee, weil das würde das freie, freudige Leben quasi auch abbremsen, man würde sich ja gar nicht wohl fühlen, wenn man das immer so von allen Seiten das Gefühl hat, man wird kontrolliert, das ist es nicht.

Vielmehr bewahre das Leben und Arbeiten in einer ganz eigenen Welt die Zeugen Jehovas vor sündiger Verlockung.

O-Ton Thomas Peters
Ich denke, daß man sich hier unter diesem, ich sag mal positiven Gruppenzwang, daß man sich schon eher in eine andere Richtung entwickelt, daß man vielleicht diese Grundsätze, die man vorher schon geschätzt hat, jetzt vielleicht noch mehr schätzt, weil Menschen haben ja auch Einfluß aufeinander, jede Begegnung mit einem anderen Menschen hinterläßt bei mir auch irgendeine Spur.

Es ist genau festgelegt, was in diesem sogenannten Bethel, einem Gotteshaus, erlaubt und was verboten ist. Unerwünscht ist beispielsweise sektenkritische Literatur. Wer raucht, wird aus der Gemeinschaft verstoßen. Und Kontakt zum anderen Geschlecht wird kritisch beäugt, soweit es nicht der eigene Ehepartner ist. So heißt es in einer unter Verschluß gehaltenen und nicht für die Öffentlichkeit gedachten Dienstanweisung unter dem Titel "In Einheit beisammenwohnen":

Auszug aus " In Einheit beisammenwohnen", S. 22

  • Es ist erforderlich, daß du die Zimmertür weit offenläßt. Wenn du mit jemand vom anderen Geschlecht allein bist.
  • Wer gegen das interne Regelwerk verstößt, wird gemeldet, oder besser noch: Er bezichtigt sich selbst.

Auszug aus "In Einheit beisammenwohnen", S.23

  • Wenn jemand weiß, daß ein Bruder oder eine Schwester etwas getan hat, was sich für einen Christen nicht gehört, sollte er den Missetäter umgehend an seine Verpflichtung erinnern, das zuständige Komitee von dieser Angelegenheit in Kenntnis zu setzen. Unternimmt der Messetäter jedoch nicht sofort Schritte, um sich mit dem Komitee in Verbindung zu setzen, dann sollte es derjenige tun, der von der Missetat Kenntnis hat, um die Organisation frei von Anklage und geistig rein zu erhalten.

Manfred Kruse (Name geändert) war mehr als vier Jahrzehnte lang Zeuge Jehovas. Er führte als sogenannter Kreisaufseher mehrere Gemeinden. Nachdem er Kritik an der Führung der Zeugen Jehovas geäußert hatte, wurde er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen - einer Gemeinschaft, die, wie er sagt, durch Furcht und Kontrolle zusammengehalten wird.

O-Ton Manfred Kruse
Ich würde da schon einen Vergleich ziehen mit einem totalitären System. In einem totalitären System ist es bekanntlich so, daß jeder jeden überwacht, und daß im Grunde genommen, wenn man die Richtlinie der Partei von Kindheit an eingeprägt bekommen hat, man sich sogar selbst überwacht. Im Grunde braucht man dann gar keine Polizei mehr. Und so ungefähr funktioniert dieses System, es ist aber dann keine Liebe, die die Menschen zusammenhält, sondern die Furcht. Warum bleiben dann die Menschen trotzdem? Weil sie wirklich glauben, daß dieser Weg zu ewigem Leben führt in einer besseren, neuen Welt.

Manfred Kruse erlebte, wie Glaubensbrüder, die ihm viele Jahre lang herzlich zugetan gewesen waren, ihn plötzlich nicht mehr kannten, ihn nicht mehr grüßten aus einem einzigen Grund: weil er gewagt hatte, Kritik zu äußern.

O-Ton Manfred Kruse
Es entstehen keine echte, wahre Freundschaften. Man hat nach außen hin sicherlich diese Freundlichkeit, die sogar nach Herzlichkeit aussieht. Das kann sich aber jeden Augenblick total ändern, und man wird dann wie ein Feind behandelt. Ich kenne unzählige Männer und Frauen, denen man dann die kalte Schulter gezeigt hat wegen den geringsten Übertretungen, und die regelrecht hinausgefroren worden sind.

Die Zeugen Jehovas verstehen sich als Konkurrenz zu den großen Kirchen. Sie sehen sich als die echten Christen, Zitat: "Satan der Teufel ist der Vater jeder falschen Religion." Doch mit dieser Kampfansage gehen sie nicht an die Öffentlichkeit, erläutert der Vizepräsident der Zeugen Jehovas in Deutschland, Willi Karl Pohl.

O-Ton Vizepräsident Willi Karl Pohl
Natürlich ist das nicht die Botschaft, die wir an der Tür verkünden, wenn wir jemand aufsuchen. Denn wir wünschen ja, wie Paulus sagt, dem Juden ein Jude, dem Griechen ein Grieche zu sein. Den Heiden ein Heide zu sein. Das heißt, niemand zu verletzen.

Die weltweit tätige Organisation mit Hauptquartier in New York ist darauf bedacht, sich der jeweiligen Situation eines Landes weitestmöglich anzupassen, auch wenn dies anmutet wie Mimikry. In Deutschland geißelt sie mit Bibelzitaten eine Beteiligung an Wahlen. Doch in Frankreich gehen Zeugen Jehovas wählen, aus taktischen Gründen. Im Nachbarland geben sie sich neuerdings sogar als kulturelle Vereinigung aus - um Steuern zu sparen.

O-Ton Vizepräsident Willi Karl Pohl
Wir haben immer gesagt, wir sind eine religiöse Organisation. Nicht eine kulturelle. Aber die Gesetze der Länder sind verschieden. Eine Anerkennung als Religionsorganisation zu erhalten, ist in Frankreich nicht rechtlich echt geregelt. Und bestimmt ist die Religionsausübung eine Form kultureller Tätigkeit.

In Deutschland dagegen streiten die Zeugen Jehovas für ihre Anerkennung als Kirche, und das heißt als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das Bundesverwaltungsgericht verweigerte bislang diesen Status - vor allem, weil die Zeugen Jehovas hierzulande nicht wählen gehen und sich damit dem Staat gegenüber illoyal verhielten. Dagegen hat Vizepräsident Pohl Verfassungsbeschwerde eingereicht.

O-Ton Vizepräsident Willi Karl Pohl
Wann sie behandelt wird, wissen wir nicht, aber wir gaben guten Mut, daß die Karlsruher, die Richter das Bundesgrundgesetz aufrechterhalten. Denn die freie Religionsausübung kann auch einschließen, wenn der Glauben es fordert, daß jemand sich der politischen Wahl enthält.

Bis dieser Grundsatz eines Tages vielleicht verworfen wird. Die Leitung der Zeugen Jehovas hat schon manche Prinzipien plötzlich geändert. Anders als vor ein paar Jahren untersagt sie ihren Mitgliedern heute nicht mehr, statt des Wehrdienstes einen zivilen Ersatzdienst zu leisten.

Ebenso lockerte sie das Verbot von Bluttansfusionen und gestattet nun die Übertragung von Blutbestandteilen - zu spät für jene, die starben, weil sie ihrem Glauben zuliebe auf lebensrettende Transfusionen verzichtet hatten. Manfred Kruse, der jahrzehntelang im mittleren Management bei den Zeugen Jehovas tätig war, geriet über solche Kehrtwendungen in Zweifel.

O-Ton Manfred Kruse
Mit den Jahren stellt man fest, daß das, was gestern noch als absolute Wahrheit zählte, heute schon passe' ist und in die entgegengesetzte Richtung erklärt wird. Und mit den Jahren entsteht eine gewisse Verwirrung.

Auch eine zentrale Botschaft der Zeugen Jehovas gerät ins Wanken, der Glaube an eine nahe und glückliche Endzeit.

O-Ton Manfred Kruse
Man hat 1918 gesagt, Millionen jetzt Lebender werden nie sterben. Und hat das begleitet mit wunderschönen Beschreibungen vom ewigen Leben im Paradies,. Aber wo sind diese Menschen, die 1918 diese Botschaft gehört haben? Das müßten jetzt Hundertjährige sein, wahrscheinlich sind sie alle gestorben.

Kruse wurde wegen seiner Kritik von den Zeugen Jehovas ausgeschlossen - und fühlt sich heute befreit.

O-Ton Manfred Kruse
Jesus sagte ja, die Wahrheit wird euch freimachen. Ich würde mich sehr freuen, wenn noch viele Zeugen Jehovas eines Tages diese Freiheit gewinnen könnten.

Gesprächsatmosphäre
Ein Abend im katholischen Pfarrheim in Obertiefenbach nahe Selters. Zwei Dutzend reifere Damen und Herren sitzen unter dem Bild des Bischofs zusammen. Das katholische Männerwerk hat zu einer Informationsveranstaltung über Sekten und religiöse Sondergemeinschaften eingeladen. Oder, wie es versehentlich in einer Ankündigung hieß, "Sündergemeinschaften".

Doch Alarmstimmung kommt in der Runde nicht auf. Denn die Mitgliederzahl der Zeugen Jehovas stagniert aller Missionsarbeit zum Trotz bei bundesweit rund 192.000. Auch in dem Gebiet zwischen Taunus und Westerwald rings um ihre Deutschlandzentrale stoßen die erbaulichen Schriften vom angeblich wahren christlichen Glauben auf geringes Interesse, berichtet ein Besucher des Informationsabends.

O-Ton katholischer Besucher
Ich hab das die Tage beobachtet, bei uns gegenüber zwei Frauen, mit Täschchen, haben sie eine Frau da erwischt, hat sie am Vorgarten empfangen, gar nicht reingelassen, hat dann Schriften entgegengenommen, dann ist sie gleich, wo die weggingen, hat sie genommen und gleich in den Papierkorb geschmissen. In den Eimer geschmissen. Also ich kann nicht feststellen, daß irgendwelche Einflüsse hier durch die Sekte irgendwie stattfindet.

In einer Art Gentlemans Agreement haben sich die Zeugen Jehovas gegenüber der Gemeinde Selters verpflichtet, in der Region um ihr Zentrum nicht stärker zu missionieren als andernorts. Schließlich hat die Vereinigung ein weitaus größeres Gebiet im Visier. Referent Meinolf Kampkötter vom katholischen Bezirksamt warnt seine Zuhörer davor, die Konkurrenz im Kampf um das Seelenheil zu unterschätzen.

O-Ton Kath. Theologe Meinolf Kampkötter
Es wirkt ja europaweit, deshalb ist es nicht so wie von einem Brennpunkt aus, wo die Temperatur in der Mitte am heißesten ist, sondern eher umgekehrt wie beim Wirbelsturm, wo im Zentrum das Zentrum der Ruhe eigentlich ist.

Kritik trifft aus dieser katholischen Runde die Gemeinde Selters, da sie sich auf millionenschwere Tauschgeschäfte eingelassen habe.

O-Ton katholische Besucherin
Ich nehme einfach der Gemeinde Selters übel, daß die sich noch von den Zeugen Jehovas sponsern läßt sozusagen, weil ich lehn die Zeugen Jehovas ab, weil ich persönlich schlechte Erfahrung an einer vermieteten Familie erlebt hab, wie die Ehe kaputtging und wie fanatisch die diese Kinder in diesen Glauben hineingezwungen haben.

Tatsächlich gibt es einen Rahmenvertrag zwischen der hessischen Gemeinde Selters und den Zeugen Jehovas. Jene durften 1990 ihr Zentrum um 17.000 Quadratmeter Fläche erweitern und zahlten dafür drei Millionen Mark ins Gemeindesäckel. Für Bürgermeister Norbert Zabel ein faires Geschäft, um die Organisation an den Kosten von Wasserversorgung, Feuerwehr und Straßenbau zu beteiligen.

O-Ton Bürgermeister Norbert Zabel
Die Gemeinde hat 8000 Einwohner. 1200 Zeugen Jehovas, das ist wie ein eigener Ortsteil. Also muß sich dieser Ortsteil ja auch an Infrastrukturmaßnahmen beteiligen, hier hat die Wachtturm Gesellschaft sich stets, wenn die Gemeinde Forderungen hatte, beteiligt.

Zwar hat auch Bürgermeister Zabel als CDU-Mann und praktizierender Katholik seine Vorbehalte gegenüber der abgeschiedenen Gemeinschaft am Rande von Selters. Aber die Aufgaben eines Bürgermeisters seien nun mal andere als die eines Sektenbeauftragten.

O-Ton Bürgermeister Norbert Zabel
Ich habe schon eine Vielzahl Anrufe gehabt von besorgten Eltern, die mir mitgeteilt haben, daß im Innenverhältnis Familien darunter leiden, daß junge Familienmitglieder zu den Zeugen Jehovas gegangen sind; daß Familien dadurch zerbrechen. Nur ist Religion eigentlich Privatsache, es ist so, daß, der alte Fritz hat's ja schon gesagt, jeder nach seiner Fasson selig werden soll, und wir seitens der Gemeinde da kein Mandat und keine Kompetenz haben, dieses schwierige Feld im irgendeiner Weise zu beobachten, zu beackern.

Gesamtlänge 24:00 min

 

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